Stage 7
St. Moritz - Vaduz / Schaan
140,34 Kilometer; 05:50:56 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Was lehrt es einem, wenn ein weitgereister Australier auf dem eigenen Jugi-Zimmer von der wunderschönen Schweiz schwärmt? Heute eine fantastische Wanderung hier in Liechtenstein auf dem Buckel hat und begeistert meint, man müsse sich ja nur vor die Jugendherberge stellen und könnte eigentlich nur noch staunen. Es lehrt vielleicht, dass man keine zwanzigtausend Kilometer weit fliegen muss, nur um wunderschöne Landstriche zu bereisen…

Letzte echte Herausforderung der Tour: Der Flüelapass auf beinahe 2400 Metern Höhe.

….die sich immer dann super bereisen lassen, wenn man a) abends ordentlich spachtelt und b) nachts richtig gut Ruhe findet und gut durchpennt. Vorletztes war gestern in St. Moritz einmal wieder ein genussvoller Selbstläufer; letzteres jedoch die reinste Katastrophe, da mein schönes Einzel-Vierbettzimmer gegen Abend langsam voll lief und schlussendlich „ausverkauft“ war.

Mein erster Mitbewohner war mir dabei jedoch noch der Liebste – so lieb sogar, dass wir heute zusammen frühstückten und gut etwas zu schnacken hatten. Auch er bereist die Schweiz – in seine Falle jedoch „seine“ Schweiz – auf zwei Rädern, absolviert fünf bis sieben Pässe pro Tag und bewegt sich dabei mit sanfter Handgelenksgymnastik voran. Der gestrige Tag – super Wetter hin oder her – hätte ihn jedoch äußerst nachdenklich gestimmt, gab er zum Besten, da er gleich drei ziemlich fiese Motorradunfälle passierte. Einer sei wohl nicht so schlimm gewesen und es schien, als hätte sich der flinke Motorrist bloß beide Beine gebrochen, „aber dann kann man ja wenigstens nach ein paar Monaten wieder gehen“. Beim zweiten Unfall war ein Bein dann so verdreht, dass es bestimmt „ab“ müsste – und beim letzten Unfall des Tages war der Zustand des Beines dann auch vollkommen egal. Seine Mittagspause hatte er zudem bei McDonalds verbracht, wo zur multimedialen Beschäftigung kleiner Nervensägen vom guten Ronald eine Playstation III installiert worden war. Ein Kind spielte natürlich ein Motorradspiel und fabrizierte aus infantilen Spaßgelüsten heraus immer wieder richtig spektakuläre Unfälle, so dass mein Zimmergenosse am liebsten hingegangen wäre, um dem Kind mal richtig eine zu schallern...

Der Pass war steil, der Fahrer war matt: Die ständige Suche nach Kraft bestimmte das Tagesgeschehen...

Sicherlich, er selbst fährt natürlich immer vorsichtig, aber in der Schweiz müsste man ja auch gut aufpassen, da ab 40 km/h über der ausgeschilderten Beschränkung der Lappen gleich für ein Jahr futsch ist. 40+ in der Stadt wäre ja auch echt nicht gut, aber wenn man über Land einmal 40 oder mehr zu schnell ist, beispielsweise 125 statt 80 fährt, ist das doch auch eigentlich nicht so wild, sagte er, derjenige, der angeblich immer so vorsichtig fährt und merkt dabei gar nicht, dass das alles ungefähr so rational ist, wie wenn ein Verfechter von Regionalwährungen abends beim Bier erzählt, dass Tagesgeldkonten doch etwas richtig Gutes sind. In Italien wäre die Welt einfacher: Bußgeldbescheide würden mit der Schweiz gar nicht erst ausgetaucht und wenn man erst einmal erwischt bzw. geblitzt wurde, muss man einfach nur Vollgas geben und abhauen. Zweifelsohne auch eine sehr sichere Vorgehensweise…

Problematisch wurde jedoch Mitbewohner #4, der jeglichen regenerativen Nutzen des Nachtessens vernichtete und auch Schuld daran ist, dass mein Motorradfreund heute Nacht schon seine Matratze auf den Flur hinausschleppen wollte, um wenigstens etwas Ruhe zu finden. In meinem Falle ist #4 ganz eindeutig dafür verantwortlich, dass ich heuer absolut saft- und kraftlos war. #4 kam zwar erst gegen elf Uhr zu uns ins mit vier Mann schon richtig stickige Zimmer, hustete und schniefte im Etagenbett eine Etage über mir jedoch dermaßen unnachgiebig, dass ich mich schon im Bazillenregen schlafend (bzw. schlafsuchend) sah und nur die vage Hoffnung blieb, dass er doch bitte gleich abnippeln würde.

