Stage 8
Villeneuve - Col du Grand Bernard 
 86,24 Kilometer;  04:36:19 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Glückwunsch zum Etappensieg“, meinte Starreporter Frank anerkennend, der aus einem sicheren 

Erste Ehrung vor der Abfahrt: Spaß mit dem Mobiliar unserer dubiosen Herberge.

Unterschlupf heraus filmte wie ich mich, umgeben vom bedrohlichen Donnergrollen und durch den dichten Regen kaum mehr wahrnehmbar, die letzten drei Kilometer zum Col du Grand St. Bernard auf 2470 Metern hochquälte. Dummerweise hatte ich es nämlich nicht mehr rechtzeitig zu „seinem“ Bretterverschlag geschafft, bevor die Himmelspforten von den Wassermassen eingetreten wurden und ein widerspenstiger Wolkenruch dafür sorgte, dass eh schon alles total durchnässt war, als ich mich endlich in Schale geschmissen hatte. Ein netter Autofahrer mit Kombi bot mir zwar noch an, mich bis zum Pass mitzunehmen, aber mit dem Rad auf 2300 Höhenmeter und dann mit dem Auto zum Ziel nur weil das Äquivalent von mehreren Kübeln pro Sekunde auf den eigenen Helm prasselt? Nein, 

...vom Genfer See zum Col...

Danke. Trotzdem eine nette Geste. Helm ab!

Blitzartig sackte auch die zuvor noch erdrückende Temperatur von einmal mehr bis zu fünfunddreißig Grad in den Keller – bei kaum mehr als zehn Grad kam ich schließlich total entkräftet am rettenden Pass an, schniefte kurz dem lange herbeigesehnten Passschild entgegen und huschte in das warme Hospiz, wo mich eine zumindest nette Abzockerin 

empfing. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und dreiste Unfreundlichkeit wären jedoch eine bei weitem zu bevorzugende Variante gewesen. 

Frank hatte für uns vorher hier oben reserviert – eine Tatsache, der man sich offensichtlich nicht mehr unbedingt bewusst war, während sich um mich herum lustig Pfützen auf dem Büroboden bildeten. So wünscht man sich seine Gäste: sie bleiben nur einen Tag, stinken widerwärtig und versauen auch noch den Fußboden!

Irgendwo tauchte Franks Reservierung dann doch wieder auf – und mit Halbpension hätte man dann gerne neunzig Schacken. Jetzt. Sofort. Nun gut, ich fror tierisch, wir sind relativ ohne vernünftige Alternativen auf 2500 Metern und auch wenn ich sonst schnell auf die ach so wertvollen Franken schiele, war der Preis mir heute beinahe egal. Beinahe. Man drängte mich sofort zu bezahlen - ich allerdings wollte eben erst mein Radel in Sicherheit bringen. Unabgeschlossen stand es vor der Tür des Hospizes – wobei wohl kaum jemand beim aktuellen Sauwetter den Berg hinabgedüst wäre.

Gesagt getan: der Kunde ist König und ich kümmerte mich zuerst einmal um meinen feuchten Drahtesel, nur um dann vor dem Haupteingang ein Plakat mit reißerischen Werbeparolen à la „Übernachtung ab 21 Euro“ zu erspähen. Stutzig machte auch ein Hinweis auf Übernachtungen für 31,50 Euro im Doppelzimmer, so wie von uns erwünscht. „Das wäre ohne Frühstück“, hieß es

 daraufhin lapidar, wobei ich mich jedoch noch sehr gut an den „avec petit déjeuner-Hinweis“ erinnern konnte. Tja, aber nun, am Wochenende, würde „eben nur Halbpension gehen“, hieß es plötzlich, was mich dann vollends auf die Palme trieb – Friererei und Tropferei hin oder her.

Sowieso gibt es nichts Schlimmeres als Sprüche, dass irgendetwas nur irgendwie geht. Wieso denn? Wenn man etwas anders möchte, kann man es auch anders haben. Was Menschenhand macht kann Menschenhand auch anders machen – ähnliche Gedankengänge spulten sich schließlich auch irgendwo zwischen Mammutjagd und Pizza Hut Buffet ab. Auf die Spitze getrieben: wenn morgen alle entscheiden, dass es Deutschland nicht

Bei 2000 Höhenmetern wichtiger denn je: die kontinuierliche Fütterung des Fahrerfeldes. 

 mehr geben würde, würde Deutschland außerhalb von Geschichtsbüchern zu existieren aufhören. Wenn man es dann auch noch aus Geschichtsbüchern löschen würde, wäre Big Brother stolz auf uns.

Urplötzlich ging es dann jedoch doch plötzlich für 31,50 Euro, Frühstück inklusive – auch wenn das eigentlich natürlich nicht geht; ist ja Wochenende. 90 Euro das Zimmer? Nie gehört? Haben wir das jemals behauptet? Verarsche, nichts als Verarsche, aber ein nettes Zimmer und das Versprechen auf ein Frühstücksbuffet, bei dem ich mich gnadenlos für alles rächen werde, damit ich auch ja den Berg flott hinabkomme. 10 Stunden Schlaf werden mich zum Croissantkiller machen, keine Frage…

Rückblickend ging es heute auch ziemlich flott den Berg hinauf: etwas mehr als 2000 Höhenmeter auf 85 Kilometern Strecke mit 18,7 km/h im Durchschnitt ist, Eigenlob hin oder her, beachtlich, wobei der Schauer am Schluss noch zum wahren Schlussspurt animierte und den Unterschied zwischen meinem und Franks Schnitt ausmachen sollte.

Der Pass selbst, nach relativ flachen vierzig Kilometern bis nach Martigny im Rhontal auf lediglich 460 Höhenmetern, lag von dort aus 2009 Höhenmeter entfernt, war jedoch zumeist nur moderat steil und durchweg gut befahrbar, da sich der Verkehr wirklich stark in Grenzen hielt. Auf den letzten – und bei gutem Wetter sicherlich auch schönsten – Kilometern des Tages verschwanden die meisten der sowieso nicht zahlreichen Wagen auch noch in einem gefräßigen Tunnel, der mit Vorliebe all jene LKW auffraß, denen man die bis zu zehn Prozent Steigung auf dem letzten Teilsegment zum Pass nicht mehr zumuten wollte. Danke. Guten Hunger.

Nun gut, statt noch viel mehr Zeit mit dem Schreiber in der Hand zu verlieren, werde ich jetzt Frank wachrütteln und das Zimmer unserer voll aufgedrehten Heizung und reichlich stinkenden Klamotten überlassen, die hoffentlich allesamt bis morgen Früh wieder trocken genug sein werden. Netterweise scheint heuer Abend auch wieder die Sonne: Denkt man ungläubig an den gestrigen Wolkenbruch und den heutigen Tag zurück - den Schluss der Etappe wohlwollend ausgenommen – so kann man nur dankbar darüber sein, dass wir einmal wieder richtiges Traumwetter erwischt hatten. Sich 2000 Höhenmeter durch Nieselregen und Schauer emporzukämpfen wäre arg unspektakulär und zermürbend geworden, schließlich reichten mir schon die letzten Kilometer in Variante „feucht“.

Verschiedenste Impressionen des Tages; unter anderem Aufnahmen des zu durchradelnden Tunnels auf dem Weg zum Gipfel, des dann doch kontinuierlich mieser werdenden Wetters, erster Gipfelfreuden und letzten Endes dann doch wieder gutem Wetters am Abend.