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Stage 2 | ![]() |
| Interlaken
- Hospetal
Sustenpass (2224 Meter) |
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| 100,06 Kilometer; 05:37:30 Stunden | ||
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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Nachtessen, Morgenessen, das Zimmer liegt zwei Stiege hinauf und das Licht wird – ziemlich rabiat – ausgelöscht: schon ein witziger Dialekt, den das Bergvolk hier munter zum Besten gibt, auch wenn ich leider nicht immer alles ganz verstehe. Andererseits geht mir das in Ostfrieslands Teestuben auch nicht anders, bloß dass das Platte bei weitem nicht so ulkig daherkommt wie das, was man hier in die Welt hinausposaunt…
Verstehen sollte ich demgegenüber gedruckte Zahlen auf bunten Karten, meinen Karten nämlich, die mir den Weg durch die Berge weisen und ganz genau wissen, was zwischen A und B alles so auf mich wartet. Hätte ich etwas gescheiter hingeglotzt, hätte ich bestimmt auch problemlos bemerkt, dass Andermatt auf 1447 Metern liegt – und eben nicht auf 447 Metern, wie ich irrtümlicherweise glaubte. Das Gute daran? Morgen ist der Furkapass 1000 vertikale Meter weniger „hoch“ vom Ausgangspunkt entfernt als heute noch gedacht. Das Schlechte? Am Ende der rassigen Abfahrt vom Sustenpass heuer Nachmittag wähnte ich mich 20-25 lockere Talkilometer von meiner Jugendherberge im beschaulichen Hospetal entfernt („Gibt es hier irgendwo einen Supermarkt oder Kiosk?“ „Hier in Hoseptal? Hier gibt es GAR NICHTS!“), hatte noch knapp 1000 Höhenmeter auf dem Tacho und somit den konsequenten Irrglauben, hiervon noch rund 500 Meter angenehm auf der Reststrecke wegschmelzen lassen zu können.
Pustekuchen, denn erstens – wie bereits erwähnt – fehlte bei mir im Geiste die signifikant wichtige „1“ vor Andermatts „447“ und zweitens – Pustekuchen Part II – bekam ich noch richtig netten Gegenwind als Zugabe des fahrlässigen Irrglaubens. Rauf statt runter und jede Menge Gegenwind: Immer noch nicht genug? Ab Göschenen, wo Frank seinerzeit von Interlaken kommend einkehrte, fing es dann auch ordentlich zu nieseln an, so dass ich sickennass an der Herberge ankam und direkt unter die wärmende Dusche hüpfte, denn aus den anfangs netten 30 Grad waren am Ende auch schnell maximal fünfzehn geworden – bei Regen und mordsmäßigem Gegenwind wirklich keine Rahmenbedingungen, die man guten Gewissens als optimal titulieren sollte.
Ein wahres Vergnügen war allerdings der gesamte Tag, überraschende und anstrengende Extrahöhenmeter hin oder her. Meine Form stimmt zu 100%. Die Anstiege waren auch bei weitem nicht so brutal wie gestern an der Großen Scheidegg, wo kilometerweise zehn Prozent oder mehr erklommen werden wollten. Außerdem – auch das darf man keinesfalls leichtfertig unterschätzen – wusste ich jetzt wieder, wie sich Berge „anfühlen“. Mein oft genuschelter Spruch, dass „unsere“ heftigen Winde in Ostfriesland oder dem nahen Rheiderland auch jeden noch so fetten Berg wettmachen, kann ich übrigens getrotzt als Flachlandmythos zu Grabe tragen, denn ganz egal wie sehr es auch pustet und bläst: die kleinsten Gänge, die gestern noch viel zu früh geschaltet wurden – musste ich daheim noch nie benutzen. Das schrecklich schnelle Erreichen des ersten Ganges war gestern so oder so eines der beeindruckendsten Erlebnisse des Tages, denn bereits weit vor Grindelwald hatte ich die Kette in den „einfachsten“ Gang bugsiert und wähnte mich vom Trittwiderstand noch mindestens fünf erhoffte Gänge vom „leichtesten“ entfernt.
