

Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
Typisch
– den großen Tisch in der Raummitte, ganz nebenbei der letzte freie
Tisch im prall gefüllten Lokal, ein recht großer Vierertisch, wollte
niemand nehmen. Eigentlich müsste man mich hier am Tisch jetzt auch noch
aufbocken, aber so sitze ich halt einsam kritzelnd inmitten der
spachtelnden Massen – und hoffe, dass ich auch bald etwas zu futtern
zwischen die Krallen bekomme, denn wenn ich irgendetwas brauche, ist das
Energie. A Schnitzelchen zum Baispiel.
Den Hattrick-Double verpasste ich heuer zwar
um einige wenige Höhenmeter – der Tag war aber trotzdem genial,
wenngleich auch zu lang. Eindeutig. Auf Anraten des Angestellten der JH
Coburg entschied ich mich, mein zeitliches Luxusproblem gegen Zeit in der
fränkischen Schweiz einzutauschen, eine Entscheidung, die ich keine
Sekunde bereuen sollte und die mir den mit Abstand schönsten Tag der Tour
spendierte. Das Wetter war herbstlich goldig, die Landschaft phänomenal
und der Verkehr bestens. Letzterer wurde richtig angenehm, als ich schon
deutlich vor Bayreuth, wie eigentlich geplant, der Bundesstraße ade
zurief und mich in Richtung „Schweiz“ verzog. Kaum noch Autos, tolle
Landschaften: ein Traum, ein wohlverdienter Herbsttraum im Sattel.
Nachdem ich Großteile der Tour ja doch auf
verhältnismäßig stark befahrenen Landstraßen neben teilweise überdurchschnittlich
voluminösen Flüssen verbrachte, waren die heutige Straßen der Genuss
pur. Teilweise störte minutenlang kaum ein Auto, was zwar immer noch
weniger angenehm war als die phasenweise stundenlange Einsamkeit am
neuseeländischen East Cape (Link),
dem Ganzen aber für deutsche Verhältnisse schon vielversprechend nahe
kam. Sowieso – vor gar nicht einmal zu langer Zeit posaunte ich noch
lautstark heraus das derjenige, der Deutschland schön nennen würde, nur
noch nicht weit genug herumgekommen sei – aber Tage wie heute erschüttern
so eine Grundeinstellung doch zumindest ein kleines bisschen in ihren
Fundamenten. Nein, meinen nächsten Sommerurlaub werde ich nicht auf Rügen
buchen, aber um den Kopf einmal strampelnd frei zu bekommen, muss man das
Rad vermutlich doch nicht zwangsweise in den Frachtraum eines Flugzeuges
verladen lassen. Einschub: Halle Bedienung! Ich hier am Präsentiertisch hätte
auch gerne eine Karte! Hallooo! Hallloooooooo! Sieht mich denn keiner?
„Karten liegen auf dem Tisch“, bekam ich
zwischenzeitlich als Antwort – und eine Karte vom gutgelaunten Brocken
am Nachbartisch, der dann auch gleich losposaunte, dass ich auch bei ihm
bestellen könnte. Das halbe Lokal lachte mit, wobei der Witz eigentlich
weder sonderlich witzig noch originell war. Naja, Gaudi ham`se ja, die
Bayern, haben ja auch mehr Spaß im Leben, sind weniger arbeitslos,
wohlhabender und laut PISA auch intelligenter oder zumindest besser
gebildet. Arme Spaßbremsen aus dem Norden, wir Nordlichter…
….“Habscha gansch vergeschn“, meinte
der Herr Ober gerade, als ich endlich selbst an der Theke bestellte.
Zeitgleich schallt aus der Ecke ein „zoooooohlen hier bittä“ –
schon witzig hier, gell?
Essen, wo bleibt das Essen: bereits auf dem
Sattel war ich heute anfangs eher kraftlos, kam dann gut ins Rollen und
schob schließlich gutgelaunt mein Mittagessen immer weiter auf. Zuerst
geplant für Kilometer fünfzig gab es dann doch erst bei Kilometer 64
Nahrung – eindeutig zu spät, denn ich war bereits tief in das
Hungerloch gepurzelt und auch vom Frühstück nur wenig gestärkt, da die
Brötchen der allerletzte Schund waren und der Käse auch nur mäßig
schmackhaft. Die Kombination war grauenhaft und auf Cornflakes stand ich
vor fünfzehn Jahren einmal. Sowieso – warum fabriziert ein Volk, dass
beim Zusammentreffen mit Volksgenossen im Ausland immer gleich die Qualität
heimischer Backwaren zu rühmen weiß, durch die Bank so mangelhafte
„normale“ Brötchen? Steinharte Krusten, so dass selbst der erste Biss
schon schmerzt und man sich ohne Ende vollkrümelt, dann kaum Teig im Brötchen
selbst – oder nur ein kleines Häufchen, dass man dann meistens so schon
herauszupft und sich in den Schlund stopft, natürlich sogleich das ganze
Restbrötchen versauend. Eine Antwort wäre nett.
