Stage 11
Valloire - Alpe d`Huez
 92,63 Kilometer;  05:40:39 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„I just don´t have it; it is unbelievable”, meinte ein Sportskamerad auf seinem schweren Mountainbike schon relative tief am Anstieg von Alpe d`Huez, den ich heute ab siebzehn Uhr zu erklimmen begann. Horror – anders kann man den Start in den Berg kaum beschreiben: Steigungsgerade jenseits von zehn Prozent und bis zu 41 Grad Celsius auf dem Rad – mit zehn Kilo Gepäck auf dem Rücken und dem Col du Galibier zum Frühstück in den Beinen ging nicht mehr viel, auch wenn der aufmunternde Beifall der bereits früh positionierten Schlachtenbummler immer wieder etwas Kraft gab. Glücklicherweise kippte mir jedoch niemand eine Flasche Wasser über den Kopf – mit meiner Kamera um den Hals wäre das alles andere als gut gewesen, auch wenn Frank nachher zu berichten wusste, die sporadischen Abkühlungen vom Wegesrand doch als durchaus angenehm empfunden zu haben. Dank einer durchaus ausgiebigen Futter- und Trunkpause im aus allen Nähten platzenden Le Bourg d`Oisans blieben mir jedoch lange Pausen am Wegesrand erspart.

Am Col du Galibier.

Der Berg seit Tagen fest im Griff der Radel- und auch Partyfans, die dem ganzen laut Frank schon beinahe ein olympisches Flair verleihen. Viele probieren sich selber an den Kehren der weltbekannten Auffahrt zum Skiort, viele probieren sich hingegen jedoch auch nur an den alkoholischen Leckerlies, die die Warterei auf das große – und kurze – Event für so manchen angenehm versüßen. Die besten Stellplätze am Berg seien schon seit mehr als einer Woche belegt, wusste mancher zumindest zu berichten, auch wenn es schwer zu glauben scheint. Nur mit Glück konnten Franks Eltern noch rund vierhundert Höhenmeter unter dem Gipfel und der morgigen Zielankunft der EPO-Spacken drei Tage vor deren Eintreffen einen Platz direkt an der Straße ergattern, denn schließlich wurde extra für dieses Spektakel ein Wohnmobil gemietet. Glaubt man Presseberichten, werden Hunderttausende den Berg belagern, aber ganz so voll scheint es momentan wirklich noch nicht.

Es ist schon faszinierend, am Mekka – oder zumindest einem der wohl berühmtesten Streckensegmente – des Radsports und natürlich auch der Tour de France die erste Tour-Urlaubshälfte zu beenden. Was kann man mit Alpe d´Huez noch vergleichen? Das Indy 500? Ein Stanley-Cup Playoffspiel; ein Fußball-WM-Achtelfinale? Ein Spiel der All Blacks gegen England? Sicherlich vieles - und ich bin dankbar für die beeindruckende Erfahrung, auch wenn ich in meinem Zelt direkt an der Straße heute Nacht bestimmt kein Auge zukriegen werde und dem Radsport insgesamt doch eher sehr distanziert gegenüber stehe. Selber fahren ist okay; aber sich passiv zu interessieren? Äh, nein. Nicht ich.

Selbst jetzt, um kurz nach zehn Uhr abends und im Dunkel der Nacht, rasen noch Rennradler ins Tal hinab, schleppen sich prophylaktisch dauerhupende Trucks den Berg hinauf und jagen Unmengen etwas spät eingetroffener Wohnmobile nach den nicht mehr zu findenden Stellplätzen am Berg. Der Berg bebt, Frank wird mitbeben und ich werde fasziniert zuschauen, wenn innerhalb von wenigen Minuten das Feld der Tour an uns vorbei in Richtung Ziel donnern wird. Den berühmt-berüchtigte Tourteufel habe ich auch schon gesehen, Lance jedoch nicht, de angeblich im Jahr 1 nach seiner Profikarriere als Fernsehkommentator arbeitend auch schon den Berg hinauffuhr, oder wohl eher locker rollte.

