Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke
( bernty@gmx.com
) „Die Deutschen haben den Weg zur Fahne zurückgefunden“ - ZDF
„Stuttgart
ist viel schöner als Berlin“ skandieren die Fans im Stuttgarter Rund und wir
verzichten erschöpft darauf beim „Steht auf, wenn ihr Deutsche seit…“
mitzumachen: Deutschland
spielt im „kleinen“ Finale gegen Portugals Auswahl um Volksheld Figo herum,
der heute sein Karriereende feiern wird – ebenso wie vielleicht Oliver Kahn,
der von Lehmann noch das letzte Spiel der Weltmeisterschaft auf heimischen Boden
geschenkt bekommt. Eine von teaminterner Harmonie zeugende Geste der Extraklasse
am Ende eines grandiosen Turniers – wenngleich man auch davon ausgehen kann,
dass die Idee nicht zwangsweise von Jens selber kam, sondern Top-down angeregt
wurde, um gerade jede Harmonie und auch Dankbarkeit an den fleißigen und
kritikarmen Ersatzmann nach außen zu projizieren. Musste man noch vor etwa einem Monat zu Recht fürchten, dass die Welt zu Gast bei Schlägern sein würde, fand sich jene dann doch überwiegend bei Freunden wieder – Freunde, die auch ihre lange versteckte Freundschaft zu sich selbst erstmals seit 1945 völlig unbefangen wiederfanden. Deutschland ist mit sich selbst im Reinen – und auch mit Nationaltrainer Klinsmann. Nach anfänglicher Kritik an seiner verständlichen
Vorliebe
für die anonymisierenden Strände Kalifornierns, auch im direkten Vorfeld der
WM, soll dieser nun mittels der größten Unterschriftenaktion aller Zeiten
(Initiator: Bild-Zeitung) zum Verbleib bis 2010 bewegt werden. Mal so, mal so. Hüh.
Hott. Für ihn wäre es allerdings am Besten, am potentiellen Zenit des Erfolgs
abzutreten. Was, wenn die EM-Qualifikation missglückt, er wieder meistens in
Los Angeles verweilt und die gerade überstandene Kritik wieder hochkommt? Nein
Klinsi, hau besser ab. Sonne. Strand. Bessere Wahl. „Deutschland Deutschland“ skandieren sie wieder. Alle werden jubeln, genauso wie die plötzlich Schröder-mäßig TV-präsente Angie jubelnd ins Bild kommt und ich hoffe, dass die höchst attraktive Anfangsphase des Spiels noch in einer torreichen Auseinandersetzung enden wird. Vielleicht kann Fußball ausnahmsweise auch mal richtig Spaß machen, wenn es „nur“ noch um Rang drei geht. So fanfreundlich und feierlich die Spiele bisher auch waren – wirklich unterhaltsam waren die sportlichen Vorführungen nur selten und seit den Ausscheidungsspielen eigentlich gar nicht mehr. Die ganze Welt neutralisiert sich im
kompakt-defensiven
Standardfußball selbst. Für Frankreich und Italien im Finale erwarte ich
morgen nichts anderes als ein null zu ziemlich genau null – und selbst wenn es
nicht die Hoffnung auf das Elfmeterschießen am Ende von 120 Minuten Rasenschach
gäbe, würde niemand probieren, wirklich ein Tor zu schießen. Stattdessen würde
im mittlerweile globalisierten Weltfußball 2007 jeder diszipliniert (und
„hart arbeitend“) auf den entscheidenden Fehler des anderen hoffen – oder
zumindest darauf, dass die gegnerische Mannschaft nach ein paar Stunden am Ende
der Kräfte ist und endlich wenigstens dann eben jener herbeigesehnter Fehler
passieren würde. Ach
genau, eine Radtour gab es heute ja auch noch. Zuerst einmal ein Rekord: 1688 Höhenmeter
sind 22 mehr als noch auf dem Weg nach „Le Bons Bay“ (Link),
auch wenn es dort spektakulärer war und weniger Verkehr zu bemäkeln gab. Hässlich
