Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
Entrée: Die Anreise George
Bush hat Geburtstag! Wir schreiben den 06.07.2006. „Die Leute halten ihn,
geschichtlich gesehen, für einen Versager“, zitiert die Süddeutsche Zeitung
einen Washingtoner Politanalysten, ebenso wie einen weiteren Kollegen aus DC,
der ebenfalls bilanziert, dass es das Problem der Linken sei, Bush nur als einen
völlig beraterabhängigen Dummkopf zu sehen, während es die Ironie des
Schicksals sei, dass genau das Gegenteil der Fall sei, George sich sehr wohl
seine Gedanken machen würde und es „um unser Land so schlecht bestellt ist,
gerade weil Bush alles selbst durchdacht und entschieden hat.“ Durchdacht
und entschieden hat Frank auch alles, was ab morgen hoffentlich für drei Wochen
mein Leben bestimmen wird. Es geht wieder auf Tour!! Hoffentlich jedoch nur, da
mich ein wenig die Zweifel plagen, für Franks dritte Mission in Richtung Alpen
gewappnet zu sein, denn, ich zitiere einige E-Mails, die er mir vor einiger Zeit
schrieb, er wolle „noch einmal richtig abkotzen“, auch wenn anzumerken sei,
dass zumindest die erste Tourhälfte dann doch noch um einen Tag entzerrt wurde,
so dass wir morgen früh nicht von Köln aus ins Rennen starten, sondern von
Koblenz. Gut so, denn in Koblenz verließen wir jüngst auch den Rhein auf
unserer Tour nach Igelsbach in Bayern und sonderlich schön war die Strecke
zuvor auch nicht, woran sicherlich damals auch das eher miese Wetter seine
Mitschuld hatte (Link).
Mieses Wetter ist im Moment das kleinste aller Probleme, denn wie die Nordwestzeitung gestern süffisant berichtete, war Oldenburg mit beinahe 35 Grad vorgestern eines der wärmsten Fleckchen Europas. Dachgeschosswohnung sei Dank maß ich gestern um 23:30 auch noch angenehme dreißig Grad in meinem beschaulichen Zimmer. Ich will nicht typisch deutsch erscheinen und gleich bei etwas tropischeren Temperaturen genauso in eine Litanei verfallen wie wenn es entweder a) regnet, b) kalt oder c) zu windig ist, da mir d), als Deutscher, eh alles a) nie Recht ist, b) sein kann, c) sein wird. Aber es ist einfach beschissen heiß. Punkt. Was
im Moment etwas fehlt ist die Zuversicht in mein eigenes Können und
Können-werden.
Es steht vollkommen außer Zweifel, dass ich jede Menge Trainingskilometer
gefressen habe, aber da ein überwiegender Großteil davon in und um Oldenburg
geradelt wurde, habe ich auch noch kaum Hügel oder gar Berge gefahren,
wenngleich ich immer gerne berichte, dass die Winde rings um Oldenburg den einen
oder anderen Anstieg locker wieder wettmachen können. Aber auch alles kein
Problem – das richtige Problem steckt nämlich viel mehr rechts auf halber Höhe
zwischen Sprunggelenk und Hüfte, schimpft sich Knie und ist oft für
schmerzhafte Überraschungen gut. Kann sein, dass das Knie nach einigen Tagen
auf Tour richtig in Form kommt und keine Probleme mehr bereitet, kann aber auch
genauso gut sein, dass die vielen Höhenmeter und somit zwangsweise größeren
Tretwiderstände zur Zeit anders als das typische Streckenprofil zwischen Osnabrück
und Oldenburg nicht funktionieren lassen. Sicherlich einer der Gründe, wenn
nicht sogar der Hauptgrund, weshalb meine Vorfreude momentan etwas getrübt ist,
auch wenn Imke heute Nachmittag bei der letzten Gepäcksoptimierung das Grinsen
auf meinem Gesicht doch richtig deutete, nachdem ich meinen Rucksack von 9.8 auf
8.9 Kilo abgetrimmt hatte. Vorfreude
und latente Zweifel im zarten Alter von 28 Jahren der Tour nicht gewachsen zu
sein halten sich also die Waage, während ich in der Teutobahn von Osnabrück
nach Münster ordentlich schwitze und mich schon auf das Ende der fünfstündigen
Odyssee zwischen Oldenburg und Köln freue. Natürlich würde es auch wesentlich
schneller und teurer gehen, aber dann würde ich auch keine beinahe bangen
Momente wie gerade vorhin in der Nordwestbahn erleben, als drei Typen, die sich
ganz gut mit der Überschrift eines Politikkommentars aus der Süddeutschen
Zeitung beschreiben lassen („Ein Affront für alle“; dort jedoch bezogen auf
