Stage 4
Bellinzona - Nesso
91,76 Kilometer; 04:13:19 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Beschissener könnte es gar nicht sein. Seit etwa elf Uhr gestern Abend mischte sich das Donnergrollen unter das rhythmische Schnarchen eines meiner Zimmergenossen, der jedoch bald vom Regen überdröhnt wurde. Blitze durchzuckten das Dunkel des Schlafsaals die ganze Nacht hindurch und auch jetzt um halb elf in der Früh donnert und schüttet es noch immer dermaßen ungehalten, dass man vielleicht schon einmal vorsichtig beginnen sollte, eine Arche zu schnitzen. Ein Zimmerkollege meinte auch, dass die letzte Nacht ihm wie eine Nacht im Schützengraben vorgekommen wäre. Mir fehlt zwar etwas der Vergleich, aber die Blitze und das stetige Donnergrollen: mag schon sein…

…irgendjemand meinte auch gerade, dass das Wasser in der Stadt schon wieder aus den Gullies herausgespuckt käme und so mancher Fleck knöcheltief unter Wasser stehe. Fragt sich bloß: Was soll ich tun? Put down your head and crawl?

Feinstes Fahrradwetter: Dauerregen in, um und bei Bellinzona!

Zuerst einmal blieb nichts außer hier im Aufenthaltsraum die Zeit tot zusitzen und auf Besserung zu hoffen. Freilich – die mag kommen, genauso gut mag sie aber auch nicht, denn der Wetterbericht ist für den ganzen Tag einfach bloß katastrophal. Fies – weniger fies – richtig fies – prognostiziert beispielsweise Wetter.de, zaubert jedoch auch irgendwoher eine Stunde Sonnenschein aus dem virtuellen Hut. Laut einer schweizerischen Wetterseite kamen heute zwischen acht und neun Uhr 34 mm Regen vom Himmel herab, was statistisch rund 1/30 des Leeraner Jahrespensums sein dürfte. Ich habe nicht gerade den Eindruck, als hätte es seitdem wesentlich nachgelassen.

Theoretisch liegt die nächste Jugendherberge auch bloß zwanzig Kilometer entfernt (Lugano), aber momentan – gerade donnert es wieder – scheint eine Abreise wenig sinnvoll, da der Regen mit dem von gestern Früh beileibe nicht zu vergleichen ist. Nach einem Ruhetag ist mir hingegen auch nicht wirklich – Donner – aber was tun – Blitz - ?

Sicherlich schöner, wenn es schön ist: Lugano.

Zumindest bleibt noch etwas Zeit für die Neue Luzerner Zeitung, wenngleich die Welt jedoch kaum frohe Botschaften bereithält. Zwei amerikanische Banken sind hopps gegangen. Rohöl erreichte letzte Woche ein neues Rekordhoch und beim G8-Gipfel in Japan wurde einmal wieder beschlossen, nichts Konkretes zu beschließen, was unseren Planeten einigermaßen lebenswert halten könnte. Natürlich ist es auch relativ naiv, in bester Kolonialherrenmanier ein G8-Treffen abzuhalten und beiläufig Nationen wie Indien und China im eher halboffiziellen G15-Arrangement an den Tisch zu bitten, aber dann zu erwarten, dass verbindliche CO2-Redukationsvorgaben erzielt werden können, ist eine dumme Illusion. Zickt dann auch noch Gastgeber Japan herum und möchte am Basisjahr sämtlicher Kyoto bzw. Post-Kyoto-Reduktionsvereinbarungen herumrütteln, kann man sich die ganze Orgie auch gleich sparen, womit schon einmal ein erster Schritt in Richtung Vermeidung unnützlicher CO2-Emissionen getan wäre. Es mag etwas pessimistisch anmuten, aber während wir darüber palavern, unseren ökologischen Fußabdruck im Kollektiv zu verkleinern, streifen wir uns eine Übergröße nach der anderen über die stetig wachsenden Füße und treten munter auf Mutter Erde drauflos. Die Welt wird uns überleben, darum muss man sich keine Sorgen machen. Und einen Meteoriten wie die guten Dinos brauchen wir auch nicht, da wir so schlau sind, uns unseren Meteoriten selber zu stricken…

 

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Da hocke ich nun und hadere – objektiv betrachtet vollkommen überflüssigerweise – mit meinem Schicksal. Ich hätte noch bis nach Bellagio weiterradeln sollen, sagt mir mein rationales „Ich“, welches jedoch vorhin von meinem impulsiven „Ich“ überstimmt wurde, als ich beschloss, dass „genug“ „genug“ ist.

