Stage 7
Saint-Blaise - Villeneuve
 119,34 Kilometer;  05:10:40 Stunden

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An der Wand ein Spiegel mit einer barbusigen Dame und einem Adler. Schick. Stilvoll. Daneben, direkt mittig über dem Bett, das Poster eines Motorrades: das Hotel du Nord von Villeneuve hat eher den funktionalen Charme einer günstigen Fernfahrerabsteige als eines auch nur ansatzweise ansprechenden Touristenhotels, aber uns war wirklich alles Recht, was billig (relativ: Gedenke: Reiseland Schweiz) und trocken am Wegesrand auf unsere Franken wartete. Wir haben ja genug davon. Gelegentlich vorbeidonnernde Züge genau gegenüber dem Fronteingang komplettieren ganz nebenbei den reizenden Charme unseres Nachtquartiers. Nächsten Sommer vierzehn Tage.

Leider konnten wir unsere wertvollen Geldvorräte nicht gleich säckeweise in der wesentlich einladenderen Jugendherberge von Montreux abladen – bei Halbpensionspreisen mit Doppelzimmerunterbringung für rund 40 Euro wäre dies ebenso wenig ein Problem gewesen wie die flinke Geldvernichtung am Internetrechner der Jugi, die mit günstigen zwölf Franken je Stunde dahergekommen wäre. Dummerweise hatten wir im Vorfeld jedoch nichts reserviert – und ohne eben eine solche Reservation ging gar nichts mehr. Auch kein freundlicher Service, wie sich herausstellen sollte. Schade, hatte Frank sich doch schon sehr auf das fette Abendessen und ich auf das morgendliche Frühstücksbuffet gefreut! Aber nachdem es um kurz vor sechs hieß, dass bestimmt einige Reservierungen bis zur vollen Stunden nicht antanzen würden und wir somit noch ein herbeigesehntes Zimmer ergattern könnten, standen wir uns relativ tatenlos eine Dreiviertelstunde die Beine in den Bauch und mussten dann vom eher unfreundlichen Personal auch nur auf weiteres Nachbohren erfahren, dass dem nun wohl doch nicht so sei. Ich war genervt, Frank war genervter, die Stimmung war…

Da ich allerdings die ganze Zeit direkt vor dem Tresen der Rezeption herumlungerte, hätte man es mir auch gut zwischendurch schon einmal zuflüstern können - aber ist die Bude erst einmal gerappelt voll, kann man auch die Scheine von Zuspätgekommenen gut vergrätzen. Zumindest war während unseres etwas unfreiwilligen Daueraufenthalts im Eingangsbereich der Jugendherberge ein durchaus imposantes Schlechtwettergebiet über uns hinweggezogen, so dass wir trocken, aber genervt, weiterradeln durften. Wie weit? Zu weit, zumindest am Ende eines langen und nicht immer einfachen Tages. 

Kleines Sommergewitter am Genfer See.

Sowieso war der heutige Tag ein kleiner „Downer“ im Gegensatz zu den letzten Tagen. Die ersten vierzig Kilometer bis nach Fribourg waren dicht besiedelt und nervtötend hügelig – quasi das schweizerische Äquivalent der neuseeländischen Northlands (Link) – minus die Schafe und eine Menge „schön“. 

Selige Ruhe in Villeneuve.

Anschließend erreichten wir einen zwar nett dreinschauenden See, dessen Namen ich jetzt nicht mehr von der bereits im Mülleimer ruhenden Karte rekonstruieren werde, an den man jedoch nicht ohne deutlich übertriebene Umwege herankam. Doof.

Die eigentlich laut Karte sehr schöne Streckenführung von Broc über Chateau d´Oex wandelten wir auch ab in einen Abstecher an den Genfer See und nach Montreux, was uns für morgen 450 Höhenmeter und einen Col du Irgendetwas ersparen dürfte, die Strecke aber auch nicht unbedingt sehenswerter gestaltete und uns Hoffnung auf eine Jugendherberge gab, aber das Thema hatte ich ja schon. Viel gehabt hätten wir von der netteren Strecke jedoch auch heute nicht, denn nach Tagen des Superwetters war es vom frühen Nachmittag an doch arg bedeckt, so dass die effizienzmotivierte Abkürzungsentscheidung zweifelsohne krass korrekt war – auch ohne Jugi.

Wenn schon der Tag insgesamt eher durchwachsen war, wundert es auch kaum, dass auch mein Knie wieder etwas herumzwickte und vor allem die letzten vierzig Kilometer über

schmerzte. Auch Frank berichtete heute Abend etwas von dann doch eher diffusen Knieproblemen – die landschaftlich schöneren Höhenmeter hätte vom Starterfeld definitiv niemand gebrauchen können und ich hoffe einfach, dass der morgige, unglaubliche Anstieg (2000 Höhenmeter zum Col du St. Bernard) irgendwie geht. Oder rollt. Egal. Hauptsache da.

Wenngleich auch lecker aber trotzdem arg unbefriedigend war dann auch das Abendmahl im Hotelrestaurant – einer Pizzeria. Während am Nachbartisch ein wohl eher wohlhabender Pädophiler seine dann doch zumindest jung

34 Grad - etwas viel des Guten...

ausschauende Freundin zum Fondue ausführte (für zwei schon ab 65 Franken, aufwärts kaum Grenzen), übte ich mich im strickten Konsumverzicht und krümelte anschließend gnadenlos das Bett mit Brotkrümeln und Marmeladenspuren voll. Frank hingegen orderte zuvor eine günstige Pizza für lediglich 16 Franken, die dann auch auf einem wirklich schicken, großen Teller herangeflogen kam. Etwas verdutzt zog Frank kurz in Erwägung, sich nach der Pizzas großen Bruder zu erkundigen, entschied sich dann

aber doch dazu, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und seine drei Happen in sich hineinzuschlingen. Gewiss, die Schweiz ist kein günstiges Land, aber selbst mit meiner überwiegenden Supermarkternährung kommt man am Tag kaum mit vierzig Euro über die Runden. Andererseits kann Mehl auch nicht so teuer sein, dass der Preis der Pizza auch nur ansatzweise gerechtfertig gewesen wäre. Was kosteten unsere fünf Tage Rumänien damals? All inclusive? 1-2 gnadenlose Fressorgien mit McDoofs Semi-Westpreisen inklusive? Kontinuierlichem „Scheiß auf den Supermarkt?“ 70 Euro? 80? Was machen wir hier? Hallo????

Was vom Tag bleibt ist auch noch das Einfühlungsvermögen in einen Boxer, der gerade ordentlich aufs Maul

Macht das Zimmer erst richtig gemütlich: Wandschmuck in Villeneuve.

bekommen hat, stach mir doch heuer irgendein fliegendes Stechtier dicht unter das linke, nun leicht zugeschwollene Auge. Volltreffer. Zum Glück mutierte das Ganze nicht zur arg störenden Sichtbehinderung, aber versuche ich momentan nach unten zu gucken, erglupsche ich relativ wenig. Hauptsache, ich fange nicht an so zu schreiben, wie Schulz oder Rocchigiani sprechen…

Ey gute Nacht.