Stage 6
Gyor - Budapest
 133,11 Kilometer; 6:04:01 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

648 Kilometer liegen unter uns (was wir vor fünf Jahren noch eine vollwertige Radtour genannt hätten), und das nach sechs Tagen auf zwei Reifen. Zwar sollten es bis in unser heutiges Etappenziel, die ungarische

Einige Radtouristen aus der Schweiz dirigierten uns früh am morgen aus Gyor hinaus, da unser Kartenmaterial nicht wirklich optimal war. 

 Hauptstadt, eigentlich nur 508 Kilometer plus maximal 10% „Frankscher Fehlerquotient“ werden, diverse

 Routenänderungen, Verfahrereien vor der ungarischen Grenze und Ähnliches ließen das Pensum jedoch erschreckend in die Höhe (oder besser gesagt „Weite“) schnellen.

Zu hoch? Vielleicht, denn nachdem ich heute früh in ein fieses Motivationsloch fiel, war es zur Hälfte der Etappe Frank, der unser ganzes Vorhaben in Frage zu stellen begann. „Eigentlich machen wir es doch komplett falsch“, murrte er als wir aus Zeitgründen drei Wegalternativen von Tata aus hatten und diejenige wählten, die den meisten Verkehr (da ausnahmslos Hauptstraße ohne Radwege) mit der angeblich langweiligsten Streckenführung verband. Ein Passant hatte uns noch geraten, über Esztergom und Szentendre nach Budapest einzufahren, was aber mindestens dreißig Extrakilometer bedeutet hätte. Diese wären überwiegend dem Donauverlauf gefolgt und, so unser Informant, „sehr schön“. In der Tat haben wir leider für „schön“ in der diesjährigen Tour keine Zeit und müssen unsere Routenplanung weitestgehend effizient gestalten, dass obendrei das Wetter heute eine mittlere Katastrophe war, half der Motivation auch nicht auf die Sprünge. Weder bei mir, noch bei Frank.

Bis zum frühen Nachmittag, als endlich die Sonne (Sommerurlaub, jawohl!) durchkam, hatten wir deutlich unter 20 Grad, überwiegend Seitenwind, langweilig flache Straßen und einen sporadisch daherkommenden Nieselregen, der erstmals unser Regenequipment auf die Probe stellte. Strampelt man dann mit dem Wissen, noch mehr als einhundert Kilometer zu müssen in angeblich atmungsaktiven Regenklamotten schwitzend an Milliarden Hektar Ackerland vorbei, ist Spaß das letzte aller Gefühle.  

...kein gutes Wetter, keine spannende Strecke und kein guter Tag, bis Nachmittags endlich die Sonne durchkam...

Erstmals schien Frank auch besser in Form zu sein als ich und führte das „Feld“ lange an. Lange? Nun ja, zumindest bis zu den ersten Hügeln, die ihm einmal wieder den Wind aus den Segeln nahmen.

Am Frankschen Stimmungstiefpunkt philosophierte er auch schon darüber, Istanbul quasi sofort abzuschreiben, wobei das bessere Wetter des Nachmittags gepaart mit der schöner werdenden Szenerie ab Ujtelep seine Begeisterung wieder etwas retten konnte. Frank meinte, ich wäre mit meinem Istanbul-Ziel zu verbissen, aber eigentlich ist gerade er ein Typ, der nicht vor sportlichen Zielen und Herausforderungen zurückschreckt. Aprilwetter im ungarischen Juli scheint aber auch ihn wanken zu lassen.

Ob wir es schaffen? Wenn er seine Motivation dauerhaft zurückgewinnen kann und ich nicht körperlich einbreche, sollten unsere Chancen (unter Vorbehalt zukünftiger Straßenverhältnisse) relativ gut aussehen. Wenn…

2004 erstmals dabei: Neoprenüberschuhe für die Schuhe; sehr empfehlenswert, auch wenn man die abendlichen Fönorgien irgendwie vermisst (und den Geruch!)...

Thema Wetter: Ganz Europa hat Hochsommer. Ganz Europa? Nein, denn während man in Oldenburg angenehme dreißig Grad Celsius misst, selbst in London die sonne scheint und Waldbrände in Portugal

...kein Parkplatz ohne: Prostituierte vor den Toren Budapests.

 wüten, friert ein kleiner Teil des Balkans einsam vor sich hin. Und wir sind mittendrin…ungelogen war es laut Europawetter auf Euronews heute nur in Belgrad (16 Grad) kälter als in Budapest (17 Grad); Resteuropa war durchweg wärmer. Ein frustrierender Gedanken, der einen frösteln lässt…

Wieso stehen eigentlich ab etwa 30 Kilometer vor den Toren Budapests auf jedem Parkplatz atomblonde Frauen herum? Bus verpasst? Ausgesetzt worden? Ich weiß es nicht…

…elendiges Thema, Teil 147: Hotelsuche in Budapest:

