Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
Mit der Wahrheit ist es immer so eine Sache – zuerst einmal gibt es jedoch gar keine tatsächlichen Wahrheiten,
da stets alles grundsätzlich subjektiver Natur
ist. Worum es geht? Die korrekte Darstellungsweise des heutigen Tages, die ich
eigentlich gar nicht zu Papier bringen kann, da ich zwangsweise zu sehr
„ich“ bin und mich nur schwer auf jene Metaebene hieven kann, die nötig wäre,
um einigermaßen objektiv berichten zu können. Aber wer will schon ein
objektives Tagebuch ganz ohne Emotionen und Spannung? Aus Franks Perspektive hat der Mitreisende, also meine elendige Wenigkeit, heute ständig herumgenörgelt,
stets nur von „Pause hier und Pause da“ geflennt und sich
fortlaufend allergrößte Mühe gegeben, schlechte Laune im Familienpack zu
verbreiten. Außerdem hat er bei einfachen Supermarktbesuchen mindestens eine
kostbare halbe Stunde verplempert, nur um letzten Endes ein paar lächerliche
Kleinigkeiten zu erstehen, die man, volle Kassen hin oder her, auch in zehn
Minuten hätte besorgen können. Komfortabel. Zu guter letzt hat jener
Mitreisender auch die ganze Tour verwunschen, alles als „scheiße“ tituliert
was ihm vor die Pedale kam und einmal mehr eine bestenfalls moderate Tretform an
den Tag gelegt. Aber wie soll man denn auch vernünftig treten, wenn man sich
immer nur von Brot mit Käse, Brot mit Marmelade oder Brot mit Hüttenkäse ernährt
– schließlich durch die Bank Nahrungsmittel ohne jene wirklich sinnvollen
Kohlenhydrate, die einen schließlich flott den Berg hinauftreiben würden? Wechseln
wir nun einmal die Perspektive des Tagebuchs auf eben jenen mies gelaunten
Mitfahrer, der bereits gestern Abend etwas neidvoll auf Franks Teller Spaghetti
am Col du Grand Saint Bernard schielte, seinerseits jedoch nicht bereit war, 17
Franken für einen Haufen Nudeln mit wohlriechender Tütenbolognese zu latzen
– Kohlenhydrate hin oder her. Stattdessen gab es danach auf dem Zimmer die
Brotreste des Tages mit lecker Hüttenkäse, Marmelade, Käse und immerhin zwei
schmackhaften Äpfeln.
Heute
früh, nach einer sehr schlafarmen und schlechten Nacht, war unser Autor dann um
sieben Uhr sprungschnell auf den Beinen, um nette Fotos vom Pass beim
Quasi-Sonnenaufgang zu schießen, bevor der Reisebegleiter, eben jenes
Kohlehydratemonster namens Frank, um zwanzig nach sieben zum eher dürftigen Frühstücksbuffet
abgeholt wurde. Endlich einmal gab es AYCD-Kaffee, dafür aber ansonsten nur
Brot mit Marmelade oder Käse. Die ersten vierzig Kilometer des Tages bis Aosta waren zudem endlich einmal recht entspannend, wenngleich jedoch auch mental auslaugend, da die Passtrasse auf den ersten zehn Kilometern der ewigen Abfahrt
dermaßen mies in Schuss war, dass an
eine sichere Abfahrt im eigentlichen Sinne kaum zu denken war. Aber schöne
Fotos sollte es geben. In
Aosta stand dann schließlich der heilige Supermarkt auf dem Programm, da es den
Rest des relativ langen Tages nur wenig weitere Verkaufsflächen geben würde
und obendrein morgen Sonntag ist – Grund genug also, sich den Rucksack
ordentlich voll zu stopfen, damit er auch schön schwer wird. Natürlich dauerte
es im Supermarkt ein wenig – und ganz uninteressant war der erste italienische
Supermarkt schließlich auch nicht, vor allem, da unser lieber Autor in der
Kassenschlange alle anderen um mindestens einen Kopf überragte. Draußen war es mittlerweile durchaus warm geworden, sehr warm sogar. Vierzig Grad maß der Tacho in der
Sonne und deutete somit auf einen Tag hin, der durchaus noch an
der Substanz nagen sollte. Geringfügig, wie sich zeigen sollte. Recht kraftlos
rollte es sich auch fortan aus Aosta ab und unser Autor gewann den Eindruck, als
würde Frank extra etwas Stoff geben, latent genervt vom ewigen Supermarktgedönse.
