Stage 8
Szentes - Lipova 
 143,88 Kilometer;  5:38:23 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Arad ist heute eine durch die Industrie geprägte und verunstaltete Stadt. Der erste Eindruck, den der Besucher von der Stadt erhält, ist erschreckend. Hässliche Neubauten bestimmen das Bild.“, Reiseführer zu Arad

Romania Fantastica! Romania Fantasticaaaaa! Romania F…., okay, okay, genug gesungen! Gründe zum Feiern gibt es hingegen reichlich: schon wieder herrliches Wetter bei herrlichem Wind, ein Bett für nur neun Euro, Millionär, 145 Kilometer geschafft und dazu noch der zweite Schachsieg in Folge, was meine historisch beste Siegesserie zumindest egalisiert haben dürfte.

Aber fangen wir mal hinten an: wer sich in der NHL oder beim Fußball darüber beschwert, dass das erste Tor quasi das Spiel entscheidet, würde an unserem Tourschach keinen Spaß finden. Sofern ich mich nicht großartig täusche, hat bislang immer derjenige verloren, der als erster durch einen dummen Fehler (im Falle von Frank) oder einen fatalen Gegenzug (in meinem Falle) eine Aktionsfigur einbußen musste (man könnte jetzt diskutieren, ob nicht den fatalen Gegenzügen meist dumme Fehler vorausgehen…).

Aber warum vom Schach schreiben, wenn wir doch endlich in Rumänien sind, dem Elendsfleck Europas, der Heimat der Pferdekarren und Menschenhändler, Verbrecher und Verarmten. Habe ich alle Vorurteile erwischt, alle Gründe weshalb jeder einen verdutzt anstarrt, wenn man vom Urlaub in Romania Fantastica erzählt (Anmerkung beim Abtippen des Tagebuches im Oktober 2004: gerade in der Mensa zu Mittag gemampft und einem Kommilitonen von der Tour erzählt, auf Rumänien angesprochen meinte er nur „mutig, mutig“…)?

Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Rumänien arm ist. Vor allem die Alten, die überall im Schatten vor heruntergekommenen Häusern sitzen, verrostete Rohre als Gehstützen benutzen und in Klamotten aus den Weltkriegszeiten herumlaufen, scheinen vollkommen vom Wandel der Zeit vergessen worden zu sein.

...erste Impressionen aus Rumänien, asphaltiert sind nur die Hauptstraßen...

Angestarrt werden wir auch von allen, im Besonderen jedoch von Jungen und männlichen Jugendlichen, die überall die Trinkhallen Rumäniens belagern und uns schamlos fixieren. Man darf das Ganze durchweg als unangenehm bezeichnen und ich würde sagen, dass selbst auf dem Markt von Morogoro in Tansania nicht weniger Augenpaare auf mich gerichtet waren. Blicke töten aber nicht und ein des Englischen recht fähiger Jugendlicher auf Rückreise aus Frankreich versicherte uns an der Grenze, dass uns in Rumänien schon niemand etwas tun würde. Nur vor der Polizei in den ländlichen Regionen sollten wir vorsichtig sein, da sie schon einmal mit dubiosen Strafgeldern überraschen könnten. Wir sollten dann nicht „too polite“ sein und ruhig einen auf Bully machen, sonst würden wir schamlos ausgenommen, so Dominic. Vertrauenserweckend ,

...heißt wahrscheinlich "willkommen in Rumänien", vielleicht aber auch nicht...

 aber zumindest gab er uns noch seine Telefonnummer. Wir sollten uns melden, sofern wir irgendwo Probleme haben und könnten uns auch ruhig in Bukarest treffen, meinte er.

