Stage 4
Hameln - Eisenach
94,77 Kilometer; 04:25:06 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Noch lachst Du, aber noch kannst`ja umdrehen“
mir entgegenkommender Familienvater beim Aufstieg zur 411 Meter über den Wassern der Welt gelegenen Wartburg, noch relativ weit unten im Wald und vor den fiesen Serpentinen. Dumm (für ihn) bloß, dass ich bereits 95 Kilometer in den Beinen hatte.
Und noch lachen konnte…

…was ich dann aber gar nicht mehr konnte, als ich um etwas vor sechs wieder in meiner Jugendherberge ankam, mich platt aufs glücklicherweise schon vorher gemachte Bett fallen ließ und richtig spürte, wie meine Beine unkontrollierbar zu zittern begannen. 95 Kilometer auf dem Rad, dabei jede Menge Höhenmeter und auch noch ein sanfter Gegenwind: so sah meine Vorbereitung auf den Sturm der Wartburg aus, die auch noch einmal rund 150 Höhenmeter höher als meine Herberge lag. Großartig touristische Aktivitäten wie eine Führung wollte ich jedoch oben angekommen nicht mehr genießen – bereits an den Grundmauern der hoch aufragenden Burg war ich im Kopf einfach nur noch so leer, dass ich garantiert kein Wort, weder gesprochen noch geschrieben, hätte aufnehmen können. Oder aus dem ostdeutschen Akzent hätte übersetzen können. Bin ja sowieso kein Übersetzungstalent à la Jorg Jünker.

Hungrig bin ich mittlerweile auch geworden. Vorhin, auf dem doch etwas längeren Rückweg durch die Stadt, war es mir noch zu früh gewesen um etwas essen zu gehen. Jetzt scheint die Stadt jedoch zu weit weg. Vier Corny-Riegel und einen Apfel habe ich noch am Start, vielleicht muss das genügen. Es ist übrigens höchst übel, dass der Thailänder, bei dem ich gestern Abend eine lecker Ente verspeiste, für heute ein nett klingendes Buffet im Angebot gehabt hätte und ich hier in der Fußgängerzone einen Thailänder fand, der immer ein Buffet im Angebot hat. Ausgenommen sind natürlich Sonn- und Feiertage. Bingo. Es ist der dritte Oktober.

...Todesstreifen am Straßenrand: So mancher Meter wurde heute zum Hindernissparcour zwischen wahren Hundertschaften an Nacktschnecken. Zumindest denen sagte das Wetter augenscheinlich bestens zu, wenngleich es auch geschicktere Orte für den morgendlichen Spaziergang geben könnte.

73% aller Ostdeutschen fühlen sich als Deutsche zweiter Klasse und 74% aller Wessis verstehen nicht warum – so oder so ähnlich, vielleicht waren die Werte auch genau andersherum, stand es in einer Tageszeitung, die mir kürzlich zwischen die Finger gekommen war. Als Grund wurde vorrangig die nur mangelhafte Bereitschaft Gesamtdeutschlands genannt, sich auch mit der Vergangenheit und Geschichte des kurzfristig abgeschiedenen Ostens zu beschäftigen – ein Vorwurf, an dem sicherlich eine Menge dran sein dürfte.

Siebzehn Jahre ist es nun her das auch der Osten lernen durfte, dass im Westen nicht alles Gold ist was

Blick von der Wartburg gen Thüringer Wald.

propagandistisch aufgehellt über die Mauer hinwegglänzte. Gleichzeitig mussten wir Wessis spüren, dass die reibungslose Integration des Ostens in unser hegemonistisches Deutschland keinesfalls binnen fünf Jahren zu bewerkstelligen sein dürfte, auch wenn es Politiker im Freudentaumel der Ereignisse so prophezeiten. Aber was hätten sie auch sonst machen sollen? Zur Vereinigung Glückwünsche aussprechen und gleich darauf hinweisen, dass binnen siebzehn Jahren Teile des Ostens einfach vergreisen würden? Quasi zu Rehabilitationszonen der natürlichen Vegetation würden?

Vor allem die Identität des Ostens hat uns Wessis nie wirklich interessiert und auch ich habe mein Wissen vorrangig über Filme à la „Good Bye Lenin“ erlangt. Ein guter Film, so wie andere auch, keine Frage, aber wollte ich über Amerika lernen und mich als diesbezüglich gebildet betrachten, würde ich mich bestimmt nicht nur auf Michael Moore als Quelle beziehen oder „Fast Food Nation“ lesen. Glaubt man aktuellen Studien, werden „wir“ Deutsche mittlerweile fast genauso fett – oder sind zumindest auf dem Weg dorthin.