Nordkoreas Raketentests), zu mir ins Abteil gesellten. Pullis mit der Flagge der Türkei, schön gestreifte Adidas Jogginghosen, Ketten, fett gegelte Haare und Gesprächsthemen wie „als ich das letzte Mal im Bau war“ hielten mich davon ab, mich allzu sehr zu beschweren, als einer der Drei meinen großen Reiserucksack eher unsanft beiseite trat, als er zum „pissen“ aufs Zugklo verschwand (oder eher zum „vollpissen“?). Auf Gesprächsinitiationen wie „ey, wo geht es hin?“ versuchte ich cool zu antworten und gezielt semantisch auf einem Level zu operieren, dass bei jedem Vorstellungsgespräch ein rapides Gesprächsende zur Folge haben würde. Vielleicht etwas feige von mir, aber rund zwanzigjährige Knastjunkies zähle ich nicht unbedingt zu meiner peer-group und nachts möchte ich
dem
Pack auch nicht unbedingt begegnen, denn Zitate wie „nachdem ich draußen war
habe ich vier Tage keinen Scheiß gemacht“ machen wenig Lust auf ein gemütliches
Beisammensein. Oder ein Treffen an Tag fünf. Der schlaksigste der Coolen meinte
zwar noch, dass ich ja ganz schön fette Beine haben müsste, wenn ich mit dem
Rad nach Mailand fahren möchte, diesen aber noch am ehesten als sympathisch zu
bezeichnenden Kommentar negierte gleich sein megacooles Gegenüber, der bei
einem Blick auf meine Beine nur „ist doch alles ganz normal“ meinte. Nun
gut, sie zogen mir mein Rennrad nicht ab, stiegen in Frieden aus und ließen
zumindest mich weiterreisen. Ich hatte Glück, der Typ, der ihnen auf dem
Heimweg von der Kneipe heute Abend in der dunklen Seitenstraße entgegenkommen
wird muss es nicht unbedingt haben... Nur
noch ein interessantes Zitat aus meiner heutigen Reiselektüre über
Deutschland, jetzt, wo die Fußball-WM fast vorbei ist, die Welt ein neues
Deutschland zu Gesicht bekam und auch so mancher Deutsche selbst aus dem Staunen
über die eigene „imagined community“ nicht mehr herauskam:
Hauptgericht, erster Teil:
„Denke
ich an Pölling-Vocke in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“, Frank,
als er
Zu
voll ist meine Birne noch von allen Mitnehmseln, die ich mit auf die Tour
geschleppt habe und die mir zwar nicht wie mein Rucksack schwer auf dem Rücken
liegen, wohl aber auf dem Gemüt. Zum einen wäre da das „E“ für Examen,
ein „I“ für Imke und ein „K“ für das Knie. Ab
August stehen meine Examensklausuren an, auch ein Grund, weshalb ein Stapel
wenig unterhaltsamer Literatur zu Lernfeldern neben mir auf dem Tisch liegt und
darauf wartet, durchgeackert zu werden (die 8,9 Kilo Gepäck sind also zumindest
theoretisch noch reduzierbar). Imke hingegen wohnt momentan für voraussichtlich
drei Monate in meiner WG – unsere ersten drei Monate in einer gemeinsamen
Wohnung (abgesehen von sechs netten Mitbewohnern) bei einer ungewissen,
wohnungsgeographischen Zukunft und einer viel zu langen Fernbeziehung davor,
wobei ich mit meinem Neuseelandabenteuer einen Großteil der Verantwortung dafür
schultere. Fast einen der drei Monate bin ich nun auf Tour – auch nicht
unbedingt geschickt. Das Knie hingegen war heute lange ruhig, quittierte dann
allerdings den letzten Anstieg hoch zur Jugendherberge mit etwas latenten
Protest. Leider war das dann auch erst der erste echte Anstieg des überwiegend
flachen Tages überhaupt, so dass man sich im Hinblick auf zukünftige
Tourherausforderungen nicht damit trösten kann, zumindest zwölf von dreizehn
Anstiegen am heutigen Tage problemlos abgespult zu haben. Positiv einschränkend
im Dickicht des Pessimismus kann allerdings angemerkt werden, dass zum Zeitpunkt
des Gipfelsturms zur Jugendherberge hoch auch schon 135 Kilometer hinter uns
lagen – wahrlich kein knapp bemessenes Tagespensum.
E-I-K;
alles Gründe, weshalb das typische “format c:/”-Feeling von unseren
bisherigen Radtouren im Moment noch nicht wirklich aufkommen mag. Vielleicht
darf man dieses herrliche Gefühl auch noch nicht am ersten Abend und erst Recht
nicht in deutschen Landen erwarten. Morgen werden wir jedoch Deutschland
verlassen und uns in die Heimat des WM-Finalisten Frankreichs begeben.
