Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com ) Und? Was nun? Clash of cycling-cultures Part II? Ein weiterer Tagebucheintrag im Stile von Samuel P.
Huntington?
Tour abgebrochen? Wieder verzweifelt am Wegesrand gehockt? Nein,
denn einmal wieder riss ich mich am Riemen und beschloss schon vor dem mühsamen
Aufstehen aus dem kuscheligen Bett heute nicht zu nörgeln. Zwar fiel mir dies
anfangs etwas schwer, aber mit buddhistischer Ruhe begann ich nach einer kleinen
Frühstücksverarsche in die Pedale zu arbeiten und, oh Wunder, durchlebte einen
schönen Tag zu Sattel. Aber
zuerst zu „Life is suffering, Part I“: dem Frühstück, angeblich von 6:30
bis 8:45 zu erhaschen. Nachdem unsere auf dem Bergsee von Tignes surfenden,
französischen Zimmernachbarn (andere fahren dafür ans Meer…) schon um sieben
Uhr ihrem aufkommenden Hungergefühl nachgaben, folgten wir mit leeren Mägen
eine Dreiviertelstunde später und erwischten den Koch schon mehr oder weniger
beim Abräumen. Bonjeur – äh, was geht denn hier ab? Vier
oder fünf kleine Stück Baguette konnten noch vor seinen flinken Fingern
gerettet werden, genauso wie
Aufs morgendliche Dehnen hatte ich dann gar keinen Bock, wohl aber auf erste Fotos nach immerhin schon
ganzen zweihundert Metern Fahrtstrecke, womit ich Frank gleich verlor und ihn auch die nächsten eineinhalb Stunden nicht mehr wiedersehen sollte, bis ich ihn mit Natascha telefonierend am Col de l´Iserah im Schneckentempo
überholte. Kurz darauf überholte er mich dann wieder beim Fotografieren und
man sah sich bis zum Gipfel nach ziemlich genau eintausend Höhenmetern gar
nicht mehr. Vollkommen ohne falschen Stolz und jeglicher sportlichen Ambitionen radelte ich den Pass locker hinauf, schnackte hin und wieder mit anderen ähnlich flinken Hobbyradlern, machte hier und dort und dort und hier meine Unmengen nutzloser Fotos und war am Schluss sogar vor Frank oben, was aber nicht an meiner sagenhaften Geschwindigkeit lag, sondern eher daran, dass er unterwegs ausgiebigst pausierte. Fantastische Blicke in das Tal und auf die uns umragenden Gletscher luden auch ständig zum Innehalten ein und das mühsame Radfahren kurzzeitig ad acta zu legen. Kurzum: die Landschaft war einfach ein Traum, wie aus einem Guss. Das Wetter perfekt. Zweifelsohne – auf der bisherigen Tour war die heutige Strecke sicherlich das absolute Highlight und auch in Anbetracht alternativer Highlights anderer Touren einer der absolut schönsten Flecken, die ich bislang mit dem Rad bereisen durfte. Genial! Auch war es erbauend, die eigene Form von anderen vorgeführt zu bekommen, denn unzählige Radler, von denen es heute Hunderte am Berg gab, erreichten den Gipfel nur vor Schmerzen in den Lenker beißend oder gar elendig schiebend – ich hingegen brauchte zwar meine liebe Zeit und kam selten in einen Geschwindigkeitsrausch, kam aber auch auf zwei Rädern und ohne schmerzverzerrte Miene oben an, genoss die Aussicht und lecker Ciabatta-Brot mit Käse aus dem Supermarkt am Fuß des Passes. Der Tag war gut, Franks etwas überteuere Cola Light auch eine verdiente Belohnung und eigentlich alles paletti. Die Stimmung demzufolge natürlich auch, wenngleich man sich auch realistisch betrachtet unterwegs wenig sah. Inner Peace – ich war dabei… Die Abfahrt verbrachten wir dann weitestgehend zusammen, zumindest bis wir ab 1800 Metern über null ab Bessans übel in den Wind drehten und Frank ordentlich Kette gab, während ich bei meiner bislang doch so erfolgreichen „easy-going“-Strategie verblieb und mich schnell wieder alleine auf weiter Flur fand. Bedenkt man, dass mir schon morgens im Bett die Waden leicht zuckend mitteilen wollten, dass der gestrige Tag doch etwas viel des Guten war, war meine Leistung heute jedoch keinesfalls von schlechten Eltern. Hält man sich die elendig dahinsiechenden Mitstreiter am Col vor Augen, dann erst recht nicht.
