Stage 6

Dalmally - Oban

38,1 Kilometer; 02:21:35 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Als ich vor etwa eineinhalb Jahren in London (siehe hier) in einer absolut schäbigen Jugendherberge untergekommen war dachte ich eigentlich, dass es nie wieder schlimmer kommen würde. Dachte ich…

…doch dann kam Jeremys Hostel in Oban und es kam, genau, schlimmer. Wesentlich schlimmer…

Aber ganz von vorne: im Grunde genommen fing der Tag schon skurril an, als wir in unserem B&B frühstückten. Vor unserem Bacon&Eggs-Teller gab es die obligatorischen Cornflakes, für die uns Mrs. Morgan auch eine Karaffe Milch hingestellt hatte. Ratz-fatz hatten wir den etwa halben Liter Milch weggeschlabbert und ohne großartig Böses zu ahnen, fragte ich nach etwas mehr Milch. Was folgte war eine Aufklärung darüber, dass wir ja nur so hungrig wären, weil wir am Vorabend nicht mit ihr ins nahe Restaurant gefahren sind, wo wir auch mit einer günstigen Suppe bestimmt gut gesättigt worden wären („you could have taken a soup which wouldn´t have cost you more than 5 pounds and would have filled you up really good“). Ebenfalls kam die Frage, ob wir die Milch denn gleich getrunken hätten, da ja die ganze Milch schon auf wäre (na ja, halber Liter, zwei Leute Cornflakes…) und der Hinweis, dass „people around here usually eat a good dinner“. Blabla… Das wir vielleicht einfach keinen Bock auf die Suppe für 5 Pfund hatten, kam ihr gar nicht erst in den Sinn. Zumindest fuhren wir einigermaßen satt um halb elf los und hatten nur eine kurze Etappe nach Oban vor uns, die uns anfangs

Das Loch Awe, heutiger Wegbegleiter auf den ersten 20 Kilometern.

 unglaublich schön am Loch Awe entlangführte, bevor wir im weiteren Verlauf vor die Wahl gestellt wurden, weiter der Hauptstraße entlang dem Wasser zu folgen oder alternativ eine kleine Nebenstraße durchs Inland nach Oban zu nehmen. Sonderlich viel hügeliger als an der Hauptstraße würde es auch dort nicht sein, hatte uns Mrs. Morgan erzählt (so wie vieles andere, teilweise einiges davon auch mehrfach, teilweise vollkommen belanglos).

Natürlich stellte sich dies als kolossale Falschaussage dar und die knapp 20 Kilometer nach Oban wurden einmal abgesehen vom zermürbenden Anstieg nach Lochearnhead vor zwei Tagen die schwierigsten der bisherigen Tour. Es ging zwar selten lange rauf oder runter, dafür beides aber abwechselnd im 100-Meter-Takt, wobei auch kurze aber unglaublich steile Rampen oftmals mit von der Partie waren, die uns immer wieder in die tiefsten Gänge trieben.

Aber all die Anstrengungen sollten sich doppelt und dreifach bezahlt machen, war die keine drei Meter breite Straße inmitten der nur von mehr oder weniger freilaufenden Schafen, Kühen, Pferden und Hunden bewohnten Landschaft doch einfach nur grandios. Immer wieder standen Schafe direkt am Wegesrand oder blockierten diese sogar, rollten wir im Abstand weniger Meter an Kühen vorbei oder genossen einfach nur das imposante Tal rings um uns herum.

Zwar war man am Ende durch die unzähligen Minianstiege ziemlich kaputt, Oban war aber aber auch nach 38 Kilometern am Ende einer letzten, sehr steilen Abfahrt erreicht. Und somit auch Jeremys Hostel nahe dem nett aussehenden Royal Hotel. Ich konnte mich 

Loch Awe, links im Foto die MacTavish-Bande.

noch schwach an einen gestern extrem lustig anmutenden Werbeflyer von einem Touristenrestaurant namens McTavishs Taverne erinnern, auf der auch ein älterer und weißhaariger Mann mit Akkordeon und Trachtenkleidung zu sehen war. Vollkommen überraschend war es aber wohl jener MacTavish, der mich ins Hostel einließ, nachdem bei diesem niemand die Tür öffnete und ein Zettel ankommende Gäste bat, in solchen Fällen zum MacTavish Office um die Ecke zu gehen. Inmitten eines total zugeramschten Büros fand ich eben jenen Typen, der mich durch den Innenhof und diverse Treppen zurück zum Hostel führte, mir das „Zimmer“, die Küche und das Hostel zeigte und wieder verschwand.

