Stage 2

Sardinien 2012

Baia Sardinia- Agriturismo
83,93 Kilometer; 04:47:23 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

„Der Return on investment ist heute aber auch hundsmiserabel“ – Frank im Quasi-O-Ton die Relation von Krafteinsatz und dadurch bewältigter Strecke ins rechte Verhältnis rückend

...die Strecke ein Traum, hier links am Capo d`Orso und rechts nahe der Westküste Sardiniens...

Frank hatte eine heiß-feuchte Nacht hinter sich, denn heute Früh wusste er, angeblich etwas erholt, zu berichten, wie ihn ein paar nette Schweißattacken im Bett überfielen, während er gleichzeitig andauernd wach war, um sich ordentlich auszuschnoddern.

Frank in der Früh vor der Abreise - Fensterschnack.

So, so sagt er zumindest, hätte der das noch nie gehabt – und ich frage mich wirklich, ob ich nach einer Nacht in dem Zimmer nicht bereits wieder die Schniefpistole am Kopf habe. Oder der Schuss bereits gefallen ist und der Untergang kurz bevorsteht. Ich hoffe einfach einmal, dass dem nicht so ist, aber wenn ich nichts abbekomme, hat mein Immunsystem phantastische Dienste im Angesicht des rotzenden „Feindes“ geleistet. Fieber ist auch so eine Sache – da bei meiner Erkältung das Fieber zuletzt relativ gering war – mein Thermometer zeigte immer 37-37.5 Grad an – schleppte ich mich auch noch tapfer etwas länger an das BBS-Pult, als es eigentlich gut gewesen wäre. Als ich dann nach überstandener Erkältung noch einmal meine Temperatur maß, zeigte das Thermometer konsequent 35-35.5 Grad an, was auch immer das jetzt zu bedeuten hat.

Zeit für ein neues und verlässlicheres Thermometer und etwas mehr gesunden Menschenverstand – wie sehr bin ich in der hyperrationalen Moderne versackt, wenn ich mir einrede, nur deshalb kein oder kaum Fieber zu haben, weil ein digitales Thermometer dies so schwarz auf grün bekundet? Vielleicht mal daran denken, dass das Ding im Acker sein könnte und den Siedepunkt von Wasser wahrscheinlich auch bei 98 Grad verorten würde?

Ein schlechtes Gewissen habe er auch, der Frank, da ich ja bestimmt gar nicht habe schlafen können, aber so war es dann nicht, da ich brav meine zehn Stunden durchratzte. Man sieht also – die „Fahrrad-Männer“ sind angeschlagen, was aber besser ist, als als „Schlecker-Frau“ nicht nur von der FDP, sondern auch von einem hundsmiserablen Geschäftskonzept ausgeknockt zu werden. Semantisch auf dem gleichen Spielplatz tobend bekam ich übrigens auf der Zugfahrt zurück von Amrum nach Oldenburg mit, wie eine Lehrerin ihre Klasse am Bahnhofskiosk in „Ketchup-Kinder“, „Mayo-Kinder“ und „Wurst-Kinder“ einteilte, je nachdem ob die frittierten Kartoffelteile mit rot, weiß oder gar Wurst geordert wurden. Im Durchschnitt schienen die Mayo-Kinder dicker als die Ketchup-Kinder, aber wahrscheinlich war die Gruppe zu klein, um daraus gleich empirisch stichhaltige Schlüsse zu ziehen. Die „Salat-Kinder“ fehlten zudem vollends…

…achso, Amrum, Urlaub mit Imke, vor der Fahrradtour jetzt, ohne Kontext macht wenig Sinn, ohne Kartoffelecken braucht kein Mensch Ketchup, genau genommen braucht kein Mensch frittierte Kartoffelecken mit Ketchup am Bahnhof, aber ich springe in den Themen…

Zum heutigen Frühstück gesellte sich noch ein einsamer, braungebrannter Kieler zu uns an den Tisch, der gerade Arbeit und Urlaub kombinierend auf Sardinien an Luxusyachten herumschraubt, nun noch mithelfen muss, ein kleines Boot nach Genua zu überführen und dabei für 14 Tage von seiner Familie besucht wird, die eigentlich schon hätte hier sein sollen, dann aber durch einen Vorgelschwarm aufgehalten wurde, dessen Flugstrecke sich mit der des Air Berlin-Fliegers kreuzte, was aus den Vögeln Geschnetzeltes machte, den Piloten dazu veranlasste, den Flieger flugs wieder auf den Boden zurückzubringen und mich dazu brachte, einen viel zu langen Satz zu schreiben – ganz im Sinne des Butterfly-Effekts: Ein falscher Flügelschlag eines Vogels verursacht eine ungeplante Landung und hat ein darauf basierendes Gespräch zur Folge, animiert mich dann zu diesem Satz und hindert Sie daran, mit Ihrem Leben etwas Vernünftiges anzufangen, da Sie stattdessen diesen elendigen Bandwurmsatz lesen und schon jetzt nicht mehr wissen, wie er einmal anfing.

