Stage 17
Sozopol - Malko Taranvo
 97,62 Kilometer;  4:49:09 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Hoch gestiegen, tief gefallen, oder wie heißt es doch so treffend in Metallica’s „The House that Jack Built“: „The higher you are, the farther you fall“.

Nachdem Sozopol (Fotos vom Ruhetag am Ende des Eintrags) mit seinem exzellenten Hotel, dem dazugehörigen Frühstücksbuffet, superben Wetter (Gott sei Dank!) und auch widerstehlichen Reizen (Typ von der Rezeption: „It is you last night, right? Do you want some girls?“) hinter uns liegt, liegen wir jetzt in einem arg baufälligen Hotel in Malko Tarnavo, unweit der türkischen Grenze und nicht viele Kilometer von der hinter uns liegenden Glitzerstrandwelt Sozopols, die einmal wieder Welten entfernt scheint.

Durchs Fenster, man kann den Muff kaum aus dem versifften Raum lüften, dringt Hundgekläffe. Etwas weiter 

Sehr praktisch: das ganze Bad als Dusche!

entfernt wird gehupt, ein Kind schreit. Der Raum ist mit zwei Stücken Teppich grob ausgelegt, die Naht in der Raummitte jedoch so eine Art Grand Canyon, da man beide Hälften nur in den Raum geschmissen hat. Arglos. Sorglos. Passt schon. Eine richtige Dusche gibt es nicht, am Wasserhahn ist ein Duschkopf angebracht. Duscht man sich, setzt man automatisch das ganze Bad mitsamt Klo unter Wasser. Gestern sah anders aus, heute kostet dafür aber auch nur 3,50 Euro pro Nase – ein Rekord für kostenpflichtige Übernachtungen!

Unser bulgarisches Restgeld konnten wir auch trotz extensiver Einkaufstouren durch die Kioske der Stadt nicht mehr loswerden. Hier die kompletten Cola Light Dosen aufgekauft, da allen Eistee mitgenommen, immer noch gut zehn Euro in bulgarischen Schrott in der Tasche. In Sozopol genug, um zu zweit essen zu gehen. Hier genug, um zu zweit morgens, mittags und abends essen zu gehen. Gestern, heute und morgen…

Der Ruhetag scheint uns beiden recht gut getan zu haben, denn trotz einer der wohl anstrengendsten Touretappen habe ich noch Lust zu schreiben. Frank schlingt die letzten Seiten des „Bookseller of Kabul“ weg – angefangen hat er mit dem Buch gestern am Strand; knapp 300 Seiten an zwei Tagen. Da ich für das Buch übrigens ähnlich lange brauchte, darf die Lebens- und Leidensgeschichte der Familie Khan aus Afghanistan gerne als absoluter Lesetipp verstanden werden. Wer also Langeweile hat: Kaufen, kaufen! Marsch, Marsch! Ironischerweise war Langeweile auch ein Gefühl, dass uns beide am Ruhetag wieder einholte. Ließen die Anstrengungen der bisherigen zwei Wochen keine Zeit für Langeweile, so sah es gestern ganz anders aus. Frank hatte am Nachmittag genug vom Herumliegen am Strand, ich verbrachte fast zwei Stunden gedankenverloren im Internetcafe, verschlief den halben Tag und wusste einmal wieder schnell, was für eine Art von Urlaub ich auf gar keinen Fall gebrauchen kann.

Literarisch habe ich mich dieses Jahr durch „Life of Pi“ (anfangs mies, dann im weiteren Verlauf oberer Durchschnitt) über „Little God Vernon“ (wirklich extrem gut, es sei denn, man schreckt leicht vor vulgärer Sprache zurück oder hat eine „Reading? Fucken read my ass“ Mentalität) bis zu „Middlesex“ gelesen, welches aber noch in seinen wirklich exquisiten Anfangszügen liegt.