Und mich sprachlos zurückließ.

Unser Zimmer? Ein im Innenhof stehender Holzbau, liebevoll „the shed“ genannt und offensichtlich eigentlich als Abstellkammer konzipiert. So wie auch heute noch, nur dass man inmitten des von Spinnenweben durchzogenen Baus noch schnell zwei Betten (ein Doppelbett für uns und eine total durchgebogene Schlafcouch daneben) aufgestellt hat. Staub ohne Ende, keine Heizung (mal sehen, wie kalt es heute Nacht so wird, besser mit Pulli pennen), keine Isolation irgendeiner Art.

Das Hostel? Überall stinkende Blumen wie auf dem Friedhof. Ramsch, Schrott, Dreck. Duschen voller Schimmelpilze. Klos ohne Waschbecken, kitschige Bilder und und und…

Die Küche? Das Highlight, da ausnahmsweise nicht total vergammelt, sondern nur zu klein und vollgeramscht. Dafür aber nettes Geschirr. Aber: alles in der Küche ist „for free“ und im Preis von nur 6,50 Pfund inklusive; Imke und ich kauften trotzdem um die Ecke bei Tesco ein und mampften unser eigenes Zweigängemenü bestehend aus Pizza und Pasta.

Jeremy? Ein alter, gerade laut aus „Jeremys Room“ lachender Kauz mit verklebten Haaren, der den Laden mit einer stark mit 

Imke und ich im Hafen von Oban, unweit unserer 5-Sterne-Unterkunft.

deutschem Akzent redenden Katrin schmeißt, die höchstens 35 Jahre ist (dafür aber einen ordentlichen Buckel hat). Ebenso rennt sie den ganzen Tag mit einem viel zu kurzem Blümchenkleid herum, ist hyperaktiv, hüpfte gerade eben nur knapp mit einem Handtuch verhüllt über den von hier (Küche) einsehbaren Flur vom Bad in Jeremys Room zurück und wirkt zudem so, als würde sie den ganzen Tag nur Tüten rauchen.

Die anderen Gäste? Überwiegend normal, relativ zumindest. Zum Glück auch Martina oder Tina, die im Moment zwei Wochen durch Irland und Schottland reist und auch gerade in Oban angekommen ist. Sie hat das Glückslos gezogen und das grausame Schlafsofa in unserem Raum bekommen. Heute Abend waren wir noch mit ihr einmal durch Oban gebummelt (keine abendfüllende Tätigkeit, aber recht nett). Zwar ist Oban nicht ganz die „Metropole“, die wir erhofft hatten (wir wollten hier auch einmal wieder ins Internetcafe, fanden aber nur einen kleinen Tourishop mit Internetanschluss für 1.50 Pfund je 15 Minuten, wo aber gerade die Telefonleitung „down“ war), wirkt aber trotzdem größer als die Einwohnerzahl von 8000 vermuten lässt.

Ganz ehrlich muss man allerdings sagen, dass die absolut beschissene Unterkunft schon an uns nagt und wir morgen schon zum Glen Coe fahren würden, wenn dort nicht ebenfalls wie hier in Oban alles ausgebucht wäre. Wir fragten am Abend auch noch in einigen Hotels nach einem Zimmer für unsere zweite Nacht in Oban, überall war jedoch alles rappelvoll (na ja, es gab noch einen Raum für 130 Pfund in einem Hotel direkt am Hafen). Irgendwie muss man auch trotz des Horrorzimmers noch froh sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Drei Rucksacktouristen saßen auch vorhin noch ratlos vor unserem Hostel auf der Straße und schienen um zehn Uhr abends die Hoffnung aufgegeben zu haben, noch ein Hotel oder Hostel zu finden. Ihnen wird nichts anderes als eine Nacht auf der Parkbank übrig bleiben, ein Schicksal, dass sie laut Katrin mit vielen anderen Touristen teilen. („I really don´t like to send people away but some of those people just travel around, have no tent or sleeping bag and just think that they can travel wherever they want and expect to find something, it is crazy“).

