Stage 9
Col du Grand Bernard - Tignes
128,17 Kilometer; 06:05:17 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com  

Mit der Wahrheit ist es immer so eine Sache – zuerst einmal gibt es jedoch gar keine tatsächlichen Wahrheiten,

Erste Station nach 200 Metern: Italien.

 da stets alles grundsätzlich subjektiver Natur ist. Worum es geht? Die korrekte Darstellungsweise des heutigen Tages, die ich eigentlich gar nicht zu Papier bringen kann, da ich zwangsweise zu sehr „ich“ bin und mich nur schwer auf jene Metaebene hieven kann, die nötig wäre, um einigermaßen objektiv berichten zu können. Aber wer will schon ein objektives Tagebuch ganz ohne Emotionen und Spannung?

Aus Franks Perspektive hat der Mitreisende, also meine elendige Wenigkeit, heute ständig herumgenörgelt, 

Half auch nicht mehr: Bananenpower zwecklos!

stets nur von „Pause hier und Pause da“ geflennt und sich fortlaufend allergrößte Mühe gegeben, schlechte Laune im Familienpack zu verbreiten. Außerdem hat er bei einfachen Supermarktbesuchen mindestens eine kostbare halbe Stunde verplempert, nur um letzten Endes ein paar lächerliche Kleinigkeiten zu erstehen, die man, volle Kassen hin oder her, auch in zehn Minuten hätte besorgen können. Komfortabel. Zu guter letzt hat jener Mitreisender auch die ganze Tour verwunschen, alles als „scheiße“ tituliert was ihm vor die Pedale kam und einmal mehr eine bestenfalls moderate Tretform an den Tag gelegt. Aber wie soll man denn auch vernünftig treten, wenn man sich immer nur von Brot mit Käse, Brot mit Marmelade oder Brot mit Hüttenkäse ernährt – schließlich durch die Bank Nahrungsmittel ohne jene wirklich sinnvollen Kohlenhydrate, die einen schließlich flott den Berg hinauftreiben würden?

Wechseln wir nun einmal die Perspektive des Tagebuchs auf eben jenen mies gelaunten Mitfahrer, der bereits gestern Abend etwas neidvoll auf Franks Teller Spaghetti am Col du Grand Saint Bernard schielte, seinerseits jedoch nicht bereit war, 17 Franken für einen Haufen Nudeln mit wohlriechender Tütenbolognese zu latzen – Kohlenhydrate hin oder her. Stattdessen gab es danach auf dem Zimmer die Brotreste des Tages mit lecker Hüttenkäse, Marmelade, Käse und immerhin zwei schmackhaften Äpfeln.  

Heute auf dem Programm: erst der Col du petit Saint Bernard, später dann noch der Anstieg nach Tignes...

Heute früh, nach einer sehr schlafarmen und schlechten Nacht, war unser Autor dann um sieben Uhr sprungschnell auf den Beinen, um nette Fotos vom Pass beim Quasi-Sonnenaufgang zu schießen, bevor der Reisebegleiter, eben jenes Kohlehydratemonster namens Frank, um zwanzig nach sieben zum eher dürftigen Frühstücksbuffet abgeholt wurde. Endlich einmal gab es AYCD-Kaffee, dafür aber ansonsten nur Brot mit Marmelade oder Käse.

Die ersten vierzig Kilometer des Tages bis Aosta waren zudem endlich einmal recht entspannend, wenngleich jedoch auch mental auslaugend, da die Passtrasse auf den ersten zehn Kilometern der ewigen Abfahrt

Spektakuläre Videoaufnahmen von der Fahrt: Frank mit der Helm-Cam

 dermaßen mies in Schuss war, dass an eine sichere Abfahrt im eigentlichen Sinne kaum zu denken war. Aber schöne Fotos sollte es geben.

In Aosta stand dann schließlich der heilige Supermarkt auf dem Programm, da es den Rest des relativ langen Tages nur wenig weitere Verkaufsflächen geben würde und obendrein morgen Sonntag ist – Grund genug also, sich den Rucksack ordentlich voll zu stopfen, damit er auch schön schwer wird. Natürlich dauerte es im Supermarkt ein wenig – und ganz uninteressant war der erste italienische Supermarkt schließlich auch nicht, vor allem, da unser lieber Autor in der Kassenschlange alle anderen um mindestens einen Kopf überragte.

Draußen war es mittlerweile durchaus warm geworden, sehr warm sogar. Vierzig Grad maß der Tacho in der 

Abfahrt ins Aosta-Tal; kein Spaß dank grottig schlechter Straßenverhältnisse. 

Sonne und deutete somit auf einen Tag hin, der durchaus noch an der Substanz nagen sollte. Geringfügig, wie sich zeigen sollte. Recht kraftlos rollte es sich auch fortan aus Aosta ab und unser Autor gewann den Eindruck, als würde Frank extra etwas Stoff geben, latent genervt vom ewigen Supermarktgedönse. Von Sichtkontakt konnte kaum die Rede sein.

