Stage 1
Entrée & Koblenz > Bernkastel Kues 
 136,38 Kilometer;  05:29:23 Stunden

     WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Starterfeld 2006 (leider nicht als Sammelkarten verfügbar)

Entrée: Die Anreise

George Bush hat Geburtstag! Wir schreiben den 06.07.2006. „Die Leute halten ihn, geschichtlich gesehen, für einen Versager“, zitiert die Süddeutsche Zeitung einen Washingtoner Politanalysten, ebenso wie einen weiteren Kollegen aus DC, der ebenfalls bilanziert, dass es das Problem der Linken sei, Bush nur als einen völlig beraterabhängigen Dummkopf zu sehen, während es die Ironie des Schicksals sei, dass genau das Gegenteil der Fall sei, George sich sehr wohl seine Gedanken machen würde und es „um unser Land so schlecht bestellt ist, gerade weil Bush alles selbst durchdacht und entschieden hat.“

Durchdacht und entschieden hat Frank auch alles, was ab morgen hoffentlich für drei Wochen mein Leben bestimmen wird. Es geht wieder auf Tour!! Hoffentlich jedoch nur, da mich ein wenig die Zweifel plagen, für Franks dritte Mission in Richtung Alpen gewappnet zu sein, denn, ich zitiere einige E-Mails, die er mir vor einiger Zeit schrieb, er wolle „noch einmal richtig abkotzen“, auch wenn anzumerken sei, dass zumindest die erste Tourhälfte dann doch noch um einen Tag entzerrt wurde, so dass wir morgen früh nicht von Köln aus ins Rennen starten, sondern von Koblenz. Gut so, denn in Koblenz verließen wir jüngst auch den Rhein auf unserer Tour nach Igelsbach in Bayern und sonderlich schön war die Strecke zuvor auch nicht, woran sicherlich damals auch das eher miese Wetter seine Mitschuld hatte (Link).

Mieses Wetter ist im Moment das kleinste aller Probleme, denn wie die Nordwestzeitung gestern süffisant berichtete, war Oldenburg mit beinahe 35 Grad vorgestern eines der wärmsten Fleckchen Europas. Dachgeschosswohnung sei Dank maß ich gestern um 23:30 auch noch angenehme dreißig Grad in meinem beschaulichen Zimmer. Ich will nicht typisch deutsch erscheinen und gleich bei etwas tropischeren Temperaturen genauso in eine Litanei verfallen wie wenn es entweder a) regnet, b) kalt oder c) zu windig ist, da mir d), als Deutscher, eh alles a) nie Recht ist, b) sein kann, c) sein wird. Aber es ist einfach beschissen heiß. Punkt.

Was im Moment etwas fehlt ist die Zuversicht in mein eigenes Können und Können-werden. Es steht vollkommen außer Zweifel, dass ich jede Menge Trainingskilometer gefressen habe, aber da ein überwiegender Großteil davon in und um Oldenburg geradelt wurde, habe ich auch noch kaum Hügel oder gar Berge gefahren, wenngleich ich immer gerne berichte, dass die Winde rings um Oldenburg den einen oder anderen Anstieg locker wieder wettmachen können. Aber auch alles kein Problem – das richtige Problem steckt nämlich viel mehr rechts auf halber Höhe zwischen Sprunggelenk und Hüfte, schimpft sich Knie und ist oft für schmerzhafte Überraschungen gut. Kann sein, dass das Knie nach einigen Tagen auf Tour richtig in Form kommt und keine Probleme mehr bereitet, kann aber auch genauso gut sein, dass die vielen Höhenmeter und somit zwangsweise größeren Tretwiderstände zur Zeit anders als das typische Streckenprofil zwischen Osnabrück und Oldenburg nicht funktionieren lassen. Sicherlich einer der Gründe, wenn nicht sogar der Hauptgrund, weshalb meine Vorfreude momentan etwas getrübt ist, auch wenn Imke heute Nachmittag bei der letzten Gepäcksoptimierung das Grinsen auf meinem Gesicht doch richtig deutete, nachdem ich meinen Rucksack von 9.8 auf 8.9 Kilo abgetrimmt hatte.

