Stage 5
Eisenach - Coburg
122,97 Kilometer; 05:37:56 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Nach dann letzten Endes vier schmackhaften Corny-Riegeln à 129 Kalorien und einem Apfel zum gestrigen Tagesausklang stand heute der doch irgendwie obligatorische Besuch des Goldenen Ms an. Auch wenn man es eigentlich nicht möchte; irgendwann findet man sich immer dort wieder. Zwar fand ich ausnahmsweise einmal ein chinesisches Buffet für auch noch relativ akzeptable 11,50 Euro, aber nach einem verständlicherweise dann doch etwas ausgiebigeren Frühstück (6 Brötchen) und ca. noch einmal genauso vielen Brötchen unterwegs, schmackhaft belegt mit ordentlich dick Käse und Gemüsefrikadellen von Plus, war mir heuer Abend einfach etwas der sonst allgegenwärtige Großhunger vergangen. Nett wäre – zumindest von der draußen angeschlagenen Karte her – auch ein Schnellfutter-Inder um die Ecke vom Goldenen M gewesen, wäre es dort nicht total menschenerlassen gewesen. Lediglich zwei augenscheinlich jede freie Minute auf der Drückbank ihres Hedonistentempels

Thüringen im der Früh; Abfahrt vom Rennsteig.

 vergeudende Idioten in ordentlich engen T-Shirts lungerten an der Theke, wahrscheinlich ihrer Theke, herum. Glotzen dämlich nach draußen. Einladend war das Ganze jedoch auf keinen Fall, auch wenn ein gutes Curry mit einem frischen Naanbrot sicherlich ein gelungener Abschluss des Tages gewesen wäre. Fragt sich nur ob die beiden ein gutes Curry auf die Reihe bekommen hätten…

„Für euch da unten sieht es ganz schön übel aus“, meinte Imke gestern noch am Münzfernsprecher als das leidige Wetterthema einmal wieder hochkam. Ähnliches hatte ich auch bereits auf NDR Info gehört und verabschiedete mich heuer früh von der Jugendherberge Eisenachs nur mit dem weisen Spruch, dass jeder trockene Kilometer ein guter Kilometer sein würde. Allerdings ist Kilometer nicht gleich Kilometer – und zum Rennsteig hinauf durften gleich ordentliche 252 Höhenmeter auf den ersten zehn Streckenkilometern abgenudelt werden. Gott sei Dank war es dabei trocken – bei Regen im Regendress hätte man sich gleich zum Start einen Wolf geschwitzt, ohne Regenklamotten jedoch alternativ höchstens die Klamotten für den Tag versaut. Danke für das trockene Wetter…

…welches mir dann, toi toi toi, auch weitestgehend erhalten blieb. Zwar knallte es um Kilometer zwanzig herum ordentlich vom Firmament hinab, genialerweise geschah dies jedoch direkt vor den Toren einer Plus-Filiale. Mit bereits erwähnten Gemüsefrikadellen, Birnen und Äpfeln bewaffnet kam ich nur weniger Minuten später wieder aus dem Paradies der kleinen Preise hervor. Nass war nur noch der Boden. Das zuvor regnerische Grau am Himmel war vom nichtregnerischen Grau verdrängt worden. Kilometer ist nicht gleich Kilometer und grau ist nicht gleich grau.

Auch nicht fehlen durfte natürlich einmal wieder die „Ganz alleeeeeeeene unterwegs?“- Frage, heute interessiert gestellt von einer älteren Dame in einem kleinen Dorf Thüringens, kurz nachdem ich noch einmal für ein nostalgisches Trabbi-Foto angehalten hatte. Die Mistkarren sterben auch langsam aus, leider. Andererseits – aus Versehen zu schnell mit so einem Haufen Plastik gegen den Bordstein geknallt und schon ist man tot.

Was ich bislang übrigens sträflichst vergaß: Hattrick! Hattrick! Hattrick! Sicherlich könnte ich jetzt à la „wie der Phönix aus der A“ beginnen, sicherlich sollte ich das Ganze heute Abend auch gebührender als mit einer Fanta Zero auf meinem Jugendherbergszimmer feiern, aber hochzufrieden bin ich trotzdem. Gerne würde ich jetzt meine gesammelten Statistiken durchwühlen und dem Hattrick auch noch eine Nummer verpassen, aber mit 100+ Kilometern, 20+ km/h im Durchschnitt und 1000+ Höhenmetern sind alle Kriterien für einen lupenreinen Hattrick erfüllt (Relativierung der Selbstblendung während der Tour: alleine auf der Fahrt von Prag nach Istanbul gab es sechs Hattricks, wobei es auch wieder stimmt, dass es wahrscheinlich auf allen weiteren Touren keine sechs zusammen gab, von Rennradtouren natürlich abgesehen).

