Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Der Berg seit Tagen fest im Griff der Radel- und auch Partyfans, die dem ganzen laut Frank schon beinahe ein olympisches Flair verleihen. Viele probieren sich selber an den Kehren der weltbekannten Auffahrt zum Skiort, viele probieren sich hingegen jedoch auch nur an den alkoholischen Leckerlies, die die Warterei auf das große – und kurze – Event für so manchen angenehm versüßen. Die besten Stellplätze am Berg seien schon seit mehr als einer Woche belegt, wusste mancher zumindest zu berichten, auch wenn es schwer zu glauben scheint. Nur mit Glück konnten Franks Eltern noch rund vierhundert Höhenmeter unter dem Gipfel und der morgigen Zielankunft der EPO-Spacken drei Tage vor deren Eintreffen einen Platz direkt an der Straße ergattern, denn schließlich wurde extra für dieses Spektakel ein Wohnmobil gemietet. Glaubt man Presseberichten, werden Hunderttausende den Berg belagern, aber ganz so voll scheint es momentan wirklich noch nicht.
Es
ist schon faszinierend, am Mekka – oder zumindest einem der wohl berühmtesten
Streckensegmente – des Radsports und natürlich auch der Tour de France die
erste Tour-Urlaubshälfte zu beenden. Was kann man mit Alpe d´Huez noch
vergleichen? Das Indy 500? Ein Stanley-Cup Playoffspiel; ein
Fußball-WM-Achtelfinale?
Ein Spiel der All Blacks gegen England? Sicherlich vieles - und ich bin dankbar
für die beeindruckende Erfahrung, auch wenn ich in meinem Zelt direkt an der
Straße heute Nacht bestimmt kein Auge zukriegen werde und dem Radsport
insgesamt doch eher sehr distanziert gegenüber stehe. Selber fahren ist okay;
aber sich passiv zu interessieren? Äh, nein. Nicht ich. Selbst
jetzt, um kurz nach zehn Uhr abends und im Dunkel der Nacht, rasen noch
Rennradler ins Tal hinab, schleppen sich prophylaktisch dauerhupende Trucks den
Berg hinauf und jagen Unmengen etwas spät eingetroffener Wohnmobile nach den
nicht mehr zu findenden Stellplätzen am Berg. Der Berg bebt, Frank Etwas cool im Sinne von etwas unterhaltsam war heute auch die Stimmung im Fahrfeld, vor allem als ich
Frank
nicht „korrekt“ beim Erklimmen des Col Du Galibier filmte und stattdessen
mit meiner „beschissenen Fotokamera“ herumspielte. Gaaaanz ruhig, woll?
Eigentlich war es auch nicht „cool“ oder „unterhaltsam“, aber sein
kleiner Ausraster schien dann in Anbetracht meines Deliktes dann doch dermaßen
überzogen, dass zumindest ich mir nur an den Kopf packen konnte – wohl
genauso wie er, wenn er mich immer mühsamst einen Berg hinaufkraxeln sieht. Mir
scheint, als wäre ich einfach nicht für die Art von Tour gemacht, die uns
jetzt binnen elf Tagen auf kompliziertestem Wege von Koblenz bis in meinen
Schlafsack am Berg brachte. Zu langsam, oftmals zu relaxed, immer noch
Knieprobleme, zu wenig sportlich ambitioniert: so komme ich mir beinahe jeden
zweiten Tag vor. Vor allem die vielen Rennradkollegen auf dem Wege nach Alpe
d`Huez am heutigen Tag erschraken mich: unheimlich viele Pseudo-Coole,
unheimlich viele davon auch noch wahnsinnig schnell zu Tritt: Da gehöre ich
nicht dazu, da bin ich, quasi, nicht am Start. Will es auch gar nicht sein…
Netterweise
hatte Frank zumindest am Wohnwagen seiner Eltern noch auf mich gewartet, damit
wir dann gemeinsam bis zum Ziel hinauffahren konnten (so der Plan), aber kaum
auf der Piste, hängte er mich dann doch wieder ziemlich flott ab, da meine
sieben bis neun Kilometerchen pro Stunde, durchaus im allgemeinem Fahrerfeld am
Berg alles andere als „unter aller Sau“, ihm zu langsam schienen. 10-12
km/h, eher sein Reisetempo, war aus meinen Beinen einfach nicht mehr zu
beziehen. Sorry. Trotzdem bin ich stolz auf das Vollbrachte – nicht immer war
ich mir sicher, die Tour bis hierhin auch echt leisten zu können. Glückwunsch
ich! Ein Zwischenfazit? So wie es das Tagebuch schon vermuten lässt: eher durchwachsen, da einfach zu anstrengend und ambitioniert, ein weiteres „in“-Wort dieser Tour und, meines Wissens nach, in bisherigen Tourtagebüchern kaum zu finden. Vollkommen ohne Zweifel bin ich einige der schönsten Straßen gefahren, die ich je geradelt bin – aber es hätten pro Tag auch etwas weniger davon sein dürfen. Zweifelsohne hätte ich dem ganzen auch schon früher entgegenwirken können, zumindest wenn ich mich auch schon vor dem Start unseres Urlaubs nur ein kleines Fünkchen für die Streckenführung interessiert hätte. Hätte ich Frank zu Änderungen bewegen können? Fraglich, denn er hatte ganz eindeutig seit Monaten seine „Abkotz“-Pläne vor Augen. Und ich? Die Tour? Warum kein Interesse? Tja. Man studiert. Man lebt. Man macht vieles – außer sich um die Tourplanung zu kümmern. Beschweren darf man sich dann eigentlich nicht, außer vielleicht bei sich selbst…
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