Stage 14
Calarasi - Dobric
 103,91 Kilometer;  5:07:07 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com  

Das Wichtigste gleich vorweg: die heutige Etappe kann man nur als grausamste Etappe der gesamten Tour bezeichnen, sogar als grausamste Etappe aller Touren bislang.

Pourquoi?

Selbst mehr als zwölf Stunden Schlaf halfen nicht, mich wieder einigermaßen aufzupäppeln. Auch das Frühstück war schon die reinste Tortur: Ging es mir im Bett liegend noch relativ gut, schwindelte es mir schon beim Aufzug und wenig später im Erdgeschoss war wieder das liebe Kotzgefühl präsent. Frank pfiff sich zum Frühstück à la Carte gleich ein fettes Cordon Bleu mit Pommes hinter die Binsen, ich stocherte ein wenig in einem Salat herum, naschte ein Häppchen von meinem Omelette und verzog mich wieder ins Hotelzimmer, da 

Grenzübergang Calarasi: nur per Fähre möglich...

essen nicht allzu sinnvoll schien. Außerdem dröhnte ziemlich bekackte Techno-Musik ziemlich unfrühstücksmäßig aus der Stereoanlage des Restaurants, was sich mit meinen zunehmenden Kopfschmerzen ganz und gar nicht vertrug.

Über den Tag verteilt konsumierte ich dann sieben Schmerz- und Antikotztabletten, was mich aber nicht davor bewahrte, dass mir fast immer unheimlich schwindelig war und ich über gar keine Kraft zu verfügen schien. Elf Kilometer waren es bis zur Fähre nach Bulgarien, elf Kilometer für die ich mit Höchstgeschwindigkeiten um 15 km/h und vielen Pausen mehr als eine Stunden benötigte. Ganz eindeutig hätte ich heute nicht Rad fahren, wahrscheinlich sogar nicht einmal aus dem Bett steigen sollen.

Zumindest mussten wir glücklicherweise noch relativ lange auf unsere Fähre warten, Zeit, die ich im Schatten liegend verbrachte während Frank sich schon beinahe provokativ in der gleißenden Sonne postierte, um auf jeden Fall auf die kleine Fähre zwischen Rumänien und Bulgarien zu gelangen. Sowieso war die Stimmung heute für den Arsch: Ich wollte eigentlich nur pennen und schlafen, Frank wollte das volle Pensum in Angriff nehmen und warf mir gleichzeitig noch vor, ein bisschen zu simulieren. Leider verfüge ich jedoch nicht über Franks Gesundheit, der nach eigenen Aussagen quasi sowieso niemals nie krank ist. Jedoch an einem heißen

Sehr modern: Der Grenzübergang auf bulgarischer Seite.

 Tag im Süden Europas 100 hügelige Kilometer nach einer verkotzten Nacht und vollkommen ohne Nahrungsaufnahme (oder realistische Chance darauf) zu radeln ist einfach nur bekloppt und vielleicht sogar gefährlich.

Gnädigerweise machten wir in Bulgarien noch eine halbe Stunde Pause, wobei ich teilweise schon arg das Gefühl hatte, dass Frank in bester Führermanier die Mannen in die Schlacht treiben wollte und ich mich, wie ein dummes Schaf, dem Schicksal ergab. Ich wollte ihn nicht, den totalen Krieg mit dem Rad, aber ich wehrte mich auch nicht, was die Geschehnisse des Tages zu einem nur allzu deutschen Geschehen werden ließ, zumindest im historischen Vergleich. Jeder, der jetzt dieses Tagebuch liest (falls es wirklich jemand bis hier hin schafft) würde natürlich denken, dass er in meiner Situation einfach den Tag geschmissen hätte und Frank damit schon klar gekommen wäre, aber zum einen fehlte mir an jenem Tag die Durchsetzungskraft und zum anderen hatten wir bei dieser Tour einfach mit Istanbul eine Zielvorgabe, die wenig Spielraum für außerplanmäßige Pausentage ließ. Was das noch mit Urlaub zu tun hat, weiß ich nicht, aber ich entschied, dass es mir heute sowieso scheiße gehen würde, ganz egal ob im Bett oder auf dem Rad. Naja, vom Komfort des Computers aus und top in Form (wenngleich auch hungrig, aber heute Abend werden noch fett Burger gebrutzelt) denke ich jetzt auch, dass es gut war, an jenem Tag das Pensum erfüllt zu haben, aber damals war ich mir wirklich nicht sicher, wann es für den Körper einfach zu viel ist. Und was dann passiert (Nachtrag 25.11.2004)…  

Landschaft schön, Stimmung scheiße: Willkommen in Bulgarien!

Auch meine Stimme war total dahin, da ich mir durch die Kotzorgien der vergangenen Nacht buchstäblich die Stimme weggekotzt hatte und nur heiser vor mich hinröcheln konnte. Zusammen mit den Beinproblemen vor Bukarest und den Gesundheitsproblemen danach kann man, im Nachhinein betrachtet, das mittlere Segment der Tour schon als absoluten Selbsttest bezeichnen. Natürlich lächelt jeder, der schon den K2 bestiegen hat,

Während ich langsam hinter Frank herröchelte, lernte er gleich neue Freunde am Wegesrand kennen.

 darüber, aber drei der letzten fünf Tage, „jenen Tag“ mit eingeschlossen, waren mehr Frust als Lust. Eigentlich nur Frust!

Glücklicherweise erreichten wir gegen Abend dann doch noch Dobric,

 wo ich erstmals am ganzen Tag wieder wirklich etwas aß, wenngleich es auch nur fünf Nektarinen waren. Unser Hotel war megateuer, was mir aber absolut egal war und es Frank ermöglichte, noch etwas im Pool schwimmen zu gehen. Ich sagte zwar noch zu ihm, dass ich mir den Pool gleich auch angucken wollte, blieb dann aber bis zum nächsten Morgen im Bett. „Morgen tut dir dann der Rücken weh“, kam noch einmal ein einfühlsamer Kommentar von Frank, als ich mich wieder, vielleicht etwas übertrieben, selbst (röchelnd) bemitleidete, aber auch noch heute, zweieinhalb Monate später, weiß ich ganz genau, wie unglaublich es am Abend schien, den Tag überstanden zu haben.

Ich weiß gar nicht, wie oft ich heute zwischendurch pausiert habe. Einmal, ich lag gerade am Straßenrand und versuchte wieder etwas Kraft zu sammeln, hielt die Polizei an und versuchte mir mitzuteilen, dass der Straßenrand nicht dafür gedacht sei, dort eine Siesta zu halten. Ich röchelte ein wenig auf „denglisch“ herum, sie glotzen mich doof an und verzogen sich, als ich mich mühsam wieder erhob und so tat, als würde ich gleich weiterfahren. Zumindest nicht schlecht, dass die Bullen überhaupt angehalten haben; es hätte ja auch durchaus sein können, dass ich vom Rad gekippt wäre.  

Neue Probleme... ...etwas nettere Tankstellen als im letzten Land... ...und eine ewige Etappe: Radeln beim Sonnenuntergang.

Der erste Eindruck von Bulgarien war hingegen recht positiv, da im Gegensatz zum Armenhaus Rumänien auch die Nebenstraßen meist asphaltiert sind und die meisten Häuser etwas weniger nach Slum aussehen, als noch tags zuvor. Aber mehr dazu in den nächsten Etappen, da ich heute nicht viel Zeit damit verbrachte, meine Umwelt, die zu allem Überfluss auch noch ziemlich hügelig war, in Augenschein zu nehmen.

 

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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