Stage 1

Prolog (Amsterdam - Ijmuiden)

36,75 Kilometer; 02:07:39 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Leider hat uns der momentan wolkenverhangene Himmel einen schönen Sonnenuntergang auf hoher See geraubt, aber trotz immer noch sommerlich warmen Wetters sitzt es sich auch um kurz vor zehn noch sehr schön draußen auf unserer Fähre, die uns morgen früh gegen neun Uhr in Newcastle anspülen wird, falls kein großer Eisbrocken vor den Bug kommt…

Sollte dies heute Nacht allerdings passieren, haben Imke und ich, beide in Viererkabinen von kaum mehr als sechs Quadratmetern 

Imke, nahe Holland...

untergebracht, kaum Chancen gerettet zu werden – unsere Proletariatskabinen liegen tief im Bauch des Schiffs, der Motor dröhnt laut und in den wenigen Rettungsbooten der Prince of Scandinavia wäre für uns Billiggäste bestimmt auch kein Platz.

Viel Platz würden wir dank einer zwangsverordneten Hungerkur auch nicht brauchen, denn wenn im bordeigenen Supermarkt eine Tüte M&M 4,10 Euro kostet und man schon 1,50 für eine Dose Cola Light in einen Automaten stopfen muss, hat man keine Lust ein recht exquisites Buffet (26 Euro) zu plündern oder es sich in einem der anderen Restaurants

Ankunft in Amsterdam; auf zur Fähre!

 gemütlich zu machen. Wir versuchten es aber trotzdem und wollten uns mit diversen Beilagen sättigen und auf den Kauf eines teuren Hauptgerichtes (10+ Euro) verzichten, aber da man uns eine große Beilagenauswahl ohne Hauptgericht verweigerte, zogen wir hungernd von dannen.

Zum Glück gab es noch Minigebäckteilchen zum Spottpreis von 2 Euro und 2 angedetschte Äpfel, die Imke in Oldenburg gekauft hatte. Richtig satt wurde trotzdem niemand… Imke meinte schon, dass man sich ausgestoßen oder ärmlich fühlt, wenn rings um einen herum alles ungeachtet der Kosten frisst und trinkt, aber dann ist es halt so. Lieber ausgestoßen als pleite. Fährt das Boot noch mal bei einem Sail Through von McDoof vorbei?

Andererseits sollten wir froh genug sein, dass man rings um uns herum überhaupt verschwenderisch teuer frisst und trinkt, denn beinahe hätten wir als Folge der Entscheidung mit dem Rad vom Hauptbahnhof Amsterdams zur Fähre zu fahren, die Fähre verpasst. Zuerst waren wir jedoch 35 Minuten später als erwartet am Hauptbahnhof angekommen, nach dem der letzte unserer insgesamt fünf Züge uns zum Flughafen nach Schiphol, nicht aber zum Hauptbahnhof brachte. Eigentlich nur komisch, weil wir zuvor in einen angeblich zum Hauptbahnhof fahrenden Zug eingestiegen waren, der zur genauen Abfahrtszeit unseres Verbindungsausdrucks von genau dem Gleis an dem wir standen dort hinfahren sollte. Aber am Ende hat alles gerade so geklappt, auch nachdem ich in Amsterdam noch wertvolle Zeit dazu verwendete, eben bei McDonalds einzukehren. Um halb vier fuhren wir am Ende in Richtung der um sechs ablegenden Fähre ab und hatten etwa 30 Kilometer nach Ijmuiden vor uns. 30 Kilometer, 2 Stunden Zeit, eigentlich kein Problem. Es sei denn man verfährt sich. Was natürlich auch prompt geschah, mehrfach prompt geschah…

Am Ende wurde aber ordentlich Kette gegeben, 25 oder mehr standen oft auf dem Tacho und dank der Hilfe vieler ortskundiger Amsterdamer erreichten wir die Fähre, als die letzten beiden Autos einfahren durften.

Aber nicht nur das Ende unserer 8 ½-stündigen Anreise zur Fähre hätte uns fast vor kaum lösbare Anreiseprobleme gestellt. Nein,

Die Billigkabinen tief unter Deck.

 auch heute früh in Oldenburg wäre beinahe vieles gescheitert, als ich uns, irrtümlicherweise sowieso schon recht knapp in der Zeit bemessen, zum falschen Gleis dirigierte. Leicht irritiert durch einen abfahrbereiten Intercity nach Leipzig, stellte ich meinen Fehler fest, sehr zur Freude von Imke, die wenig Spaß daran hatte, ihr Rad mitsamt Gepäck in Windeseile zu einem anderen Gleis zu tragen. Ich versuchte währenddessen die Abfahrt des Zuges zu verhindern, aber auch hier klappte wieder alles, wenngleich ich auch ein bisschen Gemurre auf meine schusselige Kappe nehmen musste.

Die Zugfahrt war insgesamt eher mäßig spannend, dank tropischer Tage schwitzte man sich zumeist einen Wolf und außer Harry Potter Teil 5 gab es wenig Unterhaltsames zwischen Oldenburg und Amsterdam. Etwas witzig war noch ein prähistorisch anmutender und ziemlich zerbeulter Minizug der uns über die Grenze trug (von Leer nach Groningen). Unterwegs musste auch der Lokführer selber aussteigen und an einem am Gleisrand stehenden Kasten irgendetwas einstellen. Das Ende der Welt schien zum greifen nahe…

Was gibt es sonst noch? 26 Euro für das Buffet, Drama in Oldenburg, Drama und Panik auf dem Prolog zur Fähre (der alternativ auch ganz langweilig per Fährendirektbus ab Hauptbahnhof hätte erledigt werden können), keine Kotzerei auf dem Schiff (hatte ich zumindest von mir erwartet) und hoffentlich keine Zimmergenossen, die sich gerade über meine Sachen hermachen, während ich hier im Schiff schreibend herumsitze.

Auf jeden Fall war es trotz der Hektik wieder richtig schön, ein schwer beladenes Rad durch die fremde Gegend zu manövrieren, mit Karten zu hantieren und einen kleinen Vorgeschmack auf den baldigen und stets faszinierenden Touralltag zu bekommen, den es in etwa einer Woche wieder geben wird. Wir werden dann von Edinburgh aus losfahren, bis dahin jedoch fünf Tage bei einer Bekannten von Imke in 

...quasi ein Sonderangebot...

Morpeth nahe Newcastle in Nordengland verbringen.

Auch viele Fragen wird die diesjährige Tour beantworten. Bin ich nach meiner Operation im März wieder fit genug zum Radeln? Ist Imke fit genug für eine lange Radtour? Wie viel Regen wird es geben? Wie hügelig wird das angeblich so hügelige Schottland wirklich sein, auch wenn ich bislang von eher harmlosen Hügeln ausgehe? Gibt es das Monster von Loch Ness? Wird mein Rad trotz mahnender Worte eines Abzockerfahrradladens in Oldenburg seine dritte Tour ohne Speichenbruch überstehen (der Radladen könnte sich „Die Speiche“ nennen und einem bei jedem Besuch die Rundumerneuerung des halben Rades empfehlen)? Wird sich die Prophezeiung eines Professors bewahrheiten (viel Wind, viel Regen, faszinierend)? Wird Harry You-know-who or He-who-must-not-be-named auch im fünften Teil der Serie Paroli bieten können? Fragen, Fragen, Fragen…

...schnarch schnarch in Kajüte "C"....

 

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