Stage 5
Nesso - St. Moritz

Malojapass (1815 Meter) 

118,36 Kilometer; 06:38:26 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

...Maren Henri Begley first set foot on the shores of Lake Como …he wrote in La Chartreuse de Pame (1839) that the blue-green waters of the lake and the grandeur of the Alps made it the most beautiful place in the earth. (Lonely Planet Italy, gelesen in der Jugendherberge von St. Moritz)

"…aber morgen soll ja endlich wieder ordentlich die Sonne scheinen, was ich auch schwer hoffe, da mein Abstecher zum Comer See sonst ziemlich für die Katz war…" (Endes des vorherigen Eintrags)

…und es donnerte, blitzte und donnerte die ganze Nacht hindurch, so dass ich fast eine Art Diskobeleuchtung vom Himmel herab aus der komfortablen Warte meines Bettes heraus genoss. Um halb sieben in der Früh verschwand der Regen jedoch wie auf Kommando, um sieben verspeiste ich in geschätzten und aufgerundeten zehn Sekunden mein wie antizipiert grausig mieses Frühstück (Italienischer Minikaffee und zwei Berliner!) und um viertel nach sieben war ich auch schon auf der Straße, denn die Megaetappe bis nach St. Moritz stand auf der Tagesordnung. So sehr ich mich jedoch auf meine mittlerweile wohlverdiente Sonnenetappe gefreut hatte – Sonne und 28 Grad waren schließlich vom Wetterfrosch prognostiziert worden – so sehr wurde ich einmal wieder enttäuscht. Die Sonne musste wohl ins falsche Tal abgebogen sein. Die Kurzfassung: Neun Kilometer durfte ich trocken radeln, dann abwechselnd im Niesel- und Sturzbachregen bis nach Bellagio, wo ich dann bei tierischem Wind und Dauerregen dreißig Minuten auf die nächste Fähre nach Varenna warten musste. Ganze ehrlich fragte ich mich, was ich dort eigentlich genau zu suchen hatte, morgens um kurz nach acht, irgendwo am angeblich schönen Comer See bibbernd und desillusioniert auf das raue Wasser des doch angeblich schönsten Fleckes der Erde hinausglotzend.

Halb durchnässt und zwei Drittel durchgefroren stürmte ich schließlich im prasselnden Regen auf die Fähre und dachte mir nur, dass der See hier bei Como bei der Bildersuchfunktion von Google bestimmt anders daherkommen würde. Sowieso – wenn mich die letzten beiden sowie auch der heutige Tag eines gelehrt haben, dann allerhöchstens, dass das Leben kein Zuckerschlecken und die Welt kein Abbild dessen ist, was Google Earth einem vorgaukelt. Rein theoretisch könnte man als Google Earthler – unter Zuhilfenahme der eingesetzten Fotos – den Eindruck erhalten, dass auf der ganzen Welt die Sonne entweder aufgeht, scheint oder in allen Rottönen des Universums am Horizont versinkt. Afghanistan ist dann schön und selbst Baghdad nicht ohne Reiz. Die wahre Welt ist anders. Kalt. Windig. Nass. Woher sollte auch sonst das Grün auf all den schönen Fotos kommen?

Wie mir sonst eigentlich nur aus Neuseeland bekannt: Ein Friedhof mit Fotos - aufgenommen auf den ersten neun Kilometern des Tages in Richtung Bellagio. Noch war es trocken, noch machte das morgendliche Fotografieren Spaß...

Wirklich schön wurde es heute nie. Zwar hatte ich zwischenzeitlich auch einmal bis achtzehn Grad am Rad und zumindest kurze Regenpausen, insgesamt fuhr ich aber beinahe ausschließlich im lebensnotwendigen Regendress, bekam eine Wasserfontäne nach der anderen vor den Bug geknallt und durfte auch noch von Chiavenna bis St. Moritz ungeschont in den Wind hineinfahren, der es heute richtig gut gemeint hatte und kein Halten kannte. Das Hauptproblem wurde zum einen, dass der rund 1600 Meter umfassende Anstieg zum Malojapass durch den Gegenwind nicht gerade einfacher wurde, zum anderen jedoch auch, dass man ständig am Frieren war, da die Temperatur selbst – den brutalen Wind erst einmal unberücksichtigt lassend – auf nette zehn Grad absank. Plötzliche Böen machten es außerdem schwer, überhaupt vernünftig geradeaus zu fahren, was dem subjektiven Sicherheitsgefühl am Straßenrand wenig zu Gute kam. Der Wind pfiff und riss am Rad, mühsam folgte man einer einigermaßen geraden Linie und von hinten vernahm man schon wieder einen heranbrausenden LKW: Super! Eine der oberen Kehren des zuletzt doch arg steilen Malojapasses schob ich notgedrungenermaßen - sechs oder sieben Kilometer pro Stunde an Eigengeschwindigkeit waren bei 14% Steigung und den heutigen Winden einfach nicht zu fahren.