Von Sichtkontakt konnte kaum die Rede sein. Nach
fünfzehn Kilometern schon wieder total zermürbt beschloss unser Autor, die
erste Pause einzulegen – sehr zum Unwollen von Frank, der verkündete, dass
doch bislang nichts wirklich physisch herausforderndes passiert wäre. Nun gut,
55 Kilometer bei einer absoluten Affenhitze kann man auch anders betrachten,
auch wenn vierzig davon nur bergab gingen, aber dies sollte nur eine von vielen
Differenzen am heutigen Tage werden. Egal; unser Autor berief sich auf sein
freies Recht auf freie Pausen, aber die Saat für weitere Konflikte wurde mit
der zumindest für einen der beiden Fahrer unerwünschten Fahrtunterbrechung
definitiv gesät. Man sah sich über die der Pause folgenden Kilometer schließlich immer seltener, zumindest bis zu einer kleinen Diskussion über ernährungstechnische Grundfragen am Fuße des Col du Petit Saint Bernard. Etwas gefrustet und spürbar genervt lies unser aktueller Autor, nennen wir ihn einmal „ich“, es anschließend
deutlich forscher angehen. Frank wurde gleich an der ersten Kehre des Anstiegs
ordentlich versägt; ihm würde quasi der Mittelzeh gezeigt! Natürlich
sollte es sich alsbald als denkbar dumm darstellen, bereits auf den ersten 2-300
Höhenmetern des 1200 Höhenmeter hohen Anstiegs hart eingestiegen zu sein.
Hinzu kam, dass ich eigentlich auch zuvor schon platt und kraftlos war. Das
wenig überraschende Endresultat sollte werden, dass Frank mich relativ schnell
wieder schnappen konnte und sauber vorbeizog, während ich mich keuchend den
Pass hinaufackerte. Anfangs war ich nur platt und zumindest noch guten Mutes, ab
einem gewissen Punkt jedoch kippte meine Stimmung rapide, die Aussicht wurde mir
vollkommen egal und ich verwünschte die gesamte, superambitionierte Tourplanung
des Herrn Schumachers. Wenn zigtausend Vorbereitungskilometer nur zu Schmerz und
Krampf führen, man sich kraftraubend einen Pass hinaufquält und auch dabei nur
allzu gut weiß, dass der idiotischen Tourplanung nach die rettende
Jugendherberge noch einen halben, weiteren Pass (Col de l`Iserah) hinauf liegt,
dann liegen die Nerven schnell blank.
Der
erste Pass schien geschafft, eine angenehme Abfahrt auf ordentlich asphaltierten
Straßen stand bevor und laut kopierter Tourplanung würde der letzte Anstieg
bis zur Jugendherberge auch nur 800 Höhenmeter auf zwanzig Kilometern
beinhalten – also im Durchschnitt angenehme vier Prozent. Wird schon gehen,
dachte ich mir… Mit Muße, Ruhe. Ganz locker. Wird schon gehen. Irgendwann. Zum
Eklat kam es dann jedoch als der Anstieg, der zweite Pass des Tages wohlgemerkt
(Tourplanung???), nach etwas mehr als einhundert Kilometern Tagesdistanz begann.
Statt der antizipierten vier Prozent rammten wir in Steigungsgrade von sieben
bis zehn Prozent hinein, Steigungsgrade die ich, total am Ende, entkräftet und
zutiefst frustriert, nicht mehr treten wollte. Und konnte. Wenig freundliche
Worte wurden ausgetauscht und ich einigte mich mit Frank darauf, für solche
Abkotztouren einfach nicht gestrickt zu sein. Wäre die Etappe am Fuß des
Anstieges zu Ende gewesen - hätte sie also „nur“ einhundert Kilometer und
1600 Höhenmeter umfasst - wäre ich durchaus angetan, müde und begeistert
gewesen. Aber noch einmal sieben bis achthundert Meter nach oben? Steil hinauf?
Nein danke…
Frank
wies mich zwar netterweise darauf hin, dass der Anstieg nicht zwanzig, sondern
lediglich sieben bis acht Kilometer lang sein würde (es waren am Ende fünfzehn),
aber das bedeutete bei unabänderbaren 700 Höhenmetern auch nur, dass sich alle
Hoffnungen auf einen versöhnlich-moderaten Schlussanstieg in Luft auflösten.