Nach fünfzehn Kilometern schon wieder total zermürbt beschloss unser Autor, die erste Pause einzulegen – sehr zum Unwollen von Frank, der verkündete, dass doch bislang nichts wirklich physisch herausforderndes passiert wäre. Nun gut, 55 Kilometer bei einer absoluten Affenhitze kann man auch anders betrachten, auch wenn vierzig davon nur bergab gingen, aber dies sollte nur eine von vielen Differenzen am heutigen Tage werden. Egal; unser Autor berief sich auf sein freies Recht auf freie Pausen, aber die Saat für weitere Konflikte wurde mit der zumindest für einen der beiden Fahrer unerwünschten Fahrtunterbrechung definitiv gesät.

Man sah sich über die der Pause folgenden Kilometer schließlich immer seltener, zumindest bis zu einer kleinen Diskussion über ernährungstechnische Grundfragen am Fuße des Col du Petit Saint Bernard. Etwas gefrustet und spürbar genervt lies unser aktueller Autor, nennen wir ihn einmal „ich“, es anschließend

Das Aosta-Tal. Eigentlich schön - wenn man fit ist...

 deutlich forscher angehen. Frank wurde gleich an der ersten Kehre des Anstiegs ordentlich versägt; ihm würde quasi der Mittelzeh gezeigt!

Natürlich sollte es sich alsbald als denkbar dumm darstellen, bereits auf den ersten 2-300 Höhenmetern des 1200 Höhenmeter hohen Anstiegs hart eingestiegen zu sein. Hinzu kam, dass ich eigentlich auch zuvor schon platt und kraftlos war. Das wenig überraschende Endresultat sollte werden, dass Frank mich relativ schnell wieder schnappen konnte und sauber vorbeizog, während ich mich keuchend den Pass hinaufackerte. Anfangs war ich nur platt und zumindest noch guten Mutes, ab einem gewissen Punkt jedoch kippte meine Stimmung rapide, die Aussicht wurde mir vollkommen egal und ich verwünschte die gesamte, superambitionierte Tourplanung des Herrn Schumachers. Wenn zigtausend Vorbereitungskilometer nur zu Schmerz und Krampf führen, man sich kraftraubend einen Pass hinaufquält und auch dabei nur allzu gut weiß, dass der idiotischen Tourplanung nach die rettende Jugendherberge noch einen halben, weiteren Pass (Col de l`Iserah) hinauf liegt, dann liegen die Nerven schnell blank.

Rund zwei Stunden dauerte mein elendiger Aufstieg am Petite Saint Bernard insgesamt. Kurz vor dem Gipfel ließ ich mich noch von einem seinen Hund Gassi-führenden Britten fotografieren, der mich fragte, ob ich einen grünen Opel Omega links am Straßenrand gesehen hätte, da er, oberhalb der Baumgrenze auf einer Passstraße spazieren gehend, seinen Wagen verloren hätte. An eine Opel konnte ich mich nicht erinnern, er machte jedoch ein nettes Foto und meine Stimmung war wieder einigermaßen in geordneten Bahnen, als ich am Pass einrollte, wo Frank bereits etwas länger auf mich gewartet hatte.

Der erste Pass schien geschafft, eine angenehme Abfahrt auf ordentlich asphaltierten Straßen stand bevor und laut kopierter Tourplanung würde der letzte Anstieg bis zur Jugendherberge auch nur 800 Höhenmeter auf zwanzig Kilometern beinhalten – also im Durchschnitt angenehme vier Prozent. Wird schon gehen, dachte ich mir… Mit Muße, Ruhe. Ganz locker. Wird schon gehen. Irgendwann.

Zum Eklat kam es dann jedoch als der Anstieg, der zweite Pass des Tages wohlgemerkt (Tourplanung???), nach etwas mehr als einhundert Kilometern Tagesdistanz begann. Statt der antizipierten vier Prozent rammten wir in Steigungsgrade von sieben bis zehn Prozent hinein, Steigungsgrade die ich, total am Ende, entkräftet und zutiefst frustriert, nicht mehr treten wollte. Und konnte. Wenig freundliche Worte wurden ausgetauscht und ich einigte mich mit Frank darauf, für solche Abkotztouren einfach nicht gestrickt zu sein. Wäre die Etappe am Fuß des Anstieges zu Ende gewesen - hätte sie also „nur“ einhundert Kilometer und 1600 Höhenmeter umfasst - wäre ich durchaus angetan, müde und begeistert gewesen. Aber noch einmal sieben bis achthundert Meter nach oben? Steil hinauf? Nein danke…  

Frank wies mich zwar netterweise darauf hin, dass der Anstieg nicht zwanzig, sondern lediglich sieben bis acht Kilometer lang sein würde (es waren am Ende fünfzehn), aber das bedeutete bei unabänderbaren 700 Höhenmetern auch nur, dass sich alle Hoffnungen auf einen versöhnlich-moderaten Schlussanstieg in Luft auflösten. Frank zog genervt von dannen und ich ließ mich frustriert an den Straßenrand plumpsen, verspeiste gemütlich, aber innerlich aufgewühlt, drei Äpfel am Wegesrand und verspürte absolut gar keinen Lust mehr, noch einmal aufzusteigen und den Tag zu beenden. Das Rad lag neben mir im Gras, Frank war weg und mir war danach, dass es mir nicht einmal etwas ausmachen würde, einfach sitzen zu bleiben beziehungsweise auch gleich ganz aus der Tour auszusteigen.  

