Stage 6
Coburg - Streitberg
130,74 Kilometer; 06:04:55 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Typisch – den großen Tisch in der Raummitte, ganz nebenbei der letzte freie Tisch im prall gefüllten Lokal, ein recht großer Vierertisch, wollte niemand nehmen. Eigentlich müsste man mich hier am Tisch jetzt auch noch aufbocken, aber so sitze ich halt einsam kritzelnd inmitten der spachtelnden Massen – und hoffe, dass ich auch bald etwas zu futtern zwischen die Krallen bekomme, denn wenn ich irgendetwas brauche, ist das Energie. A Schnitzelchen zum Baispiel.

Den Hattrick-Double verpasste ich heuer zwar um einige wenige Höhenmeter – der Tag war aber trotzdem genial, wenngleich auch zu lang. Eindeutig. Auf Anraten des Angestellten der JH Coburg entschied ich mich, mein zeitliches Luxusproblem gegen Zeit in der fränkischen Schweiz einzutauschen, eine Entscheidung, die ich keine Sekunde bereuen sollte und die mir den mit Abstand schönsten Tag der Tour spendierte. Das Wetter war herbstlich goldig, die Landschaft phänomenal und der Verkehr bestens. Letzterer wurde richtig angenehm, als ich schon deutlich vor Bayreuth, wie eigentlich geplant, der Bundesstraße ade zurief und mich in Richtung „Schweiz“ verzog. Kaum noch Autos, tolle Landschaften: ein Traum, ein wohlverdienter Herbsttraum im Sattel.

Nachdem ich Großteile der Tour ja doch auf verhältnismäßig stark befahrenen Landstraßen neben teilweise überdurchschnittlich voluminösen Flüssen verbrachte, waren die heutige Straßen der Genuss pur. Teilweise störte minutenlang kaum ein Auto, was zwar immer noch weniger angenehm war als die phasenweise stundenlange Einsamkeit am neuseeländischen East Cape (Link), dem Ganzen aber für deutsche Verhältnisse schon vielversprechend nahe kam. Sowieso – vor gar nicht einmal zu langer Zeit posaunte ich noch lautstark heraus das derjenige, der Deutschland schön nennen würde, nur noch nicht weit genug herumgekommen sei – aber Tage wie heute erschüttern so eine Grundeinstellung doch zumindest ein kleines bisschen in ihren Fundamenten. Nein, meinen nächsten Sommerurlaub werde ich nicht auf Rügen buchen, aber um den Kopf einmal strampelnd frei zu bekommen, muss man das Rad vermutlich doch nicht zwangsweise in den Frachtraum eines Flugzeuges verladen lassen. Einschub: Halle Bedienung! Ich hier am Präsentiertisch hätte auch gerne eine Karte! Hallooo! Hallloooooooo! Sieht mich denn keiner?

„Karten liegen auf dem Tisch“, bekam ich zwischenzeitlich als Antwort – und eine Karte vom gutgelaunten Brocken am Nachbartisch, der dann auch gleich losposaunte, dass ich auch bei ihm bestellen könnte. Das halbe Lokal lachte mit, wobei der Witz eigentlich weder sonderlich witzig noch originell war. Naja, Gaudi ham`se ja, die Bayern, haben ja auch mehr Spaß im Leben, sind weniger arbeitslos, wohlhabender und laut PISA auch intelligenter oder zumindest besser gebildet. Arme Spaßbremsen aus dem Norden, wir Nordlichter…

….“Habscha gansch vergeschn“, meinte der Herr Ober gerade, als ich endlich selbst an der Theke bestellte. Zeitgleich schallt aus der Ecke ein „zoooooohlen hier bittä“ – schon witzig hier, gell?

Essen, wo bleibt das Essen: bereits auf dem Sattel war ich heute anfangs eher kraftlos, kam dann gut ins Rollen und schob schließlich gutgelaunt mein Mittagessen immer weiter auf. Zuerst geplant für Kilometer fünfzig gab es dann doch erst bei Kilometer 64 Nahrung – eindeutig zu spät, denn ich war bereits tief in das Hungerloch gepurzelt und auch vom Frühstück nur wenig gestärkt, da die Brötchen der allerletzte Schund waren und der Käse auch nur mäßig schmackhaft. Die Kombination war grauenhaft und auf Cornflakes stand ich vor fünfzehn Jahren einmal. Sowieso – warum fabriziert ein Volk, dass beim Zusammentreffen mit Volksgenossen im Ausland immer gleich die Qualität heimischer Backwaren zu rühmen weiß, durch die Bank so mangelhafte „normale“ Brötchen? Steinharte Krusten, so dass selbst der erste Biss schon schmerzt und man sich ohne Ende vollkrümelt, dann kaum Teig im Brötchen selbst – oder nur ein kleines Häufchen, dass man dann meistens so schon herauszupft und sich in den Schlund stopft, natürlich sogleich das ganze Restbrötchen versauend. Eine Antwort wäre nett.