Teilweise richtig ungemütlich: Tunnel entlang des Comer Sees; bestens beleuchtet und absolut fahrradgeeignet! 

Wirklich froh war ich, endlich wieder, nach einem Tag der Abwesenheit, die Schweiz zu erreichen und in einer Jugendherberge nächtigen zu können. Keine sauteure Herberge am Wegesrand mit der kumulierten

Auch Italien hat seine guten Seiten: Nach dem 
Besuch beim Bäcker!

 Freundlichkeit und Sozialkompetenz einer kleinen Viehherde und allgemeine Kommunikationsmöglichkeiten mit den Menschen um mich herum machten das Leben gleich wieder lebenswerter: es mag zwar sein, dass ich selbst auch nur Englisch, Deutsch und grausame Französischfragmente spreche und mir deshalb auch an die eigene Nase fassen sollte, aber mir schien, als würde in Bella Italia ein jeder eigentlich nur italienisch sprechen und einen bestenfalls mit dem fetten Hinterteil anglotzen, falls man es selber nicht auf die Reihe bekam. Das Schweizer Bergvolk hingegen brilliert immer wieder damit, dass jeder fließend mindestens achteinhalb Sprachen zu sprechen vermag und man mancherorts sogar richtig freundlich und zuvorkommend ist. Der Eindruck meines kurzen Abstechers nach Italien und die Macht meiner Erinnerung vergangener Tage mag unrepräsentativ sein, aber in Italien fühle ich mich eben eher als irgendwie gerade noch geduldeter Devisenimporteur und eben nicht als eigentlich vielleicht sogar gern erwünschter Gast. Die latente Unfreundlichkeit mag Erbe der seit den frühen Jahren des Wirtschaftswunders andauernden Dauerbesetzung durch uns Deutsche sein, aber schöner wird der eigene Aufenthalt dadurch auch nicht gerade. Es ist die Zeit für Vorurteile – die jedoch meistens auch nichts anderes als voreiligst generalisierte Urteile sind und daher auch immer ein Fünkchen punktuell wahrgenommener Wahrheit beinhalten.

Impressionen vom Malojapass.

Übrigens: Das Abendbuffet bzw. Nachtessen der Jugi hier in St. Moritz ist fantastisch und belohnt für alle Strapazen des Tages: ein riesiges Salatbuffet, AYCE Spaghetti Bolognese und ein leckerer Nachtisch dazu: sehr empfehlenswert!

Was heute auch eklatant ins Gewicht fiel, war meine langsam abfallende Form. Beide Knie schmerzten bei der Ankunft ordentlich. Mein linker Arm ist komisch verspannt, die Muskulatur führt ein seltsam zuckendes Eigenleben und auch mein Hinterteil fühlt sich auf dem Sattel nicht mehr richtig wohl. Beim Hinsetzen bzw. immer wenn ich kurz aus dem Sattel in den Wiegeschritt gehe, wird selbiges mit einer nicht zu unrecht schmerzverzerrten Mimik untermalt. Sitze ich jedoch erst einmal wieder einige Minuten fest im Sattel, geht es auch mit den Schmerzen relativ gut, aber insgesamt spüre ich doch langsam, wie die Tour ein bisschen an meiner Substanz nagt. Allerdings war der psychisch zu berappende Preis der letzten Tage doch deutlich größer als der physische, da das ewige anziehen-ausziehen-umziehen-frieren-schwitzen-nass-sein jede Menge Kraft und Nerven raubte. Aber wenn man so etwas nicht will – und nach jahrelanger Radelerfahrung ist mir ja durchaus bewusst, dass Regen zum radeln gehört wie trinken zum leben – muss man eben daheim bleiben und sich die Pässe bei Google Earth anglotzen.

Basta. So, noch ein Teller Pasta…