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Stage 1 | ![]() |
| Vorwort
und Rundkurs Interlaken (Große Scheidegg) |
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| 91,47 Kilometer; 04:31:23 Stunden | ||
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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com ) Vorwort Da hocke ich nun – 20:16 – am Gleis I des eher schmucklosen Oldenburger Hauptbahnhofs und warte darauf, einer ungewissen Zukunft entgegenzuzugen.
direkter Kontakt zu schniefenden Homo Sapiens und allenfalls unabwendbare Schrecksekunden wie heute Früh während der letzten Dienstbesprechung des Schulhalbjahres, als zwei Plätze rechts von mir dann doch plötzlich eine übelst keuchende Kollegin saß, eine Halspastille nach der anderen einwarf und Gott-sei-Dank schnell das Weite suchte. So wie wir alle wenig später. Die Zeit war reif. Endlich Sommer. Endlich Ferien!
hinter
mir. Minitrainingslager im Harz, im etwas hügligeren Osnabrücker Land
sowie in Süddeutschland waren bewältigt worden. Frank wollte ich –
soviel Ehrlichkeit muss sein – an seinem geliebten Berg Paroli bieten.
Vielleicht sogar mehr. Wir fahren keine Rennen, ein Satz, der auf dieser
Homepage bestimmt schon siebenundzwanzig mal auftauchte, aber als erster
oben zu sein, ist trotzdem cool, nichtssagend und nichtig wie es auch sein
mag. Nichtssagend, weil wir beide als Hobbyradler ohne organisierte
sportliche Ambitionen unterwegs sind. Nichtig, weil in der unseren Welt
mehr von Bedeutung ist, als welcher Sprössling der ersten Welt zuerst ein
sündhaft teures Carbon-Spielzeug bis unter die Wolken strampelt. Ich
zitiere hier auch gerne aus dem Prolog von Robbie Fowlers Autobiographie,
da so mancher vielleicht glaubt, dass zumindest die Taten bekannterer Homo
S. irgendeine signifikante Bedeutung haben, man ihm aber zumindest
zugestehen muss, dass er ziemlich genau zu wissen scheint, dass dem nicht
wirklich so ist. „….I
was getting used to making history, even if deep down I have always known
it means fuck all in the scheme of things“.
auch ein unausstehlicher Kotzbrocken, der einfach nicht akzeptieren konnte, was nicht sein durfte: Mein Knie war dermaßen durch den Wind, dass ich kaum zehn Meter geradeaus gehen konnte, ohne gleich zu humpeln. Schmerzfrei Rad gefahren war ich vor der Tour schon lange nicht mehr, denn spätestens nach ein oder zwei Stunden war jeglicher Spaß vorbei und an eine Aneinanderreihung mehrerer Trainingstage kaum zu denken. Naiv startete ich in die Tour, irgendwie hoffend, dass das Rampenlicht des Touralltags all jene Probleme beseitigen würde, die zuvor auch kurze Ruhewochen nicht beseitigen wollten. Ich weiß noch genau, wie ich mich am letzten Tag vor meiner Aufgabe ein letztes – zweites – Mal Alpe d´Huez hinaufquälte, nachdem ich morgens mehr zwischen Zelt und Frühstückstisch durchs diesseitige Dasein hüpfte als anständig zu gehen. Sicherlich hoffe ich irgendwie, dass ein oder zwei Tage Ruhe in Interlaken das sehnlichst herbeigesehnte Wunder bewirken könnte, aber genauso realistisch hatte ich eigentlich verstanden, dass das Ende bevorstand. Einmal Alpe d`Huez am Tag der Tourdurchfahrt mit zigtausend hoffentlich nicht bis unter die Haarspitzen gedopten Hobbyradfahrern auf der Piste; dieses Spektakel wollte ich mir nicht entgehen lassen. Es schien ein würdiges Ende. Keine Ende, sondern vielleicht sogar ein echtes ENDE. Zweiter Eintrag
STAGE 1 „Ich habe keine Lust mehr, mich so anzustrengen“, meinte gestern – wirklich erst gestern? – mein Fachseminarleiter beim gemeinsamen Grillen in Oldenburg – wirklich Oldenburg? Früher wäre er auch gerne und viel mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren. Damals halt. Hätte immer Spaß daran gehabt. Früher. Damals. Als er sich noch so anstrengte. Und wie schaut es mit mir – hier im jetzt und heute; dem damals von morgen, aus?
