Stage 3

Sardinien 2012

Agriturismo - Ozieri
82,49 Kilometer; 04:55:38 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

„Hauptsache der Macker hatte eine Woche blauen Himmel zum surfen“
Frank im Angesicht des heutigen Wetters die sehr annehmliche Wetterrückschau unseres Frühstücksgastes von gestern resümierend.

Was ist Glück, was ist Pech, was ist gute Wetter und was soll das alles überhaupt? Historisch beleuchtet: „Why do you do this?“ (vgl. auch: Etappe aus dem Jahre 2004; etwas verbotene Radelei auf einer Europastraße in Osteuropa)

Zu letzterem: Einen aus dem Alltag katapultieren, was einmal mehr vorzüglich klappt. Abschlussprüfungsvorschläge, die entworfen werden müssen? Mir doch vollends egal. Klausuren, die vorbereitet werden müssen? Na und? Der Alltag des Kreditversicherungsgeschäfts? Auch Frank hier ordentlich Wumpe –schließlich haben wir beide „Kette“, der eine mehr, der andere weniger, aber dazu später mehr.

Dafür, dass wir erst drei Tage gefahren sind, fühlen sich Wien und Oldenburg unendlich fern an – so wie sich auf Sardinien mittlerweile vieles fern anfühlt – desto weiter wir dabei ins Inland vordringen, desto peripherer scheint das menschliche Sein um uns herum. War die Küste schon eher wenig geschäftig und touristisch von herabgezogenen Rollläden dominiert, sind die Dörfer im Inland so gut wie ausgestorben und, für uns viel dramatischer, touristisch kaum erschlossen. Hotels und Pensionen entlang der heutigen Strecke? Da war nicht viel und das Ganze schrie, hätte es hart auf hart kommen müssen, nach „Baustelle“… - aber das hatten wir vor Jahren ja schon einmal (einmal mehr Werbung; dieses Mal für das Tagebuch der Tour gen Barcelona; Cross-Selling auf der HP sozusagen: Etappe 13 nach Barcelona; Übernachtung auf der Baustelle...)

Da kommt dann Glück ins Spiel, wie einleitend in der heutigen Startaufstellung aufgeführt, denn wenn Frank nicht gegenüber unseres geschlossenen Bed&Breakfasts einfach einmal geklingelt hätte, hätten wir wohl auch nicht herausgefunden, dass dort der Besitzer wohnt, der dann quasi für uns die Saison eröffnete. Wohl wahr, auf dem gescheiten Platzl der Stadt, am geschlossenen Infostand, waren noch weitere Anschläge anderer Bed&Breakfasts, aber ob die auf gehabt hätten? Ob ein Besitzer gegenüber wohnen würde? Ich glaube es nicht – und so mancher hätte uns, bei dem heutigen Wetter und mit unseren klatschnassen Klamotten, aber auch dazu später mehr, sicherlich gleich wieder an die Konkurrenz verwiesen – siehe gestern. Auf dem Küchentisch hier im Erdgeschoss tippe ich zwar gerade in direkter Nachbarschaft einiger zum 30.12.2011 abgelaufener Milchbrötchen, die noch auf dem Tisch liegen, aber schert es uns im Angesicht dieser Rahmenbedingungen wirklich? Nicht die Bohne, denn nun: Bühne frei für…

…Pech: Ungefähr zwanzig Kilometer vor dem Ziel fing Franks Kette ziemlich unangenehm zu klacken an. Bei jeder Ritzelumrundung machte ein widerspenstiges Kettenglied einen auf gelähmt und deutlich weniger beugsam als die Kumpanen links und rechts. Da Vaseline für den Arsch, nicht aber für die Kette ist, half auch die Einschmiererei damit wenig, um das Kettenglied wieder gefügiger zu machen. Was also bleibt und auch heute Abend noch eine kleine Sorgenfalte auf Franks erschöpftes Gesicht zaubert, ist die Tatsache, dass zumindest auf technischer Ebene nicht alles rund läuft. Im direkten Kettenduell steht er damit aber immer noch besser da, denn…

...dies allerdings reicht noch nicht wirklich für die erste Liga in Sachen Pech, in die meine bis dato liebsam schnurrende Kette ziemlich überraschend aufstieg, als sie mir nämlich im Zielort angekommen einfach einmal ohne große Vorwarnung riss. Zack und bumm und Tritt ins Leere. Man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn dasselbe Missgeschick heute unterwegs und nicht erst im Zielort, der einzigen nennenswerten Behausung seit unzähligen Hügelketten, passiert wäre. Was wäre dann gewesen? Gottlob hat Frank noch ein neues Kettenglied mit, um das Ganze im Notfall zu flicken, aber hätte das wirklich funktioniert? Mit meinem Geschick natürlich nicht, aber hätte Frank es auf die Reihe bekommen und unendliche Begeisterung sowie Hochachtung meiner beidseitig mit linken Händen bestückter Selbst erfahren? Aber was für ein Spaß wäre das gewesen, selbst wenn es funktioniert hätte, irgendwo zwischen einem die Beine erquickenden Hügel und dem nächsten und dann auch noch bei, da kommt der nächste Teil der einleitenden Auflistung ins Spiel, ätzendem Regenwetter, welches uns die schöne Landschaft gehörig vergraute?

...von der Küste aus kommend sind 646 Meter durchaus ein bisschen Arbeit, auch wenn der historische Vergleich zu richtigen Pässen natürlich hinkt..

