Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
( bernty@gmx.com
)
„Ich
glaube, ich habe heute abgenommen“
Und wieder ein Elfer für Zidane – aber was passiert mit Frankreich? Haben die Franzosen während der WM nicht zur eigenen Fahne gefunden? Ja, wo ist sie denn? Keine Frage: Nur wenige Tricolores säumten heute den Wegesrand, heute, am Tag des großen Finalspiels. Und selbst jetzt – während des zu erwartenden Liebesspiels einer ganzen Nation mit ihren Kriegern der Gegenwart, rauschen draußen pausenlos die Voitures vorbei, unten im Restaurant futtern gut ein Dutzend Nasen munter vor sich hin (ohne Fernseher) und Barthez streckt gerade erfreut seine Hände zum Berliner Firmament. Zumindest können jetzt, 1:0 steht es nach dem verwandelten Strafstoß in der siebten Minuten, nicht mehr beide Teams Beton anrühren. Vielleicht ein Segen für das Spiel…
Ein Segen war auch das Wetter heute: trocken, zwanzig bis sechsundzwanzig Grad, etwas Sonne und, als I-Tüpfelchen, kaum Wind – kurzum: optimale Bedingungen für unseren Urlaub der etwas anderen Art. Etwas problematisch war hingegen die Strecke (wesentlich mehr steile Segmente) und die Nahrungsversorgung, da Sonntags zumindest in den von uns bevorzugten Gefilden eigentlich alles dicht ist und es sich auszahlte, vom Frühstücksbuffet noch ein halbes Baguette und ein paar Croissants dabei zu haben. Eichhörncheninstinkte waren einmal wieder Gold wert. Glück hatte – wo wir schon bei den Fressalien sind – auch Frank mit seinen gestern aufs Zimmer gelieferten Pommes: in Anbetracht der eher stolzen Preise im Hotelrestaurant unkte ich bereits über eine sicherlich gepfefferte Rechnung fürs fettige Vergnügen (ein Hinweis, den er dann gleich in die „egal“-Schublade verfrachtete und pommesstopfend unseren Kampf um Platz drei genoss), konnte jedoch wohl kaum damit rechnen, dass man einfach vergessen würde, die fette Kalorienbombe auf unsere Zimmerrechnung zu setzen. Ich hätte mir doch noch einen guten Wein bestellen sollen…Mist! Opportunistisch wie Frank nun einmal ist, wies er das freundliche Personal auch nicht auf das kleine Versehen hin – aber bevor ich den bösen Moralapostel spiele, beiße ich besser noch einmal in mein geklautes Baguette…
In
Anbetracht meiner nach wie vor alles andere als optimalen Form begann Frank
heute Früh sogar offiziell bei meiner Freundin Beschwerde einzureichen, denn
der „aktuelle Bernt“ gleicht dem „Neuseeland-Bernt“, noch vor wenigen
Monaten pfeilschnell durch die Weiten eines der schönsten Länder der Welt
flitzend, überhaupt nicht. „So habe ich dich nicht abgegeben“, tönte es
deshalb heute Früh, denn „normalerweise erwartet man, dass man etwas so zurückbekommt,
wie man es zuvor abgegeben hat“. Tja, Pech gehabt…aber wer von uns beiden
ist hier derjenige mit dem Pech? Sowieso – hatte Frank sich meiner Form anders vorgestellt? Schon in diversen E-Mails verwies ich auf mögliche Komplikationen und auf unserer Vorbereitungstour war ich auch alles andere als ein Landis, wobei man bei dem ja auch nicht wissen kann, wie er ohne ihm natürlich unbekannte Hilfsmittel von A nach B
kommen
würde. Sicherlich liefen Frank schon kalte Schauer den Rücken hinunter, als
ich in seiner Bude vor der Tour nur magere 75 Kilo auf die Waage brachte, aber
noch rolle ich – und darauf kommt es momentan an. Zweifelsohne thronte das Thema der „Form“ heute über jeglichen Kommunikationsversuchen zwischen uns beiden. Knapp resümierend wurde insgesamt auch nicht furchtbar viel kommuniziert. Insgesamt bin ich, Respekt vor der eigenen Leistung, die Tour überhaupt fahren zu können hin oder her, etwas enttäuscht wie riesengroß die Leistungskluft zwischen uns beiden doch scheint. 2000 Kilometer Vorbereitung sind eine Menge Holz, aber das ewige norddeutsche Flachland mit seinem recht monotonen Fahrtrhythmus (man unterschätze jedoch nie den Wind) bereitet kaum auf unzählige Anstiege und rund 1500 Höhenmeter – jeden Tag – vor. Folgerichtigerweise krepiere ich regelmäßig am Berg, mache mir berechtigte Sorgen bezüglich der noch ausstehenden Pässe und fürchte, dass Frank das ständige Warten latent nervt – oder noch mehr nerven wird; dann vielleicht auch nicht mehr latent. Zwar meinte er heute auch noch, dass meine „Formkrisenwahrnehmung“ recht subjektiv sei, da von uns vor drei oder vier Jahren sowieso niemand diese Tour geschafft hätte, aber manchmal fühle ich mich halt doch wie der Bremsklotz wider Willen. Kurzum: der Spaß bleibt oft auf der Strecke. Auch ist mir vollkommen der anstachelnde Ehrgeiz vergangener Zeiten abhanden gekommen: der Weg wird weniger zum eigentlichen Ziel, das Ziel mehr und mehr zum wirklichen Ziel und die Zeit (im Sinne der wettkampfbetonten, reinen Fahrtzeit) ist mir vollkommen Latte. Frankreich wird übrigens doch nicht Weltmeister, Zidane beendet seine Karriere
unrühmlich
und der nächtliche Jubel und Trubel im Dorf wird wohl ausbleiben. Doch kein
Treckerkorso. Gut für unsere Nachtruhe, aber witzig hätte es schon werden können.
Ein Hoch auf die Spaghetti! Pech provoziert man auch als Todesritter in schwarz – von denen gab es
nämlich
heute auch wieder jede Menge. Gemeint sind jene Mitmenschen, die sich todesmutig
auf ihren motorgetriebenen Zweirädern durch die Welt tragen lassen, oftmals
vollkommen gleichgültig gegenüber Geschwindigkeitsbegrenzungen und allgemeiner
Vernunft jedem toten Winkel strotzen und von denen auch ein schnittiger
Vertreter heute nur haarscharf mein Hinterrad verfehlte, als er mit geschätzten
125 km/h eine schwer einsehbare Rechtskurve passierte. Normal – aber noch gut
habe ich jenen Motorradfahrer vor Augen, der mich auf einem meiner
wochenendlichen Ausritte in der Umgebung Wellingtons im ähnlich
„sportlichen“ Stil überholte. Kurze Zeit später überholte mich dann ein
Rettungswagen, den ich dann neben den etwas verformten Überresten des nun im
Wiederverkaufswert deutlich reduzierten Eisenpferdes wiederfand. Der Fahrer? Nun
gut, Leitplanke, Abhang und so weiter…
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