Stage 3
Hannoversch Münden - Hameln
115,42 Kilometer; 05:16:16 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Weißt Du, was eine Pralinenhochzeit ist?“ Klaus, Zimmernachbar für die Nacht, 
radelnd unterwegs mit Kumpel Sigfried

„Äh, nein“
„Die ist schon gefüllt, hahahaha“ Klaus und Sigi im Einklang

Einer dämlicher als der nächste – anders kann man jene Halbstarken nicht beschreiben, die zusammen mit mir die Jugendherberge von Hannoversch Münden belagern und als Kollektivbeweis dafür herhalten könnten, dass Deutschland im internationalen Pisa-Vergleich keinesfalls schlechter als eigentlich verdient abschneidet. Klaus und Sigi sind hiermit natürlich nicht gemeint, sondern viel mehr eine Schulklasse einer KGS aus Irgendwo, die hier ein paar geruhsame Tage zu verbringen scheint. Aus dem Nachbarzimmer dröhnt geschmackvolle Musik (Refrain: „reich die Muschi rum, reich die Muschi rum“), so manchen möchte man gerne darauf hinweisen, dass eines der beiden Hosenbeine auf Kniehöhe hochgerutscht ist und so etwas höchstens Don Becks Lieblingskader toll finden würde, ein weiterer wiederum nervt mit seinem Laserstrahler herum und schindet somit Neid unter seinen Kumpels, die zwar a) auch davon genervt sind aber sich b) heute in der Stadt auch noch so ein Ding holen werden. Frühstück mit Star-Wars-Ambiente, ich freue mich bereits…

Zuerst jedoch die beste Nachricht des Tages: es regnete nicht! Null Prozent der Zeit gab es Niederschlag! Endlich einmal, wenngleich der Tag auch ständig nach Regen aussah und die laut Wetterbericht ebenfalls versprochenen dreißig Sonnenminuten weit und breit nicht zu sehen waren. Ist es denn schon Weihnachten?

Die Wolken hingen tief, es regte sich erneut kein Windhauch und warm wurde es auch nicht, vor allem da alles feucht war. Das Thermometer stieg zwar schon auf einige Gräder, nur zu fühlen gab es davon wenig, vor allem im Fahrtwind. Die Wege, die Bäume, Sitzbänke. Einfach alles war und blieb auch feucht: nichts konnte trocknen, dafür wurde aber auch nichts neu von oben befeuchtet. Schnell wurde klar, das trotz ausbleibendem Niederschlags Pausen einmal wieder ein Ding der Unmöglichkeit sein würden. Einmal kurz, nach siebzig Kilometern, stoppte ich in einem kleinen Dorf, würgte schnell ein paar Frikadellen, Brötchen und eine Birne hinein und fuhr zehn Minuten später weiter, wobei ich sofort dermaßen am Frösteln war, dass mir erst nach zehn Kilometern wieder einigermaßen wohlig warm wurde und ich bis dahin sowohl meine winddichte Radelmütze als auch die Mütze meines Jogginganzugs aufhatte, fest zugeschnürt als wären wir mitten im Winter.

Weitere Halts knickte ich fortan und erreichte bereits um halb vier die Jugendherberge von Hannoversch Münden. Leider konnte man offiziell jedoch erst ab siebzehn Uhr einchecken, eher zufällig fand ich jedoch im Aufenthaltsraum ein Informationsbrett mit wichtigen Telefonnummern. Neben den obligatorischen Nummern von Polizei, Feuerwehr und dem nächsten Arzt fand ich auch noch die Durchwahl des Jugendherbergsleiters, den ich dann prompt vom Telefon an der Rezeption anklingelte. Dort war die Nummer natürlich nirgendwo angeschlagen, wohl auch nicht ohne Grund, denn die interessierte „Wo haben sie denn die Durchwahl aufgeschnappt“-Frage des Leiters deutete zumindest an, dass er bis siebzehn Uhr lieber nicht arbeiten würde. „Vielleicht hätte ich die Zividurchwahl nehmen sollen?“, versuchte ich ihn etwas zu beschwichtigen, da er nicht übertrieben glücklich dreinschaute. Aber auch das wäre keine gute Idee gewesen. Den gäbe es nicht mehr, meinte er nur, wohl seitdem eine Menge mehr schuftend.

