Stage 7
Budapest - Szentes
 154,31 Kilometer;  6:10:54 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Beflügelt vom Ruhetag, den Wassern der Gellert-Thermen, überwiegend freundlichen Winden und als Zugabe auch noch Sonnenschein ohne Ende legten wir heute 150 Kilometer, von unserer besenrein-hinterlassenen Wohnung in Budapest bis nach Szentes zurück. Szentes?

Kennen Sie nicht? Dann haben Sie aber etwas verpasst, denn nicht ohne Grund konnten wir erst im vierten Anlauf ein freies Zimmer finden, oder?

Vielleicht ja, vielleicht nein, wir wissen es nicht. Fest steht aber, dass in Szentes im Moment der Bär los ist, da die Kirmis in der Stadt weilt. Vor der Stadt ist ein Acker ins bulgarisch-rumänische Äquivalent von Eurodisney verwandelt worden. Laser strahlen in den Himmel und laute Musik dröhnt über die Dächer der Stadt hinweg. Wir hatten nicht wirklich Bock auf den Rummel und ließen uns stattdessen im Garten einer Pizzeria von Hundertschaften an Mücken durchstechen, währen dich dank eines kleinen Tipps von Frank die erste Schachpartie (womit ich nicht mehr gerechnet hatte) gewinnen konnte und wir für umgerechnet 11-12 Euro 4 Cola Light, 2 Pizzen und 2 Salate vom Erdboden verschwinden ließen.

 

154 Kilometer? In der Tat, wobei uns Mutter Natur auch unter die Arme griff (oder passender an die Beine (nein, superstrammen Waden natürlich!)) und der Schöpfer der Erde wohl keine Lust hatte, südöstlich von Budapest noch seine Häufchen zu verteilen. Bergwertungen waren heute bestenfalls in Form sporadischer Autobahnbrücken aufzufinden, abbiegen mussten wir im Grunde genommen nur einmal (in Kiskunfeleghyaza von der am Samstag erfreulich wenig befahrenen Hauptstraße 5 auf die 431).

...flacher geht es kaum: Die Puszta in Ungarn.

Richtig anstrengend wurde es eigentlich erst auf den letzten dreißig Kilometern, als der Wind plötzlich nicht mehr freundlich von hinten oder zumindest akzeptabel von der Seite kam, sondern uns teilweise mitten vor die Nase blies. „Wer 110 schafft, schafft auch 150“, stellte Frank fest (ungefähr auf dem Niveau von „Der Ball ist rund und muss ins…“) und so kam es dann auch knapp neun Stunden nach unserem Aufbruch in der ungarischen Millionmetropole (1.8 Millionen Einwohner) und Hauptstadt Budapest.

Landschaftlich war es heute bei weitem nicht so langweilig, wie der monton gerade Streckenverlauf vermuten lässt. Sicherlich lag es auch am endlich wieder sommerlichen Wetter, aber sicher auch daran, dass unsere heutige Region Ungarns noch nicht Meter für Meter für landwirtschaftliche Zwecke verschandelt wurde.

Auffallend war jedoch, dass die Trabant-Lada Konzentration stetig zunahm, die Prostituiertenkonzentration am Straßenrand parallel dazu auf 0 pro Rastplatz abfiel und ausländische Kennzeichen beinahe ausstarben. Von Radlern ganz zu schweigen. Vielleicht erschraken nicht ohne Grund ein paar tschechische Rennradler, denen wir von unsere noch bevorstehenden Etappen und Plänen erzählten. Sowieso hat bis jetzt jeder bestenfalls stirnrunzelnd dreingeschaut, der von der Idee erfahren hat, mit dem Rad über die Grenze Rumäniens zu radeln…

Willkommen im Osten!

Auch die menschlichen Behausungen ließen kaum den Eindruck einer prosperierenden Region aufkommen. 

Vor einiger Zeit hatte ich in der „Zeit“ gelesen, dass viele, oder sogar die meisten Haushalte ab einer Autostunde östlich von Budapest kaum 200 Euro im Monat zur Verfügung haben. So schlimm sah es zwar beileibe nicht aus, ein Blick hinter die Fassaden blieb uns jedoch verwehrt. Und Prolls mit fetten Karren belagern auch hier noch die Zapfsäulen, genauso wie in der Heimat (fette Arme, kurze Haare, flache Karren).

Morgen steht uns dann endlich der große Kulturschock bevor, wenn es in die Heimat der Pferdekarren und Zigeunerbanden geht: Rumänien steht vor der Tür! Vorurteile haben wir genug, aber gerade diese gilt es zu korrigieren. Zumindest ich kann von mir behaupten, dass mein Länderbild der meisten Länder, durch die wir dieses Jahr fahren, im Vorfeld nicht gerade positiv war. Aus diesem Grund hat die Tour auch eine wichtige Bedeutung für mein subjektives Europabild, wobei Frank vorsichtshalber schon einmal 

Locker 20-25 Kilo plus Fahrer, je nach Getränkevorrat, musste mein armes Rad vorantragen, weit vorantragen...

seine Euros überall im Gepäck versteckt; eine Idee, die einen Nachahmer finden wird…

Zur Vorfreunde auf morgen nun ein Zitat aus Franks Reiseführer, in dessen Sprachteil leider geläufige Standardfloskeln wie „Bitte tun Sie mir nichts!“ „Lassen Sie uns am Leben, nehmen Sie alles was sie wollen“ „Mehr haben wir nicht, wirklich“ auf rumänisch fehlen:

„Arad ist heute eine durch die Industrie geprägte und verunstaltete Stadt. Der erste Eindruck, den der Besucher von der Stadt erhält, ist erschreckend. Hässliche Neubauten bestimmen das Bild.“

Arad hat 180.000 Einwohner, ist die letzte größere Stadt vor den Karpaten und ganz im Sinne einer weiten und erfolgreichen Etappe angenehm im Flachland situiert.

Franks Kommentar zum Reiseführereintrag zu Arad:

„Na was soll’s; wird nicht anders sein als Ludwigshafen!“ (Link zur Etappe, die uns vor Jahren durch eben jenes Ludwigshafen führte: http://www.hockeyarenas.com/cycling/colognebarca2001/stage3.htm

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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