war es heute aber auch nicht – und vor allem die einsamen Straßen vor und
nach der Überquerung der französischen Grenze waren herrlich, vor allem, da
die Abendsonne die schönsten Farben des Tages aus der Landschaft hervorlockte. Der
heutige Start, rund um zehn Uhr, war noch ein ordentlicher Krampf. Mein rechtes
Knie war bestenfalls „kritisch“ und eine Regenpause vor Morbach kam als
erste Gelegenheit zur dringend benötigten Entspannung. Frank, etwas schneller
als ich, wartete im relativen Luxus eines Supermarkteingangs in Morbach – ich
hingegen schob mein Rad fluchend in ein Waldstück hinein und hockte feuchtfröhlich
im Schutz einiger Bäume. Aber nicht nur das Knie sollte heute murren – ebenso
mein Reifen, denn um zwölf Uhr, am Ende der Regenpause in Morbach, machte mein
Hinterreifen am Ortsausgang schlapp. Zum Glück fand sich jedoch relativ schnell ein Fahrradgeschäft. Frank war zwar ordentlich genervt, vor allem, da wir etwas auf die neuen Schläuche sowohl vorne als auch hinten warten mussten, aber im Angesicht der höheren Gewalt schoss sein Frust auch ins Nichts. Sowieso hatte ich begonnen, die Tour etwas „an mich zu reißen“. „Reclaiming the tour“ steht hier als Stichwort im Tagebuch, welches ich gerade abschreibe, und als Denkstütze sollte es mich daran erinnern, dass ich während des brachialen Regenschauers im Wald hockend zum ersten Mal wirklich das Kartenmaterial der Tour studierte und mich auf Franks Vorhaben mental einließ: bislang hatte ich dies tunlichst vermieden, da ich mich schon im Vorfeld der Tour nie wirklich für das Vorhaben begeistern konnte. Zu tief saßen die Zweifel bezüglich meiner Tourtauglichkeit – vor allem für einen ambitionierten Alpencross.
Während
der Zwangspause in Morbach fand ich mich dann auch relativ bald im Copyshop und
kopierte erst einmal sämtliche Karten der ersten Tourhälfte, um fortan über
jeden Meter mit entscheiden zu können – und nicht im Falle eines Davoneilens
des Herrn Schumachers orientierungslos im Nichts zu landen. Schließlich – einige Zeit war vergangen – waren die Karten kopiert, das Rad repariert und ein paar Kilometer gestrampelt. 66 genau an der Zahl, als mich die Lust nach einer Pause überkam. Der Tag zog sich – die Strecke
elendig
weit, die Form fern der Bestform und so weiter. Kurzum: der Grundstein des
ersten kleinen Streites war gelegt. „Du willst aber jetzt nicht eine Stunde
Pause machen?“, wollte Frank gleich wissen, als ich mein Vorhaben verkündete,
eine kurze Siesta einzulegen, zu futtern und das Knie zu entlasten. Doch –
genau das wollte ich, denn schließlich bin ich im Urlaub. Eine Stunde? Gerne!
Wer Hammeretappen plant und mit nicht-fitten Mitstreitern an feuchtfröhlichen
Tagen verreist muss auch Pausenwünsche respektieren. Aber
Ende gut, alles gut. Das Knie überstand den Tag, nach der etwas längeren Pause
kamen wir gut ins Rollen und der Abend - mitsamt Sonnenuntergang - war klasse.
Ebenfalls klasse war unsere Ankunft im Ausland: irgendwie fühlt man sich doch
etwas mehr im Urlaub, wenn der typische native speaker kein Deutsch mehr spricht
und man erst einmal nur Bahnhof versteht, was aber auch daran liegt, dass man im
Französischunterricht die Blickrichtung Fenster meist der Blickrichtung Tafel
vorzog. Damals war das cool; im Nachhinein saudumm.
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