Nun ja, trotz aller Freude die wir verspüren sollten, freue ich mich nicht auf die bevorstehende Nacht im verstaubten Shed. Man mag sich auch kaum gemütlich ausbreiten, was auch dadurch unterstützt wird, dass direkt am Bett noch ein Flugticket von London nach Glasgow liegt, welches vom 29. Juni stammt (mittlerweile ist auch erst August). Ich hoffe zumindest, dass das Bettzeug einigermaßen frisch ist, auch wenn dies sicherlich bezweifelt werden darf. In den vermutlich besseren Zimmern im Haus (zum gleichen Preis) kostet auch noch der Strom (Automaten in jedem Zimmer, 1 Pfund muss eingeschmissen werden für 1-2 Tage Heizung), wir haben zumindest umsonst Licht. Und keine Heizung…

Gute Nacht…

Ach ja: bei Tesco in Oban gab es zumindest Harry Potter, so dass ich jetzt beruhigt weiterlesen kann. Wie schön es doch wäre, in einem gemütlichen Bett noch ein bisschen im Buch zu schmökern…

BERICHT VOM RUHETAG AUF MULL UNTER DEN FOTOS DER HEUTIGEN ETAPPE!

Es war zwar wirklich schön, aber auch wirklich nicht flach... ...und das Wetter versprach wirklich mies zu werden.
Garage; irgendwo unterwegs geknipst. Gegenverkehr auf Schottisch.

13 Stunden offen in der Woche reicht doch, oder? Noch einmal das Elend in groß.

Und, weil es so lustig ist und alle so grinsen noch einmal in ganz groß! Imke vor unserer Baracke.
Staub an der Decke, Staub auf der Decke, Staub überall, wir mittendrin statt nur dabei... Das Nachtlager eines Ösis in der zweiten Nacht. Einfach die Matratze auf den Boden kippen, Schlafsack drauf und fertig!
Oben links die nette Badewanne; rechts davon das abendliche Zähneputzen am Blumenkasten vor der Baracke. Links das einzige Highlight: die viel zu kleine Küche.

 

 Bericht Ruhetag in Oban (mit Fahrt nach Mull):  


„Besser stinken als frieren“

Imke zu Martina, die ihren Pulli nicht wusch, um ihn in der Nacht im kalten Bett noch tragen zu können nach dem Aufwachen.

Gerade ist endlich ein wenig Ruhe in die chaotische Küche unseres Chaoshostels eingekehrt, das überall voller Blumen steht, dessen Wände mit Fotos und Schnipseln oder skurrilen Bildern vollgeklebt sind und dessen Niveau nach unten einfach unbegrenzt scheint, da heute Nacht im Vorzimmer unseres Holzschuppens noch ein hoffnungsloser Österreicher zwischen Waschmaschine, Trockner, Staubflocken und aufgehängter Wäsche auf einer vollgewichst aussehenden Matratze auf dem Boden nächtigt. Noch habe ich ihn nicht fragen können, ob er auch 6,50 berappen muss… Gerade weil es hier so voll ist, nutzen solche Leute wie die Hostelbetreiber die Situation aus und verdienen ihr Geld auch angesichts der schäbigsten Unterkünfte.

Betrieben wird der Laden von Jeremy und Katrin, über die wir jetzt auch etwas mehr wissen als noch gestern. Katrin kommt aus Lettland, ist immer noch stets leicht bekleidet und nicht einmal halb so alt wie ihr lieber Jeremy, der vor kurzem sein 50 jähriges Jubiläum seines Universitätsabschlusses hatte. Damals hatte er an der Trinity Hall in Cambridge Geschichte studiert und meinte vorhin, dass: „it is worthless but helps you understand the world“. Das Jubiläumsfoto hängt irgendwo im Chaos des Flurs

Morgen verlassen wir aber endlich dieses Domizil, wobei die Selbstbedienungsküche auch ihren Reiz hat. Jeden Tag stehen zwei große Schüsseln voller Brötchen auf dem Küchentisch, in kleinen Schälchen stehen von Katrin selbstgemachte Marmeladen und zumindest das Geschirr ist wirklich sehenswert (und im Nachhinein das schönste der Tour). Ein wenig entsetzt hat uns allerdings, dass unser Holzschuppen normalerweise von einem polnischen Ehepaar bewohnt (!) wird, welches gerade eine Weile unterwegs war und für Katrin überraschend schon wieder hier ist. Wo auch immer sie jetzt schlafen weiß ich nicht, es scheint aber als würden sie sich zusammen mit Jeremy und Katrin in Jeremys Room verkrümeln.