So haben wir jetzt einen Fahrradladen um die Ecke, wahrscheinlich den einzigen zwischen hier und Olbia, können dort morgen um neun in der Früh antanzen und die Kette hoffentlich repariert bekommen und haben dann nur noch die Sorge um Franks Kette, die immerhin noch die Definition einer Kette erfüllt. Mein Gedanke, als ich seine Kette unterwegs hörte? Hoffentlich reißt uns der Scheiß nicht…

Das Wetter, ja, das Wetter: Sonnenschein gab es noch beim Aufstehen, danach 30 Kilometer Bewölkung, was Frank noch schade fand, da es uns um viele nette Ausblicke brachte und, ab dann, zunächst einen penetranten Niesel, der dann für die letzten eineinhalb Stunden noch zu richtigem Regen wurde und die Frage nach Regenklamotten oder keinen Regenklamotten eindeutig beantwortete. „Früher hat einen das nicht so genervt“, resümierte Frank zwischendurch, findet aber zumindest von mir keine Zustimmung, da mich Regen immer schon genervt hat und ich jetzt, da man schon viel Regen gesehen und geschmeckt hat, dem feuchten Spaß eher toleranter gegenüberstehe. Natürlich steigt die Erkältungsgefahr enorm an, man schwitzt in den ollen Regenklamotten wie bekloppt, kann sie aber auch nicht abstreifen, man kann keine Pausen mehr machen, ohne nicht total auszukühlen und man friert auf Abfahrten mehr als einem lieb ist, was dann wieder mit dem Schwitzsarkophag der Regenklamotten zu tun hat, die man ja vorher so schön vollgeölt hat. Dazu fällt die Temperatur unschön ab – heute von rund 20 auf am Ende noch 13 Grad – was auch nicht nur zur guten Laune beiträgt. Regen war immer schon scheiße und ist es auch immer noch – Dauerregen im hügeligen Terrain um so mehr. Regen bei Klausurvorbereitungen oder der Vorbereitung von Abschlussprüfungen, davon schrieb ich viele Zeilen zuvor, ist demgegenüber eher inspirierend, da der Tag ja für sonst nichts zu gebrauchen ist…  

Was blieb also als heutiger Abschluss? Für Frank blieb eine Lasagne aus dem Supermarkt, die dann doch etwas überraschend teuer und hier in unserem Bed&Breakfast in der Mikrowelle heiß gestrahlt wurde. Für mich gab es eine wahrscheinlich keimverseuchte Familienportion Salat aus der Tüte mit Paprika, Dosenmais und Oliven sowie der Schelte von Frank, der denn dann wissen wollte, was denn der Hauptgang wäre. Etwas Brot und zwei Äpfel gab es noch dazu, aber ernährungstechnisch muss ich ja meiner liebgewonnenen Frauenrolle gerecht werden, wobei Frank auch schon meinte, dass mein Anblick von hinten „einen dazu verleiten würde, erst mal zwei Schokoriegel nach vorne zu schmeißen“. „Das gibt doch gar keine Kraft, da hat doch nichts Kohlenhydrate“, wusste Frank heute Abend auch besser und hat sicherlich auch ein bisschen mehr Recht als mir Recht ist, aber es schmeckt halt gut und die Treterei funktioniert auch noch, also?

Natürlich wäre mir ein exquisites Abendmahl wie gestern auf der Farm von Mama lieber – drei Gänge über Antipasti nach Pasta bis zur gebratenen, mit Käse überbackenen Aubergine mit Salat für mich und gebratenem Huhn anstelle der Aubergine für Frank. Dazu der, zugegebenermaßen hundsmiserable, Schädel-Billig-Hauswein aus der Karaffe, 2 Pullen Wasser und jede Menge Brot? Und das alles im Übernachtungspreis von 80€? Das war genial, aber hat sich, neben Schweinestall und Kuhweide, auch schon hundsgemein peripher angefühlt…

...wahrscheinlich die am Ende nicht schönste Unterkunft der Tour, aber immerhin konnte man mit den Milchbrötchen etwaiges Ungeziefer vergiften, hatte ein Dach über dem Kopf, einen Supermarkt um die Ecke und die Hoffnung, am nächsten Tag wieder eine neue Kette zu bekommen...

Also dann, genug von heute. Hoffentlich gibt es morgen im Radladen keine unschönen Überraschungen, hoffentlich geht uns Franks Kette nicht in die Binsen und hoffentlich sieht Frank gleich noch irgendwo auf Silvio Berlusconi Uno oder Due, oder wie auch immer die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten hier heißen, dass wir mit nettem Wetter beglückt werden. Wenn nicht, tja, Frank meinte schon, dass er bei einem Regentag mit Buch im Bett bleiben würde, aber daran glaube ich nicht wirklich. Nicht vergessen werden sollte übrigens, dass heute, am dritten Tag der Tour, zwar definitiv der bisher drittschönste Tag des Unterfangens lag, aber die Tour trotz allem einmal wieder unheimlich Spaß macht. Dann war es halt nicht so schön wie an der Küste und auch noch sehr sehr nass dazu, irgendwie aber immer noch ziemlich fein. Am Ende haben wir doch glücklich ein Bett gefunden, die verfluchte Kette riss keinen Meter zu früh und die Chancen, dass morgen alles gut wird, sind auch nicht so übel…