...Gesichter der Tour, fünf an der Zahl... (& diverse Impressionen ohne Beschriftung im Folgenden)

Das Leben als selbstständiger Bootstüftler scheint auch seine Schatten- und Sonnenseiten zu haben, wobei die viele Herumreiserei auf Dauer sicherlich nerven kann und es nicht immer ganz einfach sein dürfte, die Probleme der eigenen Kundschaft voller Empathie nachzuvollziehen. Wenn dann zum Beispiel ein ausklappbarer Hubschrauberlandeplatz zu nahe an die protzigen Aufbauten des Bootes gesetzt wurde, hat man es schon mit Problemen zu tun, die über die typischen Gartenzaunprobleme in deutschen Gärten hinausgehen. Dann müssen, so das Schicksal, die ollen Aufbauten halt wieder ab und hydraulisch versetzbar neu angebracht werden, koste es, was es wolle. Ich stellte allerdings leise in mich grübelnd die These auf, dass es dem typischen Endabnehmer dieser Schiffe relativ Wumpe sein dürfte, was für Stundensätze genau berechnet werden  - beispielsweise auch dann, wenn eine Bootsüberfahrt von Kiel ins Mittelmeer rund 125.000€ an Spritkosten verursacht. Dies kann passieren, wenn das eigene Boot vier Etagen hat und von vorne bis hinten 40 Meter misst… 

Unsere Überfahrt von hier nach dort, wobei „dort“ an der Westküste Sardiniens liegt, dürfte wesentlich weniger Liter Schweiß kosten. Mal sehen, wie es Frank im Bazillenparadies unseres Zimmers geht – die dritte Kanne Instantkaffee habe ich mittlerweile auch auf und fühle mich relativ fit, aber immer noch etwas angeschlagen. Die Weißbrot- und Apfelparty zum Frühstück war auch nur mäßig erquickend, aber wer will schon in Italien über das Frühstück mosern, auch wenn lieblos in die Kanne geschüppter Instantkaffee nicht wirklich mit einem 3-Sterne-Hotel konform geht? Mal hoffen, aber das hatte ich schon, dass ich die Erkältung gerade abstreife und nicht bereits den nächsten Virus übergestülpt bekomme, dann ist alles andere auch relativ egal, erst Recht der Kaffee…

Später: Ich hatte heute unterwegs allerlei Ideen, worüber ich heute Abend schreiben könnte, bin aber im Moment von einer irgendwie auch angenehmen Leere bemannt, die das alltägliche Verfassen des Tagebuches mehr zur Pflicht den zur Kür werden lässt. Was heute geleistet wurde, dürfte einer 120-Kilometer-Etappe im Flachen in rein gar nichts nachstehen – und das letzte Mal, so resümierte Frank gerade, dass er mit einem solch miserablen Schnitt durch den Tag kam, dürfte irgendwo vor mehr als einem Jahrzehnt auf dem Weg nach Paris gewesen sein. Aber eine Vielzahl erschwerender Faktoren ist sicherlich von Bedeutung – der Krankenstand, das Terrain und, mindestens genauso schlimm wie Letztgenanntes, der erbarmungslose Wind. Ich erinnere mich noch gut, im Vorfeld meiner alles anderen als intensiven Tourvorbereitung das Onlinetagebuch eines anderen Radlers gelesen zu haben, der ganz Sardinien gleich zur Insel des Windes auserkoren hatte und davon berichtete, eigentlich immer nur Gegenwind zu haben, aber noch kann es für uns ja anders blasen und sonnig bleiben. Heute, soviel sei festzuhalten, tat es das schon einmal nicht…

„Heute kommt der Wind nur aus Osten“, wusste unser Frühstücksgast von der Yacht ziemlich schlau, was logischerweise bedeutet hätte, dass wir jede Menge Rückenwind gehabt hätten. Dem war allerdings überhaupt nicht so – und uns blieb wenig anderes übrig, als mit vollem Krafteinsatz mehr oder weniger direkt in den Nordwestwind hineinzukeulen, der uns das Leben wahrlich schwer machte. Genauso wie mir fiel es Frank übrigens auch auf, dass der Typ gleich von seinen tollen Yachten erzählte, auf denen er den sicherlich total überbezahlten Elektriker mimt. Es ist ja nicht so, als würde Frank gleich damit losposaunen, bei welchen Millionengeschäften er zuletzt wieder zugegen war oder als würde ich munter zum Besten halten, was ich denn tolles im Unterricht fabriziert hätte, um Deutschland als Standort internationaler Spitzenbildung auf die Landkarte zu setzen.