Auch zu seinem eigenen Besten. Man hatte zumindest ständig den Eindruck, dass der Exitus kurz bevorstand, aber – an Schlaf für uns anderen war gar nicht mehr zu denken – dem war nicht so. Ab und zu schlummerte ich zwischen dem lästigen Herumgehuste doch einmal für ein paar Minuten weg und träumte gleich zwei Varianten ein und desselben Traumes, in dem es immer darum ging, dass ich meine Reise krank abbrechen musste und anschließend gesundet wieder an den Ort des Abbruchs zurückkehren wollte, was natürlich im Traum immer aus nicht wirklich rationalen Gründen nicht funktionierte. Obendrein blieb unser kleines Fenster die ganze Nacht über geschlossen, da es draußen auf 1800 Metern nachts doch empfindlich kalt wird und mein Motorradkumpel, direkt am Fenster liegend, die Nacht wohl sonst kaum ohne Erkältung überstanden hätte. Nun gut, so sollte es wohl für uns alle eine Lungenentzündung oder gleich die Pest geben, je nachdem, was der anonyme Keucher in unserem Kreise so von sich schleuderte…

Pause am Flüelapass: Fortan sollte es nur noch bergab gehen - und das war auch gut so...

Wach um 1, 2, 3, 4, 5, 6 und sieben Uhr: Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so mies in einer Jugendherberge oder einem der Backpacker Hostels Neuseelands genächtigt zu haben. Der Typ über mir überlebte die ganze Nacht auch irgendwie, wechselte jedoch mit niemandem bei uns im Zimmer auch nur ein einziges Wort. Ich hoffe im Moment bloß, dass das leichte Halskratzen nur Folge der totalen Übermüdung ist, mit der ich mich heute aufs Rad raffen musste. Eine sich androhende Erkältung könnte ich nun freilich nicht gebrauchen, aber wenn doch, dann bitte erst nach einer möglichst langen Inkubationszeit, da ich die letzten sechzig Kilometer morgen noch irgendwie abspulen möchte. Unglaublich – aber dann wäre der Alpencross geschafft!

Matt und schlapp war es heute auch nur verdient, dass mich in der Früh der Rückenwind in Rekordzeit nach Zernez (1473 Meter) und Susch (1426 Meter) blies, von wo ich dann wohl oder übel das Zepter selbst in die Hand nehmen und richtig arbeiten musste, um total müde den Flüelapass zu erklimmen, der mit 2383 Metern auch nicht gerade direkt über Susch lag.

Ingesamt ist es mit den Pässen jetzt aber auch erst einmal gut gewesen, denn so langsam gleicht der eine doch dem anderen. Der sportliche Wert bleibt den Pässen ohne Zweifel tagein tagaus erhalten, aber nach zig Pässen in einer Woche konnte ich es heute auch gut verschmerzen, ab Davos eigentlich nur noch bergab zu dürfen und den Alpen langsam den durchgeschwitzten Rücken zuzukehren. Bedingt durch die unendlichen Abwärtspassagen und netten Winde gelang auch eine phänomenal gute Durchschnittsgeschwindigkeit, die jedoch in keiner Weise meine heutige Verfassung adäquat wiederspiegelt, denn kraftloser war ich auf keiner Etappe zuvor.

Am Ende der Abfahrt über Davos hinab nach Liechtenstein verschwanden die Alpen in Windeseile. Kein Problem, denn nach einer Woche auf den Pässen der Schweiz hat man auch erst einmal genug von schneebedeckten Gipfeln und vierzehn Prozent Steigung.

Zumindest überholte ich am Pass heute auch einmal zwei Radler in einem wahren Elefantenrennen, da ich auf rund 2100 Metern bei knackigen zehn Prozent Steigung selbst meine acht bis neun km/h auf den Asphalt brannte und meinen Opfern damit bestimmt ein viertel km/h überlegen war. Man könnte noch erwähnen, dass die beiden mit vollbeladenen Tourenrädern unterwegs waren – aber warum sollte man? Egal – überholt ist überholt – und überholt wurde ich selbst einmal wieder zuhauf von diesen pseudo-coolen Rennradmöchtegernprofis im total bekloppten Litfasssäulenoutfit für teuer Geld. Wie schrieb Frank doch vor vielen Jahren? Es gäbe halt Unterschiede zwischen Bergfahrern und Leuten, die einfach nur gerne Berge fahren, aber im Grunde genommen kein wirkliches Talent haben. Zu letzteren zähle ich mich ohne jeden Zweifel, aber selbst wenn ich mittlerweile auch ganz gut abgemagert bin: so wie diese hastig den Berg hinaufatzenden Happen von Mensch möchte ich auch nicht durch die Welt spazieren…

Einziger Wehrmutstropfen der netten Jugendherberge hier in Schaan ist, dass es für die Fahrräder keinen abgeschlossenen Raum gibt – andererseits meinte die nette Dame von der Rezeption auch, dass man in Liechtenstein sowieso keine Fahrräder klauen würde – dafür gäbe es schließlich die Banken…

Die Idylle von Vaduz - Schaan.