Stage 19
Saray - ISTANBUL
132,96 Kilometer;  6:18:28 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Oldenburg, den 04.11.2004:

Rund zweieinhalb Monate nach unserer Rückkehr aus Asien werde ich heute diese Homepage zum Abschluss bringen. Einen Tagebucheintrag der letzten Etappe hatte ich damals nicht geschrieben, so dass dieser Eintrag die Geschehnisse der letzten beiden Tage nicht mehr akkurat wiedergeben kann.

Einen feierlichen Zieleinlauf gab es dieses Jahr jedenfalls nicht. Die letzten 60-70 Kilometer auf  einer extrem befahrenen Hauptstraße am Mittelmeer entlang nahmen jeden Spaß aus der Etappe. Zwei- oder dreispurig sauste der Verkehr an uns vorbei, oftmals hatte ich den Eindruck, dass wir den Standstreifen einer Autobahn zum Radeln benutzen. Schon dreißig Kilometer vor Istanbul nahm die Bevölkerungsdichte explosionsartig zu, so dass die letzten Stunden uns ständig durch dicht an dicht stehende Städte führten; wo genau Istanbul tatsächlich anfing, konnten wir gar nicht erst ausmachen. 

Schön war noch eine letzte Strandpause in Silivri, die Frank für einen letzten Hopser ins warme Nass nutzte. Ich begnügte mich mit etwas Schatten, einem Eis nach dem anderen und "Middlesex",  einem Buch, dass ich auch jetzt noch wärmstens empfehlen kann. 

Eigentlich hatten wir vorgehabt, weiter im Norden nach Istanbul einzuradeln, entschieden uns dann jedoch aufgrund des herausfordernden Streckenprofils (Hügel, Hügel, Hügel...) nach Süden abzudrehen und Istanbul am Meer entlang zu erreichen. Ich war schon damals skeptisch, ob die Idee wirklich gut ist, aber Frank war einfach fest davon überzeugt, dass es im Süden flacher sein müsste. Das drohende Verkehrschaos auf der Hauptstraße ließ ihn kalt. Mir schwante zwar Böses, wie schlimm es jedoch wirklich werden sollte, konnte ich noch nicht ahnen. Und auch nicht, dass es nicht einen Deut flacher werden sollte. Hügel gibt es manchmal auch am Meer. 

Die letzten Tage waren aus höhenmetertechnischer Sicht sowieso Wahnsinn: fünf Tage am Stück erfreute uns unsere Strecke mit mehr als 1000 Höhenmetern; insgesamt waren jedoch nur 7 unserer 19 Etappen dermaßen hügelig, dass es für mehr als 1000 Höhenmeter reichte. Nicht ohne Grund lag meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf sechs der letzten sieben Etappen zum Teil deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt der Tour. 

Was blieb am Ende? Eine zumindest auf den letzten 60 Kilometern schreckliche Etappe, keine feierliche

Bis zur Küste war es noch recht verkehrsarm; ein kleiner Trost.

 Zielankunft und auch kein wirkliches Triumphgefühl, zumindest bei mir. Die Tatsache, dass wir Istanbul tatsächlich erreicht hatten, ließ mich seltsam unbekümmert. Zum Teil lag dies sicherlich daran, dass man das große Ganze im Augenblick der Ankunft aus den Augen verloren hatte und das tatsächliche 

Asien kommt näher: unterwegs entlang der Küste.

Gelingen einer Tour auch nie ein dramatischer Punkt ist. Die Knackpunkte der Tour lagen schon längst hinter mir; die Kotzerei in Bulgarien, die Beinbeschwerden in Rumänien fallen mir auf Anhieb ein. Nach Istanbul zu radeln war dann nur noch ein bisschen Arbeit, aber emotionale Ausbrüche wie nach einem gewonnen Tennismatch (nach 0:6, 0:6, 0:5) durfte man auch nicht erwarten. Erleichtert war ich allerdings schon, erleichtert, wieder normale Tage ohne zehn Stunden auf dem Rad vor mir zu haben. Prompt war ich auch gleich an unserem Istanbull-chill-out-Tag dermaßen platt und schlapp, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, noch eine ganze Etappe zu radeln. Unterbewusst schien eine riesige Anspannung von mir gefallen zu sein.

Blicke ich jetzt auf die Tour zurück, kann von gleichgültigen Gefühlen jedoch keine Rede sein. Sehe ich eine Europakarte und stelle mir vor, was wir in diesen drei Wochen des Sommers geschafft haben, kann ich ein kleines Grinsen kaum zurückhalten. 2300 Kilometer in drei Wochen mit all dem Regen, den großen und kleinen Problemen, der Hitze und den zumeist nicht existierenden Radwegen geschafft zu haben scheint an manchen Tagen unvorstellbar, auch wenn es unterwegs doch immer wieder weiter ging. Ich glaube nicht, dass ich schon einmal verbissener darauf war, eine Tour auch zu schaffen als in diesem Jahr.  Es geschafft zu haben, ist im Nachhinein sehr zufriedenstellend, auch wenn die Luft jetzt erst einmal etwas raus ist. Radtour 2005? Natürlich wird es wieder eine Tour geben, aber noch ein Jahr wie 2004 mit fast 2000 Trainingskilometern und drei Wochen Extremsport werden es erst einmal nicht werden. Schreibe ich jetzt...., glaube ich es? Ist doch egal, das Frühjahr wird es zeigen...

Special Feature: "vorher" und "nachher"

Istanbul als würdige Zielstadt war auch eine zwiespältige Geschichte, da weder Frank noch mir die Stadt 

am Bosporus wirklich gefiel. Ich glaube auch, dass wir einfach zu ausgelaugt und "durch den Wind" waren, um uns noch richtig für eine Stadt begeistern zu können. Leicht regnerisches Wetter am Touritag in 

Half auch nicht: selbst der Reiseführer konnte kaum Begeisterung wecken...

Istanbul trug sicherlich dazu bei, dass wir Istanbul weit weniger genossen, als beispielsweise Budapest oder Bukarest. Istanbul ist auch ganz einfach zu groß: Bukarest oder Budapest kann man leicht verstehen oder greifen; Istanbul ist einfach nur riesig und erdrückend unendlich.

Viel gesehen haben wir auch nicht. Die Blaue Moschee war natürlich Pflichtprogramm, ebenso der Palast des Sultans und ein netter Ausblick vom Galata Tower. Der Funken sprang jedoch nie so richtig über, so dass ich am positivsten noch die beiden Restaurants in Erinnerung habe, in denen wir jeweils (recht spendabel) gespeist haben. Etwas komisch fühlte es sich an, als wir auf der Fahrt zum Flughafen (vom Fahrer des Hotels für 30 Euro hingefahren worden, was bei fast 40 Kilometern in Ordnung ging) nach Asien fuhren. Da wir jedoch die Räder in Asien nur noch aus dem Kofferraum ausluden und am Flughafen eincheckten, haben wir noch nie wirklich in Asien geradelt. Ich merke es schon, die Tourplanung 2005 hat just begonnen...

Bis zur nächsten Tour,

Bernt Pölling-Vocke

Angeln wie die Bekloppten: Brücke in Istanbul. Decke der blauen Moschee... ...und Teppiche davon, alle nach Mekka ausgerichtet.
Stadtbild (mit Galata Tower im Hintergrund)... ...der Sultanspalast und die Moscheen befinden sich in Sultanahmet, ...etwa 50 Kilometer vom etwas außerhalb liegenden Flughafen German Wings, von wo es morgens um drei wieder zurück nach Köln ging.

 

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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