Wirklich
bezahlt macht sich augenblicklich auch meine augenscheinlich doch ganz
gute physische Verfassung. Freilich, richtig systematisch wie noch vor
zwei Jahren habe ich mich nicht auf diese eigentlich bis vor zwei Wochen
bestenfalls als vage Option angedachte Radtour vorbereitet, aber als die Würfel
des Schicksals endlich gefallen waren und ich meine Bahnfahrkarte in Händen
hielt, schickte ich mich noch einmal in ein Keine Frage: Die Regenerationsphase vor der Tour war kurz, aber das Programm der Woche sicherlich das kurzfristig zu realisierende Nonplusultra, was sich trotz Berufstätigkeit irgendwie realisieren ließ, wenngleich es auch nur so gut ging, da keine Klausurenberge mehr den Schreibtisch belasteten oder großartig Makrosequenzen gestrickt werden mussten. Möglich geworden ist die Tour eigentlich auch nur dadurch, dass Imke und ich uns in diesem Jahr auf kein richtig „großes“ Urlaubsziel einigen könnten. An Ideen mangelte es zwar nicht, aber so richtig Feuer entfachte auch keiner dieser Geistesblitze. Norwegen ist zu kalt und teuer, was uns aber nicht davon abhielt, blindlings zwei Reiseführer zu kaufen, die jetzt ungelesen Staub sammeln. Somit wurde selbst die Idee „Norwegens“ teuer. Die Westküste der USA zwischen Seattle und San Francisco würde zwar unsere Westküstenerfahrung nach Kanada im letzten Jahr und Kalifornien vor einigen Jahren komplettieren, aber so richtig war die Tour auch nicht der absolute Traum, wenngleich natürlich wir als devisenstarke Eurobesitzer in den USA augenblicklich gut direkte Entwicklungshilfe leisten könnten.
Kurzum: für uns steht dieses Jahr bloß ein etwas unstrukturiertes Urlaubsprogramm an, da wir einfach unsere Campingsachen ins Auto schmeißen und in Richtung der Dolomiten und Norditalien gurken werden. Auch darauf freue ich mich schon, habe aber bis dahin noch eine verfluchte Menge Berge wegzuknabbern.
…aber ganz ehrlich, 800 Meter unter dem höchsten Punkt des Tages und 1000 Meter höher als noch gestern zu nächtigen, ist schon ziemlich cool… Zweiter Eintrag: Etwas bedröppelt schaute ich gerade drein, als Michael vom Hostel mir noch einmal den Wetterbericht von gestern am PC vorführte; nett in seiner gesamten Grausamkeit Java-animiert und dadurch nicht einen Deut motivierender als die Variante der leblosen Symbole auf gedrucktem Papier. Prognostiziert wird nichts außer
Dauerregen, aber er hätte hier in der Mittelschweiz schon die komischsten Sachen erlebt. Manchmal, so sagte er zumindest, kämpfte das Nordwetter gegen das Südwetter und bei ihnen mittendrin würde die Sonne scheinen – allerdings „schauts für morgen schon übel aus…“. Nicht ohne waren auch meine Mannheimer und Stuttgarter Tischkameraden beim Nachtessen. Angereist mit Bully und Rennvelos haben sie, angeblich ohne Training, spontan einen Ausflug zum Radeln nach Hospetal unternommen. Natürlich sind sie, obwohl sie ja eigentlich gar nicht trainieren oder gar ernsthaft fahren, alle ca. 1,80 Meter groß und wiegen geschätzte 47 Kilo, aber trotzdem – man kann nicht oft genug betonen, dass sie ja eigentlich gar nicht trainiert sind –prügelten sie heute ein strammes Tagesprogramm mit dem Furka-, Nufenen- und Gotthardpass ab. 106 Kilometer bei geschätzten dreitausend+ Höhenmetern. Helden, wahre Helden, mehr fiel mir nicht ein, als sie ein ums andere Mal betonten, wie schlecht sie doch eigentlich seien. Leider hatte ich keinen Weihrauch dabei, sonst hätte ich sie wenigstens richtig huldigen können…
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