Auch einen Meilenstein gab es heute zu verzeichnen, einen sportlichen Meilenstein, der genauso wie das Endziel Istanbul vor gar nicht einmal allzu langer Zeit unerreichbar schien: der Mythos 2000 Kilometer! Nach Barcelona waren es 1970 Kilometer, in Italien 1800 und jetzt erstmals über 2000, womit man sich schon zufrieden auf die Schulter klopfen darf. Fucken 2000 my ass?

Ob es jetzt allerdings ein gutes Omen ist, dass die Abzweigung, die wir traditionell nach dem Erreichen eines sportlichen Meilensteins für die Feier nutzen, direkt auf einen Friedhof zuführte, mag zumindest fragwürdig erscheinen.

17. Etappe:

2000 Kilometer

 

Thema Strecke: Exzellent! Anfangs folgten wir bei wenig Verkehr rund 40 Kilometer der E87 am Meer entlang bis fast nach Michurin, wo die letzte Pause am Wasser auf dem Programm stand. Danach radelten wir dann weiter landeinwärts gen Westen auf einer Straße, die fast vollkommen verkehrsbefreit war. Frank nutzte die letzte Pause am Meer noch für einen Sprung ins feuchte Nass („Kein Spaß! Wasser ist scheißdreckig hier!“) und ich las im Schatten ein Stündchen „Middlesex“.

Kilometer 40 bis 97 waren dann nichts als ein ewiges Wechselspiel von bergauf und bergab, wobei die bergauf-Fraktion deutlich die Oberhand behalten sollte. Momentan dürften wir auf etwa 300 Metern Höhe pausieren, direkt an der Straße zur türkischen Grenzen ist noch einmal ein Gipfel mit 710 Metern auf unserer Karte eingetragen. Und auch danach sieht es nicht unbedingt flach aus…

Das Radeln hat aber trotz all der Höhenmeter unheimlich Spaß gemacht, da der Streckenabschnitt zumindest meiner Meinung nach der Schönste der ganzen Tour war. Ringsherum nur beinahe urwaldmäßig bewachsene Hügellandschaften, eine nur vom Zirpen der Grillen oder kilometerweit entfernten Autos durchbrochene Stille und eine teilweise zu fast einem Drittel überwucherte Straße, die gar nichts mehr mit den modernen Straßen der Küstenregion gemeinsam hatte. Menschliche Ansiedlungen suchte man ebenfalls vergebens, durchradelten wir doch nur ein kleines und zwei tote Nester. Man fühlte sich schon fast wie in der Wildnis und es störte auch kaum, dass man stets in Schlangenlinien um den Schlaglochsalat auf der Straße steuern musste, der allerdings Abfahrten zu zweifelhaften Vergnügen werden ließ.

Weil die Streckenführung zusammen mit dem erbärmlichen Streckenzustand noch nicht ausreichte, um der Etappe einen würdigen, sportlichen Reiz zu geben, fand sich bis in den späten Nachmittag hinein auch keine einzige Wolke am Firmament. Die Sonne ballerte gnadenlos auf das Fahrerfeld herab, außerhalb es Schattens könnten es heute locker 40 Grad gewesen sein. Eine genauere Angabe gibt es leider genauso wie akkurate Höhemeterstatistiken nicht, da Frank seinen Höhenmesser beim Duschen in Sozopol versenkt hat („Regenjacke mitgewaschen, war noch in der Tasche“) und mein Tacho, abgesehen von der Zeit- und Geschwindigkeitsanzeige, total ausgerastet ist. Mal war es 199 Grad, dann hatte ein Berg 99% Steigung und ich fuhr mit 67 bergauf…

Ne Menge warm und ´ne Menge hoch dürfte aber schon passen…

 

SOZOPOL

...Sonnenaufgang am Ruhetag in Sozopol... ...ein Ruhetag, wohl wahr...

Ein Einheimischer in seinem Ruderboot (links oben), Frank mit dem "Bookseller of Kabul" und einfach nur das Meer.

Verfolgungsjagd verloren: Neues Equipment gab es für die bulgarische Polizei letztmals 1973.

 

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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