Stage 2

Newcastle - Morpeth

40,21 Kilometer; 02:26:45 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Während Imke sich gerade die Beißerchen schrubbt und gleich von einem recht anstrengenden Tag ermüdet ins Bett fallen wird, fasse ich die Ereignisse des Tages noch eben zusammen, bevor ich es ihr gleichtue.

Angefangen hat der Tag um 5:36, als ein Kind auf dem Flur vor meiner Kabine wild an eine Tür zu klopfen begann und nach seiner Mami brüllte. Fortgesetzt wurde er dann um kurz nach acht als ich mich aus den engen Federn hievte um mich mit Imke zu treffen, die aber überraschenderweise noch tief am Schlummern war (an 99% aller Tage ist die Reihenfolge des Erwachens genau umgekehrt).

Gemeinsam machten wir uns auf zum Deck, sichteten erstmals englisches Festland und lasen ein wenig, bevor es mit gepackten Sachen vom Fahrzeugdeck ins große Abenteuer ging. Auch unsere Räder hatten die Überfahrt, fest an einen Gabelstapler gefesselt, gut überstanden.

Nach anfänglicher Konfusion (links fahren, ach ja…) kamen wir nach etwa sechs Kilometern nach Tynemouth an der Küste, wo wir zuerst einen Geldautomaten plünderten und uns dann mäßig erfolgreich über eine Bäckerei hermachten, deren typisch englische Weißbrötchen geschmacklos weich und deren gefüllten Gebäcke (Blätterteig gefüllt mit Sausage oder Meat) dermaßen zum Kotzen schmeckten, dass wir den Kram angebissen in den nächsten Mülleimer versenkten, allem auf der Fähre aufgestauten Heißhunger zum Trotz. Witzig war dabei nur dass Imke sich eigentlich vorgenommen hatte, in England kein Fleisch zu essen und geistesabwesend als erstes eine Sausage-Roll erwarb…

Wenig später tauchten wir in die neblige Welt des Küstenstreifens ein, auf dem wir vom Rückenwind angetrieben flott gen Norden in Richtung Blyth gespült wurden, von wo aus wir landeinwärts zu Imkes Freundin Suzanne in Morpeth, dem heutigen Ziel des zweiten Teils des Prologs, abbiegen wollten.

Etwa zwei Kilometer vor Blyth passierte dann aber das, was uns gestern im übertragenden Sinne gekillt hätte oder in den Weiten Schottlands arg ungünstig gewesen wäre: mein Fahrrad bockte.

Nachdem ich schon den Tag über irgendwie verspürte, dass etwas im Antriebsbereich nicht ganz rund lief und dies etwa fünf Minuten vor dem späteren Zwischenfall auch Imke sagte, rotierten meine Pedale plötzlich im Nichts. Ich meinte kurz, dass ich keinen Gang mehr finden würde, bremste und fand völlig verdutzt meine Kette zwanzig Meter hinter mir wieder (siehe Foto links). Was nun? Imke erwähnte, vielleicht mit dem Bus zu fahren, ich schlug aber vor dieser ungewissen Weiterreise doch vor, zumindest bis ins nahe Blyth zu schieben und dort einen Radladen zu finden.

Ein recht netter und kaum verständlicher Opa wies uns dann nach einem kurzen Fußmarsch den Weg und mit weniger als einer halben Stunde Zeitverlust standen wir vor einem richtigen Radladen, wo wir nur warten mussten bis die Reparaturen an den Rädern zweier Belgier auf dem Weg von London nach Inverness absolviert waren, bis man sich meinem Rad widmete. Ganz im Gegensatz zur unverschämten Abzockermentalität in vielen deutschen Radläden, allen voran der schon erwähnten Speiche in Oldenburg, behob man den Schaden mit Ersatzteilkosten für etwas mehr als ein Pfund. Neu erworbene Pedale (die alten knirschten sehr nervig) wurden ebenfalls kostenlos montiert; die Reparaturen an den Rädern der beiden Belgier waren komplett kostenlos.

Schließlich ging es nach der kurzen und ungeplanten Pause weiter und wurde sehr zum Leid von Imke recht hügelig, wobei zwei Anstiege mit mehr als 10% (12,5% bzw. 10%) Steigung sicherlich nicht schottlandrepresäntativ sein werden. Andererseits wird 

Imke und Suzanne in Morpeth.

Schottland auch kein Holland sein, aber ich hoffe wirklich, dass auch sie die von uns geplante Route in Schottland erfolgreich und vor allem mit Spaß fahren kann, sporadisches Geschiebe hin oder her.

Nach einigem Wirrwarr in Morpeth und mehr Konfrontationen mit recht eigenwilligen Einsiedlern des recht überschaubaren Ortes, 

hatten wir dann unser Ziel erreicht, auch wenn etwa 500 Meter von Suzannes Adresse entfernt eine Frau uns mitteilte, dass sie hier schon ihr ganzes Leben wohnen würde und von der von uns gesuchten Straße noch nie gehört hätte. Ein anderer Mann, der seinen Schlüsselbund hinten an ein New York Yankees-Cap gebunden hatte und ordentlich nach Fusel stank, meinte es erst nicht zu wissen, war sich dann plötzlich ganz sicher und meinte dann etwas beleidigt auf die Frage, ob er sich denn wirklich sicher sei, dass es in der Richtung ein Post Office geben müsste, wo man es eigentlich wirklich ganz ganz sicher wissen müsste. So ganz sicher, dass seine ganz sichere Wegbeschreibung richtig war, schien er sich aber nicht mehr zu sein.

Nachdem wir noch zwei Stunden auf einer nahegelegenen Wiese auf Suzannes Feierabend warten mussten, wurden wir mit einer

Morpeth.
Britische Rationalisierungsmaßnahmen: man spare jeden zweiten Stein!

heißen Dusche, leckerer Gemüselasagne, Eis und Kaffee für den Tag belohnt, bevor es am Abend noch eine kleine Morpethführung für uns gab.

Viel zu erzählen gibt es über Morpeth selbst eigentlich nicht. Die Stadt scheint ziemlich stolz auf einen am Rand der Innenstadt stehenden Clocktower zu sein, in dem auch Suzannes Vater einmal in der Woche mit sieben anderen pflichtbewussten Bürgern die Glocken läuten lässt  (Mittwochs um acht), die Innenstadt ist recht sauber und übersichtlich und die Pubs sind gut gefüllt.

In den nächsten Tagen steht erst einmal die nähere Umgebung auf dem Programm. Newcastle, Imkes Exheimat Sunderland (Auslandssemester), die Küste und ein Schloss, in dem Teile von Harry Potter gedreht wurden. Aber dazu mehr beim nächsten Mal…