Stage 15
Oberwald- Bellinzona
108,18 Kilometer;  04:50:01 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Frank Schumacher (schumi14@web.de

So, erst mal vorab: Heute fiel die Entscheidung, Rückmarsch am Mittwochmittag von Lindau aus, Zug und Fahrradreservierung ging

en heute per Handy raus. Ganz abgesehen davon, dass ich nach dem morgigen St-Bernhardino-Pass nur noch bereits bekanntes Gebiet noch mal beackern könnte (Albula-Pass, St. Moritz etc.), ist langsam die Luft wirklich raus.  

Das zeigte sich heute morgen schon sehr deutlich am Nufenenpass, der wegen seiner Durchschnittssteigung von ca. 9% durchaus zu den härtesten Brocken gezählt werden darf. Nach zwei, drei harten Kehren gleich zu Beginn geht es erstmal eine endlos lange Gerade den Hang entlang, allerdings ohne ein spürbares Nachlassen der Steigung auf diesem Stück. Lange, steile Geraden kann ich prinzipiell sowieso nur als Abfahrt leiden, in der anderen Richtung habe ich immer das Gefühl, ich käme kaum vom Fleck und würde nur auf der Stelle treten. So war ich richtig erleichtert, als nach knapp sechs Kilometern endlich die zweite Hälfte des Anstiegs begann. Ab dort gibt es nämlich nur noch Kehren, Kehren, Kehren! Bei all dem Hochgeschraube finde ich aber immer noch die Zeit, ca. 1km unterhalb der Passhöhe rechts abzubiegen und einen kleinen Abstecher zu der Staumauer zu machen, deren Anblick mich schon den ganzen Weg lang von unten begleitet hat. Ohne großen Höhengewinn oder –verlust kann man hier nach ca. einem Kilometer dürftig asphaltierter Straße zu einem Gletschersee kommen, ein Umweg; der sich aufgrund der kargen und bizarren Mondlandschaft wirklich lohnt. Glücklicherweise ist außer mir weit und breit niemand zu sehen, ich mache es mir also auf den Steinen gemütlich und döse in der Sonne. Dazu gibt es eiskaltes Wasser aus einem der vielen Zuflüsse, Freßkram aus dem Rucksack, und ich genieße ein einsames Picknick in etwa 2.300 Metern Höhe.

Zurück auf der Hauptstraße gehe ich locker die verbliebenen 150 Höhenmeter an und stoße bald auf das genaue Gegenteil meines einsamen Rastplatzes: Ausflugscafe, Touribusse, drei Durtzend Motorräder: So sieht die Passhöhe aus, das volle Programm! Nur ein kurzer Aufenthalt, dann geht es weiter ab in rasanter Fahrt, jetzt in Richtung Süden.

Die Abfahrt macht zunächst mächtig Freude, ab Airolo weicht die unangenehme Plattenstraße denn auch einem vernünftigen Aspahlt, zudem gibt es zur nur noch leicht abfallenden Straße einen kräftigen Rückenwind geschenkt – 50 km/h ohne dabei treten zu müssen, das macht Laune! Das Tal selbst ist auch nicht schlecht anzusehen, wird aber immer wieder durch die parallel verlaufende Gottard-Autobahn verschandelt. Man sollte da aber auch locker bleiben, schließlich ist dadurch auf der Landstraße auch weniger Verkehr.

30 Kilometer vor Bellinzona wird es allerdings problematisch, da sich Rückenwind und Gefälle plötzlich verflüchtigen. Stattdessen schickt sich ein unangenehm heißer Wind an, in einem fort talaufwärts zu blasen. Aus ist es mit dem gemütliche Rollen, ich muss kräftig treten um wenigstens knappe 20 km/h zu erreichen, die Temperaturanzeige am Bordcomputer zeigt derweil lauschige 41° Grad! Der Wind fühlt sich in etwa so an, als habe man sich zu Hause vor den Heimtrainer noch einen 2500-Watt-Föhn auf den Lenker montiert. Frisch gezapftes Quellwasser vom Dorfbrunnen hat nach etwa zehn Minuten in meinen Trinkflaschen eine Temperatur zum Eierabschrecken, so dass ich am nächsten Brunnen praktischerweise gleich den ganzen Kopf inklusive Helm in den Bottich stecke. Kurz vor dem Eintauchen glaube ich, ein Zischen bemerkt zu haben, aber das kann natürlich auch Einbildung gewesen sein. Nach fünf Minuten ist natürlich alles wieder trocken, mit Ausnahme von frisch hinzugekommenem Schweiß – wie mag sich wohl eine Dörrpflaume fühlen?

Knapp drei Kilometer vor der Stadtgrenze von Bellinzona sehe ich von einer Brücke aus Menschen in einem darunter liegenden Fluss baden. Jetzt reicht’s aber! Rechts ab und schnell ein Stückchen zurückgefahren, alles runter bis auf die Fahrradhose, und dann ab in die Fluten. Das tut gut! Scheißegal wenn alle glotzen, das musste jetzt sein! Praktischerweise ist der Fluß nicht sehr tief, so dass man sich gleich auf dem Rücken mitten in die Strömung legen kann. Frisch gekühlt radle ich die letzten Meter und checke in der örtliche Jugi ein. Nach einer weiteren Erfrischung (diesmal allerdings unter einer handelsüblichen Dusche und unter Zuhilfenahme von ein paar Litern Duschgel) fühle ich mich stadtfein genug und erkunde Bellinzona. Hier laden eine schöne Altstadt und gut erhaltene Festungsanlagen zum Verweilen ein. Sehr kurios, dass zumindest eine der Anlagen noch in Betrieb zu sein scheint, denn hier komme ich an einem italienischen Pärchen vorbei, dass hinter einer soliden Eisengittertür festsitzt und mich um Hilfe anfleht. Offenbar hat es hier der zuständige Museumswärter mit den Öffnungszeiten nicht so genau genommen und die beiden unfreiwillig „inhaftiert“! Ich schlage im benachbarten Restaurant Alarm, dort verspricht man, sich um die Sache zu kümmern. Ob die Freisetzung von Erfolg gekrönt war erfahre ich nicht mehr; es beginnt (wie immer) zu regnen, ich mache mich auf den Weg zurück in die Jugi, wo ich praktischerweise den Fernsehraum für mich habe. Eine 1,5-Literflasche Cola und deutschsprachiges Fernsehen versüßen den Abend.