Gleich im ersten Dorf, einem scharfen Kontrast zu Ungarn, trafen wir zwei österreichische „Radtouristen“, etwa 40-45 Jahre alt und schon am frühen Nachmittag gut am Bechern. Sie verspotteten uns zwar, weil wir nur Cola tranken, waren des weiteren aber nur darauf aus, ihre Coolheit hervorzuspielen. Sicherlich hatten die angeblich 8-9 Bier etwas damit zu tun, aber Ösi A musste mindestens zehn Mal darauf hinweisen, dass Ösi B, fortlaufend auch als scharfer Hengst bezeichnet, zur Zeit „drei Weiber“ hat (eine davon angeblich 15 Jahre jünger, blond, gute Oberweite und offensichtlich strohdumm, wenn sie sich mit Ösi B abgibt, auf den nur sehr wenig positive Attribute zutreffen würden, optisch zumindest) und sich „einfach nicht entscheiden kann, der scharfe Hengst“. Ösi B war das selbstverständlich alles etwas peinlich, um sich richtig zu wehren hatte er aber schon zu viel Bier intus. Zwar lenkte er noch mit Fragen wie „wo wollt ihr hin“ ab, aber Ösi A war damit kaum von seinem Lieblingsthema abzubringen. Aber nun zu Ösi A selbst, denn nichts blieb uns vorenthalten: mit 20 erstes Kind, verheiratet, 4-500.000 Euro-Haus in zehn Jahren abbezahlt, uneheliches Kind oben drauf und jetzt eine Affäre mit einer Bulgarin, auch ein ziemlich scharfer Hengst, könnte man vermuten. Wie auch immer, wir verabschiedeten uns schnell („wir fahren eh nur 10-15 Kilometer am Tag“, Ösi A) und umradelten Arad, da der Wind uns heute noch rund 40 Kilometer von den Ösi wegtragen sollte. Auch nicht schlecht war der Hinweis von Ösi A, dass es im Urlaub nur darum geht, die Festplatte, gestresst durch den Job (70-80 Stunden pro Woche) und Familie, jeden Tag aufs Neue zu formatieren. Und „Geld allein macht auch nicht glücklich“. Achso. Prost!

Bulgarien? Asphaltiert sind die Hauptstraßen, Sand oder Schotter findet man auf fast allen Nebenstraßen, die davon abgehen. Köter gibt es mehr als dumm glotzende Jungs, man wird häufig mal von kläffenden Tölen verfolgt und praktisch überall liegt das Viehzeug im Schatten. Viehzeug? Alles Mögliche hüpft und tatzt am Straßenrand herum. Kaum 50 Meter ohne Hühnerherde, Gänse, Hunde oder Katzen. Alles läuft wild umher. Und landet unter den Rädern der durchbrausenden Autos – was Tierkadaver am Straßenrand angeht stellt Rumänien alles in den Schatten, was ich bislang gesehen habe, denn nicht nur arme Igel oder dumme Katzen finden sich in totem Zustand am Wegesrand, sondern auch ein toter Hund nach dem anderen.

Unser Hotel ist heute auch interessant: betrieben von drei sich gegenseitig anschreienden, stets unfreundlichen Frauen findet man kleine, einfache Zimmer (bei denen schon mal die Wand ein wenig bröselt), ein Restaurant, von dessen Karte man nichts versteht (und so mit Schweineleber auf dem Teller belohnt wird, kotz…) und in dem Katzen um die Tische herumschleichen, während die Gäste von übelster Teccno-Musik bedröhnt im pinken Speisesaal dinieren (links). Zumindest gab es Cola Light und eine Rechnung, bei der das ganze Futter mitsamt den Getränken für uns beide nicht mehr als sechs oder sieben Euro kostete.

Erstmals haben wir heute auch eine Zeitzone durchradelt, jetzt ist nicht nur alles billiger als zuvor (wenn hier jemals der Euro eingeführt wird, in 2045 oder so, kann man beim 5-Euro-Schein aufhören) sondern gleichzeitig auch eine Stunde später.

Später werde auch auch noch erfahren, wie der VFL Osnabrück (Mit dem Rad zum VFL? Gab es alles schon: Mit dem Rad von Osnabrück nach Cottbus, 2003) heute seine neue Saison, einmal wieder in der Regionalliga, eröffnet hat (bei den Kölner Amateuren, Anmerkung beim Abtippen: es sollte ein 1:1 werden). Nur für diesen Verein, wollen wir kämpfen und schrein…

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden; 
Bernts Perspektive)

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Thema Wechselkurs: laut Reiseführer (geschrieben Mitte der 90er) ist eine DM ungefähr 8.500 Lei wert, heute kriegt man für einen Euro 40.000 Lei und die im Reiseführer erwähnten 100er Münzen gibt es gar nicht mehr. Was sich doch in einem Jahrzehnt so tun kann…

Noch in Ungarn: witzige Gefährte... ...beflügelte Radler... ...und knackige Temperaturen.
...flott ging es voran... ...bis zur Grenze: Stau! Erstes Hotel in Rumänien: etwas marode Bausubstanz wird uns von nun an wohl noch länger begleiten!