Andererseits, Menschenkenntnisse muss man dem Macker zuschreiben – mich schätzte er gleich als Gymnasiallehrer in den Osterferien, wobei ich im Nachhinein noch hätte fragen sollen, was diesen Eindruck denn kommunizierte. Zudem: Ist es eher ein Lob oder ein Tadel, wenn man als Gym-Lehrer eingeschätzt wird? Ganz sicher bin ich mir da gerade nicht, tendiere aber eher zu ersterem. Man dreht sich die Wahrheit halt so, wie sie einem in den Kram passt…

Nun gut, zurück zum Radeltag: Da gumpt man dann nach dem Frühstücksschnack mit 11-13 km/h durch die feine Gegend, Frank vielleicht 1-2 Kilometer in der Stunde schneller, und erkennt schnell, dass die Frühjahrsform noch nicht sonderlich ausgeprägt ist und – ganz nebenbei – die äußeren Umstände auch alles andere als perfekt sind.

Nun gut Teil 2: Da wären noch Faktoren wie die Sonne, die heute ungefähr so viel schien wie zwischen Januar und März in Oldenburg zusammen. Da wäre noch die Landschaft, die es einmal mehr in den Spitzenbereich der ersten Liga schaffte und schon am zweiten Tourtag dafür sorgt, dass wir kumuliert mehr Schönes als zwischen Warschau und Wien zu sehen bekamen, der, soviel  Ehrlichkeit muss sein, alles andere als traumhaften Tour im Vorjahr. Also – man war halt langsam, aber das Auge hatte somit auch mehr Zeit, auf der traumhaften Landschaft zu verweilen, die kalkweiße Winterhaut hatte mehr Zeit, die ersten Sonnenstrahlen zu erhaschen und man selber hätte es alles wohl nur dann noch besser gefunden, wenn vielleicht 90 Minuten eher Schicht gewesen wäre.

Kräfte- und nicht zuletzt auch Nervenzehrend war insbesondere das Hotelgesuche am Ende, da wir im als Zielort auserkorenen Vignola Mare alles andere als gern gesehene Gäste waren. Zuvor hatten wir uns noch über eine schlussendlich vollends nutzlose Extraschleife mitsamt unschöner Kurzstiege nach Portobello di Gallura durchgeschlagen, was dann aber irgendwie eine private Kommune mit einem der englischen Sprache nicht mächtigem Pförtner und „no hotel“ war – so viel Englisch ging dann doch. Das war wahrlich auf Grundlage der munter auf der Karte angehäuften Haussymbole nicht zu erahnen. Zudem ist mir auch immer noch so, als hätte die Bildersuchfunktion meiner Freunde von Google gestern so etwas wie eine nicht zu unterschätzende Ansiedlung der Homo Sapiens auf den Bildschirm geworfen, aber wo „no hotel“ ist, ist halt „no hotel“ . und „no go“ war sowieso.

...Eindrücke vom nicht wirlklich geplanten Urlaub auf dem Bauernhof - als wir matt und schlapp einzogen, wussten wir weder, was die Nacht kosten , noch, was es abends zu essen geben würde, waren aber heilfroh, überhaupt etwas gefunden zu haben...

Hotels, gleich drei an der trotzdem nutzlosen Zahl, waren dann zwar in Vignola Mare, aber eines hatte noch geschlossen und die beiden anderen verwiesen, beim Anblick zweier saft- und kraftloser Radfahrer, die nur nach einer Übernachtung für eine Nacht suchten, liebend gerne an das jeweils andere, da beide Anlagen gerade renoviert würden (Anmerkung der Redaktion: Beide Hotels lagen 20 Meter auseinander – da weiß man doch eigentlich, ob die Konkurrenz prinzipiell auf oder geschlossen hat, auch gerade renoviert oder eben nicht!). Im zweiten Schuppen am Platz war man dann zumindest so nett, bei unserer schlussendlichen Unterkunft – einem Agroturismo mitten im Nichts und 5 Kilometer in Richtung Inland – anzurufen und uns dort ein Zimmer anzudienen. Da hocken wir jetzt auch, haben zwischen uns und der Betreiberfamilie noch den stinkenden Schweinestall und ein paar Hühner und wissen nur, dass wir um acht etwas zu essen bekommen – ohne Carne für mich und mit toten Tieren, die einmal geatmet, gelebt, geschnüffelt und geblutet haben, für Frank, dem schamlosen Tiervernichter .

