Stage 6
St. Moritz

Julierpass (2284 Meter) & Albulapass (2315 Meter)

108,78 Kilometer; 05:36:48 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Tischmanieren sind ja schon etwas Feines. Wäre ich heute so gefahren, wie die beiden Balgen bei mir am Tisch durch ihre Eltern vollkommen ungetadelt gespachtelt haben, ich wäre bestimmt nicht einmal heil um die allererste Kehre gekommen. Tabletts? Wozu; es gibt doch auch die Spielwiese Tisch! Munter wurde im Pfötchengriff geschaufelt. Grobziel Schlund. Der Mensch ist ja mit dem Affen verwandt: warum soll man es auch verstecken, wenn man nicht gerade eifriger Kreationist ist? Erfolgsquote der eifrigen Schaufelei: bestenfalls zwei Drittel. Totes Huhn muss man schneiden, zumindest wenn es wie hier in der Jugendherberge im ganzen Stück serviert wird. Also: Messer schräg ansetzen, richtig feste zudrücken und zack – da hat man den Salat bzw. den Reis auch schon auf der Spielwiese verteilt. Papa ist dazu auch noch schweinefett, ein Schicksal, dass seinen Kinder zum Glück erspart bleiben wird, wenn weiterhin so wenig dort ankommt, wo es eigentlich hinsoll…

Impressionen vom Julierpass - von St. Moritz aus erklommen.

Was gibt es sonst noch? Die wirtschaftlichen Erwartungen in Deutschland sind so schlecht wie noch „nie“, der Euro ist dem Dollar gegenüber auf einem neuen Allzeithoch und Bernake ist ordentlich mit dem Retten riesiger Immobilienfinanziers mit reichlich dubiosen und hierzulande unbekannten Namen beschäftigt. Hierzulande mag die Häuser zwar niemand kennen, dortzulande jedoch wird von ihnen jedes zweite Haus irgendwie mitfinanziert. Und da diese bekanntermaßen nichts mehr wert sind, verschallt der Ruf nach neuen Kapitalspritzen zumindest auf den Märkten reichlich ungehört, so dass die Schalter und Walter des Kapitalismus gar nicht mehr anders können, als eben genau die Regeln dieses zum Wohle aller außer Kraft zu setzen und den Fortbestand der Banken staatlich zu garantieren. Paul Krugmans Kolumnen der Herald Tribune habe ich zwar gerade nicht zur Hand, ich bin mir aber sicher, dass er sich einmal wieder einen Wolf freuen wird, während ein guter Hayek sich sicherlich vor Scham im Grab windet und um das Erbe seiner Ideologie betrogen fühlt. Amerika steuert den Abhang hinab, daran habe ich kaum wirkliche Zweifel, aber glaubt man den Zeitungen des Tages, sieht es um unsere Freunde aus Spanien auch nicht viel besser aus, deren zuletzt boomende Volkswirtschaft auch bloß darauf basierte, sonnenhungrigen Nordeuropäern jedes Jahr hundertausende an Ferienhäusern zu verticken, die diese nun plötzlich a) alle bereits haben oder b) nicht mehr brauchen oder c) sowieso gar nicht mehr bezahlen können…

Achso: Mich und mein flinkes Fahrrad gab es heute ja auch noch. Trotz des allerfeinsten Wetters kam ich

...zuviel Berg ist auch nicht gesund...

allerdings nur schwer in Schwung. Auch Gott baute am sechsten Tag nur noch Mist, dachte ich mir, radelte aber doch mäßig fit auf meinem Rundkurs zuerst über den Julier- und danach auch noch über den noch wesentlich herausfordernden Albuapass.

Enttäuscht wurde ich beileibe nicht, denn beim sehnlichst herbeigesehnten Sonnenschein war der ganze Rundkurs ein wahrer Traum. Optimal war auch, dass der Wind ordentlich aus Richtung Norden kam. Ungünstig für die 500 Höhenmeter hinauf zum Julierpass am Anfang des Tages, egal für die schlimmstenfalls etwas verlangsamte Abfahrt nach Tiefencastel und ein richtiger Segen für den Albulapass, zu dem es von Tiefencastel aus gesehen nette 1400 Meter hinauf ging.

Oben am Julierpass durfte ich noch mit einem schnell versterbenden Schneemann posieren; am Ende einer baustellenlastigen Abfahrt fand man sich jedoch schnell wieder im Grünen zurück - hier kurz vor Tiefencastel.