Ganz
ohne Zweifel hatte ich vergessen oder auch bloß liebend gerne verdrängt,
wie anstrengend es in den Bergen mit dem Velo wirklich ist. Selbst überzeugt,
mit Weisheiten wie „man muss nur in den kleinsten Gang, sich etwas Zeit
nehmen und ruhig treten“ den Nagel im Vorfeld der Tour auf den Kopf zu
treffen – Umkehrschluss: einen Berg schaffen kann jeder – musste ich
heute anfangs erstaunt und später beinahe entsetzt feststellen, dass
schweizerische Erdhügel viel viel unglaublich anstrengender zu erklimmen
sind, als ich es je für möglich gehalten hätte. Natürlich war ich
schon einmal „hier“ – damals halt – aber genauso wie es nach einem
Zahnarztbesuch auch eigentlich gar nicht so sehr geschmerzt hat, fühlt
sich die Welt doch anders an, wenn man gerade mit weit aufgerissenem
Rachen ins gleißende Licht glotzt und schier monströse Werkzeuge an den
eigenen Beißern ihr bedrohliches Unwesen treiben. Anfangs, noch sehr sehr weit vor Grindewald, hatte ich erstmals Steigungsraten von vier bis fünf Prozentpunkten zu bewältigen und war prompt davon überzeugt, dass dies ja nicht gerade sonderlich schwer sei. War es auch nicht – früh am Morgen und nach acht Stunden Schlaf im Zug wäre alles andere auch mehr als nur eine üble Überraschung gewesen. Außerdem blieb die Steigung auch keine 300 Meter unter den prallgefüllten Schlappen meines zu Tourbeginn blitzblank geputzten Spielzeugs, so dass die Aussagekraft der ersten Hügelmeter sowieso gegen null tendierte. Natürlich sah ich das nicht so – vier bis fünf Prozent. Fünfzehn Kilometer die Stunde. Locker. Geht doch. Einen Berg schafft jeder… Kurzfristig steiler wurde es dann zu einem kleinen „Bratplatz“ hinaus, wo ich zum frühstücken einkehrte, nachdem ich Frank, sofern er denn dabei gewesen wäre, schon wieder mit zwei zeitraubenden Stopps an zwei Supermärkten (zuerst das Wasser vergessen, was bei 1,5l Vorrat am Rad und Tageshöchsttemperaturen von dreißig Grad nicht gerade schlau ist) auf die sprichwörtliche Palme getrieben hätte. Am Bratplatz – um kurz nach zehn – störte ich dann die friedliche Zweisamkeit zweier etwas mürrisch zu mir hinüber blickender Jugendlicher, die vom fantastischen Bilderbuchtag nicht viel genießen wollten. Pulle Jim Beam auf dem Tisch, wohlriechende Gräser am rauchen, jeden Menge Dosenbier am Start: so wird man nicht alt, weder am einzelnen Tag noch im Leben überhaupt. Andererseits lebt es sich mit dem Rennrad auf gut befahrenen Straßen auch nicht ungeheuer sicher und die frohlockenden Touristenmassen – deren Teil ich auch bin – verdeutlichen schnell, wieso ich vorgestern – wirklich nur vorgestern? – in einem VWL-Buch gelesen hatte, dass das naturorientierte Freizeitverhalten des Menschen den Produktionsfaktor „Natur“ besonders belastet. Kein Wunder, denn die Berge der Schweiz scheinen augenblicklich nicht mehr als ein großer Abenteuerspielplatz für jene wohlhabenden Flachlandeuropäer, die im Jahr der Superinflation noch dem Ruf der Berge nachkommen. Wer unberührte Natur sucht, muss weiter fliegen oder reisen – natürlich mit einem noch einmal deutlich vergrößerten CO2-Fußabdruck auf Gaia, was dem Prodkutionsfaktor „Natur“ auch alles andere als wohl bekommt…
Mensch
und Tier sind sich außerdem auch recht fremd, wie mir die erste
