Stage 4
Urmatt - Le Col du Bonhomme
 98,57 Kilometer;  05:23:50 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Wer 86 kann, kann auch 96“ „Aber 10 sind nicht gleich 10“
Fachsimpelei im Fahrerlager

Ein Tag nur Berg und Tal – und aufgehört wurde, als man am höchsten war (949 Meter über dem Meer;

Toller Asphalt am Col du Donon:  Souvenirs inklusive.

aktueller Stand 2006, weitere Klimaveränderungen nicht berücksichtigt): Le Col Du Bonhomme sollte eigentlich Teil der morgigen Etappe sein, sozusagen erste Zwischenstation nach einem schwierigen Anfangsanstieg –

Grand déjeneur beim Intermarché.

dann allerdings von St. Marie aux Mines herkommend und nicht aus Fraize,

 wie jetzt geschehen. Noch Fragen? Gut.

Im Angesicht unseres Luxusproblems der zu kurzen Etappenführung (das ich das noch einmal schreiben würde, wenngleich ich es auch nicht durchgehend dachte) nach St. Marie entschieden wir uns im Anschluss an ein exquisites do-it-yourself-Frühstück vor den Türen des Intermarché von Schirmeck den nahen, aber nun gar nicht optimal situierten, Col du Donon zu erklimmen – ein kleiner Umweg in Kombination mit überflüssigen Höhenmetern. Frank brannte allerdings förmlich darauf und ich ergab mich lethargisch meinem Schicksal. Mensch und Tier unterscheiden sich hauptsächlich darin, dass instinktgetriebene Tiere selten Kraft für überflüssige Anstrengungen aufwenden. Fazit: Menschen, vor allem wir am heutigen Morgen, sind dumme Tiere. Kein Wunder, dass wir den Planeten

Col hier, Col da, Col dort: Radeln in Ostfriesland ist etwas anderes.

 auch ohne Mithilfe von Meteorit temporär kaputt kriegen.

Für mich mag erklimmen sogar noch etwas übertrieben klingen, da es ein irgendwie positiv beladener Begriff ist. Ehrlich gesagt rackerte ich mich eher extrem unmotiviert über den keinesfalls notwendigen Pass, lullte dann durch die nett anzuschauenden Gipfelwälder bis nach Senones und haderte schließlich an der

 Dorfkirche mit dem Schicksal. Der Rucksack zwickte, die Performance war unter aller Sau, die Stimmung zwischen Frank und mir bestenfalls „so-so“, der Hintern war weit von optimal entfernt und das allgemeine Motivationsbarometer nur knapp über dem absoluten Nullpunkt. War ich auf bisherigen Radtouren auch schon einmal dermaßen lustlos und ständig willens, das Rad in den Acker zu pfeffern?

Andauernd ging mir auch Neuseeland durch den Kopf, vor allem jene „freien“ Touren, auf denen ich mehr oder weniger unstrukturiert und ungeplant die Nord- und Südinsel erkundete und oftmals nicht mehr als eine Etappe im Voraus plante. Hier und heute ist alles natürlich ganz anders – ein strammhartes Programm muss gemeistert werden, jawohl Sir, an Tag X optimalerweise Punkt Y passiert werden und Zeit für Ruhetage gibt es selbstredend keine. Und selbst wenn man sie hätte, gäbe es höchstwahrscheinlich Differenzen über das „wo“ und „wie“. Generalstabsmäßig sind die Etappen im Voraus geplant. Marsch Voraus!

Natürlich hat das Ganze auch Vorteile - ist aber zwangsweise nicht absolut entspannend und mir schwant, dass man ganz ohne jeglichen Zeitdruck vielleicht nicht wesentlich weniger an absoluter Strecke radeln würde, es allerdings wesentlich netter empfinden würde. Wenn das Ziel zum Ziel wird, verliert man zwangsweise den Weg aus den Augen. Man könnte auch fliegen. So wie im glorifizierten Land - ein Hoch auf die verblendenden Erinnerungen - einfach mal einen Tag Golf spielen dürfte nun kaum machbar sein. Keine Ahnung ob man hier bei den Franzköppen dafür eine zertifizierte Platzreife brauchen würde oder nicht – Green Fees von attraktiven 89 Euro pro Person wie im Werbeflyer des Golfplatzes von Bitche verbieten jegliche Golfambitionen sowieso im Vornherein. Schade eigentlich…

Nun gut – dort saß ich nun also an der Kirche, schloss die Augen, schwieg, hörte keine Stimme Gottes leise zu

Elend am Wegesrand.

mir flüstern und sah mein Rad im Acker. Nett sah es aus. Vielleicht ging es mir auf anderen Touren auch schon

so, keine Ahnung, aber als die Motivation nach der langen Pause in Senones sowieso kaum mehr vorhanden war, kam es auf dem holprigen Pflaster des Kirchenvorplatzes knüppeldick: Einmal wieder war mein Hinterrad plötzlich platt. Freude. Kann vorkommen – sollte aber auch bei einem schnittigen Rennrad nicht andauernd passieren, schon gar nicht zum zweiten Mal an drei Tagen oder zum insgesamt fünften Mal im laufenden Jahr. Frank war schon losgebraust und kam irgendwann total genervt dreinblickend zurück – einmal wieder tauchen die Worte „Frank“ und „genervt“ in direkter Tagebuchnachbarschaft auf. Was sollte

 man noch sagen? Ich wäre am liebsten im Boden versunken und im Bett in Oldenburg aufgewacht, aber auf das anstehende Flicken hatte ich einfach keine Böcke…

Es war einfach alles zum Kotzen, aber glücklicherweise schien der Reifen mit etwas Luft vorerst zu halten. Natürlich hielt der Reifen dann nicht ewig, aber immerhin rund fünfzehn Kilometer weit, bevor die armselige Flickerei am Straßenrand begann, Frank sich wieder über meine mangelnden Flickkünste monierte und mir das Wasser bis zum Hals stand. Wo war die Reset-Taste? Schluss, aus, vorbei!

Glücklicherweise wandelte sich das Blatt nach meinem letztlich dann doch geglückten Reparaturversuch kontinuierlich, denn irgendwie kam ich langsam immer besser in den Tritt und („der Bernt hat heute ganz gut gefahren, er hatte zwischendurch mal einen mentalen Durchhänger, da er `nen Platten hatte, aber gegen Ende gab es dann kein Halten mehr“ – Frank gerade am Telefon mit Natascha) war dann auch endlich einmal trittfest genug um den letzten und eigentlich ungeplanten Anstieg von Fraize bis zum abendlichen Col (400 hm auf neun Kilometern) voll zu treten. Und vor Frank ins Ziel zu rollen. Vor Frank? Vielleicht hatte er absichtlich etwas das Tempo rausgenommen um mich wieder mental aufzubauen, aber ich denke auch, dass er heilfroh war, mich endlich etwas schneller radelnd gesehen zu haben. Ich möchte mich jetzt zwar noch nicht im plötzlichen Stimmungshoch deklarieren, aber die zurückliegende zweite Tageshälfte war nicht nur topographisch ein stetiges Bergauf, sondern auch bezüglich meiner allgemeinen Stimmung. Ein weiteres gutes Omen könnte sein, dass ich den Münzentscheid um das große Bett in unserem recht gemütlichen Zimmer für mich entschied. We shall see…

Weiter so, genug mit der Scheiße…

Abendimpressionen vom Col du Bonhomme.