Bamberg dürfte ich heute insgesamt kaum einen Meter näher gekommen sein. Ich weiß es zwar momentan nicht genau, schätze Bamberg jedoch mindestens 45 bis 50 Kilometer entfernt. Heute früh in Coburg waren es auch nur noch 42, aber Bamberg selbst ist spätestens dank des traumhaften Herbsttages heute vom Zielort zur Endstation geworden, das Basketballgedadell am kommenden Sonntag hin oder her. Baskets-Baskets bumm bumm bumm? Gähn! Auch ein anderer, mir früher extrem wichtiger, Passivsport hat übrigens in den vergangenen Tagen begonnen, da vorgestern Nacht die NHL so richtig loslegte. Vor Jahren wurde solchen Nächten noch lange entgegengefiebert und die ersten Spiele wurden mit selbstgebackenen Pizzen nachts um drei vor der Glotze gefeiert. Dieses Mal ist es mir jedoch beinahe egal, auch wenn NASN mit Dallas gegen Colorado schon ein echtes Evergreen zum Auftakt übertragen hätte. Ja freilich, Los Angeles spielte bereits am vergangenen Samstag gegen Anaheim in Londons O2 Arena, wobei anzumerken sei, dass die Spielstädte einer gewissen AEG gehört und der Kasperhaufen namens Los Angeles Kings ebenfalls. Eine reine Promotionaktion war das Spiel auf europäischem Boden gewesen, ein Spiel, von dem ich auch mehr als nur das erste Drittel gesehen hätte, wenn die Deppen vor Ort nach den Nationalhymnen nicht zwanzig Minuten gebraucht hätten, um das Licht in der Halle wieder anzubekommen. Garry wird im Angesicht des Dilettantismusses vor Ort das ständige Lächeln etwas vergangen sein – für mich war ganz einfach nur etwas früher Schluss, da wir für acht Uhr Karten für Fatik Akims „Auf der anderen Seite“ hatten. Vom Unterhaltungswert her auch ein Quantensprung gegenüber dem Spiel…

…und ein Film, bei dem ich schon im Kinosessel begriff, das sich mich am Vorabend der Radtour schon wieder voll meiner alten Radellaune annäherte, den damals nur mäßigen Wetteraussichten zum Trotz. Woran es zu merken war? Relativ einfach zu sagen: die Fahrtszenen durch die Türkei, teilweise aus durchaus interessanten Kameraperspektiven am Wagen des Protagonisten gefilmt, fielen mir vor allem aus zwei Gründen besonders auf. Grund 1, genauso wahrgenommen von Imke: offenbar ist die Türkei kein ausgesprochenes schönes Land. Soviel hatte ich allerdings auch schon auf den wenigen türkischen Etappen gen Istanbul feststellen dürfen (Link). Grund zwei: der erste Gedanke, der mir bei den Fahrtaufnahmen durch den Kopf schoss, war, dass die Straßen im Allgemeinen verdammt eng aussahen. Zu eng um dort noch einigermaßen sicher radeln zu können – ungelogen, sobald die Kamera über die Straße flog dachte ich nur noch „ist ja scheiße für eine potenzielle Tour“.

Allein reisen ist prima, Teil #33454: zwei ältere Herren gesellten sich zu mir an den Präsentiertisch und wir kamen gleich bestens ins Gespräch – wesentlich besser wahrscheinlich, als wenn ich nicht alleine unterwegs gewesen wäre. Die beiden waren zwei lustige Wandersleute aus Rheinland Pfalz, seit rund einer Woche mit dem Rucksack unterwegs und auch optisch beinahe ein Foto wert, das ich dann natürlich nicht machte. Karierte Hemden (Beide), ein spitzgedrehter Schnurbart (der Linke), ein typischer Bayern-Hut (der Rechte), dazu noch zwei große Bier und

110 Kilometer geradelt, Berg erklommen: Jugendherberge zu. Betriebsausflug.

 fertig war das Postkartenmotiv. Ein netter Schnack am Ende eines netten Tages – vielleicht doch gut, dass ich nicht wie geplant nach „nur“ 110 Kilometern in Pottenstein den Tag beendete, wobei er dann auch nicht „zu lang“ geworden wäre. Arg wenig sympathisch lag die JH dort nämlich nicht nur am Ende der fiesesten Steigung des ganzen Tages, die ich auch nur mit meinen normalen Schuhen erklomm, alternativ fürchtend, mit den Klickschuhen einfach zu langsam zu werden und kraftlos umzufallen, nein, geschlossen hatte die Jugendherberge dann auch noch. Betriebsausflug. Super. Hinweisschild: probieren Sie es doch bitte bei den JHs von Nürnberg oder Bayreuth. Toller Hinweis für Radfahrer. Jaja, man hätte auch vorher anrufen können, ich weiß….

Was blieb waren Kilometer 110 bis 130, glücklicherweise relativ steigungsarm, denn davon hatte ich mittlerweile schon genug gehabt. Und landete hier mit den beiden Spaßgesellen, was ja so falsch auch nicht scheint, gelle?