Etwas cool im Sinne von etwas unterhaltsam war heute auch die Stimmung im Fahrfeld, vor allem als ich

Neuer Freund am Wegesrand...

 Frank nicht „korrekt“ beim Erklimmen des Col Du Galibier filmte und stattdessen mit meiner „beschissenen Fotokamera“ herumspielte. Gaaaanz ruhig, woll? Eigentlich war es auch nicht „cool“ oder „unterhaltsam“, aber sein kleiner Ausraster schien dann in Anbetracht meines Deliktes dann doch dermaßen überzogen, dass zumindest ich mir nur an den Kopf packen konnte – wohl genauso wie er, wenn er mich immer mühsamst einen Berg hinaufkraxeln sieht. Mir scheint, als wäre ich einfach nicht für die Art von Tour gemacht, die uns jetzt binnen elf Tagen auf kompliziertestem Wege von Koblenz bis in meinen Schlafsack am Berg brachte. Zu langsam, oftmals zu relaxed, immer noch Knieprobleme, zu wenig sportlich ambitioniert: so komme ich mir beinahe jeden zweiten Tag vor. Vor allem die vielen Rennradkollegen auf dem Wege nach Alpe d`Huez am heutigen Tag erschraken mich: unheimlich viele Pseudo-Coole, unheimlich viele davon auch noch wahnsinnig schnell zu Tritt: Da gehöre ich nicht dazu, da bin ich, quasi, nicht am Start. Will es auch gar nicht sein…

Folgerichtigerweise haben Frank und ich heute auch ab der Abfahrt vom Col du Galibier nach etwas mehr als zwanzig Kilometern nichts mehr voneinander gesehen. Tschödö war heute schon relativ früh das Motto des Tages. Frank wollte verständlicherweise schnell zu seinen Eltern, die uns heute Abend köstlich bewirteten. Ich hingegen war einfach nur etwas müde und erschöpft und ließ alles ruhig angehen, quasi so, wie man meiner Meinung nach einen Urlaub angehen sollte. Natürlich steigern sich solche elementar verschiedenen Ansichten auch immer im Angesicht der jeweils anderen, was dann der Zweisamkeit nicht zu Gute kommt, aber auch das ist eine der Dauergeschichten dieser Tour geworden.

Netterweise hatte Frank zumindest am Wohnwagen seiner Eltern noch auf mich gewartet, damit wir dann gemeinsam bis zum Ziel hinauffahren konnten (so der Plan), aber kaum auf der Piste, hängte er mich dann doch wieder ziemlich flott ab, da meine sieben bis neun Kilometerchen pro Stunde, durchaus im allgemeinem Fahrerfeld am Berg alles andere als „unter aller Sau“, ihm zu langsam schienen. 10-12 km/h, eher sein Reisetempo, war aus meinen Beinen einfach nicht mehr zu beziehen. Sorry. Trotzdem bin ich stolz auf das Vollbrachte – nicht immer war ich mir sicher, die Tour bis hierhin auch echt leisten zu können. Glückwunsch ich!

Ein Zwischenfazit? So wie es das Tagebuch schon vermuten lässt: eher durchwachsen, da einfach zu anstrengend und ambitioniert, ein weiteres „in“-Wort dieser Tour und, meines Wissens nach, in bisherigen Tourtagebüchern kaum zu finden. Vollkommen ohne Zweifel bin ich einige der schönsten Straßen gefahren, die ich je geradelt bin – aber es hätten pro Tag auch etwas weniger davon sein dürfen. Zweifelsohne hätte ich dem ganzen auch schon früher entgegenwirken können, zumindest wenn ich mich auch schon vor dem Start unseres Urlaubs nur ein kleines Fünkchen für die Streckenführung interessiert hätte. Hätte ich Frank zu Änderungen bewegen können? Fraglich, denn er hatte ganz eindeutig seit Monaten seine „Abkotz“-Pläne vor Augen. Und ich? Die Tour? Warum kein Interesse? Tja. Man studiert. Man lebt. Man macht vieles – außer sich um die Tourplanung zu kümmern. Beschweren darf man sich dann eigentlich nicht, außer vielleicht bei sich selbst…