Absolutes Highlight war eben jener zweite Pass, der einfach nur wahnsinnig spektakulär war und dank des Windes sogar richtig einfach schien. Nun gut, „einfach“ und „1400“ Höhenmeter passen nicht wirklich gut zusammen, aber den Umständen entsprechend war die Rackerei wirklich nicht so wild wie eingangs erwartet, vor allem, da es für das Auge stets gut etwas zu sehen gab. Andererseits war auch der Julierpass heute durchaus sehenswert, besonders deshalb, da es zuletzt noch einmal ordentlich geschneit hat und am Gipfel die Überreste eines flugs dahinschmelzenden Schneemanns auf mich warteten. Keine Ahnung, ob er den Tag noch überleben durfte, aber Zweifel dürften nicht fehl am Platz sein.

Absolut sehenswert: der Albulapass; dank netter Rückenwinde sogar beinahe "einfach", wenngleich
ich auch schrecklich versägt wurde.

Ein relativer Krampf war dafür jedoch die Abfahrt vom Julier, da regelmäßige Baustellen in Abwesenheit irgendeiner „fertigen“ Straßenoberfläche eigentlich nicht mit einem Rennrad gefahren werden sollten. Mit einem Mountainbike hätte man so manchen Streckenabschnitt sicherlich relativ problemlos durchfahren

Auch gut für das Auge: Die Straße zurück nach St. Moritz.

 können, mit dem Renner hätte man sich beim Versuch des zügigen Hinabrollens allerhöchstens selbst gefällt.

Etwas dumm war einmal wieder, dass mir total entfallen war, dass die Supermärkte der Schweiz prinzipiell von zwölf bis vierzehn Uhr schließen, so dass ich weder in Savognin (12:30) noch in Tiefenfastel (12:45) die regionale Wirtschaft stärken konnte – und ohne Futter an Bord zum Albula aufbrach, an dem ich – fälschlicherweise – keine Einkaufsstädten mehr vermutete. „Gerettet“ wurde ich schlussendlich um 14:20 im wirklich malerischen Bergün, hatte allerdings vorher bereits am Golfplatz von Alvaneu Bad ein sauteures 5-Franken-Sandwich eingeschmissen, da das Frühstück langsam verdammt weit hinter mir lag und ich ordentlich am Hungerast nagte.

Nach den theoretisch zu berappenden Green Fees habe ich allerdings nicht einmal gelugt – Billiggolf wie in Neuseeland dürfte in der Schweiz nur schwer zu finden sein und Zeit für 170+ Schläge auf 18 Löchern hatte ich heute wahrlich nicht. Nicht, dass ich ohne Platzreife überhaupt auf die edlen Plätze gedurft hätte, aber eigentlich wird mir der schöne Sport ziemlich schnell suspekt, wenn bereits der Parkplatz voller moralisch kaum zu vertretenden CO2-Schleudern steht und man bereits auf den ersten Blick überzeugt ist, dass ein gewisser Teil der Gesellschaft hier gerne etwas mehr bezahlt, nur um den Rest der Welt angenehm auszupreisen.

Erschreckend war heute auch noch ein kleines Schlüsselerlebnis rund einen Kilometer vor dem Gipfel des Albulapasses. Mühsam stampfend sinnierte ich gerade darüber nach, ob ich den letzten Kilometer durchrackern oder noch eine weitere meiner eher unzähligen Pausen einlegen sollte. Gut unterwegs war ich eigentlich noch und hatte stets zumindest acht oder neun km/h auf dem Tacho, aber eine Pause könnte ja auch nicht schaden, oder?

Flugs schaute ich mich noch einmal um und erspähte ein ganzes Stück hinter mir einen weiteren Rennradler, der sich genauso wie meine Wenigkeit den Berg hinaufzwang. „Nun gut, den halte ich noch hinter mir“ dachte ich mir und fuhr erst einmal weiter, nur um jedoch keine halbe Minute später dermaßen von meinem Verfolger versägt zu werden, dass mir außer „du mich auch“ und „jetzt erst Recht eine Pause“ nicht mehr viel einfiel. Zwanzig oder mehr hatte der Macker garantiert auf dem Tacho und ich frage mich einfach nur, wie so etwas überhaupt geht. Möglich ist. Man ist hoch am Berg. Am Ende eines langen Passes. Es ist steil. Harte Arbeit. Man keucht und ächzt und stöhnt. Man kommt sich cool vor, den Berg überhaupt hochzukommen, vor allem, wenn man mittlerweile in Ostfriesland wohnt und man von einer Autobahnbrücke gleich eine fette Aussicht hat. Und dann? Sieht man für ein paar Sekunden das knackige Hinterteil eines vorbeizischenden Fliegengewichts, das die Pedale dermaßen kreisen lässt, dass man sich auch mitten auf einer Abfahrt wähnen könnte.

Ich verstehe es nicht. Ich kann es nicht verstehen.

Done for da day...