Frank sollte ich letzten Endes gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn als er in Modane an einem Truckerstopp kurz pausierte, rollte ich unwissend vorbei und wunderte mich lediglich, dass er nicht vor dem Anstieg zum 1555 Metern hohen Col du Télégraph ab St. Michel de Maurienne auf mich wartete. Nun gut, warum auch?
Wir
würden zusammen loseiern, ich würde nach zwei Kehren abfallen und man hätte
sich die Warterei auch gleich sparen können, aber komisch kam es mir dann schon
vor. Eine etwas größere Radelbande glotze noch in einer Kneipe direkt vor der
Abzweige zum Col die Tour de France und eine innere Stimme flüsterte mir, Frank
sicherlich irgendwo vor der Glotze zu finden – etwas überraschend war er
jedoch nicht dabei. Nun gut, dann halt nicht, sagte ich mir und beschloss, erst
einmal in den Pass hineinzuklettern und unterwegs meine nächste Pause
einzulegen. Die Tour am Fernsehen interessiert mich immer noch keine Bohne, aber
morgen am Berg selbst wird es ja vielleicht ganz interessant.
Bereits
tief am Pass traf ich auf einen ziemlich strauchelnden Australier, der ein
schwerbepacktes Trekkingrad mit sechs bis sieben Kilometern pro Stunde den Berg
hinaufdrückte und diverse „bravo-Rufe“ wesentlich leichtfüßigerer
Rennradler dankbar entgegennahm. Vielleicht hätte er auch gerne eine seiner
Packtaschen für ein paar Kehren ausgeliehen, aber monatelang Europa zu bereisen
und dabei möglichst auf das Ausgeben von Geld zu verzichten macht leider
schweres Campingequipment unabdingbar. Wir schnackten ein bisschen, mein
Englisch war grausam, die ersten dreihundert Höhenmeter „flogen“ dahin und
ich verabschiedete mich schließlich, als auch mir am Tag der buddhistisch
angehauchten inneren Ruhe das langsame Tempo etwas zu dröge wurde. Frank,
nach seiner Pause in Modane dann doch wieder auf meinen Fersen, fuhr sich
unterwegs noch einen Reifen platt und verlor somit jede „Chance“, mich noch
vor dem Ziel wieder zu passieren. Aber egal – auch wenn ich absolut eher im
Ziel war, war er heute durchwegs um Lichtjahre schneller unterwegs, wenn er denn
einmal unterwegs war. Pausen
gab es für mich trotz der erneut zweitausend Höhenmeter auf 115 Kilometern
auch am letzten Anstieg kaum, denn das ruhige Tempo des Tages zahlte sich aus
und der Col lud auch nicht unbedingt zu vielen Zwischenstopps ein. Nach dem
grandiosen Col am Vormittag war Nummer zwei am Nachmittag eindeutig kein
Highlight mehr. Viel Wald, wenig wirklich schöne Blicke ins Tal und wenn, dann
wenig wirklich Sehenswertes: harte Arbeit gepaart mit wenigen Belohnungen, so
dass ich letzten Endes wesentlich früher als anfangs antizipiert am Zielort
einrollte und dem abendlichen Gewitter ein Schnäppchen schlug. Frank hingegen
hatte weniger Glück, kam jedoch auch noch an, bevor es richtig heftig goss und
auch prompt für zwanzig Minuten der Strom ausfiel. Insgesamt ist also alles wieder gerade gerückt. Der Tag machte überwiegend Spaß, es gab keinen Streit, die Fotos sind genial und vor uns steht auch nur noch ein Tag bis zur Ankunft in Alpe d´Huez – nach all den Tagen der Rackerei naht somit die wohl verdiente Pause.
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