Frank zog genervt von dannen und ich ließ mich frustriert an den Straßenrand
plumpsen, verspeiste gemütlich, aber innerlich aufgewühlt, drei Äpfel am
Wegesrand und verspürte absolut gar keinen Lust mehr, noch einmal aufzusteigen
und den Tag zu beenden. Das Rad lag neben mir im Gras, Frank war weg und mir war
danach, dass es mir nicht einmal etwas ausmachen würde, einfach sitzen zu
bleiben beziehungsweise auch gleich ganz aus der Tour auszusteigen.
Klar,
„abkotzen“ macht auch mir Spaß, aber es gibt einfach Tage, an denen die
innere Haltung umkippt – zumindest dann, wenn man ganz einfach nicht mehr will
und kann und der mörderischen Tourplanung eines anderen nachhechelt. Kurzum:
ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr – musste aber wohl noch. Zeit
verging, viel Zeit – und schließlich stapfte ich doch wieder los, mich jeden
Meter mühsamst weiterquälend. In den Beinen war nichts mehr, im Kopf nur Frust
und Missmut. Etwa halb zur Jugendherberge hoch wurde mir auch noch schlecht, ich
konnte ähnlich wie auf einer arg ermattenden Vorbereitungstour rings um
Oldenburg fast nicht mehr frei durchatmen, verspürte einen leichten Kotzreiz
und musste doch immer weiter und weiter und weiter. Und weiter. Unendlichkeiten
später, mehr als 2300 Höhenmeter und 130 Kilometer vom Col Du Grand Saint
Bernard entfernt, rollte ich dann endlich am lang herbeigesehnten Ziel ein, zu
erschöpft, um mich wirklich zu freuen und zu unhungrig, um wenigstens am
Abendessen etwas Gefallen zu finden. Frank versuchte zwar mäßig ambitioniert
etwas gute Stimmung zu verbreiten, aber da er zu allem Überfluss auch noch
relativ fit wirkte, sollte er chancenlos bleiben. Seine gute Stimmung prallte
gegen eine Wand aus Frust, denn ich hatte einfach nur genug. Vollkommen unerholt
von meiner ersten 2000-Höhenmeter-Etappe am gestrigen Tag, einen fiesen
Schlussspurt bei Dauerregen inklusive, hatte ich heute noch einmal mehr
gefahren. Sicherlich eine respektable Leistung, aber besser aufgehoben in der
Kategorie „saudumm“. Schmerzen, Mattheit, Kotzreiz: so macht Rad fahren
defintiv keinen Spaß. Eingeschnürt im Zwangskorsett von Franks Tourplanung blieb mir auch wenig anders übrig – und wenn ich
jetzt die Fotos des Tages sehe, war es eigentlich doch ganz nett.
Nur viel zu viel. Frank meinte zwar noch, vor zwei Jahren sogar einmal bis zu
2900 Höhenmeer an einem Tag gefahren zu sein und auch nun, seit einigen Tagen
auf Tour und insgesamt gut vorbereitet, bei uns von einer ähnlichen Form
ausgehen zu können, aber ich konnte einfach nicht mehr.
Ich
bin kein Spitzensportler, zähle keine Kohlenhydrate und hatte nach einhundert
Kilometern und 1600 Höhenmetern schlichtweg keinen Bock mehr – zumindest
heute. Ich muss auch nicht jeden Tag aus eigener Kraft über die Baumgrenze.
Gestern hatte dieses Unterfangen vielleicht noch den Reiz des Neuen, heute
jedoch war es eine Qual die verhinderte, dass ich die Landschaft, das
beeindruckende Massiv des Mount Blanc eingeschlossen, wirklich genießen konnte.
Frei in meiner Reiseplanung wäre ich heute wahrscheinlich gar nicht erst vom
Col du Grand Bernard losgefahren, hätte mich dort von gestrigen Strapazen
erholt, wäre vielleicht ein bisschen in den Bergen wandern gegangen
(Kurzwanderungen, wenig Höhenmeter) und schließlich am morgigen Tag nicht mehr
als einen Pass gefahren. Kurzum:
Der ungebremste Ehrgeiz vergangener Tage ist erloschen, das Motivationshoch
verpufft. Ich werde mir noch einen Weißwein von der Theke holen, etwas lesen
und hoffentlich gut schlafen, damit ich wenigstens den morgigen Tag überstehen
kann. Natürlich sind wieder eineinhalb Pässe geplant und dank abendlicher
Hotelreservierung auch in Stein gemeißelt. „Ich bin ja auch im „gelobten Land“ mit Dir achtzig Kilometer durch den Regen und gegen den Wind gefahren“, meinte Frank gerade ganz richtig, aber heißt das im Umkehrschluss, dass wir morgen nicht fahren müssen, falls es regnet? Wohl kaum…
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