Vorfreude und latente Zweifel im zarten Alter von 28 Jahren der Tour nicht gewachsen zu sein halten sich also die Waage, während ich in der Teutobahn von Osnabrück nach Münster ordentlich schwitze und mich schon auf das Ende der fünfstündigen Odyssee zwischen Oldenburg und Köln freue. Natürlich würde es auch wesentlich schneller und teurer gehen, aber dann würde ich auch keine beinahe bangen Momente wie gerade vorhin in der Nordwestbahn erleben, als drei Typen, die sich ganz gut mit der Überschrift eines Politikkommentars aus der Süddeutschen Zeitung beschreiben lassen („Ein Affront für alle“; dort jedoch bezogen auf Nordkoreas Raketentests), zu mir ins Abteil gesellten.

Pullis mit der Flagge der Türkei, schön gestreifte Adidas Jogginghosen, Ketten, fett gegelte Haare und Gesprächsthemen wie „als ich das letzte Mal im Bau war“ hielten mich davon ab, mich allzu sehr zu beschweren, als einer der Drei meinen großen Reiserucksack eher unsanft beiseite trat, als er zum „pissen“ aufs Zugklo verschwand (oder eher zum „vollpissen“?). Auf Gesprächsinitiationen wie „ey, wo geht es hin?“ versuchte ich cool zu antworten und gezielt semantisch auf einem Level zu operieren, dass bei jedem Vorstellungsgespräch ein rapides Gesprächsende zur Folge haben würde. Vielleicht etwas feige von mir, aber rund zwanzigjährige Knastjunkies zähle ich nicht unbedingt zu meiner peer-group und nachts möchte ich

Fernab von No-Go & rundum gelungen: Die Fußball-WM 2006 in Deutschland.

 dem Pack auch nicht unbedingt begegnen, denn Zitate wie „nachdem ich draußen war habe ich vier Tage keinen Scheiß gemacht“ machen wenig Lust auf ein gemütliches Beisammensein. Oder ein Treffen an Tag fünf. Der schlaksigste der Coolen meinte zwar noch, dass ich ja ganz schön fette Beine haben müsste, wenn ich mit dem Rad nach Mailand fahren möchte, diesen aber noch am ehesten als sympathisch zu bezeichnenden Kommentar negierte gleich sein megacooles Gegenüber, der bei einem Blick auf meine Beine nur „ist doch alles ganz normal“ meinte. Nun gut, sie zogen mir mein Rennrad nicht ab, stiegen in Frieden aus und ließen zumindest mich weiterreisen. Ich hatte Glück, der Typ, der ihnen auf dem Heimweg von der Kneipe heute Abend in der dunklen Seitenstraße entgegenkommen wird muss es nicht unbedingt haben...

Nur noch ein interessantes Zitat aus meiner heutigen Reiselektüre über Deutschland, jetzt, wo die Fußball-WM fast vorbei ist, die Welt ein neues Deutschland zu Gesicht bekam und auch so mancher Deutsche selbst aus dem Staunen über die eigene „imagined community“ nicht mehr herauskam:

  „For weeks I have endured Germans with smiles locked in place for the hordes of football visitors prepared to compare their hosts, and their football team, unfavourably with their native lands; English friends, of all people, made fun of the food. Instead, we encountered hoteliers who could not do enough, absolutely polite cab drivers, and waiters who nodded attentively at my pre-school German before deftly producing an English menu. And the food is fine, although that mostly had to do with the number of Italian restaurants throughout the country” – Bill Saporito, Essay, Time Magazine, 10.07.2006 

 

Hauptgericht, erster Teil:

„Denke ich an Pölling-Vocke in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“, Frank, als er
abends den Handywecker auf 7:20 in der Früh stellte.

  „’Nen junger Mann wie Du und schon zu nichts mehr zu gebrachen“, bilanzierte Frank soeben, meine bestenfalls moderate Stimmungslage relativ treffend einschätzend. Auch andere Aufmunterungsversuche verblieben bislang zwecklos, da mag auch die wirklich nette und sehenswerte Aussicht auf die Mosel und das verschlafene Bernkastel Kues zu unseren Füßen kaum etwas bezwecken. Frank meinte zum Glück auch noch, auch mit Hinblick auf die nicht knapp bemessenen Steigungsgrade auf den letzten Metern des Tages, dass die meisten Alpenpässe ja auch so gebaut sind, dass man problemlos mit einem Wohnmobil hochkäme, also meistens nicht 15% Steigung oder mehr aufweisen. Dafür allerdings unwesentlich länger sein könnten... Man munkelt, die Berge seien mehr hoch wie die Jugi hier, gläubt man zumindest.

