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Man weiß es einfach nicht.

Bernt Pölling-Vocke, 14.12.2000

Das schöne an den ersten Zeilen einer jeden Geschichte ist immer, dass der Leser noch vollkommen ahnungslos ist, welche Geschichte sich vor ihm entfalten wird. Fatal wird diese Situation lediglich dann, wenn auch der Autor derselben Geschichte bei den ersten Zeilen noch nicht einmal ansatzweise eine Ahnung hat, wie sich die Worte entwickeln werden. Nun ja, wer weiß, wenn der Förster beim ersten Baum des Waldes genauso wenig über den weiteren Verlauf der Wälder weiß wie der unbekümmerte Wanderer, gilt es wohl, dass Unbekannte gemeinsam zu erforschen, auch wenn dies natürlich für den Fall der geschrieben Worte nicht möglich ist, da sich das Blatt ja nicht direkt vor den Augen des Lesers füllt. Wie dem auch sei, ich habe keine Ahnung, was ich in zehn Zeilen schreiben werde, aber eine gute Idee davon, wie Zeile eins anfangen wird.

Am Anfang war das Licht, und dass war so, seitdem er seinen Job vor einigen Wochen verloren hatte und der Wecker ihn nicht schon zu nachtschlafender Zeit aus den Träumen riss. Auch an diesem Morgen waren es die Sonnenstrahlen der aufsteigenden Sonne durch die nur halbherzig geschlossenen Vorhänge vor dem seit Ewigkeiten nicht mehr geputzten Fenster. Am Ende ist das Fenster eh nur wieder dreckig, und dass Leben hat mehr zu bieten als nur zu reinigende Fenster, dachte er sich, auch wenn für ihn das Leben seit einiger Zeit außer viel zu viel Freizeit eigentlich gar nichts zu bieten hatte. Als er vor einigen Jahren in die Stadt gezogen war hatte er die meisten Bekanntschaften, Freundschaften und auch die eine oder andere Liebschaft hinter sich gelassen, in der Welt der Wolkenkratzer, gestressten Büromenschen und überquellenden Mülleimer wollte er sein Leben ganz seiner Karriere widmen, und dies war ihm zumindest bis vor den berühmt berüchtigten "einigen Wochen" recht gut gelungen, dachte er zumindest. Leider bestand in diesem Punkt wohl eine gewissen Meinungsdifferenz zu seinen Vorgesetzten, und anstelle bei der Arbeit erlebte er den Sonnenaufgang nun von seinem Bett aus, dass auch seit Wochen nicht mehr neu bezogen worden war. Wenn man gar nichts mehr zu tun hat, schafft man es nach einer Weile auch nicht mehr, irgendwas zu tun, hatte einmal jemand zu ihm gesagt, und der einst belächelte Rat manifestierte sich in erschreckender Geschwindigkeit in seinen eigenen vier Wänden. Ein wenig Geld war noch gespart, und nachdem alle Ambitionen der ersten Tage bei der schnellen Suche nach einer neuen Anstellung gescheitert waren, war er erst einmal in ein tiefes Loch gefallen, in dass auch die Sonnenstrahlen, die durch das verschmierte Fenster auf sein Bett fielen, kaum eindringen konnten. Er wälzte sich im Bett umher, stand einige Zeit später, dem Schellen der Wanduhr nach, ach verdammt, er hatte nicht genau mitgezählt, entweder um zehn oder um elf Uhr auf und schleppte sich erst einmal an den Kühlschrank.

Ein Glas Milch am Morgen stellte eine durchaus willkommen Abwechselung zu den Alkohilika des Vorabends da, die ihm dabei halfen, dass öffentliche Fernsehen des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu ertragen.

Wer ihn nun so vor seinem Kühlschrank sah, zerzauste Haare, einen alten und seit viel zu vielen Nächsten als Schlafanzug fungierenden Trainingsanzug tragend, müde durch die fast komplett kahlen Wände seiner nicht sonderlich wohnlichen Wohnung blickend, der hätte sicherlich Probleme gehabt, ihn als das Karrieretier zu identifizieren, dass er bis vor kurzem gewesen war. Stets wohlgekleidet, die Krawatte perfekt sitzend, mit dem hektischen Blick des Großstadtmenschen bewaffnet, der seine Grundrechte an jeder Fußgängerampel durch rote Abbilder eines fiktiven Fußgängers eingeschränkt sah, ja, er war einer von ihnen gewesen. "Damals"...

Und nun? Auch egal, dachte er sich, schlüpfte in seine abgetretenen Nikes und machte sich auf dem Weg zum Aufzug, die Stufen bis zum Briefkasten des Wohnkomplexes hinab wären wirklich zuviel gewesen. Post gab es natürlich keine für ihn, aber die Leere des Briefkastens bedeute auch, dass seine Kreditkarten noch nicht überzogen waren und alle bestrittenen Ausgaben noch nicht die vernichtenden Zahlungsaufforderungen auslösten, die spätestens dann folgen würden, wenn aus den "einigen Wochen" einige Monate werden würden. Aber bis dahin sind es ja noch einige Wochen, dachte er sich. Er lehnte sich an den Briefkasten an, dass Licht im Flur war nicht angeschaltet und nur wenig Licht drang durch die Glastür des Hauses ein, die im Gegensatz zu seinen Fenstern vom Hausmeister penibel sauber gehalten wurde, allerdings auch nur auf eine kleine Seitenstraße im Schatten der Betonmonster der Stadt führte.