Wie eigentlich jeden Tag prallten zwei konträre Meinungen aufeinander, als Frank und ich im ersten Hotelinfoladen Budapests einkehrten und mit verschiedenen Offerten bedient wurden. Leider hatten wir keine offizielle Touristeninformation erwischt, sondern eine auf Provisionsbasis verarschende Hotelvermittlungsagentur. Die Reklame an  der Tür (Pensionen, B&B, Hostels) suggerierte zwar gute Preise, als jedoch nach meiner Frage auf eine möglichst günstige Innenstadtunterkunft ein Vorschlag für 89 Euro gemacht wurde, sträubten sich mir die Nackenhaare. Plötzlich gab es dann noch ein Hotel ganz in der Nähe und immerhin 35 Euro günstiger, was mir natürlich immer noch zu teuer war. Wenn man nach dem günstigsten Hotel fragt, dann eine Auskunft über 89 Euro bekommt und gefragt wird, ob das günstig genug ist, komme ich mir veräppelt vor, wenn die verneinte Antwort ein Angebot für 54 Euro nach sich zieht, aber das mag an mir liegen. Ich murrte weiterhin und verließ schließlich genervt den Laden, da in einem angeblich veralteten Prospekt auf dem Tresen durchweg Preise von 30 bis 45 Euro angepriesen wurden. Frank nahm es alles noch gelassen, hatte dann aber irgendwann ebenfalls (Gott sei Dank!) die Schnauze voll, als ein Hotel für 30 Euro plötzlich 10 Kilometer außerhalb der Innenstadt lag („und von da aus müssen sie noch zehn Minuten gehen, um sich zu waschen!“), das Hotel für 54 Euro plötzlich vielleicht auch nur noch 52 kosten sollte, Frühstück nicht inklusive wäre („aber Buffet vor Ort für 1-2 Euro Aufpreis!“) und wir vor Ort jemanden anrufen sollten, da es zu guter letzt nicht 

einmal eine Rezeption gibt. Ich machte drei Kreuzzeichen, als Frank der Schlampe seinen Ausweis während des Buchungsvorgangs quasi wieder aus der Hand riss, die ganze Buchung abbrach und wir weiter in Richtung Stadt radelten. Dort fanden wir dann zwar keine Touristeninfo (zumindest nicht dort, wo sie laut Stadtplan gewesen wäre), dafür aber eine nette Frau, die uns in ihre Betten kriegen wollte.

Die eigene Küche: endlich lecker Essen!

Nein, Stopp, das war jetzt missverständlich. Zwar wird man in Budapest häufiger mal von Frauen auf Kundenjagd angesprochen, „unsere“ Frau vermietete allerdings privat zentral gelegene Appartements, von denen sie auch gleich eines mit Küche und allem drum und dran für herrliche 40 Euro anbot. Wir trauten unseren Ohren nicht, besichtigen schnell mit ihr die exzellente Wohnung und billigten ohne Zögern ein. Besser bzw. glücklicher hätten wir es wohl kaum treffen können, so dass ich www.budapestflats.com, ihre Homepage, nur wärmstens empfehlen kann.

Schön war es auch, den insgesamt doch anstrengenden Tag mit einer Riesenportion selbstgekochter Pasta, einem Salat und dazu noch einem Milka Kuhfleckeneis als Nachtisch ausklingen zu lassen. Erstmals seit Tagen kam so etwas wie Urlaubsstimmung auf, was sich nur noch steigerte, als wir gegen Abend hin ein paar Stunden durch die Stadt schlenderten, Fotos machten und uns auf den morgigen, wohlverdienten, ersten Ruhetag freuten. Etwas Anlass zur Sorge bereitet nur leider wieder mein Rad, bei dem das Kugellager des Hinterrades kaputt sein könnte. Ein zweiter Besuch beim Fahrradladen scheint uns also leider nicht erspart zu bleiben…

 

Freier Tag in Budapest

Eigentlich hätten wir es nach den Anstrengungen bis nach Budapest besser verdient gehabt, aber gutes Wetter wurde uns kaum gegönnt. Abwechselnd Regen und Sonne bis zum Mittag und nur noch Regen danach machten uns matt und alle, so dass das Ablatschen der größeren Sehenswürdigkeiten (Parlament, Dom) fast anstrengender schien als so mancher Tag auf dem Rad. Zumindest gab es erneut leckere, selbstgekochte Kost (heute ein bisschen zu lang gekochter Reis mit süß-saurer Sauce und erneut einem prima Salat), erstmals ein Internetcafe und als touristisches Highlight noch die Gellert-Quellen sowie das Labyrinth. Beim Labyrinth handelt es sich um ein 1400 Meter langes Tunnelnetz unter der Innenstadt, welches vor langer langer Zeit von brutalen Wassermassen in den Stein gefressen wurde, im zweiten Weltkrieg jedoch zu einer Art Schutzbunker für bis zu 20.000 Menschen ausgebaut wurde. Heute kann man sich zwar nicht mehr verlaufen, dafür aber an einem regnerischen Tag gut der Wetterrealität entkommen und durch die Tunnel schlurfen, bei denen höchstens die etwas kitschig nachgemachten Höhlenmalereinen nerven. Richtig gut gefiel mir in den wirklich empfehlenswerten Gellert-Quellen auch nur der Mixed-Sex Teil, was Frank auf eine etwas ausgeprägte Homophobie meinerseits zurückführt. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie fühle ich mich in einem reinen Männerdampfbad mit ziemlich vielen, teilweise nicht sportlich gebauten, zum größeren Teil ergrauten, wenig bis fast gar nicht bekleideten Männern total unwohl. Im Nachhinein betrachtet möchte ich auch noch hinzufügen, dass von allen Städten auf der diesjährigen Tour Budapest die sicherlich schönste war. Lediglich Prag kann einigermaßen mithalten, von Wien habe ich zu wenig gesehen (und was ich gesehen habe, wenn auch nur für wenige Minuten, verliert im Flairduell ganz eindeutig gegen Prag und Budapest), Bukarest hat fast gar nichts zu bieten und Istanbul ist ganz einfach zu groß, um binnen 48 Stunden wirklich greifbar zu scheinen.

 
Produktion des Urlaubsvideos... ...Frank vor dem Parlament... ...und die letzte Erholung vor dem anstrengenden Segment nach Bukarest.  

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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