Auch haben wir überhaupt keine Ahnung, was die Übernachtung kostet, aber das sind, so wie wir beide uns gerade fühlen, sekundäre Probleme, die sich dann spätestens morgen Früh lösen lassen sollten. Mit Abendessen und so weiter – tja, was soll ich schätzen? 100€ wäre hoch gegriffen, aber ich tippe einfach einmal in diese Richtung, denn wer hier am längeren Hebel sitzt und nun opportunistisch alle Chancen hat, diesen nett zu vergolden, dürfte klar sein. Die europäischen Geldströme fließen zurzeit ja sowieso gerne von Nord nach Süd – und wenn man uns zumindest die Gelegenheit gibt, dazu beizutragen, wollen wir dies auch liebend gerne tun. Wo allerdings dem südländischen Naturell entsprechend auf Business verzichtet wird, tja, da helfen dann wohl nur noch EU-Rettungsgelder, die es ja für jeden gibt, insbesondere diejenigen, die auch noch das Wort „Bank“ richtig buchstabieren können…

Etwas beklemmend finde ich, dass mir nicht ganz normal ist – heiße Birne und so. Natürlich habe ich heute viel Scheibe abbekommen und die sportliche Höchstleistung des Jahres auf den Asphalt geknallt, aber da Frank ordentlich am schniefen ist und wir ja die beengten Räumlichkeiten teilen, schwant mir zumindest latent Übles. Natürlich übertreibe ich es hier einmal mehr mit der Sorge, vor allem, da ich gerade eine Erkältung unter Dach und Fach gebracht habe, aber die Angst vor einer zweiten Erkältung lasse ich mir nicht nehmen. Es ist mir auch ein absolutes Rätsel wie Frank trotz seiner fiesen Rotzerei heute solch eine sportliche Glanzleistung fabrizieren konnte, genauso wie ich aber auch nicht verstehe, wieso manche Schüler einfach nie – und das nie bezieht sich da auch einmal locker auf die vollen zwei Jahre, die ich Klassen beispielsweise an der Fachoberschule begleite, krank sind. Es muss einfach Menschen geben, die von ihrer natürlichen Disposition her entweder nie erkältet sind oder es sich, wenn es einmal so kommt, kaum anmerken lassen (Anmerkung von Frank, ohne dass er sie geäußert hätte:  „Wahrscheinlich Fleischfresser!“). Das ist sicherlich zum Teil Einstellungssache, aber die beiden Erkältungen, die ich diesen Winter hatte, hätte ich auch mit allergrößtem Willen kaum verbergen beziehungsweise dabei ein einigermaßen normales Leistungspotenzial abrufen können. Es gibt dann natürlich auch jene Schüler, die schlichtweg andauernd krank sind – und die, am anderen Ende des Spektrums, wahrscheinlich dann auch wirklich ständig krank und jene dummen Sprüche Leid sind, dass sie sich gefälligst nicht immer so anstellen sollen. Es gibt dann natürlich auch noch nervenaufreibende Simulanten, die man aber von den anderen einfach kaum unterscheiden kann und somit oftmals die Falschen in die verbale Mangel nimmt.

Was bleibt also? Ein Abendessen als Überraschungsei? Die noch fröhlich lebenden Schweine als Nachbarn, das Vogelgezwitscher als einziges Nebengeräusch hier auf der Terrasse, ein wahrhaft toller Fahrradtag mit wahrhaft grausamen Winden die eindeutig nie aus Osten kamen? Der Eindruck, dass Sardinien noch im Winterschlaf verharrt, viele Hotels noch geschlossen sind und Gäste für eine Nacht auch in einem der wirtschaftlich maroden EU-Mitgliedsstaaten nicht immer gerne gesehen sind? Die Erkenntnis, dass man, wenn auch langsam, selbst Ende März bereits fast 1000 Höhenmeter und 80 Kilometer mit einem schwer bepackten Rad schaffen kann, selbst wenn man immer noch leicht erkältet ist? Vieles bleibt – und am Ende, gäbe es dieses Tagebuch nicht, dann doch wieder so gut wie gar nichts.

Darum, auch wenn es wahrlich manchmal mehr Pflicht denn Kür ist, macht es Sinn, diese Zeilen festzuhalten. Aber, auch das ist wahr, es könnten genauso gut auch ganz andere Zeilen sein, denn vieles von dem, was mir vor der Leere durch den Kopf ging, fand nie den Weg zur Tastatur. Die Wahrheit, so wie sie hier zu lesen ist, ist daher auch immer eine subjektive, vom Augenblick, nun kläfft ein Köter, geprägte.