Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
) Things fall
apart… …ist
nicht nur der Titel von Chinua Achebes angeblichem Klassiker, der mich seit
Tagen nur peripher fesselt, sondern einmal wieder eine aktuelle Sorge und
Kurzzusammenfassung meiner Stimmung - hier auf 1416 Metern bei 32 Grad im
Wohnmobil oder 45 Grad im Zelt, direkt an der Strecke der Tour de France. Vor
der Tür hingegen stehen recht sorglos qualmend zwei Angehörige der Gendarmerie
und erfreuen sich an den Heerscharen von Radlern, die sich den Hang hinaufquälen,
sich jedoch langsam auszudünnen beginnen. Die Ankunft der bezahlten Radler
steht bald bevor - mich jedoch sorgt wieder einmal mein Knie. Things
fall apart? Keine
Sorge bezüglich der Stimmung bei uns im „Team“ – alles bestens, jedoch… …habe
ich heute Nacht hoffentlich im leicht abschüssig auf dem Asphalt stehenden Zelt
nur etwas dumm auf meinem Knie gelegen, denn es ist zweifelsohne wesentlich
steifer und schmerzhafter als jemals zuvor auf dieser Tour. Würde heute eine
Etappe geradelt werden müssen, würde kräftiger Ärger ins Haus stehen, da ich
wahrscheinlich einfach nicht fahren würde, sollte, oder auch könnte. Paradoxerweise habe ich mich aber trotzdem (!) noch einmal selber den Berg hinaufgequält, komplett vom Tal bis zur finalen Absperrung im Skiort, also rund fünfhundert Meter vor der späteren Ziellinie. Natürlich ist das dumm und ruiniert jeglichen therapeutischen Charakter des wohlverdienten Ruhetages, aber den vollbepackten Hang vorbei an zigtausend Zuschauern im Meer der Radfahrer den Berg hinaufzufließen war eines der Highlights, auf das ich mich im Vorfeld dieser Tour diebisch gefreut hatte. Knie hin oder her: das musste sein! Natürlich habe ich Frank nur erzählt, dass ich lediglich „ein bisschen“ (alles ist relativ) gefahren sei, da es arg schizophren wäre, erst stundenlang das Knie und das Schicksal zu monieren und somit die Saat kommender Probleme vorsichtig auszusäen, nur um dann, tatatataaaa, gleich zu verkünden, gerade noch einmal den ganzen Berg geradelt zu sein. Am eigentlichen Ruhetag. Egal,
jetzt habe ich volle eineinhalb Tage um mich einmal wieder zu erholen und
hoffentlich auch für den zweiten Teil des Urlaubs fit zu werden. In
etwa drei Stunden wird uns dann auch endlich die Tour erreichen, während draußen
gerade ein nicht enden wollender Strom von Sponsorenwagen vorbeirauscht – und
ein Rettungswagen gen Tal den Berg hinabrast. Vielleicht hat jemand einen Sack
voll Werbegeschenke an den Kopf geschmissen bekommen; mit etwas Pech ist auch
einfach jemand überfahren worden, da die Autos im Mordskaracho den Berg
hinaufpesen. Die Massen werden bald ihre abgemagerten Helden feiern, ich werde
fasziniert und abgemagert das Ganze beobachten und nachher hoffentlich Topfotos
vorzeigen können. Das langsam ansteigende Spannungsbarometer, vor allem Frank
und sein Vater gehen langsam ordentlich ab, wie man im neudeutschen zu sagen
pflegt, lässt mich bislang reichlich kühl. Als kleines Kind träumte ich auch
davon, später einmal richtig Radrennen zu fahren, vielleicht die Tour, musste
jedoch irgendwann enttäuscht feststellen, dass Radrennen weder durchgängige
Veranstaltungen noch richtige Rennen sind – zumindest in dem
individualistischem Rennsinne, der mir vorschwebte, als ich selbstorganisiert
Rennen mit meinen Kumpels organisierte. Vor allem ein von mir gewonnenes
100-Runden-Rennen auf einem rund 200 Meter langem Rundkurs (Parkplatz) habe ich
noch sehr gut in Erinnerung – bereits Tage vor dem großen „Event“ stand
die Qualifikation an (beste Rundenzeiten für Pole Position) und es wurde förmlich
um Zehntelsekunden gekämpft. Ein Heidenspaß – im Alter von acht oder neun
Jahren. Heutzutage würde ich es mich gar nicht mehr trauen, so um den Parkplatz
zu knallen, wie wir damals gefahren sind, als auch in den eng genommenen Kurven
schon einmal leicht das Pedal bei 25 km/h den Boden berühren konnte. Die
wahren Helden werden heute jedoch diejenigen sein, die den augenscheinlichen
Helden auf dem Rad zujubeln. Zumindest einige. Sicherlich – zur Weltelite der
Radfahrer zu gehören und intelligent genug zu dopen, um nicht sofort entdeckt
zu werden, ist auch eine respektable Leistung, aber Helden sind auch diejenigen,
die im Alltag den Müll wegbringen, Kranke pflegen oder Wissen vermitteln,
diejenigen also, ohne die der Fortbestand der Gesellschaft kaum möglich wäre.
Diejenigen also, die für ihre Taten in aller Regel viel zu selten gewürdigt
werden – ganz im Gegensatz zu systematisch betrügenden Spitzensportlern, von
denen dann keiner erwartet, dass sie ihren Namen richtig schreiben können, so
lange sich die Pedale flott im Wind drehen. Respekt? Ja natürlich – aber
bitte auch umgekehrt! Also, wir sind (fast) alle Helden – freuen wir uns also auf die Helden des Radsports!
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