Stage 6
Belfort - Saint-Blaise
 123,74 Kilometer; 05:33:45 Stunden

WB01343_.gif (599 Byte)     WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Ich bin so voll, dass ich mich kaum bewegen kann. (kurze Pause) Das ist ein guter Zustand“, Frank nach dem opulenten Abendmahl in unserer „Wohnung“ am Neuenburger See.

So wie es scheint, hat man hier einfach den Keller zu einer kleinen Ferienwohnung ausgebaut, die nun für rund 60 Schacken pro Sonnenaufgang vermietet wird und als angenehmes Zubrot zur Rente fungieren dürfte. Nicht dumm, diese Schweizer. Da auch eine voll funktionsfähige Küche im Preis inbegriffen ist, haben wir es mit einer klassischen win-win-Situation zu tun (ganz im Gegensatz zu Pizza-Hut-Buffets, die nach langen Tagen auf dem Rad bestenfalls eine win-lose-Situation darstellen, bei der wir eindeutig als Sieger vom Tisch treten). 60 Eurodollar für die Gastgeber, eine für schweizerische Verhältnisse akzeptabel teure Herberge für uns und dazu die Option, durch das eigenständige Kochlöffelschwingen zumindest etwas Konsumverzicht auf schweizerischem Boden zu frönen und uns ganz nebenbei den Magen ordentlich vollzupfeffern. Was will man mehr? Ein Pizza Hut Buffet?

...Petit déjeuner am Wegesrande: Urlaub aus dem Bilderbuch.

Aber genug vom heutigen Nachtlager und etwas mehr vom heutigen Tage, der einmal wieder unheimlich viel

zu bieten hatte:

Nachdem wir die Frühstücksüberraschung am frühen Morgen verdaut – oder genauer genommen auch nicht verdaut – hatten (optional 2,90 Euro für einen Kaffee, ein Croissant und einen Lappen Brot: Nö, Danke > aber

was soll man auch erwarten, wenn schon über die sprachwissenschaftliche Herangehensweise offensichtlich sein

Grenzfluss zur Schweiz hinüber...& etwas eigentümlicher Tourist am Blickpunkt auf die Alpen:

 muss, dass ein „petit dejeuner“ Schrott sein muss), radelten wir hungrig und schnell nach Montbéliard, wo uns dann ein Supermarkt dem gelobten Frühstück näherbrachte. Geschmatzt wurde ziemlich Clochard-mäßig auf einem ameisenverseuchten Rasenstück zwischen Gewerbegebiet zur Rechten und Schnellstraße zur Linken, aber genau solche Szenen liebe ich ja auf einer jeden Tour…

Erfreulich flach sprinteten wir anschließend auf Maiche zu, erreichten jedoch zehn Kilometer vor dem Örtchen den ersten echten Anstieg des Tages (400 Höhenmeter), der uns gepaart mit netten dreißig Grädern ordentlich den Wind aus den Segeln nahm. Wenig überraschend fanden wir uns darum auch alsbald pausierend auf dem Dorfplatz von Maiche wieder, die verschwitzten Trikots baumelten auf der nahen Umzäunung einer kleinen Baustelle im Wind und Baguettekrümel säumten unser schattiges Flecken, in dem wir „oben ohne“ schnell die Blicke der vorbeieilenden Passanten auf uns zogen. Genau solche Szenen liebe ich ja auf einer jeden Tour…

Liebenswert waren heute auch die Beine – alle vier, denn sowohl Frank als auch ich strampelten ordentlich und verloren nur selten den Kontakt zum jeweils Vorausfahrenden. Auf den flachen Kilometern zwischen Montbéliard und Maiche konnte ich zwar Franks strammen Antritt nicht durchgehend folgen, auf den meisten Anstiegen war Frank dafür aber marginal langsamer. Unterm Strich ist das ja auch alles scheißegal. Schreckliche Leistungsdifferenzen wie noch zu Tourbeginn gab es jedoch glücklicherweise nicht mehr – vorbei scheinen sie also, die Tage, an denen mir nur noch EPO geholfen hätte (wobei, davon ausgehend, dass im Radsport ja pauschal jeder dopt: vielleicht ist Frank auch auf EPO und ich komme mir nur deshalb so mies vor, weil ich nicht bis oben hin voll mit Schmerzmitteln und EPO bin?).

Das absolute Highlight des Tages sollten aus meiner Sicht die letzten fünfzehn Kilometer nach La Chaux-de-Fonds werden. Kurz nachdem wir den unbemannten Grenzposten zur Schweiz überquerten – über eine Brücke, die dem neuseeländischen Lost World Highway entsprungen sein könnte (Link) – tauchten wir in den beinahe schon urwaldähnlichen Grenzlandstrich ein und kraxelten auf quasi unbefahrenen Straßen erneuert rund 450 Meter aus dem Tal hinaus. Vögel machten Krach, Frank erspähte ein Reh und ich fühlte mich nach dem Neuseeland-Flashback an der Brücke wieder in die letzten Kilometer vor dem bulgarischen Malko Tanarvo (Link) zurückversetzt, auch wenn ich dort nur einem plattgefahrenen Salamander auf dem Asphalt begegnet war. Auch dort kraxelten wir vom schwarzen Meer aus auf unbefahrenen, teilweise fast unbefahrbaren Straßen zur verschlafenen Grenzstadt empor, ein Aufstieg, der mitsamt seiner Ausblicke aufs bulgarische Hinterland zu den ganz wenigen Naturhighlights der nichtsdestotrotz fantastischen Istanbul-Odyssee zählt. Zugegebenermaßen, die Straßen waren heute einen Tacken besser und unsere Unterkunft ist auch weit von jener 3,50-Euro-Herberge in Malko entfernt, aber so macht Radfahren einfach Spaß!

Etwas schade war allerdings, dass der Himmel Stück für Stück zuzog. Zwar kam der große und böse graue Schleier gut für meine schwindenden Sonnenmilchvorräte und das im Gleichschritt dankbar fallende Temperaturniveau, vor allem, da es durchgehend trocken blieb, aber am Aussichtspunkt „Vue des Alpes“ hoch über dem Lac de Neuchatel angekommen war von Bergen am Horizont rein gar nichts zu sehen. Mosern dürfen wir aber rückblickend bislang gar nicht über das Wetter, denn viel besser als bislang hätte es nicht einmal theoretisch kommen können. Zwar klagen laut den stets für journalistische Extraklasse bekannten Nachrichten des Semischrott-TV-Senders RTL viele Deutsche Rostbratwürstchen auf Malle über mehr als dreißig Grad während der Nacht, finden in lauten Hotels neben Großbaustellen sowieso keine Ruhe oder müssen an Strandbistros vergammelnde Tapas in sich hineinstopfen, nur um dann nachher den halsabschneiderisch teuren Touristendokot aufsuchen zu müssen, aber mit unserem Fahrtwind macht zumindest mir das Ganze wenig aus. Und genau 22 Grad mit gleißendem Sonnenschein ohne jegliche schädliche UV-Strahlung bei gleichzeitig 47 km/h Rückenwind zu verlangen wäre auch etwas überzogen…

Aber schön.