Abschied aus Köln.

Zu voll ist meine Birne noch von allen Mitnehmseln, die ich mit auf die Tour geschleppt habe und die mir zwar nicht wie mein Rucksack schwer auf dem Rücken liegen, wohl aber auf dem Gemüt. Zum einen wäre da das „E“ für Examen, ein „I“ für Imke und ein „K“ für das Knie.

Ab August stehen meine Examensklausuren an, auch ein Grund, weshalb ein Stapel wenig unterhaltsamer Literatur zu Lernfeldern neben mir auf dem Tisch liegt und darauf wartet, durchgeackert zu werden (die 8,9 Kilo Gepäck sind also zumindest theoretisch noch reduzierbar). Imke hingegen wohnt momentan für voraussichtlich drei Monate in meiner WG – unsere ersten drei Monate in einer gemeinsamen Wohnung (abgesehen von sechs netten Mitbewohnern) bei einer ungewissen, wohnungsgeographischen Zukunft und einer viel zu langen Fernbeziehung davor, wobei ich mit meinem Neuseelandabenteuer einen Großteil der Verantwortung dafür schultere. Fast einen der drei Monate bin ich nun auf Tour – auch nicht unbedingt geschickt. Das Knie hingegen war heute lange ruhig, quittierte dann allerdings den letzten Anstieg hoch zur Jugendherberge mit etwas latenten Protest. Leider war das dann auch erst der erste echte Anstieg des überwiegend flachen Tages überhaupt, so dass man sich im Hinblick auf zukünftige Tourherausforderungen nicht damit trösten kann, zumindest zwölf von dreizehn Anstiegen am heutigen Tage problemlos abgespult zu haben. Positiv einschränkend im Dickicht des Pessimismus kann allerdings angemerkt werden, dass zum Zeitpunkt des Gipfelsturms zur Jugendherberge hoch auch schon 135 Kilometer hinter uns lagen – wahrlich kein knapp bemessenes Tagespensum.  

E-I-K; alles Gründe, weshalb das typische “format c:/”-Feeling von unseren bisherigen Radtouren im Moment noch nicht wirklich aufkommen mag. Vielleicht darf man dieses herrliche Gefühl auch noch nicht am ersten Abend und erst Recht nicht in deutschen Landen erwarten. Morgen werden wir jedoch Deutschland verlassen und uns in die Heimat des WM-Finalisten Frankreichs begeben. Vielleicht bewirken ja einige frisch-fettige Croissants, dass die Tour auch für mich im Kopf endlich beginnt.

Vollkommen unabhängig von der E-I-K-Achse-des-Bösen passierte heute allerdings ausgesprochen wenig, über das ich großartig Worte verlieren könnte. Ich mache es trotzdem. Viel Spaß.

Der Tag begann bedeckt am Kölner Hauptbahnhof (fängt ein langweiliger Tagebucheintrag nicht immer mit dem Wetter an? Es ist wie beim Friseur…), wo sich Frank für drei Wochen von der klausurpaukenden Natascha verabschiedete. Man bemerke: manche Menschen verweilen klausurpaukend zu Hause, andere schleppen sich trotz Belastung „E“ in Richtung der Alpen. Vom Bahnhof aus absolvierten wir dann ratz-fatz die potentielle und ursprüngliche Tagesetappe nach Koblenz im Radabteil eines Intercities, wo wir leider noch kräftig für unsere Fortbewegungsmittel nachlatzen mussten. Ein offensichtlich geistig nur bedenklich fitter Mitarbeiter der Deutschen Bahn hatte Frank nämlich nicht nur zwei IC-Fahrkarten von Köln nach Koblenz mitsamt Sitzplatz- und Radreservierungen vertickt, sondern die passenden Radtickets dazu noch als Regionalverkehrstickets, die natürlich für den schnelleren Fernverkehr „unterfrankiert“ waren. Offensichtlich sollte ich das nächste Mal am Flughafen auch sichergehen, dass das aufgegebene Gepäck nicht aus Versehen verschifft wird.

