

Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
Tischmanieren
sind ja schon etwas Feines. Wäre ich heute so gefahren, wie die beiden
Balgen bei mir am Tisch durch ihre Eltern vollkommen ungetadelt
gespachtelt haben, ich wäre bestimmt nicht einmal heil um die allererste
Kehre gekommen. Tabletts? Wozu; es gibt doch auch die Spielwiese Tisch!
Munter wurde im Pfötchengriff geschaufelt. Grobziel Schlund. Der Mensch
ist ja mit dem Affen verwandt: warum soll man es auch verstecken, wenn man
nicht gerade eifriger Kreationist ist? Erfolgsquote der eifrigen
Schaufelei: bestenfalls zwei Drittel. Totes Huhn muss man schneiden,
zumindest wenn es wie hier in der Jugendherberge im ganzen Stück serviert
wird. Also: Messer schräg ansetzen, richtig feste zudrücken und zack –
da hat man den Salat bzw. den Reis auch schon auf der Spielwiese verteilt.
Papa ist dazu auch noch schweinefett, ein Schicksal, dass seinen Kinder
zum Glück erspart bleiben wird, wenn weiterhin so wenig dort ankommt, wo
es eigentlich hinsoll…
Was gibt es sonst noch? Die wirtschaftlichen
Erwartungen in Deutschland sind so schlecht wie noch „nie“, der Euro
ist dem Dollar gegenüber auf einem neuen Allzeithoch und Bernake ist
ordentlich mit dem Retten riesiger Immobilienfinanziers mit reichlich
dubiosen und hierzulande unbekannten Namen beschäftigt. Hierzulande mag
die Häuser zwar niemand kennen, dortzulande jedoch wird von ihnen jedes
zweite Haus irgendwie mitfinanziert. Und da diese bekanntermaßen nichts
mehr wert sind, verschallt der Ruf nach neuen Kapitalspritzen zumindest
auf den Märkten reichlich ungehört, so dass die Schalter und Walter des
Kapitalismus gar nicht mehr anders können, als eben genau die Regeln
dieses zum Wohle aller außer Kraft zu setzen und den Fortbestand der
Banken staatlich zu garantieren. Paul Krugmans Kolumnen der Herald Tribune
habe ich zwar gerade nicht zur Hand, ich bin mir aber sicher, dass er sich
einmal wieder einen Wolf freuen wird, während ein guter Hayek sich
sicherlich vor Scham im Grab windet und um das Erbe seiner Ideologie
betrogen fühlt. Amerika steuert den Abhang hinab, daran habe ich kaum
wirkliche Zweifel, aber glaubt man den Zeitungen des Tages, sieht es um
unsere Freunde aus Spanien auch nicht viel besser aus, deren zuletzt
boomende Volkswirtschaft auch bloß darauf basierte, sonnenhungrigen
Nordeuropäern jedes Jahr hundertausende an Ferienhäusern zu verticken,
die diese nun plötzlich a) alle bereits haben oder b) nicht mehr brauchen
oder c) sowieso gar nicht mehr bezahlen können…
Achso: Mich und mein flinkes Fahrrad gab es
heute ja auch noch. Trotz des allerfeinsten Wetters kam ich
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...zuviel Berg ist auch
nicht gesund... |
allerdings
nur schwer in Schwung. Auch Gott baute am sechsten Tag nur noch Mist,
dachte ich mir, radelte aber doch mäßig fit auf meinem Rundkurs zuerst
über den Julier- und danach auch noch über den noch wesentlich
herausfordernden Albuapass.
Enttäuscht wurde ich beileibe nicht, denn
beim sehnlichst herbeigesehnten Sonnenschein war der ganze Rundkurs ein
wahrer Traum. Optimal war auch, dass der Wind ordentlich aus Richtung
Norden kam. Ungünstig für die 500 Höhenmeter hinauf zum Julierpass am
Anfang des Tages, egal für die schlimmstenfalls etwas verlangsamte
Abfahrt nach Tiefencastel und ein richtiger Segen für den Albulapass, zu
dem es von Tiefencastel aus gesehen nette 1400 Meter hinauf ging.