Großartig, kein Einkommen, kein als solcher zu identifizierender Haarschnitt, ausgetragene Sportkleidung, Appartement 1145B in der 114.. Straße, dass Abbild eines Titelseitenaspiranten des Forbes-Magazines war er nicht gerade, aber für einen schnellen Gang zum Kiosk um die Ecke würde es noch reichen. Eigentlich war es ihm auch egal, was seine Nachbarn und die gesichtslosen Menschen auf der Straße von ihm dachten, da er eigentlich niemanden in der immer noch fremden Stadt kannte und sich auch wohl niemand an ihn erinnern würde, wenn er morgen seine Zelte abbrechen würde und, so wie es ihm von Anfang an prophezeit worden war, als Geschlagener der Mahlsteine der Stadt in seine ländliche Heimat zurückkehren würde. Und wenn seine Nachbarn nicht über ihn als den faulen Sack von nebenan reden würden, würden sie ihn gar nicht erst erwähnen oder gar wahrnehmen, und wer nur verlieren aber nichts gewinnen kann tritt, auch gar nicht erst zum Spiel an.

Ein leichter Wind säuselte durch die zu dieser Zeit fast menschenleere Straße und wehte anstelle einiger Herbstblätter lediglich einige Werbeprospekte durch die Gegend, die ein fleißiger Austeiler wohl aus Versehen in einen der Mülleimer anstelle der unzähligen Mäuler der Briefkästen der anonymen Wohnsilos verteilt hatte. Blätter, zumindest Blätter von echten Bäumen, gab es nur einige Straßen weiter und auf seinem Kalender im Wohnzimmer, dessen Motiv des Vorvormonats ihm so gut gefiel, dass er die Zeit zumindest in seinen eigenen vier Wänden seitdem angehalten hatte.

Heute war der fiktive Freund an der Ampel grün für ihn, denn einen freien Weg erhält nur, wer auch die Zeit hätte, bis morgen zu warten. Sein Kiosk war nur noch wenige Meter auf der anderen Straßenseite von ihm entfernt als der Lieferantenwagen, die Weisungen der Ampel offensichtlich mißachtend, um die Ecke bog.

Der hektische und überhetzte Lieferwagenfahrer würde seinen Termin leider nicht mehr erreichen, er hingegen wurde trotz der Bremsversuche in letzer Sekunde mit voller Wucht vom gelben Lieferwagen voll erfasst. Schnell und direkt, so wie es die Werbebanner auf dem Fahrzeug verkündeten, wurde er auf den Boden geschleudert, schlug ein wenig zu hart, zumindest für menschliche Maßstäbe, mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt auf und bescherte dem armen Fahrer die längsten Sekunden seines Lebens. Eines Lebens, dass ihm im Angesicht von zwölfstündigen Arbeitstagen und einigen kleineren Nebentätigkeiten am Wochenende schon lange nicht mehr die Gelegenheit gegeben hatte, einen Zeitraum von wenigen Sekunden bewußt wahrzunehmen. Und während das Leben des einen innerhalb von Sekundenbruchteilen aus seinen Bahnen gerissen wurde war für den anderen alles schon vorbei, bevor sein Gehirn, seit einigen Wochen schon im Schwebemodus dümpelnd, überhaupt warnahm, was mit ihm geschehen war.

Manchmal ist eine Geschichte schon schneller zu Ende, als man eigentlich damit rechnet. Das liegt vielleicht daran, dass der Autor dermaßen uninspiriert ist, dass ihm nichts Besseres einfällt, als den Charakter nach einer kurzen Vorstellung ganz einfach sterben zu lassen. Und wo der Hauptcharakter in einer Blutlache auf einer Kreuzung sein Ende findet, blendet auch diese Geschichte aus, die Kamera zoomt vom Treffpunkt von "ihm" und dem Lieferwagen weg, eine beliebige Musik erklingt im Hintergrund und die Kamera entfernt sich langsam von der Straße, den Straßenzügen und der gesamten Szenerie. Nur noch die Skyline der Stadt erscheint am Horizont, erstrahlt im herbstlichen Sonnenschein und produziert an diesem Tag sicherlich Millionen von interessanteren Geschichten als die eines arbeitslosen Quasi-Asozialen, der auf dem Weg zum Kiosk von einem Lieferwagen überfahren wird. Auch diverse Logikfehler werden unter den sprichwörtlichen Tisch gekehrt; warum hörte "er" den Lieferwagen nicht? Warum fuhr dieser bei Rot über die Ampel? Wie glaubwürdig ist es, dass inmitten einer Großstadt nur ein Fußgänger über eine Ampel geht und ein Lastwagen eine Straße überqueren kann, die eigentlich für den logischerweise vorhandenen Verkehr auf der anderen Spur befahrbar ist? Man weiß es einfach nicht....