Stage 8
Vaduz Schaan - Lindau
71,83 Kilometer; 03:10:34 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Der letzte Tagebucheintrag wird einmal wieder – wie immer – daheim am Schreibtisch getippt und ohne Ende redigidiert. Im Unterschied zu anderen Touren passiert das Ganze jedoch relativ zeitgleich, denn erst vor rund zwei Stunden rollte ich am Ende einer höchst entspannten Reise mit dem Nachtzug in Leer ein. Nur höchst widerwillig verließ ich mein Abteil, denn draußen nieselte und windete es ziemlich unangenehm. Wie schön es doch ist, wenn einem selbst daheim das Urlaubswetter keinen Frieden lässt…

Und so regnet es auch jetzt, zwei Stunden später, immer noch, während meine Finger etwas schwerfällig über die Tastatur flitzen und der Inhalt meines Rucksacks in der Waschmaschine Kreise fährt. Die Klamotten würden auch einem Kammerjäger gute Dienste leisten, denn was ich aus den Tiefen des Rucksacks herausfischte, stank dermaßen bestialisch, dass eine weitere Etappe heute richtig eklig geworden wäre. Wahrscheinlich hat vieles auch schon unterwegs ordentlich gestunken, aber so lange man im Kopf noch auf Achse ist, riecht man es bestimmt nur nicht so. Schade um die Mitmenschen, die einen dann hier und dort vielleicht doch einmal riechen mussten, aber mit dem Rennvelo und Rucksack muss man eben vorne und hinten knapsen, vor allem, wenn auch noch zwei mittlerweile arg mitgenommene Bücher mitmüssen.

"Was solls?" - noch einmal richtig mieses Wetter zum Tourausklang. Nicht, dass ich davon nicht bereits genug gehabt hätte...

Noch frisch ist die Erinnerung an die letzte Etappe, wenngleich es mir auch schon viel weiter weg als nur „gestern“ vorkommt, dass ich von Vaduz aus nach Lindau radelte. Theoretisch hätte es eine schöne Strecke entlang des Rheins bis nach Bregenz und dann am Bodensee entlang bis nach Lindau werden können, aber einmal wieder machte mir das Wetter einen ordentlichen Strich durch die Rechung. Der Wind blies den Rhein hinauf, nach zehn Minuten begann es unnachgiebig zu schütten und von den Bergen links und rechts der Strecke war rein gar nichts zu sehen. Zumindest hatte ich den sonst relativ vollen Radweg weitestgehend für mich, denn wer konnte oder noch einigermaßen normal im Kopf tickt, blieb an einem solchen Tag erst einmal schön lange in der Jugendherberge und hoffte auf Besserung, die jedoch nicht kommen sollte.

Was blieb, war das übliche Leid: man zieht die Regenklamotten an, schwitzt, fährt voll in den nervigen Wind hinein, schwitzt mehr, irgendwann bilden sich Pfützen in den Schuhen, man merkt, wie die Socken total durchweichen und man hofft, dass irgendetwas noch einmal besser wird, was dann aber nicht so sein sollte. Es steht vollkommen außer Frage, dass der letzte Tag der Tour der mit Abstand unattraktivste und hässlichste von allen war: Schlechtes Wetter hatte ich selbstverständlich auch zuvor, aber so durchweg grau war es selten und so „durch“ im Kopf war ich bei diesem Abenteuer noch nie. Ich wusste einfach, dass am Ende zweier oder dreier nerviger Stunden die Tour vorbei sein würde, womit jegliche innere Anspannung von mir abfiel und es einfach nur noch darum ging, das ganze Unterfangen zu beenden. Die Tour war zu Ende. Musste nur noch zu Ende gebracht werden. Kein Wunder, dass plötzlich vieles weh tat, der Sattel arg ungemütlich wurde und das Spaß-O-Meter steil in Richtung Nullpunkt absank.

Auf ewig konnte ich dem zumindest angenehm verkehrsarmen Radweg entlang des Rheins nicht treu bleiben, da die Regenergüsse des Tages selbigen prompt an vielen Stellen überfluteten und der Weg im Laufe des Tages gesperrt wurde. Ausweichen durfte ich schließlich auf die Bundesstraße, wo man dann zwar zumindest keine zentimetertiefen und meterlangen Kleinseen mehr durchradeln musste, dafür jedoch ständig von der

Phasenweise gesperrt: Der bestimmt an anderen Tagen sehenswerte Fernradweg entlang des Rheins war heute keine Reise wert. Die Alternative einer relativ stark befahrenen Landstraße machte allerdings auch keine Laune...