Aber nun zum Tag heute: gegen halb neun standen wir schon am Pier der Fähre nach Mull (hin- und zurück 6,45 Pfund), von wo wir mit Martina bis nach Fionnphort fahren wollten. In Fionnphort sollten sich unsere Wege dann trennen; Tina wollte noch auf eine kleine Insel namens Iona weiter, wir wollten nach ein paar netten Stränden aus dem Reiseführer suchen und uns entspannen. Von der 

Blick auf Mull vom Hafen in Oban.

Radtour. Vom Hostel. Iona ist eigentlich nur bekannt als Heimat von 130 abgeschotteten Seelen und einem seit dem 6. Jahrhundert existierenden Männerkloster. Tina erzählt auch gerade, dass sie zusammen mit einer Brasilianerin einen Reiseführer über spirituelle Orte in Europa schreiben will (vielleicht Lonely Planet). Wie dem auch sei, alles was wir über Iona gehört hatten, hielt uns davon ab noch einmal 4 Pfund extra für die Fähre von Fionnphort nach Iona zu löhnen. Ein wenig teurer als erwartet war auf der Insel Mull auch noch der Bus nach Fionnphort am Ostende der Insel (9 Pfund), eine im Vorfeld extrem teuer wirkende Dreiinseltour mit Mull, Iona und Staffa für 35 Pfund (über die wir kurz nachgedacht hatten) schien plötzlich gar nicht mehr so unverschämt teuer. Einige Reiseführer empfehlen diese Tour und man kann sicherlich argumentieren, dass man die Gelegenheit auch am Schopfe greifen kann und sich guten Gewissens von den 35 Pfund trennen kann, uns war aber eher nach einem relativ ruhigen Tag, den wir für rund 15 Pfund auch in Fionnphort hatten. Die „Strände wie in der Karibik“ von denen unser Reiseführer schwärmte, bekamen wir aber nicht zu sehen.

Ich am "tropischen" Strand mit Iona im Hintergrund.

Die Strände, die wir fanden waren dann ziemlich voll teilweise übel riechender Algen, das Wasser war dank Ebbe auch nicht voll da und trotz des Sonnenscheins waren die Temperaturen auch alles andere als tropisch, von den Wassertemperaturen ganz zu Schweigen. Ein verlorener Tag war es aber auf gar keinen Fall, da es einfach auch einmal ganz schön war einen Tag einfach nur zu entspannen und die Radlerseele baumeln zu lassen. Um noch einen angeblich interessanten Strand zu besuchen, wanderten wir noch eineinhalb Meilen von Fionnphort nach Fallin, wo wir dann vorbei an Schafen und Kühen zu einer imposanten Landschaft stiefelten, die zwar nicht unbedingt wunderschön, dafür aber beeindruckend und charaktervoll war. Gute Fotos wurden geschossen, im Schatten eines verlassenen Wohnmobils etwas gedöst und schließlich der Bus zurück zur Fähre zum Festland genommen (Busfahrt auf Mull ca. 70 Minuten).

Straßen findet man auf Mull meistens nur einspurig; hat man Gegenverkehr muss man oftmals ein ganzes Weilchen im Rückwärtsgang fahren bis es wieder eine Überholmöglichkeit gibt. Zum Radfahren wäre die Strecke nach Fionnphort sicherlich auch schön, leider müsste man aber denselben Weg zurückfahren was dann wiederum etwas langweilig werden könnte. Allzu viele Straßen gibt es auf Mull nämlich nicht. Man könnte auch sicherlich ein bisschen um die Insel herumfahren oder gleich eine große Runde über mehrer Tage fahren, um die dafür notwendigen Übernachtungsmöglichkeiten allerdings auch im freien Zustand zu finden, sollte man dann schon im Winter radeln. (wo es aber ziemlich kalt sein könnte, man könnte ja besser im Sommer vorher buchen!) Und ganz ehrlich ist Mull insgesamt auch kein riesiger Geheimtipp, ganz Schottland ist einfach nur schön.

Auch in unserem Hostel wurden heute wieder einige Gäste in die Wüste geschickt und Katrin erzählte uns wieder, dass es ihr oftmals einfach nur Leid tun würde Gästen sagen zu müssen, dass alle Betten belegt seien. Im Sommer wäre es zwar eigentlich auch nicht so schlimm im Freien zu schlafen, im Winter wäre es aber schon ziemlich hart…

Freue ich mich deswegen auf unsere zweite Nacht im Schuppen? Wohl kaum, aber um chaotische Situationen wie diese zu verhindern, haben wir gleich telefonisch Übernachtungen für die nächsten drei Tage klargemacht. Auch wenn es interessant war: bitte nicht noch einmal, bitte…