Um kurz nach sechs passierte ich zwischen Como und Bellagio endlich das erste einigermaßen passable Hotel, was unsagbare fünfzehn Kilometer dauerte und mich ins doch eher beschauliche Nesso trieb. Den ganzen Tag über hatte ich hingegen den Eindruck, alle einhundert Meter an „Zimmer frei“-Schildern vorbeizuradeln, die natürlich wie ausgestorben schienen, als ich plötzlich die Augen nach einem Zimmer offen hielt. Aber egal: als ich hier in Nesso an der Herberge vorbeirollte und den Anschlag meiner Wünsche erspähte, verdunkelte sich der Himmel hinter mir bereits wieder bedrohlich und Lust auf eine weitere Regenpassage, die geschätzte zehnte des nervigen Tages, hatte ich beileibe nicht.

Regen, immer wieder Regen: am späten Nachmittag erreichte ich jedoch endlich die italienische Grenze und das gute Wetter, dass mich zumindest für die Nachmittagsstunden begleiten sollte...

Kurzer Einschub: Ich könnte kotzen, heute Nacht nicht wie gewohnt in einer Jugendherberge zu nächtigen, sondern stattdessen in diesem italienischen Nest. Klar, schön ist das Fleckchen Erde hier hoch über dem Comer See bestimmt, aber die Arschg__gen meiner Unterkunft am Wegesrand könnte ich mal kreuzweise. Nicht genug, dass ich unsagbare 45 Euro für mein zumindest akzeptables Einzelzimmer bezahlen musste, nein, jetzt wollte ich auch noch einen Happen essen. Normal, würde ich sagen. Macht der Homo Sapiens in aller Regel am Abend so. 10,20 Euro hatte ich noch im Portmonee und einen Bärenhunger im Magen, so dass wenig näher lag, als mir im Restaurant der Pension eine Margarita (5 Euro) und einen gemischten Salat (4,50 Euro) zu bestellen und auf ein Getränk zu verzichten. Nein, das gehe nicht, denn die 1,50 Euro Tischgebühr müsste ich ja auch noch berappen, so die Tusse des Etablissements, dass außer mir und ein paar Dorfsäcken an der Theke auch eigentlich keine Gäste hat. Mal ehrlich: wenn ich bereits aus dem Hut gezauberte 45 Euro (Preislisten gibt es nirgendwo und der Preis wurde mir am Ende eines leisen Getuschels mitgeteilt) für die Nacht berappe, Kreditkarten nicht willkommen sind, der Geldautomat im Dorf kaputt ist und der Gast gerne Essen für 9,50 Euro plus 1,50 Euro Tischgebühr für 10,20 Euro haben möchte, müsste das doch irgendwie zu machen sein, oder? Nein, ist es nicht. Ich könnte ja die Pizza und ein Getränk und den Tisch nehmen. Blabla. Bärenhunger. Zum Glück sah ich noch, wie der Dorfpolizist mit einer Pizza im Karton abzog – „Pizza to go“ also. „To go“ kriege ich jetzt auch mein Essen – für 9,50 Euro und mit der Gefahr, dass ich das Zimmer damit vollsaue, wenn ich dort mit meiner triefenden Pizza auf der Bettkante hocke.

…was natürlich auch prompt geschah, da ich das Balsamico-Dressing meines Salats nicht vernünftig aufbekam, zu feste zudrückte und Bett sowie mein rechtes Hosenbein erst einmal ordentlich vollspritzte. Schade um die Hose, meine einzige, aber der unbeabsichtigte Fleck auf dem Überbett tut mir nicht im geringsten Leid. Sympathisch ist mir das hier alles nicht und mein gemischter Salat ist auch allenfalls ein Miniabbild dessen, was ich oben im Restaurant an der Theke als „gemischten Salat“ für 4,50 Euro erspäht hatte. Großer Pott, frisches Brot dazu und so weiter – aber hier? „To go“? Eine Aluschüssel, ein paar reingerotzte Salatblätter, 4 Stücke Tomate oben drüber, zwölf Olivenatome und fertig. Brot? Brot?? Fehlanzeige. 4,50 Euro trotzdem. Mindestens 4,12 Euro Reingewinn.