 Gischt vorbeifahrender Autos gebadet wurde, sich öfter als erwünscht vor roten Ampeln wiederfand und Zeit und Strecke gar nicht mehr vergehen wollten. Spaß hat daran natürlich gar nichts mehr gemacht und die Kilometer krochen bestenfalls arg langsam vorbei.

Realistisch betrachtet war die Tour zumindest aus der Warte des Wetters allenfalls durchwachsen. Vier wirklich schöne Tage stehen zwar zu Buche, demgegenüber jedoch auch mindestens zweieinhalb Tage, an denen die Stampferei zu Sattel grenzwertig vergnügsam war. Im dichten Nebel über Pässe zu radeln, sich in alles einzupacken, was sich irgendwo finden lässt, um auf den Abfahrten nicht total auszukühlen oder gar den Comer See nur bei allerfiesestem Semisturmwetter zu erleben sind allesamt Erlebnisse, auf die man gut und gerne verzichten kann. Andererseits ist es auch naiv zu erwarten, dass immer die Sonne scheint oder man sich gar davor drücken könnte, bei Regen nicht zu fahren. In Ausnahmefällen wie dem kurzen Schauer zwischendurch mag das ja funktionieren, aber die richtig schlechten Tage sind halt der zwangsläufige Preis der richtig guten Tage. Regentage sind nicht Pech sondern antizipierbare Wahrscheinlichkeit.

Was definitiv bleibt, ist das Ende eines mittlerweile zweijährigen Interlaken-Traumas, denn ganz ehrlich war ich relativ fest davon überzeugt, die schweizerischen Erderhebungen in diesem Leben nicht mehr mit dem Fahrrad zu erklimmen. Natürlich konnte ich vor zwei Jahren nicht wissen, dass eine relativ problemlose, minimal-invasive Operation am Knie viele Probleme lösen könnte und mir noch viele weitere Touren

Neue Freunde: Bei Plus in Lindau deckte ich mich noch mit meinem Abendmahl ein und mampfte mein lecker Käsebrot am Bodensee. Richtig begehrt waren auch meine Krümel...

 bevorstehen würden, aber das es so gekommen ist, erfreut mich nur um so mehr. Unsicher und ungewiss reiste ich vor etwas mehr als einer Woche in die Schweiz. Echte Berge hatte ich seit dem Tourabbruch vor zwei Jahren keinen einzigen mehr geradelt, wenngleich es auch schon auf der ersten „Comeback-Tour“ im letzten Jahr nach Bamberg nicht wenig rauf und runter ging. Nichtsdestotrotz ist die fränkische Schweiz ein anderes Kaliber als die schweizerische Schweiz und wenn ich heuer noch an den ersten Pass am ersten Tag – die große Scheidegg – zurückdenke, erscheint es durchaus irreal, was ich in der darauffolgenden Woche alles vollbringen konnte, denn wer hätte jemals gedacht, dass ich ohne „Schleifstein Frank“ von mir aus zwei Pässe an einem Tag „knacken“ und gar noch einen persönlichen Rekord an Höhenmetern pro Tag aufstellen würde (wenngleich auch knapp: Etappe „11“ der Tour 2006 hatte 2359 Höhenmeter, Etappe „2“ dieses Mal 2369)?

Ende gut, alles gut? Schon bald, denn sobald die Wäsche gewaschen, das total zugesudelte Rad geputzt und die Homepage fertig gestellt ist, kann ich wieder schön in all den fantastischen Erinnerungen an diese Tour schwelgen und ganz gemütlich ausblenden, dass es doch teilweise fürchterlich anstrengend und ungeheuer ungemütlich war. Würde man alle Emotionen und Erlebnisse einer solchen Tour in die Waagschale schmeißen und danach vollkommen hyperrational entscheiden, ob man jemals wieder auf Tour gehen würde, käme man relativ bald zu dem Schluss, das Rad besser an den Nagel zu hängen.

Aber der Mensch tickt anders, hängt sich vergrößerte Fotos der prächtigsten Sonnentage übers Bett und träumt schon bald von der nächsten großen Tour, auf der man sich dann bestimmt des öfteren genau jene Frage stellt, die vor einigen Jahren im strömenden Regen von Rumänien auf einer nur halsbrecherisch / lebensmüde zu beradelnden und für Fahrräder in Ermangelung jeglicher Alternativen verbotenen Europastraße ein Polizist an mich stellte.

„Why do you do this?“