Klar, „abkotzen“ macht auch mir Spaß, aber es gibt einfach Tage, an denen die innere Haltung umkippt – zumindest dann, wenn man ganz einfach nicht mehr will und kann und der mörderischen Tourplanung eines anderen nachhechelt. Kurzum: ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr – musste aber wohl noch.

Zeit verging, viel Zeit – und schließlich stapfte ich doch wieder los, mich jeden Meter mühsamst weiterquälend. In den Beinen war nichts mehr, im Kopf nur Frust und Missmut. Etwa halb zur Jugendherberge hoch wurde mir auch noch schlecht, ich konnte ähnlich wie auf einer arg ermattenden Vorbereitungstour rings um Oldenburg fast nicht mehr frei durchatmen, verspürte einen leichten Kotzreiz und musste doch immer weiter und weiter und weiter. Und weiter.

Unendlichkeiten später, mehr als 2300 Höhenmeter und 130 Kilometer vom Col Du Grand Saint Bernard entfernt, rollte ich dann endlich am lang herbeigesehnten Ziel ein, zu erschöpft, um mich wirklich zu freuen und zu unhungrig, um wenigstens am Abendessen etwas Gefallen zu finden. Frank versuchte zwar mäßig ambitioniert etwas gute Stimmung zu verbreiten, aber da er zu allem Überfluss auch noch relativ fit wirkte, sollte er chancenlos bleiben. Seine gute Stimmung prallte gegen eine Wand aus Frust, denn ich hatte einfach nur genug. Vollkommen unerholt von meiner ersten 2000-Höhenmeter-Etappe am gestrigen Tag, einen fiesen Schlussspurt bei Dauerregen inklusive, hatte ich heute noch einmal mehr gefahren. Sicherlich eine respektable Leistung, aber besser aufgehoben in der Kategorie „saudumm“. Schmerzen, Mattheit, Kotzreiz: so macht Rad fahren defintiv keinen Spaß.

Eingeschnürt im Zwangskorsett von Franks Tourplanung blieb mir auch wenig anders übrig – und wenn ich

Blick nach Tignes - ungünstigerweise sollte es erst wieder ganz in das Tal hinabgehen, bevor noch jede Menge Steigungsmeter bis zum Talende gemeistert werden mussten. 

 jetzt die Fotos des Tages sehe, war es eigentlich doch ganz nett. Nur viel zu viel. Frank meinte zwar noch, vor zwei Jahren sogar einmal bis zu 2900 Höhenmeer an einem Tag gefahren zu sein und auch nun, seit einigen Tagen auf Tour und insgesamt gut vorbereitet, bei uns von einer ähnlichen Form ausgehen zu können, aber ich konnte einfach nicht mehr.  

Ich bin kein Spitzensportler, zähle keine Kohlenhydrate und hatte nach einhundert Kilometern und 1600 Höhenmetern schlichtweg keinen Bock mehr – zumindest heute. Ich muss auch nicht jeden Tag aus eigener Kraft über die Baumgrenze. Gestern hatte dieses Unterfangen vielleicht noch den Reiz des Neuen, heute jedoch war es eine Qual die verhinderte, dass ich die Landschaft, das beeindruckende Massiv des Mount Blanc eingeschlossen, wirklich genießen konnte. Frei in meiner Reiseplanung wäre ich heute wahrscheinlich gar nicht erst vom Col du Grand Bernard losgefahren, hätte mich dort von gestrigen Strapazen erholt, wäre vielleicht ein bisschen in den Bergen wandern gegangen (Kurzwanderungen, wenig Höhenmeter) und schließlich am morgigen Tag nicht mehr als einen Pass gefahren.

Kurzum: Der ungebremste Ehrgeiz vergangener Tage ist erloschen, das Motivationshoch verpufft. Ich werde mir noch einen Weißwein von der Theke holen, etwas lesen und hoffentlich gut schlafen, damit ich wenigstens den morgigen Tag überstehen kann. Natürlich sind wieder eineinhalb Pässe geplant und dank abendlicher Hotelreservierung auch in Stein gemeißelt.

„Ich bin ja auch im „gelobten Land“ mit Dir achtzig Kilometer durch den Regen und gegen den Wind gefahren“, meinte Frank gerade ganz richtig, aber heißt das im Umkehrschluss, dass wir morgen nicht fahren müssen, falls es regnet? Wohl kaum…