„Auch wenn sie Karten am Schalter kaufen, sollten sie die stets kontrollieren“, meinte eine von Papa Mehdorns flinken und fleißigen Bienen, die uns auf halber Strecke kontrollieren musste und natürlich auch voll nachkassierte – demnächst wohl zum Wohle suspekter Aktionäre, denen es Schnuppe sein dürfte, ob überhaupt ein Radabteil von Köln nach Koblenz rollt und kostbaren Sitzplatz kostet. Schließlich, so sagte sie uns, könnten wir ja auch Testpassagiere, oder demnächst dann Inkognito-Aktionärsschützer sein, so etwas stände einem ja nicht auf das Gesicht geschrieben. Tut es in der Tat nicht, aber wenn einem abgrundtiefe Dummheit ins Gesicht geschrieben steht, sollte man auch keine Schalteranstellung bei der Deutschen Bahn bekommen. Basta.

Radfahrer, einer in einem stinkenden, da vor Tourstart („zwecklos“) ungewaschenem Trikot, Rucksäcke und so weiter. Glauben Sie mir, liebe Biene, Testfahrer würden anders daherkommen. Wie gerne erinnere ich mich doch immer an eine meiner abendlichen Quasi-Schwarzfahrten auf dem Weg zum Studienort von Osnabrück nach Oldenburg, als das Semesterticket erst ab halber Strecke galt und die Nordwestbahn prinzipiell nie Kontrolleure einsetzte. Fast nie. Schwarzfahren lohnte sich allerdings alle Mal – statistisch betrachtet. Einmal

Überraschend nett: Bernkastel Kues am Abend.

 kam dann allerdings abends um halb zwölf doch ein Kontrolleur vorbei, fand mich ausnahmsweise ohne gültige Fahrkarte vor und meinte dann, im Angesicht meines reuevollen Gesichtsausdrucks und meines in wenigen Kilometern gültigen Semestertickets, dass „es ja auch keiner (außer uns beiden) mitkriegen würde“. Moralisch korrekt? Wohl kaum, denn wofür braucht man Schaffner, wenn sie nicht schaffnern, aber ich atmete tief durch, ließ mich entspannt zurücksacken und freute mich tierisch, als ab meinem zweiten oder dritten Semester endlich die ganze Strecke im eh schon recht teuren Semesterticket miteinbegriffen war.

 Jugendsünden.

Von Koblenz aus moselten wir uns dann durch das wechselhafte Treiben des ersten Tourtages, der nicht nur viel Sonnenschein, sondern auch so einiges an Regen im Gepäck mitgebracht hatte. Glücklicherweise überstanden wir die Regenpausen in recht trockenen Unterschlüpfen, so dass es heute Abend nur wenig tragisch war, dass keiner von uns Teile des kostbaren Stauraums im Rucksack für einen sonst immer so eminent wichtigen Fön reserviert hatte.

Frank fand nach am Abend nach langer Suche nach einem Eurosport-tauglichen Fernseher (Tour de France Tageszusammenfassung; Suche letzten Endes erfolglos) auch noch heraus, dass man nicht einmal mehr guten Gewissens in deutschen Jugendherbergen nächtigen kann, da eine Gruppe polnischer Mädels, den mittlerweile wohl ausgestorbenen Zivi ersetzend, von schlecht bezahlten Jobs in der JH berichteten, wohl bei freier Kost und Logis. Jobs, die einem nicht einmal mehr genug Euro einbringen, um abends noch ab und zu etwas feiern zu gehen, ganz abgesehen davon, dass man vom langen Arbeitstag abends sowieso vollkommen erschöpft sei. Nun gut, für die Gäste mögen relativ motivierte und unterbezahlte Polinnen noch besser sein als unmotivierte und aus Protest in das Essen schnoddernde 1-Euro-Jobbler, die es meines Verständnisses eines reichen Sozialstaats nach sowieso nicht geben dürfte und die auch alles Recht hätten, ins Essen zu schnoddern, aber dazu könnte man wiederum soviel mehr schreiben, dass ich von der Themenvorgabe „Radtour, Urlaubsbericht, Bernkastel Kues“ total abweichen würde. Vielleicht eines anderen Abends, wer weiß, wie verregnet es noch wird...