Stage 11
Sibiu - Micoiu
 116,5 Kilometer;  4:54:35 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Irgendwie ist es nicht gut, das Tagebuch immer erst einige Stunden nach Zieleinkunft auszufüllen, da die Emotionen des Tages durch die Zeitverzögerung zwangsläufig verwischt werden. Mittlerweile bin ich wieder einigermaßen zufrieden mit Gott und der Welt, vor zwei Stunden starrte ich lethargisch ins Nichts, nachdem ich am Hügel vor der letzten Abfahrt wild fluchend meine Getränkeflasche vom Rad und dann noch gekonnt

Lustig beladen: LKW in Rumänien.

 mit einem Fußtritt von der Piste beförderte. Nicht gerade ein Anzeichen allzu großer Freude (zur Freude für die Nachwelt jedoch von ihm gefilmt)…

Die ganze Etappe war ein einziger, elendiger Krampf. Ein Krampf mit dem Krampf obendrein, denn meine

üble Verspannung der linken Wade vom Vortag war nicht über Nacht verschwunden, schmerzte bei jedem Tritt und zwang mich auch zeitweise dazu, quasi einbeinig zu fahren; eine Fahrweise, die natürlich das rechte Bein dann auch wieder längerfristig nicht gerade mit Freude erfüllt.

Ähnliche Verletzungen wie die aktuelle Verspannung hatte ich während der diesjährigen Tourvorbereitung schon zwei Mal; einmal nach einer Oldenburg-Aurich-Leer Tour zu Saisonbeginn, einmal bei einer Vorbereitungstour im Harz. Nach der ersten Verletzung radelte ich zwei Wochen nicht, die Harztour musste ich verfrüht abbrechen. Ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, wieso ich im Moment schon wieder so optimistisch bin. Ich weiß nicht, aber jetzt, zwei Stunden nach den letzten schmerzhaften Metern des Tages, habe ich schon fast das Gefühl, es dieses Mal nicht mit der Mount-Everest-Variante des Problems zu tun zu haben, auch wenn in ähnlichen Situationen im Vorfeld der Tour an ein morgiges Weiterfahren kaum zu denken gewesen wäre. Der Unterschied könnte sein, dass ich einfach unbedingt nach Istanbul will…

…wofür Bukarest allerdings schon einmal ein Anfang wäre. Das morgen anstehende Restpensum jedoch hoffentlich nicht der Anfang vom Ende. 160-170 Kilometer müssen wir morgen schaffen, wenn wir uns wie geplant mit Dominic treffen wollen. Er hat uns per SMS auch gleich seine Wohnung als Bleibe angeboten. Um halb sieben werden wir aufstehen, früher denn je geht es auf den Sattel und dann muss der Schmerz einfach

Tankstelle in Rumänien.

 tolerierbar bleiben, sonst…???

An die Variante „Tourabbruch“ will ich natürlich noch auf gar keinen Fall denken. Notfalls radele ich die 7-800 Restkilometer ab Bukarest auch noch mit einem Bein. Mit Klickpedalen ist die gezielte Entlastung eines Beines schließlich alles andere als Hexerei, nur eben unheimlich anstrengend. Spaß ist sicherlich etwas anderes, aber Frank hat ja auch Mobilat eingepackt…

…und Aspirin…

Das „Schöne“ am Beinweh ist, dass mich mein Fahrradweh heute gar nicht interessiert hat. Im Radladen in Sibiu konnte man zwar herausfinden, was kaputt ist (es gibt einen kleinen Ring, der die Achse umschließt und bei mir gebrochen scheint), passende Ersatzteile hatte man dafür aber nicht („Deore is super quality, we don´t have“). Sowieso war allein der Laden schon wieder ein Erlebnis: ein kombinierter Fahrrad-, Camping- und Outdoorladen auf fünfzehn Quadratmetern! Dafür gab es aber Meindl-Wanderschuhe für 50 Euro und Jack Wolfskin-Jacken für 40. Faszinierend, wenn man die horrenden Preise daheim bedenkt, wo ich dummerweise vor gar nicht einmal so langer Zeit gut das Dreifache für Wanderschuhe auf den Ladentresen gelegt hab (wobei: hätte ich sie auf der Radtour kaufen und bis nach Istanbul schleppen sollen?).

Eine Strecke gab es heute natürlich auch noch: Die Natur meinte es gut mit uns auf der wohl bislang spektakulärsten Etappe der Tour. Wir schlingerten uns angenehm flach aus den Kaparten heraus, folgten fast den ganzen Tag einem schönen Fluss und passierten nur wenige Ortschaften, die dann aber zumeist wieder ans Mittelalter oder Tansania erinnerten. Nach Strom und Wasser muss man in machen der Ortschaften bestimmt lange suchen, Kinder treiben Kühe durch die Straßen, ab und zu mischt sich ein Pferdekarren in den vorbeirauschenden Verkehr  auf der Europastraße und Sibiu erschien sofort wieder Lichtjahre entfernt.

Wer übrigens einmal einen Urlaub in Carliamanete gewinnt, darf sch auf einen Aufenthalt im größten sozialistischen Feriendorf Rumäniens freuen. Fortschrittliche grau-graue Hochhausklötze mit berauschenden Namen wie „Hotel Calcutta“ laden zum Verweilen ein, die Kaparten bieten sich zum Wandern an und die Koffer sind bestimmt schon zwei Tage vor der Abreise gepackt, so unglaublich hässlich ist das Kaff. Der Stadtrand ist dazu noch von Zigeunerbehausungen zugepflastert, deren Kinder zumindest gut im Betteln sind. Ich will jetzt hier keine großartigen Witze über Armut reißen, aber unweit einer solchen Ansammlung armseliger Behausungen beschossen uns gleich ein paar Kinder (wenig erfolgreich) mit Steinschleudern. Als Frank jedoch seine Videokamera rausholte, um die Jungterroristen zu filmen, fingen diese ziemlich debil zu winken an, bevor sie anfingen, sich gegenseitig zu schlagen.

Trotzdem bleibe ich dabei, dass Rumänien ein absolut sicheres und extrem freundliches Reiseland ist, denn während wir gerade ein Mal beschossen wurden und mich auch nur einmal wirklich gefährlich ein streunender, tobsüchtiger Hund verfolgte (hielt laut kläffend bis 35 km/h mit), wird man andauernd freundlich gegrüßt oder angehupt. In Deutschland würde sicherlich beides nicht passieren und mein Klapperrad würde vor einem Radladen mit guten Ersatzteilen erleichtert aufatmen (im Hotel brach abends auch noch die Tachohalterung ab…), aber zufrieden bin ich trotzdem. Und hoffentlich macht die Wade morgen mit. Der Schmerz des heutigen Tages ruft doch gleich den Straßenpolizisten von gestern wieder frisch ins Gedächtnis: „Why do you do this?“

Gute Frage…

Auch ein unsauberes Erlebnis: unser, zugegebenermaßen günstiges, Hotel:

Lust auf mehr bekackte Hotels? Hier noch eines aus London und eines aus Schottland:
Schottland, unübertroffen: Schottland, unübertroffen auch nicht ohne: London, ordentlich zugesaut  

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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