Stage 5
Le Col du Bonhomme - Belfort
 108,61 Kilometer;  04:33:43 Stunden

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...solche...und solche: Urlaub 2006.

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

 

Und sie werden denken, dass wir schwul sind – „Ich habe das jetzt nicht so genau verstanden, aber irgendwie haben Sie kein Zimmer, wo wir beide mehr reinkönnen“, faselte Frank entnervt, als er von der Rezeption der Jugendherberge Belforts zurückkam und sich schon auf einem Zimmerchen mit „vier Franzköppen“ wähnte.

Schon die zugegebenermaßen etwas zähe Juckelei zur JH hatte ihn nur mäßig begeistert – nun auch noch kein vernünftiges Zimmer und schnell dürften weitere, im Vorfeld ungeplante, Jugendherbergsambitionen schlechte Karten haben. Schon die endlich einmal günstige Übernachtung dahinrinnen sehend kehrten wir dann als Paar, mit den Rädern unterm Arm, zur Reze zurück und konnten mit Händen, Füßen und Schmierzettelchen mühevoll herausfinden, dass es sowieso nur Einzelzimmer geben würde – für 12,90 Euro die Nacht und angeblich mit Frühstück inklusive. Zu gut um wahr zu sein? Zu gut um wahr zu sein!

Rue de Cretes.

Prima – prima für die Übernachtungspreisstatistik, mein Tourbudget und den gesegneten Nachtfrieden. Die Zimmer sind auch genial: Schreibtisch, Schrank, abgetrenntes Waschbecken (bzw. Behelfskühlschrank), Bett, Nachtisch und ein mäßiger Ausblick auf eine nicht wirklich sehenswerte Stadt: was will man mehr?

Unheimlich interessant und schön war auch die heutige Strecke. Unheimlich interessant deshalb, weil mich heute Abend alle Sportjournalisten steinigen würden, sofern sie denn überhaupt über unsere Tour schrieben. Nein, wir fahren kein Rennen, aber wie ich diesen Seiten schon oftmals anvertraute, schien mir Frank bislang durch meine schon beinahe chronische Pedalträgheit latent gereizt, womit – seit dem gestrigen Schlussanstieg

Peugeot drehte einen Werbespot, die Straße blieb gesperrt, die Kühe...

zum Col Du Bonhomme – nun allerdings erst einmal Schluss zu sein scheint. Übergangsweise zumindest. Zum ersten Mal hatte ich heute einen ganzen Tag lang Kraft in den Beinen, konnte schwungvoll und problemlos treten und war wie in den vergangenen zwei Jahren derjenige, der an Weggabelungen auf den anderen warten musste (durfte – gegen Pausen habe ich nie etwas einzuwenden, gegen regelmäßige Pausen erst Recht nicht). Prompt resümierte Frank dann am Ende des Tages, dass die Tour 06 auch langsam an seine Substanz gehen würde, verdrückte scheinbar entkräftet unterwegs etwas von seinem höchst ekelhaften Kraftgel und plädierte sogar dafür, heute nach der grandiosen 800 Höhenmeter-Abfahrt vom Grand Gallon auf einen möglichen Schlussanstieg (weiter 400 Höhenmeter, die sich jedoch umfahren ließen) zu verzichten. Mir war es mehr als nur Recht, zitterten mir die Beine oben am 1300 Meter hohen Ballon doch schon etwas unangenehm. Aber was sind schon zitternde Beine, wenn das Knie ruhig bleibt? Unter normalen Umständen müsste ich immer derjenige sein, der auf Versimpelungen der Strecke pocht, während Frank vehement für jeden Höhenmeter kämpft – aber kaum kehren sich die Kräfteverhältnisse auf der Strecke um, ändern sich auch die Ambitionen im Fahrerlager. „Noch einmal richtig abkotzen“ oder so ähnlich war ja auch Franks großes Tourmotto. Die Tour scheint ein Erfolg zu werden!

Höhenmeter gab es heute auch trotz der unterlassenen Meter am Ende einmal wieder jede Menge – allein schon durch die wirklich fantastisch-empfehlenswerte Route du Crete, eine Gratstraße die wir vom Col Du Bonhomme bis zur Abfahrt vom Grand Ballon verfolgten und die uns fantastische Rundumblicke ermöglichte – zumindest von ausgewählten, aber auch nicht immer direkt am Weg liegenden, Aussichtspunkten.

Es gab einfach viel zu sehen. Das Auge weidete sich an tiefen Tälern, blauen Bergseen und dem strahlend blauen Himmel. Und die Kraft war da. Und blieb. Ganz ehrlich hängt auch der Spaß an einer Radtour fundamental davon ab, was man in die Pedale gestampft bekommt. Andauernd mit wenig Umdrehungen im tiefsten Gang dem kleiner werdenden Trikot von Frank hinterher zu hecheln führt einen zwar auch von A nach B, ist aber weder wirklich kraftschonend noch unendlich unterhaltsam. Auch im Sinne der Gesamttour hoffe ich inständig, dass ich von nun an „konkurrenzfähig“ bin und heute nicht nur ein kurzes Strohfeuer entfachte. Aber wir werden es sehen – noch sind wir ja eher am Anfang unseres großen Vorhabens 2006.

Sehen sollte uns auch unser Gastgeber der letzten Nacht, der uns nicht nur einen Wolfshunger beim Frühstück zuschrieb (wir hatten ihn gewarnt – richtig Frühstück oder gar nicht, da er 6,50 Euro dafür haben wollte),

In jeder Herberge inklusive: Der Mülleimer-O-Kühlschrank.

 sondern auf meine Frage, wo denn die Jugendherberge von Belfort liegt nur erwiderte, dass wir es heuer bis

 dorthin eh nicht schaffen würden. Gemach – nicht sofort Steine auf die Ungläubigen – denn er wähnte uns sicherlich jeden Pass mitnehmend – aber doch die Steine, volle Möhre und mehr davon – denn auch mit den unterschlagenen 400 Höhenmetern am Ende hätten wir es sicherlich irgendwann geschafft. Ich zumindest, aber ich denke, auch „ich könnte auch gleich das Plakat fressen“-Frank (an einem McDonalds-Werbeplakat vor Belfort), hätte es, ordentlich schwules Powergel lutschend, geschafft. „Wenn ihr das schafft, könnt ihr euch auch nächstes Jahr für die Tour einschreiben“ meinte der Ungläubige auch noch, aber mir dämmert, dass ein Schnitt von 23.5 km/h zwar gut, aber noch lange nicht gut genug ist. Andererseits – weiß man denn überhaupt was die professionellen Radspacken fahren würden, wenn sie nicht bis zur Kinnlade voller Pharmazeutika gestopft würden und keinen Rucksack dabei hätten?

Nachtrag: der „Giant“ von Quickburger entlarvte sich als eine 3,85 Euro (!!) teure Version des klassischen Cheesburgers mit etwas gammeligen Salat und einem Extrastück Totem. Finger weg! Zwei Cheesburger futtern!

...unterwegs auf der Rue de Crete...und somit auf dem Weg zum abendlichen Atombombentest in Belfort.