Die Nation vereinigte sich vielleicht am dritten Oktober, aber kulturell wurde dem Neuen fast ausschließlich das Kleid des Alten übergestülpt. Und heute? Nicht ohne Grund stellt Ostdeutschland nur einen von achtzehn Erstligavereinen in der aktuellen Fußballbundesliga, zweifelsohne ein recht zutreffendes Barometer für die wirtschaftlichen Kraftverhältnisse in der Bundesrepublik. Zumindest habe ich mir mit dem dritten Oktober ein gutes Datum ausgesucht, um meinerseits die ehemalige Grenze nach Thüringen zu überfahren. An Reststücken des Todesstreifens begegnete ich natürlich auch gleich einer im Bus reisenden Rentnertruppe aus Meppen. Die erste Frage einer älteren Dame? Ob es denn Spaß machen würde, alleine zu radeln – aber das Thema hatten wir hier ja schon zu Genüge. Faszinierend, dass es dann doch wieder jeder wissen will…

Noch habe ich mein gemütliches 4er Zimmer in der äußerst schnieken Jugendherberge Eisenachs übrigens für mich (siehe Foto des durchaus repräsentativen Aufenthaltsraums rechts). Klausis und Sigfrieds sind erst einmal nicht in Sicht, wobei mir im Moment auch nur nach einem „einsamen“, erholsamen Abend und meinen Cornyriegeln ist. Bewegung muss nicht sein, Bewegung der Sprechorgane eingeschlossen. „Reich die Muschi ´rum“-Spacken im Nebenzimmer wie gestern brauche ich nicht noch einmal. Sigi hat in der Nacht übrigens ordentlich Bäume gefällt, aber man muss den beiden zu Gute halten, dass sie mein Alter überraschend gut erraten hatten – vor allem nachdem ich zu Hause in meiner WG vor kurzem noch auf 25 geschätzt wurde. Danke! Mit Tipps von 28 und 30 lagen sie zwar beide je ein Jahr daneben, aber trotzdem Respekt! Für die beiden war die Tour heuer auch schon gelaufen. Knapp 300 Kilometer an vier Tagen waren ihr Jahrespensum für 2007. Und es geht ja auch um das Prinzip des Radreisens, nicht um die reine Quantität: um den Kopf mal richtig freizukriegen reichen vier Tage und 300 Kilometer locker aus. Erinnere ich mich hingegen an jenen Fernradler zurück, der mir einmal in Neuseeland begegnete und der dort gerade rund 65.000 von 90.000 geplanten Kilometern abgespult hatte, verkommen selbst meine längsten Touren zu kleinen Scherzausflügen durch urbanisierte Länder der ersten Welt. Amateurtourismus par excellence, oder bin ich denn schon einmal in Südamerika überfallen worden oder hätte mich fast am Lagerfeuer in Tansania selbst verbrannt?

Trocken war es heute glücklicherweise auch einmal wieder (bin ich denn schon einmal durch den Monsun geradelt?), wenngleich auch die Sonnenscheinstatistik der Tour nach wie vor bei null Minuten verharrt. Morgen könnte es laut NDR Info einmal mehr ungemütlich werden. Warum? Man höre und staune: das Zwischenhoch, welches wir momentan angeblich genießen dürfen, wird weiterreisen, uns verlassen! Nun gut. Siebzehn Grad war es heute schon warm, aber nach vier Tagen ganz ohne Scheibe am Himmel wäre mir erst einmal etwas mehr nach dem nächsten Hoch als nach der Abreise des letzten, wo auch immer es genau war.

Einziger „Fehler“ des Tages war übrigens das Verlassen des schön flachen Werraradwegs bei Eschwege, wodurch sich in Richtung Eisenach zwar ordentlich Kilometer sparen ließen, dies jedoch mit dem Preis diverser Höhenmeter vor allem zwischen Wichmannshausen und Creuzberg bezahlt werden musste.

Der erste Cornyriegel ist übrigens mittlerweile verspeist, der Hunger ist auch schon fast weg.

Ein Wartburg an der Wartburg...sowie die Tore der Lateinschule Luthers und Bachs.