Bamberg dürfte ich heute insgesamt kaum
einen Meter näher gekommen sein. Ich weiß es zwar momentan nicht genau,
schätze Bamberg jedoch mindestens 45 bis 50 Kilometer entfernt. Heute früh
in Coburg waren es auch nur
noch
42, aber Bamberg selbst ist spätestens dank des traumhaften Herbsttages
heute vom Zielort zur Endstation geworden, das Basketballgedadell am
kommenden Sonntag hin oder her. Baskets-Baskets bumm bumm bumm? Gähn!
Auch ein anderer, mir früher extrem wichtiger, Passivsport hat übrigens
in den vergangenen Tagen begonnen, da vorgestern Nacht die NHL so richtig
loslegte. Vor Jahren wurde solchen Nächten noch lange entgegengefiebert
und die ersten Spiele wurden mit selbstgebackenen Pizzen nachts um drei
vor der Glotze gefeiert. Dieses Mal ist es mir jedoch beinahe egal, auch
wenn NASN mit Dallas gegen Colorado schon ein echtes Evergreen zum Auftakt
übertragen hätte. Ja freilich, Los Angeles spielte bereits am
vergangenen Samstag gegen Anaheim in Londons O2 Arena, wobei anzumerken
sei, dass die Spielstädte einer gewissen AEG gehört und der Kasperhaufen
namens Los
Angeles Kings ebenfalls. Eine reine Promotionaktion war das Spiel auf
europäischem Boden gewesen, ein Spiel, von dem ich auch mehr als nur das
erste Drittel gesehen hätte, wenn die Deppen vor Ort nach den
Nationalhymnen nicht zwanzig Minuten gebraucht hätten, um das Licht in
der Halle wieder anzubekommen. Garry wird im Angesicht des
Dilettantismusses vor Ort das ständige Lächeln etwas vergangen sein –
für mich war ganz einfach nur etwas früher Schluss, da wir für acht Uhr
Karten für Fatik Akims „Auf der anderen Seite“ hatten. Vom
Unterhaltungswert her auch ein Quantensprung gegenüber dem Spiel…
…und ein Film, bei dem ich schon im Kinosessel begriff, das sich
mich am Vorabend der Radtour schon wieder voll meiner alten Radellaune annäherte,
den damals nur mäßigen Wetteraussichten zum Trotz. Woran es zu merken
war? Relativ einfach zu sagen: die Fahrtszenen durch die Türkei,
teilweise aus durchaus interessanten Kameraperspektiven am Wagen des
Protagonisten gefilmt, fielen mir vor allem aus zwei Gründen besonders
auf. Grund 1, genauso wahrgenommen von Imke: offenbar ist die Türkei kein
ausgesprochenes schönes Land. Soviel hatte ich allerdings auch schon auf
den wenigen türkischen Etappen gen Istanbul feststellen dürfen (Link).
Grund zwei: der erste Gedanke, der mir bei den Fahrtaufnahmen durch den
Kopf schoss, war, dass die Straßen im Allgemeinen verdammt eng aussahen.
Zu eng um dort noch einigermaßen sicher radeln zu können – ungelogen,
sobald die Kamera über die Straße flog dachte ich nur noch „ist ja
scheiße für eine potenzielle Tour“.
Allein reisen ist prima, Teil #33454: zwei ältere
Herren gesellten sich zu mir an den Präsentiertisch und wir kamen gleich
bestens ins Gespräch – wesentlich besser wahrscheinlich, als wenn ich
nicht alleine unterwegs gewesen wäre. Die beiden waren zwei lustige
Wandersleute aus Rheinland Pfalz, seit rund einer Woche mit dem Rucksack
unterwegs und auch optisch beinahe ein Foto wert, das ich dann natürlich
nicht machte. Karierte Hemden (Beide), ein spitzgedrehter Schnurbart (der
Linke), ein typischer Bayern-Hut (der Rechte), dazu noch zwei große Bier
und
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110 Kilometer geradelt,
Berg erklommen: Jugendherberge zu. Betriebsausflug. |
fertig
war das Postkartenmotiv. Ein netter Schnack am Ende eines netten Tages –
vielleicht doch gut, dass ich nicht wie geplant nach „nur“ 110
Kilometern in Pottenstein den Tag beendete, wobei er dann auch nicht „zu
lang“ geworden wäre. Arg wenig sympathisch lag die JH dort nämlich
nicht nur am Ende der fiesesten Steigung des ganzen Tages, die ich auch
nur mit meinen normalen Schuhen erklomm, alternativ fürchtend, mit den
Klickschuhen einfach zu langsam zu werden und kraftlos umzufallen, nein,
geschlossen hatte die Jugendherberge dann auch noch. Betriebsausflug.
Super. Hinweisschild: probieren Sie es doch bitte bei den JHs von Nürnberg
oder Bayreuth. Toller Hinweis für Radfahrer. Jaja, man hätte auch vorher
anrufen können, ich weiß….
Was blieb waren Kilometer 110 bis 130, glücklicherweise
relativ steigungsarm, denn davon hatte ich mittlerweile schon genug
gehabt. Und landete hier mit den beiden Spaßgesellen, was ja so falsch
auch nicht scheint, gelle?