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Oben am Julierpass
durfte ich noch mit einem schnell versterbenden Schneemann
posieren; am Ende einer baustellenlastigen Abfahrt fand man sich
jedoch schnell wieder im Grünen zurück - hier kurz vor
Tiefencastel. |
Absolutes Highlight war eben jener zweite
Pass, der einfach nur wahnsinnig spektakulär war und dank des Windes
sogar richtig einfach schien. Nun gut, „einfach“ und „1400“ Höhenmeter
passen nicht wirklich gut zusammen, aber den Umständen entsprechend war
die Rackerei wirklich nicht so wild wie eingangs erwartet, vor allem, da
es für das Auge stets gut etwas zu sehen gab. Andererseits war auch der
Julierpass heute durchaus sehenswert, besonders deshalb, da es zuletzt
noch einmal ordentlich geschneit hat und am Gipfel die Überreste eines
flugs dahinschmelzenden Schneemanns auf mich warteten. Keine Ahnung, ob er
den Tag noch überleben durfte, aber Zweifel dürften nicht fehl am Platz
sein.
Ein relativer Krampf war dafür jedoch die
Abfahrt vom Julier, da regelmäßige Baustellen in Abwesenheit irgendeiner
„fertigen“ Straßenoberfläche eigentlich nicht mit einem Rennrad
gefahren werden sollten. Mit einem Mountainbike hätte man so manchen
Streckenabschnitt sicherlich relativ problemlos durchfahren
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Auch gut für das Auge:
Die Straße zurück nach St. Moritz. |
können,
mit dem Renner hätte man sich beim Versuch des zügigen Hinabrollens
allerhöchstens selbst gefällt.
Etwas dumm war einmal wieder, dass mir total
entfallen war, dass die Supermärkte der Schweiz prinzipiell von zwölf
bis vierzehn Uhr schließen, so dass ich weder in Savognin (12:30) noch in
Tiefenfastel (12:45) die regionale Wirtschaft stärken konnte – und ohne
Futter an Bord zum Albula aufbrach, an dem ich – fälschlicherweise –
keine Einkaufsstädten mehr vermutete. „Gerettet“ wurde ich
schlussendlich um 14:20 im wirklich malerischen Bergün, hatte allerdings
vorher bereits am Golfplatz von Alvaneu Bad ein sauteures
5-Franken-Sandwich eingeschmissen, da das Frühstück langsam verdammt
weit hinter mir lag und ich ordentlich am Hungerast nagte.
Nach den theoretisch zu berappenden Green
Fees habe ich allerdings nicht einmal gelugt – Billiggolf wie in
Neuseeland dürfte in der Schweiz nur schwer zu finden sein und Zeit für
170+ Schläge auf 18 Löchern hatte ich heute wahrlich nicht. Nicht, dass
ich ohne Platzreife überhaupt auf die edlen Plätze gedurft hätte, aber
eigentlich wird mir der schöne Sport ziemlich schnell suspekt, wenn
bereits der Parkplatz voller moralisch kaum zu vertretenden CO2-Schleudern
steht und man bereits auf den ersten Blick überzeugt ist,
dass
ein gewisser Teil der Gesellschaft hier gerne etwas mehr bezahlt, nur um
den Rest der Welt angenehm auszupreisen.
Erschreckend war heute auch noch ein kleines
Schlüsselerlebnis rund einen Kilometer vor dem Gipfel des Albulapasses. Mühsam
stampfend sinnierte ich gerade darüber nach, ob ich den letzten Kilometer
durchrackern oder noch eine weitere meiner eher unzähligen Pausen
einlegen sollte. Gut unterwegs war ich eigentlich noch und hatte stets
zumindest acht oder neun km/h auf dem Tacho, aber eine Pause könnte ja
auch nicht schaden, oder?
Flugs schaute ich mich noch einmal um und
erspähte ein ganzes Stück hinter mir einen weiteren Rennradler, der sich
genauso wie meine Wenigkeit den Berg hinaufzwang. „Nun gut, den halte
ich noch hinter mir“ dachte ich mir und fuhr erst einmal weiter, nur um
jedoch keine halbe Minute später dermaßen von meinem Verfolger versägt
zu werden, dass mir außer „du mich auch“ und „jetzt erst Recht eine
Pause“ nicht mehr viel einfiel. Zwanzig oder mehr hatte der Macker
garantiert auf dem Tacho und ich frage mich einfach nur, wie so etwas überhaupt
geht. Möglich ist. Man ist hoch am Berg. Am Ende eines langen Passes. Es
ist steil. Harte Arbeit. Man keucht und ächzt und stöhnt. Man kommt sich
cool vor, den Berg überhaupt hochzukommen, vor allem, wenn man
mittlerweile in Ostfriesland wohnt und man von einer Autobahnbrücke
gleich eine fette Aussicht hat. Und dann? Sieht man für ein paar Sekunden
das knackige Hinterteil eines vorbeizischenden Fliegengewichts, das die
Pedale dermaßen kreisen lässt, dass man sich auch mitten auf einer
Abfahrt wähnen könnte.
Ich verstehe es nicht. Ich kann es nicht
verstehen.
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Done for da day... |