Stage 10
Devan - Sibiu
 127,38 Kilometer;  5:50:21 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Why do you do this?“ , Frage eines Polizisten, der mich heute auf der E68 ansprach.

„Wie Kamikaze, in Rumänien, keine Disziplin“, fing der Tag schon beim leckeren Frühstück bedrohlich an (Thema: Straßenverkehr im Allgemeinen, die Möglichkeit des Radfahrens im Besonderen), als wir zusammen mit dem deutschsprachigen Franzobulgaren aus unserer Herberge frühstückten. Früher hat er 18 Jahre in Paris gewohnt, jetzt, 2 Kinder später, hat er aber in Haus in Montellimar, „weil es billiger ist“, seine Frau ist halbdeutsch, etwas deutsch kann er von ihr und im Moment ist er auf Heimaturlaub. Soviel zu unserer Pensionsbekanntschaft…

„Kamikaze“ schien dann auch das richtige Wort für unser Geplackere ab 9:30 zu sein, welches uns erneut auf die ostwärts führende E68 katapultierte. War gestern der Verkehr jedoch noch einigermaßen erträglich, so konnte man ihn heute bestenfalls noch als katastrophal klassifizieren. Um mir ein wenig die Zeit zu vertreiben, zählte ich in 10-Minuten-Segmenten die Anzahl der KFZ und Lastwagen, die auf der alles anderen als breiten Europastraße haarscharf und oftmals hupend an uns vorbeirasten (kein „toll, was ihr da macht – weiter so!“-Hupen sonder ein „get the fuck out of my way, fucker!“-Hupen). Empfehlenswerte Radwege sehen anders aus. Auch die Fahrweise der Möchtegern-Schumachers scheint zu begründen, weshalb massenweise Kreuze den Weg säumen; man könnte die E68 auch als Kreuzweg Rumäniens bezeichnen. Ich konzentrierte mich einfach nur darauf, bei all den Straßenschäden und Spurrillen so weit rechts wie möglich zu verweilen, während Frank recht locker voranfuhr und dem sicher scheinenden Tod gleichmütig entgegenradelte. Recht hatte er auch, als er anmerkte, dass es nicht gerade viele Alternativen gibt, zumindest nicht mit Asphalt…

...E68 gen Osten: kein empfohlener Radweg

Verkehrsstatistik
überholt worden von:
Autos je zehn Minuten  LKW je zehn Minuten
42 12
31 8
23 3
42 5
52 9
46 10
25 9

 

Kurz nachdem das Thermometer erstmals die dreißig Grad gekratzt hatte, verfinsterte sich urplötzlich der Himmel vor uns. Alles Hoffen hatte keinen Sinn, so dass wir letzten Endes anhalten mussten, um nicht zum ersten Mal auf dieser Tour unser Regenequipment herauszukramen. Natürlich parkte auf dem Parkplatz, den wir hierzu ausersonnen hatten ein in einem Zivilwagen versteckter Hüter des Gesetztes. Frank war schon losgeradelt als ich noch probierte, ein gutes Foto eines vorbeirauschenden LKWs mitsamt Gischt zu machen. 

Der Regen schien nicht nur unausweichlich, sondern war es dann auch...

Schließlich sollte der spaßige Charakter der heutigen Fahrt auch für die Nachwelt festgehalten werden! Mein Herumgefummel mit der Kamera irritierte dann den Sheriff dermaßen, dass er sich zu erkennen gab und mich auszufragen begann. „Von wo nach wo“, „ob wir denn nicht wüssten, dass die Straße für Räder verboten ist“…; hatte Dominic uns nicht an der Grenze vor korrupten Polizisten auf dem Land gewarnt? Wie viel würde mich die Weiterfahrt kosten?

 

Gefahr war aber keine im Anzug, zumindest nicht vom Polizisten (von oben schon…), da er wohl kaum mit der Antwort Prag-Istanbul gerechnet hatte. Sichtlich erstaunt wollte er wissen, warum wir denn so etwas machen und bemerkte, dass es ja auch keine streckenmäßigen Alternativen außer der verbotenen Straße gibt. „Romania is not good, is it?“, fragte er dann noch, war dann aber etwas überrascht, dass ich diesem Statement als Tourist widersprach. Nur der Verkehr war definitiv not good…

 

Ungeachtet der uns jetzt auch noch, der Gischt sei Dank, ordentlich zusauenden Lastwagen ging es dann immer weiter. Aus dem Regen wurde über den Umweg eines heftigen Schauers auch gleich noch ein donnerndes Nachmittagsgewitter, in dessen Verlauf die Temperatur von angenehmen dreißig Grad auf zwölf Grad purzelte.

 

Zum Glück hielt der Himmel nach einer rettenden Pause an einer Tankstelle die Schleusen wieder geschlossen, womit es nach 56 Kilometern auf dem Buckel wieder ins Trockene ging und…

Warten auf das gute Wetter: abends gab es dann einmal wieder viel Arbeit für den Fön.

…wir eine Stunde ein wahres Rennen mit düsteren Regenwolken in unserem Rücken austrugen. Irgendwie schien sich das schlechte Wetter entschieden zu haben, noch einmal kehrt zu machen und uns vor sich herzujagen. Recht lange konnten wir den auch nun angenehmen Rückenwinden zum Dank fliehen, bis unsere Chancen auf eine trockene Vollendung der Etappe nach rund 80-85 Kilometern im tröpfelnden Regen versanken, so dass…

 

…wir rein zufälligerweise an unserer Raststädte, einem kleinen Imbiss entlang der Europastraße mit ziemlich lauter, guter Rockmusik, fünf Studenten aus Leipzig trafen. Mit Rädern. Fahrrädern. Auf Radtour. Von Budapest bis ans schwarze Meer. Gesprächsstoff fand sich schnell, für etwa 35 Cent gab es leckere Bratwürste und als es wieder trocken war, setzten wir unsere Reise gemeinsam fort.