zehnprozentigen Kehren vor Grindewald lehrten – Und es sollte noch bitterer kommen, so viel bitterer. Kurz hinter Grindewald ist die schmale Passstraße hinauf zur Großen Scheidegg nämlich für den normalen Verkehr gesperrt, so dass man außer „Postbussen“ (seltsamerweise voller ordentlich frankenabdrückender Touristen) auf der alten Poststraße niemanden außer ein paar von einer Haltestelle zur nächsten stracksenden Wanderern oder eben ächzende Radfahrer wie mich trifft. Und es ging hoch. Steil. Hoch. Steiler hoch. Wohl war, der Ausblick auf der laut Frank zumindest mitschönsten Tagestour der Alpen war traumhaft schön, aber der Preis war entsprechend hoch. Gletscher(reste), die Eiger Nordwand, die unzähligen fantastisch zum Himmel ragende Gipfel des
Zentralmassives, das Faulhorn auf der Schyniger Platte: rundum genial. Aber die Strecke? Der reinste Wahnsinn. Der erste Kilometer mit mehr als zehn Prozent Steigung im Durchschnitt ist ja noch ganz nett und führt dazu, dass man sich fix an Höhenmetern reich rechnet und ernsthaft antizipiert, dass es alsbald besser wird. Das Spiel wiederholt sich jedoch und „gefühlt“ wird der Berg immer steiler, da die Beine immer lahmer werden. Fünf oder sechs Kilometer am Stück werden die zehnprozentigen Steigungsmarken problemlos geschlagen und selbst meine diverse Fotopausen im Minutentakt halfen nicht viel, da jegliche zurückgewonnene Kraft nach wenigen Tritten schon wieder verflogen schien. Sicher, am Ende kam ich nach den ersten 32 Kilometern und bis dato 1408 Höhenmetern total bekloppt im Kopf ans Ziel, aber viel höher hätte es auch einfach nicht mehr gehen dürfen. Natürlich traf ich, fies schnaubend, gleichzeitig mit einem aus Richtung Osten den Berg erklimmenden Semisenior am Gipfel an, der mich erst einmal fragt, ob ich denn „Bern“ kennen würde Total bekloppt im Kopf von Sonne und Berg war ich zwar, aber Bern konnte ich gerade noch verorten. Von dort wäre er heute Früh aufgebrochen. „Heute Früh um fünf Uhr“, verkündete er nicht ganz ohne Stolz und hielt mir prompt sein Tacho vor die Nase. 108 Kilometer hatte er schon absolviert. Und ich? Schnaubend, nach Kräften ringend und ziemlich fertig am Ende meiner ersten 32 Kilometer? Ich Amateur, ich… Aber auch gänzlich ohne die Zusatzkilometer ab Bern habe ich heute vollbracht, was mir vor zwei Jahren verweht wurde. Heute Abend tut natürlich vieles weh, aber es sind gute Schmerzen. „Schmerz vergeht, aufgeben ist für immer“, ist einer dieser ziemlich dämlichen Sprüche, die daheim draußen am Fitnessstudio prangern. Bis zum gewissen Grad ist etwas dran, vor allem wenn die Schmerzen eben jene guten Schmerzen sind, die man mit ins warme Bett nimmt und wohlgenährt vom Abendmahl der Jugendherberge in der Früh vergessen hat. Es sind keine Schmerzen wie jene, wegen denen ich vor zwei Jahren hier in Interlaken ins Spital watschelte, genau an jenem Tag, als Frank meine heutige Tour absolvierte. Keine Schmerzen, die danach rufen, dass man sich irgendwann wieder unter dem OP-Messer wiederfindet. Alles Bestens. Die Wiedergeburt ist geglückt. Dummerweise folgt auf eine Geburt auch immer ein Leben. Ein Leben in den Bergen. Ein Leben, von dem ich nicht weiß, wie es nach der heutigen Tortour mit mir am morgigen Sustenpass umspringen wird. Kein Leben, in dem ich nicht mehr weiß, wie zehn Prozent schmerzen, an der Psyche nagen und den Kilometer zur Unendlichkeit strecken.
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