Die schönsten Stunden des Tages: Vor allem die fünfzehn Kilometer von Como bis Nesso waren besonders sehenswert - vor allem konnte man auch endlich einmal überhaupt etwas sehen...

Bellagio: Hätte, wäre und wenn: eigentlich wollte ich heute eh schon in Lugano die Segel streichen, nachdem ich erst um kurz vor zwölf zähneknirschend in den Regen losradelte und zwei Stunden später dort ankam.

Die Abfahrt heute Früh war die reinste Hölle, allerdings hatte ich vom Hostel aus noch kurz mit meinem Vater daheim telefoniert, der prompt meinte, dass man bei Regen nicht fahren sollte. Vielleicht mit dem

Richtig stimmungsvoll zu radeln: Die hügelige Landstraße von Como bis Bellagio. Zwar fährt man selten direkt am See und meistens hoch über diesem durch unzählige kleine Ortschaften, aber die Piste ist zweifelsohne richtig schön.

Zug. Genau das sind dann jene Sprüche, die mich sofort auf den Sattel jagen, da mir bei seinen Ratschlägen aufgefallen war, wie mimosenhaft ich bereits wieder am Herumzicken war. Nun gut, es war bereits etwas mehr als ein kleiner Schauer heruntergekommen und das Wetter immer noch der allergrößte Schmu, aber desto länger ich in der Jugendherberge mit meinem Schicksal haderte, desto weniger bereit war ich, einfach aufzubrechen. Gewiss – kurz hinter Bellinzona etwas vom nur mäßig gut ausgeschriebenen Weg abgekommen, ratlos im Nichts stehend, Pfützen in den Schuhen spürend und im wolkenbruchartigen Niederschlag stehend fragte ich mich schon, was ich dort genau zu suchen hatte, aber zumindest musste ich keine Keller auspumpen, so wie die guten Mannen von der Feuerwehr entlang der Strecke. Zumindest pumpten sie dort, wo es sich lohnte: Richtig tief im Tal stand einfach alles unter Wasser – Häuser und Autos inklusive – so dass die Pumperei eh keinen Sinn gehabt hätte. Später las ich, dass an diesem Tag etwas mehr Regen vom Himmel herabstürzte, als dies normalerweise im ganzen Juli der Fall sei. Bestes Radelwetter!

Endstation Lugano, genauso wie später Endstation Como: beide Städte haben Jugendherbergen, beide Jugendherbergen waren jedoch restlos ausgebucht, so dass es für mich einfach bloß immer weiter-weiter-weiter ging. Weiter-weiter. In Como war auch die Frau an der Rezeption der Jugi noch richtig unfreundlich, aber ich hatte auch längst italienischen Grund und Boden betreten: was sollte ich denn erwarten? Weiter-weiter! Wirklich nett war demgegenüber ein einheimisches Paar in Lugano, als ich dort eintrudelte und nach dem Weg zur Jugendherberge fragte. „Let me get my wife“, meinte er nur, verschwand kurz in der Tiefgarage seines Hauses und fuhr dann mit ihr im Auto und mir im Schlepptau einfach zur Jugendherberge hin. Ein Bett bekam ich durch den Akt der zwischenmenschlichen Freundlichkeit zwar nicht, fühlte mich aber wertschätzend und äußerst zuvorkommend behandelt. Andererseits spielte sich das Ganze ja auch in der Schweiz ab…

Nesso, hoch über dem Comer See: eigentlich gar nicht einmal so hässlich, aber hätte ich nicht doch noch die restlichen 15 Kilometer bis Bellagio radeln sollen?

Glücklicherweise blieb es vom Luganer See bis Como bis auf zwei mittellange Regengüsse trocken und mit zwanzig Grad auch relativ warm, wenngleich auch das ewige Umziehen am Straßenrand tierisch an meinen strapazierten Nerven nagte und richtig zermürbte. Immer ist es entweder zu nass, zu kalt oder eine Minute nach dem letzten Regentropfen bereits wieder viel zu warm: Umziehen, umziehen und wieder umziehen hieß meine Devise, eine Angewohnheit, die Frank regelmäßig auf die Palme brachte und mich nicht minder nervt, wenngleich ich auch hoffe, Tage wie den heutigen somit ohne Erkältung zu überstehen.

Zwanzig Uhr – draußen donnert es wieder…

…aber morgen soll ja endlich wieder ordentlich die Sonne scheinen, was ich auch schwer hoffe, da mein Abstecher zum Comer See sonst ziemlich für die Katz war…