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Stage 3 | ![]() |
| Hospetal
- Bellinzona
Furkapass (2436 Meter) & Nufenenpass (2480) |
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| 142,1 Kilometer; 06:59:13 Stunden | ||
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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Wirklich beängstigend ist, dass ich nach meinem heutigen Ritt nicht einmal richtig kaputt bin. Erschöpft. Etwas. Müde. Ein bisschen. Aber ansonsten? Richtig im Eimer? Ich rein, Deckel drauf, Schluss-aus-und-fertig? Nein, ein kleiner Pass hätte sicherlich auch noch gepasst.
Vielleicht ist ja das ganze pseudo-coole „3 Pässe ohne Training, boa was sind wir geil“-Geschnacke meiner Jugendherbergskameraden von gestern Schuld, aber heute hatte ich nichts außer einem Tigerkäfig im Tank.
„Aber bei Regen fährst du nicht?“, fragte eine Mitreferendarin vor einem gefühlten Leben (etwa eine halbe Woche, so unvorstellbar das vom hier und heute gesehen auch scheint), eine jener Frage, die immer wieder gestellt und immer wieder schwer zu beantworten sind. Natürlich würde man am liebsten nie bei Regen fahren. Natürlich hofft man morgens innigst auf strahlenden Sonnenschein, wenn man den Vorhang zaghaft zur Seite zieht und dem Schicksal ins Auge blickt. Aber starrt man dann wie heute auf die graue Suppe hinaus, hofft man einfach nur inständig, dass es doch zumindest teilweise nur hässlich bleibt und nicht den ganzen Tag ununterbrochen schifft, vor allem, wenn das durchaus nicht unambitionierte Tagesprogramm vorsieht, dass man gleich zwei Mal auf mehr als zweitausend Meter hinaufmuss. Und wenn es doch nur regnet, gießt und gnadenlos pisst – so wie heute genau ab jenem Moment, als ich um kurz nach acht mein Rad vorsichtig nach draußen schob und der grauen Suppe somit den finalen Anstoß gab, auch endlich eine regnerische Suppe zu werden? Sicher. Instinktiv denkt man, dass man zum unglaublich leckeren, selbstgebackenem Brot und einem fünften Kaffee zurück in die gute warme Stube sollte, aber ganz ehrlich: wozu? Hofft man etwa, dass ein bisschen schwarzes Gold in Tassen und die neunte Scheibe Brot mit Käse irgendetwas verbessern würde? Die Marmelade war auch sehr lecker. Vor allem, da der Wetterbericht nicht nur für heute, sondern auch für morgen nichts außer Regen am Start hat? Also: Es nützt ja nichts. 8 Uhr. Platzregen in Hoseptal. Zehn Grad. Schnell fließen Bäche die Straße hinab. Bock hat man keinen. Bloß: Was bleibt außer zu treten?
Zum Glück habe ich Keith Jones Biographie „Put down your head and skate“ zu Hause gelassen, denn sonst wäre sie jetzt genauso verknickt und durchnässt wie meine zwei Bücher, die den Weg in den viel zu vollen Rucksack gefunden haben („The inheritance of loss“ und „No country for old men“), die beide bereits etwas von ihrer späteren Schrankform eingebüßt haben und so wie vieles andere bei mir im Rucksack total klatschnass sind. „Put down your head and pedal“ hieß es heute, dem Tag der zwei Pässe, dem Tag der Megaform, dem Tag der leckeren AYCE-Cannelloni hier im zuvor schier unendlich weit entfernten Hostel von Bellinzona.
„Put down your head and pedal“ – mehr war auch in der Früh am Furkapass kaum angesagt, denn schnell fand ich mich mitten in den Wolken, wobei der Nieselregen zum Glück schnell einer nur stark erhöhten Luftfeuchtigkeit wich, so dass man auf den Sarkophag der Regenklamotten zumindest teilweise verzichten konnte. Oberhalb von 18-1900 Metern durchbrach man heute auch endlich die unten, tief im Tal hängende Wolkenschicht und kam vollends trocken bis zum ersten Gipfel – ein Glücksfall, denn bereits am ersten Pass des Tages bis auf die Knochen durchnässt einzutrudeln, hätte meine weiteren Pläne doch ziemlich
torpediert. Zu sehen gab es auf der Passhöhe jedoch nicht viel, aber das obligatorische Foto später machte ich mich in alles eingepackt, was ich irgendwie an Bord hatte, auf den Weg den Berg hinab (Regenklamotten, Beinlinge, trockenes Zweittrikot, Jogginganzugsoberteil, Fleecemütze, Regenschuhe). Die größte Herausforderung des noch jungen Tages schien, diesen möglichst gesund zu überstehen. Bei acht Grad am Pass und eintausend Metern Abfahrtsstrecke – die von oben betrachtet zumindest trocken schienen – war dies kein wirklich leichtes Unterfangen. Etwas nach der Halbzeit der Abfahrt in Gletsch, wo Frank seinerzeit bei sicherlich „noch“ besserem Wetter gleich spaßeshalber den nahen Grimselpass erklomm, angekommen, sinnierte ich kurz mit zwei ebenfalls unentschlossenen Schweizern über das Wetter und unser aller Schicksal. Bisher war der Tag wesentlich besser als anfangs prognostiziert verlaufen, was