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Stage 16 |
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| Bellinzona-
Chur |
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127,64 Kilometer; 06:14:14 Stunden |

Tagebuch während der
Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de)

Chur,
drei Jahre später. Ich sitze wieder auf genau demselben Platz wie 2003, nachdem
ich meine Solo-Tour durch die Schweizer Alpen beendet hatte. Mag es einfach die
günstigste Verkehrsverbindung zurück nach Deutschland sein, oder hat mich nach
Bernts Verlust das Unterbewusstsein einfach auf vertraute Pfade getrieben?
Ich habe mal gehört, das Chicago die „Stadt der
Winde“ genannt wird. Wenn das stimmen sollte, ist Chur sozusagen das Chicago
der Schweiz. Hatte ich bei der Abfahrt vom St. Bernhardino noch kräftigen
Rückenwind,
blies es mir spätestens hinter Thusis voll ins Gesicht. Und ich rede von einem
Wind, bei dem sich Dächer losreißen und alte Omas durch die Luft fliegen!
Halb so wild, dachte ich unterwegs noch, spätestens
im Rheintal macht die Straße ja eine 90°-Knick nach rechts, und ich müsste
aus dem Gröbsten raus sein. Dummerweise machte der Wind diesen Knick fast eins
zu eins mit, so dass ich die letzten 25 Kilometer halb fluchend, halb lachend,
halb verzweifelt abkotzte (ja, das sind zusammen 150% Gefühle oder auch einfach
nur 100%iger Wahnsinn). Der Zeitfahrlenker wurde mal wieder mein bester Freund,
bis mich die ersten Churer Häuser gnädigerweise aus dem Wind nahmen. Die Suche
nach einem schönen Hotel verlief erfolgreich, und als Belohnung für einen
hammerharten letzten Tag gab es dann noch ein Riesenportion Nudelsalat aus dem
Supermarkt, begleitet von einem großen Eimer Joghurt und lecker Schokolade.
Die Tour ist somit weitgehend durch, die morgigen
95 Kilometer in Richtung Bodensee verlaufen weitgehend flach bis leicht
abfallend und sollten (günstige Winde vorausgesetzt) kein großes Problem
darstellen.
Sicherheitshalber plane ich einen frühen Aufbruch, da mir die
hiesige Hotelfachfrau am Empfang gesteckt hat, dass es morgens wohl selten so
windig sei wie nachmittags (ob das in Chicago auch so ist?).
Internetzugang
und ein großes Glas mit Eiswürfeln (für die Cola) gab es im „Hotel 3 Könige“
übrigens „für ümme“, somit müssen hier ganz klar ein dickes Lob und eine
Empfehlung ausgesprochen werden. Knapp auf dem zweiten Platz landet hingegen der
Concierge der 4-Sterne-Herberge, den ich eigentlich nur nach einer Jugi gefragt
hatte (es gibt im Ort leider keine). Auf meine Bemerkung, dass ich mir die
Zimmer in seinem Etablissement wohl kaum leisten könne, versicherte er mir
glaubhaft, er würde mir als Radtourist schon „eine Offerte“ machen wollen,
sei aber leider bis auf das letzt Zimmer ausgebucht.
Der Tag fand somit ein beruhigendes Ende, auch wenn
es ganz zu Anfang nicht danach ausgesehen hatte. Erst
gab es eine quälend lange
Anfahrt zum Pass hin (ca. 30km, deren stetige und leichte Steigung
kontinuierlich an mir nagte), dann ging es aber auch gleich wieder mit 10%+ zur
Sache! Mir ging es echt übel, auch nach zwei Aspirin hätte ich mich im
vorbeiziehenden Postbus sicherlich wohler gefühlt als auf der Straße. Nach dem
ersten Drittel der Steigung kam ich besser ins Spiel, endlich gab es auch wieder
Serpentinen, und das schwindende Verkehrsaufkommen (auch hier verläuft die
Autobahn parallel) trug auch einiges zur steigenden Stimmung bei. Auf 1.600
Metern gab es dann eine kurze Mittagspause in St. Bernhardino (so heißt auch
der Ort unterhalb des gleichnamigen Passes), wobei ich mich auch meines komplett
durchgeschwitzten Radanzuges entledigte (nein, kein Nacktsonnen, ich hatte mir
schon noch eine andere Hose angezogen). Die restlich Fahrt zum Pass hoch verlief
dann wie im Traum, die Steilheit der Serpentinen ließ spürbar nach und
schwankte zischen 5% und 8%, und ziemlich bald nahm ich den letzten, ziemlich
flachen Kilometer am Gipfelsee in Angriff. Auf der Passhöhe selbst herrschte
mal wieder ein gnadeloses Tourifieber der allerletzten Sorte, ich werde nie
verstehen wie man sich als Badeschlappen und Bermudashorts tragende Halbglatze
mit der Kippe in der Hand breitbäuchig zum Erinnerungsfoto neben dass
Passschild stellen kann, obwohl man wenig mehr für den Aufstieg getan hat als
an der Servolenkung herumzukurbeln. Die Typen wirken dann auch immer so lässig,
als hätten sie gerade eine Mondlandung im Blindflug hingelegt, anstatt einfach
nur ihre Sippschaft im Sharan hier den Berg hinaufgekarrt zu haben. Wenn es denn
wenigstens noch ein nettes Familienbild wäre – aber nein, Papi macht den
Entertainer, der Rest hat zu knipsen und zu schweigen, und wäre am liebsten
wahrscheinlich auch am Pool, am Strand oder shoppen.
Die
darauf folgende Abfahrt macht zunächst ganz und gar nicht Spaß, da man
ziemlich schnell 400hm in recht engen und dicht aufeinander folgenden
Serpentinen verliert. An Speed ist hier nicht zu denken, schon gar nicht, wenn
man ganz TdF-unlike nur eine Spur zur Verfügung hat. Die tolle Aussicht auf das
Rheintal entschädigt aber zumindest teilweise.
Richtig
spaßig wird es dann in dem Teil, den ich ja schon aus 2003 kenne, nämlich vom
Dorf Splügen aus weiter abwärts. Ständig rast man parallel zur Autobahn
dahin, auch beim zweiten Mal ist der Abschnitt absolut sehens- und fahrenswert.