Nach einer weiteren Pause ging es im Team weiter gen Mittelalter.

 

Fans der stark befahrenen E68 waren unserer Mitstreiter bei Leibe nicht, so dass wir uns von ihnen verleiten ließen, abseits auf einer Nebenstraße weiterzufahren. Auch sie wollten, genauso wie wir, heute bis nach Sibiu, führten uns aber auf dem Weg dorthin nicht nur über quasi unbefahrbares Terrain, sondern auch gleich…

 

…zurück ins Mittelalter. Die drei Dörfer, die wir abseits der E68 (die Straßenverhältnisse sollten uns alle bald wieder auf die stark befahrene Europastraße zurückführen, vor allem nach dem bodenaufweichenden Regen des Nachmittages) passierten, waren an Armut kaum mehr zu überbieten. Assoziationen zu „Tansania“ oder „Kabul“ schossen mir fortlaufend durch den Kopf, als wir über holprige Matschpisten an halb verfallenen Häusern entlangruckelten, die erschreckenderweise alle bewohnt zu sein schienen.

 

Erwartete uns also nun, abseits jeder modernen Zivilisation, das gefährliche Rumänien? Für unsere Speichen schon, für uns jedoch einmal wieder auf gar keinen Fall. Fast alle Menschen starrten uns perplex an (wann waren das letzte Mal sieben schwer bepackte Radler durchs Dorf gefahren?), winkten uns zu, wollten uns den Weg zeigen oder, im Falle einiger Kinder, ein paar Bonbons abstauben. In Anbetracht des schon fast westlich-modernen Sibius (Fußgängerzone voller Prolls, McDoof, Supermarkt, teure Schlitten auf den Straßen) knapp 25 Kilometer entfernt kann man nur von zwei Parallelwelten sprechen, die wirklich gar nichts gemeinsam zu haben scheinen. Mir schwant, als würde es vielen jungen Menschen im „neuen Rumänien“ relativ gut gehen, abseits von dieser Altersgruppe oder gewisser, bevorzugter ethnischer Gruppierungen (also alle bis auf die Zigeuner) jedoch blanke Armut bis hin zur reinen Existenzlosigkeit herrschen. Geradezu unwirklich mutete auch ein durch das Dorf, Aculu, schleichender BWM an, in dem eine Familie saß aus Deutschland saß, deren Kirchengemeinde angeblich für das Dorf gespendet hatte (…mal nachforschen, was die Kirchen so an Veruntreuung betreiben…). Ebenso skurril wie der BMW für uns schien, schienen auch sieben Radler für sie, so dass wir von der Kinder auf der Rückbank gleich als gutes Fotomotiv auserkoren wurden.

Bonbons für die Kinder in Aculu, Matschpisten und wiehernden Gegenverkehr für uns.

 

Stock und Stein ließen jedoch auch unsere Räder nicht lange unversehrt davonkommen. Hatten Frank und ich noch Glück (oder im Vorfeld der Tour ausreichend in unser Glück investiert), erwischte es gleich bei zwei der fünf Leipziger zumindest eine Speiche, die jedoch problemlos vor Ort ersetzt werden konnte.

 

Nach drei Dörfern, 10-15 Kilometern und mindestens zwei Stunden Zeitaufwand fanden wir uns jedoch, um viele interessante Impressionen bereichert, wieder auf der Europastraße E68 ein, die uns dann bis zum Ziel führte, wo sich dann die Wege von uns und den Leipzigern trennten. Ohne Motivation auf große Hotelsucherei checkten wir gleich im Hotel am Platz ein (alter Kommunistenschuppen, protzig-kitschige Eingangshalle, nicht viel dahinter), latzten 18 Euro pro Nase und waren hochzufrieden, auch wenn der Tag doch so anders begonnen hatte.

Man kämpft sich durchs hügelige Hinterland... ...durch kaum befahrbare Dörfer... ...und saute das Rad so richtig ein.

 

Unzufrieden bin oder werde ich nur zunehmends mit meinem Vehikel. Erst schnappte der Dynamo bei jedem Huckel ans Rad, so dass ich die holprigen Feldwege immer mit Licht befahren durfte, dann brach er bei der Einfahrt nach Sibiu komplett von der Halterung. Zumindest spare ich so etwas Gewicht, auch wenn mir ein funktionierender Dynamo und die ausbleibende Neuanschaffung irgendwie lieber wäre. Ebenso nervt mich ein immer lauter werdendes Hinterrad, welches im Leerlauf von „leise knatternd“ (in Budapest) auf „laut dröhnend“ (jetzt) umgesattelt ist. Zum Glück gibt es in Sibiu zwei akzeptabel aussehende Radläden, die leider bei unserer Ankunft am frühen Abend nicht mehr vollwertig besetzt waren („Sorry, I am the sales-person, the mechanic is already home“) und vielleicht morgen früh für Abhilfe sorgen können. Nachdem die Achse schon in Budapest wieder festgezogen wurde, das Rad im Leerlauf aber immer noch Spiel hat, scheint es, als könnte das Kugellager kaputt sein. Gleichwertigen Ersatz wird es aber auf jeden Fall nicht geben, soviel wusste auch der Sales-Penner: „we do not have good quality in Romania“.

Gezeichnet vom vielleicht abwechslungsreichsten Tag der Tour: Bernt, kurz bevor es auf die E68 zurück ging. Radeln durch die Pampa: Rumänien 2004.

 

Schachbilanz (Sieg, Niederlage, Unentschieden;
Bernts Perspektive)

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