Vielleicht bewirken ja einige frisch-fettige Croissants, dass die Tour auch für
mich im Kopf endlich beginnt. Vollkommen
unabhängig von der E-I-K-Achse-des-Bösen passierte heute allerdings
ausgesprochen wenig, über das ich großartig Worte verlieren könnte. Ich mache
es trotzdem. Viel Spaß. Der
Tag begann bedeckt am Kölner Hauptbahnhof (fängt ein langweiliger
Tagebucheintrag nicht immer mit dem Wetter an? Es ist wie beim Friseur…), wo
sich Frank für drei Wochen von der klausurpaukenden Natascha verabschiedete.
Man bemerke: manche Menschen verweilen klausurpaukend zu Hause, andere schleppen
sich trotz Belastung „E“ in Richtung der Alpen. Vom Bahnhof aus absolvierten
wir dann ratz-fatz die potentielle und ursprüngliche Tagesetappe nach Koblenz
im Radabteil eines Intercities, wo wir leider noch kräftig für unsere
Fortbewegungsmittel nachlatzen mussten. Ein offensichtlich geistig nur
bedenklich fitter Mitarbeiter der Deutschen Bahn hatte Frank nämlich nicht nur
zwei IC-Fahrkarten von Köln nach Koblenz mitsamt Sitzplatz- und
Radreservierungen vertickt, sondern die passenden Radtickets dazu noch als
Regionalverkehrstickets, die natürlich für den schnelleren Fernverkehr
„unterfrankiert“ waren. Offensichtlich sollte ich das nächste Mal am
Flughafen auch sichergehen, dass das aufgegebene Gepäck nicht aus Versehen
verschifft wird. „Auch
wenn sie Karten am Schalter kaufen, sollten sie die stets kontrollieren“,
meinte eine von Papa Mehdorns flinken und fleißigen Bienen, die uns auf halber
Strecke kontrollieren musste und natürlich auch Radfahrer, einer in einem stinkenden, da vor Tourstart („zwecklos“) ungewaschenem Trikot, Rucksäcke und so weiter. Glauben Sie mir, liebe Biene, Testfahrer würden anders daherkommen. Wie gerne erinnere ich mich doch immer an eine meiner abendlichen Quasi-Schwarzfahrten auf dem Weg zum Studienort von Osnabrück nach Oldenburg, als das Semesterticket erst ab halber Strecke galt und die Nordwestbahn prinzipiell nie Kontrolleure einsetzte. Fast nie. Schwarzfahren lohnte sich allerdings alle Mal – statistisch betrachtet. Einmal
kam dann allerdings abends um halb zwölf doch ein Kontrolleur vorbei, fand mich ausnahmsweise ohne gültige Fahrkarte vor und meinte dann, im Angesicht meines reuevollen Gesichtsausdrucks und meines in wenigen Kilometern gültigen Semestertickets, dass „es ja auch keiner (außer uns beiden) mitkriegen würde“. Moralisch korrekt? Wohl kaum, denn wofür braucht man Schaffner, wenn sie nicht schaffnern, aber ich atmete tief durch, ließ mich entspannt zurücksacken und freute mich tierisch, als ab meinem zweiten oder dritten Semester endlich die ganze Strecke im eh schon recht teuren Semesterticket miteinbegriffen war. Jugendsünden.
Von
Koblenz aus moselten wir uns dann durch das wechselhafte Treiben des ersten
Tourtages, der nicht nur viel Sonnenschein, sondern auch so einiges an Regen im
Gepäck mitgebracht hatte. Glücklicherweise überstanden wir die Regenpausen in
recht trockenen Unterschlüpfen, so dass es heute Abend nur wenig tragisch war,
dass keiner von uns Teile des kostbaren Stauraums im Rucksack für einen sonst
immer so eminent wichtigen Fön reserviert hatte. Frank fand nach am Abend nach langer Suche nach einem Eurosport-tauglichen Fernseher (Tour de France Tageszusammenfassung; Suche letzten Endes erfolglos) auch noch heraus, dass man nicht einmal mehr guten Gewissens in deutschen Jugendherbergen nächtigen kann, da eine Gruppe polnischer Mädels, den mittlerweile wohl ausgestorbenen Zivi ersetzend, von schlecht bezahlten Jobs in der JH berichteten, wohl bei freier Kost und Logis. Jobs, die einem nicht einmal mehr genug Euro einbringen, um abends noch ab und zu etwas feiern zu gehen, ganz abgesehen davon, dass man vom langen Arbeitstag abends sowieso vollkommen erschöpft sei. Nun gut, für die Gäste mögen relativ motivierte und unterbezahlte Polinnen noch besser sein als unmotivierte und aus Protest in das Essen schnoddernde 1-Euro-Jobbler, die es meines Verständnisses eines reichen Sozialstaats nach sowieso nicht geben dürfte und die auch alles Recht hätten, ins Essen zu schnoddern, aber dazu könnte man wiederum soviel mehr schreiben, dass ich von der Themenvorgabe „Radtour, Urlaubsbericht, Bernkastel Kues“ total abweichen würde. Vielleicht eines anderen Abends, wer weiß, wie verregnet es noch wird...
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