Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
So wie es scheint, hat man hier einfach den Keller zu einer kleinen Ferienwohnung ausgebaut, die nun für rund 60 Schacken pro Sonnenaufgang vermietet wird und als angenehmes Zubrot zur Rente fungieren dürfte. Nicht dumm, diese Schweizer. Da auch eine voll funktionsfähige Küche im Preis inbegriffen ist, haben wir es mit einer klassischen win-win-Situation zu tun (ganz im Gegensatz zu Pizza-Hut-Buffets, die nach langen Tagen auf dem Rad bestenfalls eine win-lose-Situation darstellen, bei der wir eindeutig als Sieger vom Tisch treten). 60 Eurodollar für die Gastgeber, eine für schweizerische Verhältnisse akzeptabel teure Herberge für uns und dazu die Option, durch das eigenständige Kochlöffelschwingen zumindest etwas Konsumverzicht auf schweizerischem Boden zu frönen und uns ganz nebenbei den Magen ordentlich vollzupfeffern. Was will man mehr? Ein Pizza Hut Buffet?
Aber genug vom heutigen Nachtlager und etwas mehr vom heutigen Tage, der einmal wieder unheimlich viel
zu
bieten hatte: Nachdem wir die Frühstücksüberraschung am frühen Morgen verdaut – oder genauer genommen auch nicht verdaut – hatten (optional 2,90 Euro für einen Kaffee, ein Croissant und einen Lappen Brot: Nö, Danke > aber was soll man auch erwarten, wenn schon über die sprachwissenschaftliche Herangehensweise offensichtlich sein
muss,
dass ein „petit dejeuner“ Schrott sein muss), radelten wir hungrig und
schnell nach Montbéliard, wo uns dann ein Supermarkt dem gelobten Frühstück näherbrachte.
Geschmatzt wurde ziemlich Clochard-mäßig auf einem ameisenverseuchten Rasenstück
zwischen Gewerbegebiet zur Rechten und Schnellstraße zur Linken, aber genau
solche Szenen liebe ich ja auf einer jeden Tour… Erfreulich
flach sprinteten wir anschließend auf Maiche zu, erreichten jedoch zehn
Kilometer vor dem Örtchen den ersten echten Anstieg des Tages (400 Höhenmeter),
der uns gepaart mit netten dreißig Grädern ordentlich den Wind aus den Segeln
nahm. Wenig überraschend fanden wir uns darum auch alsbald pausierend auf dem
Dorfplatz von Maiche wieder, die verschwitzten Trikots baumelten auf der nahen
Umzäunung einer kleinen Baustelle im Wind und Baguettekrümel säumten unser
schattiges Flecken, in dem wir „oben ohne“ schnell die Blicke der
vorbeieilenden Passanten auf uns zogen. Genau solche Szenen liebe ich ja auf
einer jeden Tour… Liebenswert
waren heute auch die Beine – alle vier, denn sowohl Frank als auch ich
strampelten ordentlich und verloren nur selten den Kontakt zum jeweils
Vorausfahrenden. Auf den flachen Kilometern zwischen Montbéliard und Maiche
konnte ich zwar Franks strammen Antritt nicht durchgehend folgen, auf den
meisten Anstiegen war Frank dafür aber marginal langsamer. Unterm Strich ist
das ja auch alles scheißegal. Schreckliche Leistungsdifferenzen wie noch zu
Tourbeginn gab es jedoch glücklicherweise nicht mehr – vorbei scheinen sie
also, die Tage, an denen mir nur noch EPO geholfen hätte (wobei, davon
ausgehend, dass im Radsport ja pauschal jeder dopt: vielleicht ist Frank auch
auf EPO und ich komme mir nur deshalb so mies vor, weil ich nicht bis oben hin
voll mit Schmerzmitteln und EPO bin?). Das
absolute Highlight des Tages sollten aus meiner Sicht die letzten fünfzehn
Kilometer nach La Chaux-de-Fonds werden. Kurz nachdem wir den unbemannten
Grenzposten zur Schweiz überquerten – über eine Brücke, die dem neuseeländischen
Lost World Highway entsprungen sein könnte (Link)
– tauchten wir in den beinahe schon urwaldähnlichen Grenzlandstrich ein und
kraxelten auf quasi unbefahrenen Straßen erneuert rund 450 Meter aus dem Tal
hinaus. Vögel machten Krach, Frank erspähte ein Reh und ich fühlte mich nach
dem Neuseeland-Flashback an der Brücke wieder in die letzten Kilometer vor dem
bulgarischen Malko Tanarvo (Link)
zurückversetzt, auch wenn ich dort nur einem plattgefahrenen Salamander auf dem
Asphalt begegnet war. Auch dort kraxelten wir vom schwarzen Meer aus auf
unbefahrenen, teilweise fast unbefahrbaren Straßen zur verschlafenen Grenzstadt
empor, ein Aufstieg, der mitsamt seiner Ausblicke aufs bulgarische Hinterland zu
den ganz wenigen Naturhighlights der nichtsdestotrotz fantastischen
Istanbul-Odyssee zählt. Zugegebenermaßen, die Straßen waren heute einen
Tacken besser und unsere Unterkunft ist auch weit von jener 3,50-Euro-Herberge
in Malko entfernt, aber so macht Radfahren einfach Spaß! Etwas
schade war allerdings, dass der Himmel Stück für Stück zuzog. Zwar kam der
große und böse graue Schleier gut für meine schwindenden Sonnenmilchvorräte
und das im Gleichschritt dankbar fallende Temperaturniveau, vor allem, da es
durchgehend trocken blieb, aber am Aussichtspunkt „Vue des Alpes“ hoch über
dem Lac de Neuchatel angekommen war von Bergen am Horizont rein gar nichts zu
sehen. Mosern dürfen wir aber rückblickend bislang gar nicht über das Wetter,
denn viel besser als bislang hätte es nicht einmal theoretisch kommen können.
Zwar klagen laut den stets für journalistische Extraklasse bekannten
Nachrichten des Semischrott-TV-Senders RTL viele Deutsche Rostbratwürstchen auf
Malle über mehr als dreißig Grad während der Nacht, finden in lauten Hotels
neben Großbaustellen sowieso keine Ruhe oder müssen an Strandbistros
vergammelnde Tapas in sich hineinstopfen, nur um dann nachher den
halsabschneiderisch teuren Touristendokot aufsuchen zu müssen, aber mit unserem
Fahrtwind macht zumindest mir das Ganze wenig aus. Und genau 22 Grad mit gleißendem
Sonnenschein ohne jegliche schädliche UV-Strahlung bei gleichzeitig 47 km/h Rückenwind
zu verlangen wäre auch etwas überzogen… Aber schön.
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