bei einer Regenwahrscheinlichkeit von 100% auch kein Meisterstück ist. Morgen soll es – wie bereits mehrfach erwähnt – genauso mies werden, so dass es wenig intelligent schien, heute mit angezogener Handbremse zu fahren und blindlings auf großartige Verbesserungen zu warten. Kopf runter und strampeln – auch wenn der Blick zum Himmel nicht dazu anregte, schien es doch das Gebot der Stunde. Die Prognose eines ebenfalls flugs heranstürmenden Tiefs – nicht das es heute wirklich warm gewesen wäre – machte uns allen die Entscheidung noch etwas einfacher. Für die beiden stand somit der Grimselpass an und für mich ging es etwas weiter in das Tal hinab, von wo ich dann in den Nufenenpass starten würde. Put down your head and…
Alles lief dann relativ rund bis kurz hinter Oberwald, wo mich ein kalter Tunnel kurzfristig beherbergte, da es draußen nun erst so richtig zu gewittern angefangen hatte. Schade eigentlich, denn mein bis in die letzte Faser durchnässtes Trikot von der Auffahrt vom Furkapass hatte draußen am Rucksack angebracht gerade angefangen, ein klein bisschen zu trocken. Die Sichtweite betrug in jede beliebige Richtung nicht viel, so dass kurzfristige Besserung nicht zu erwarten schien und ich mich wenig begeistert dazu durchrang, einfach weiterzufahren. Mein Wetterglück des Tages schien aufgebraucht und im Tunnel mag es vielleicht trocken gewesen sein, arg zugig war es jedoch auch. Ab in den Pass, Augen zu und durch, Kopf runter und _____ und ganz einfach hoffen, dass erneut ab 1800 oder 1900 Metern etwas Ruhe in der Waschküche herrscht. Dem sollte – kurz gesagt – nicht so sein. Glücklicherweise gelang es mir noch gerade eben, etwas Proviant im Supermarkt von Ulrichen einzukaufen, der, wie in der Schweiz üblich, von 12 bis 14 Uhr geschlossen war. Die Kassiererin hatte zwar schon die Hand am Lichtschalter, als ich patschnass durch die Tür gestolpert kam, aber kurz vor zwölf ist immer noch kurz vor zwölf, so dass ich zumindest nicht ausgehungert in die Kehren steigen musste. Was wäre passiert, wenn ich fünf Minuten länger im Tunnel ausgeharrt hätte? Keine Ahnung, aber ganz ohne etwas zwischen den Beißern die rund 1100 Höhenmeter hinauf zum Pass anzugehen wäre schon ziemlich krass gewesen. Zwei Stunden dumm und nass im Regen darauf zu warten, dass die Mittagspause enden würde, hätte jedoch auch nicht gut funktioniert.
Der Regen – ein Schütten im Tal, etwas weniger am Berg – war und, noch viel schlimmer, blieb einfach nur scheußlich. Ohne Regenklamotten zu fahren war unmöglich. Mit Regenklamotten explodierte man beinahe vor Hitze an den unzähligen Rampen, dampfte wie eine Lokomotive aus allen Nähten und konnte sich natürlich nicht umziehen, denn sonst wären die Klamotten für die Abfahrt vollends dahin gewesen. Der Anstieg selbst war im Vergleich zum Furkapass einige Stunden zuvor auch wahrlich kein Zuckerschlecken, denn wie an der Großen Scheidegg bei Interlaken ging es oft im zweistelligen Prozentbereich den Berg hinauf. Unnachgiebig
zog sich der Pass, so dass das Problem der unglaublichen Hitze in den Regenklamotten bei gleichzeitig immer weiter abfallenden Außentemperaturen und Sturzbächen, die die Straße hinabgeschossen kamen, immer besorgniserregender wurde. Immer wieder hoffte ich, fünfzig Meter höher endlich den Kopf aus der Suppe zu stecken, aber erst auf 2200 Metern wurde es endlich etwas trockener, bevor dann – der unglaubliche Glücksfall des Tages überhaupt – am Gipfel kurz die Sonne zwischen den Wolkenmassen hervorlugte und mit aller UV-Kraft auf 2500 Metern auf den Pass hinabbrannte. In Windeseile schlüpfte ich aus meinen Klamotten und schmiss alles auf den sogleich trocknenden Boden. Schuhe aus, klitschnasse Socken aus, Radhose – theoretisch mögliche Blicke anderer Touristen am Pass vollkommen ignorierend – einfach aus und ab unter die brennende Schreibe damit. Eine Viertelstunde hielt der Sommer an, bevor dicker Nebel den Pass überzog und mich daran erinnerte, dass ich ja auch noch wieder ins Tal hinab musste. Die Sichtverhältnisse bei der Abfahrt ins Val Bedretto waren schließlich bestenfalls abenteuerlich, wobei mir am Ende des Blindflugs den Berg hinab auch plötzlich die 58 Restkilometer von dort bis nach Bellinzona machbar schienen. Auf irgendeine wohlmöglich teure Pension am Wegesrand hatte ich schlichtweg keinen Bock. Als ich dann telefonisch auch noch mein Bett in der Jugendherberge von Bellinzona gesichert bekam und man mir etwas vom Abendessen in Buffetform versprach, gab es kein Halten mehr.
140 Kilometer an einem Tag. 2 Pässe. Sauwetter in der Höhe: Ich war beeindruckt!
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