Blühende Ostlandschaften: leider nicht überall der Fall.

Ganz ehrlich: auf der Tour von der ich nicht glaubte, dass es sie alsbald geben würde, auch noch solch einen Streich zu vollbringen macht mich schon stolz, auch wenn es in der großen, weiten Welt niemanden interessieren dürfte (Hallo? Haaaalllooo??). Die Leistung an für sich ist auch keinesfalls rekordverdächtig oder wird mir noch Jahre später auf Anhieb als Ausrufezeichen der körperlichen Fitness in Erinnerung verbleiben, so wie beispielsweise die Besteigung des Mount Taranakis (Link), die Mörderetappe von Florenz nach Bologna (Link) oder eine nicht multimedial aufbereitete Tagesetappe auf dem Queen Charlotte Treck in den Marlborough Sounds der neuseeländischen Südinsel, als ich an einem Tag ca. 35 Kilometer und etliche Höhenmeter wandern musste um von einer Herberge zur  nächsten zu gelangen. Aber alles egal: als ich heute die Marke von 1000 Höhenmeter nach 105,2 Kilometern endlich erreichte, krabbelte mir doch ein Grinsen ins Gesicht. Hattrick! Hattrick! Hattrick!

Zur Strecke gibt es heute wenig zu sagen. Gerne hätte ich die Hügel und Berge des Thüringer Waldes zumindest gesehen, was aber selbstverständlich durch die graue Suppe und den Dunst kaum möglich war. Gerne wäre ich auch etwas entlang der Werra und nicht ständig auf der nur mäßig zum Radeln geeigneten Bundesstraße gefahren, aber wenn der Weg andauernd nur im Zick-Zack von der Werra abgeht und teilweise durch Ortschaften hindurch so gut wie gar nicht mehr ausgeschildert wird, vergeht zumindest mir doch schnell die Lust am Fahrradweg.

Zumindest gab es die Werra nicht in jener XXXL-Version zu bestaunen, mit der noch die Weser dahergekommen war. Gut für mich, gut für die Hausbesitzer am Flussrand. Beim Frühstück in der Jugendherberge meinte ein Familienvater auch zu mir, dass sie „hier unten“ Montag und Dienstag nur strahlenden Sonnenschein genossen hätten. Aber aller Gräue zum Trotz will ich keinesfalls mosern. Es war auch heute einmal wieder eher warm (16 bis 18 Grad), regnete eigentlich nur als ich bei Plus Futter einholte und war somit insgesamt auch kaum anders als viele Tage auf Neuseelands Südinsel, die wohlgemerkt im Frühsommer und nicht im Herbst von Frank und mir beradelt wurde. Wie gerne hätten wir solch ein Wetter wie heute an der Westküste gehabt…

Etwas doof ist mein aktuelles Luxusproblem. Doof natürlich nicht wirklich, höchstens schwer: Bereits drei Tage vor dem Tipp-off der kommenden BBL-Saison nächtige ich momentan rund fünfzig Kilometer vom eigentlichen Zielort Bamberg entfernt. Was jedoch fortan fehlte sind vernünftige Karten, da ich ab Kilometer fünfzig der heutigen Etappe meine detaillierten Wegbegleiter gen Süden verließ und mehr schlecht als recht mit der Deutschlandkarte des Jugendherbergsführers sowie einer Tourismuskarte von Thüringen nach Coburg weiterreiste. Nun gut, es funktionierte bis hierher, aber in Coburg selbst konnte ich dann heute Abend in keiner Buchhandlung mehr eine ordentliche Karte Nordbayerns erstehen. Stattdessen musste ich dann Wohl oder Übel einen ordentlich schweren Satz Generalkarten von ganz Deutschland kaufen, so dass ich jetzt zwar zwanzig praktische Detailkarten für Touren zwischen Kiel und Neuschwanstein bei mir habe, davon jedoch so recht nur eine Karte ansatzweise gebrauchen kann. Den Hattrick geschafft und gleich Zusatzballast als Strafe, denn einfach vertapezieren möchte ich die 19 „Restkarten“ auch nicht.

...gen Coburg: Abends kam endlich einmal die Sonne hervor, die Jugendherberge war einmal wieder richtig schick und auch Coburg selbst wusste zu gefallen.