Landschaftlich war es heute auch wirklich nett, das ständige Waschküchen-Panorama ohne vernünftige Fernblicke hin oder her. Einen gepflegten Abstand hielt ich selbstredend ständig zum eigentlich anvisierten Weserradweg, der nach wie vor oftmals überschwemmt war. Anders Sigi und Klaus, meine Zimmerkumpanen, die heuer mit dem Rad von Melsungen aus gekommen waren und sich langsam wieder ihrem heimischen Stadthagen annähern. Jetzt stehen sie gerade draußen mit einem Eimer Wasser und waschen ihre Räder: wann immer möglich haben sie sich an ihren Fuldaradweg geklammert, auch wenn das gute Rad mal knietief durch das Wasser geschoben werden musste. Folglich sind die beiden Räder natürlich total zugesaut. Nur einmal wären sie wieder umgekehrt und hätten den Radweg umfahren: unter einer Brücke stand das Wasser mindestens einen Meter tief, vielleicht sogar noch tiefer. Das musste dann doch nicht sein, meinten sie beide lachend. Ziemlich genau zeitgleich fing auf dem Innenhof eine kleinere Rauferei an und diverse „fick dich“-Rufe schallten zu uns ins Zimmer hinein. Ach, die Jugend von heute…

Auch wenn ich bislang noch keine Sekunde Sonnenschein hatte: die Tour gefällt eigentlich prima. Witzige Zimmergenossen, ordentliche sportliche Leistungen, teilweise wirklich nette Strecken und ein kooperatives Knie, zumindest so lang es nicht zu arg bergauf geht. Keine Frage: nachdem ich letztes Jahr mit Frank auf unserer Alpentour verletzungsbedingt die Segel streichen musste war ich mir relativ sicher, auf absehbare Zeit keine richtigen Radtouren mehr fahren zu können. Im Kopf hatte ich die Karriere schon fast beendet. So sollte es dann ja auch kommen, bis ich mich nach zig krankengymnastischen Sitzungen, Arztbesuchen und einem intensiven, aber letzten Endes nutzlosen, Krafttraining dann doch zur Kniespiegelung entschieden hatte, was mittlerweile rund vier Monate her ist. Viel versprochen hatte ich mir allerdings nicht, wobei dann die Diagnose (Narbengewebe im Gelenk) dermaßen banal und auch leicht zu beheben war, dass ich mir nur wünschte, vielleicht schon eher unter das Messer gegangen zu sein. Natürlich möchte man das nicht, glaubt immer an irgendeine „natürliche“ Heilung, an die heilende Kraft des Krafttrainings und so weiter, aber manchmal ist es dann doch nur das Schnippelmesser, das wahre Linderung zu bringen imstande ist. Nicht ohne Grund fühlt sich deshalb auch diese Radtour, vor der ich gar nicht sicher war, dass das relativ kürzlich operierte Knie jeden Tag den Belastungen standhalten würde, etwas an wie „die Radtour die es nie hätte geben sollen“. Im Kopf hatte ich mit der Fernradelei schon abgeschlossen, unheimlich schön ist es deshalb, doch wieder gut ins Pedal treten zu können. Wer braucht da noch die Sonne?

Etwas unentschlossen bin ich noch, einmal wieder, was das heutige Abendmahl angeht. Wahrscheinlich werde ich mich einmal wieder zu Fuß in Richtung Dorf begeben. Dumm nur, dass die Jugendherberge einmal wieder ziemlich weit außerhalb liegt und ich mich kategorisch weigere, abends noch einmal auf mein Fahrrad zu steigen. Zum Griechen wird es mich dabei jedoch garantiert nicht noch einmal verschlagen. Mein letzter Zimmernachbar in Hameln war übrigens auch beim Griechen gewesen, wenn auch bei einem anderen. Keine Ahnung was er anschließend damit meinte, dass es dort ja immer nur soooo viel Fleisch und so wenig Reis geben würde, völlig anders als beim Asiaten, wo die Verhältnisse irgendwie normaler scheinen. Alle ein oder zwei Jahre könnte man so etwas ja mal machen, aber richtig gut wäre es ja nicht wirklich. Hoffentlich war sein Tier wenigstens nur halb so fettig wie meines.

Vorteilhaft wäre es heute Nacht auch, endlich einmal vernünftig schlafen zu können. Stundenlang lag ich in der letzten Nacht wach und schlief ich einmal ein, wachte ich alsbald vor Erschöpfung wieder auf. Die Beine kribbelten, mein Kopf fühlte sich wie aufgeblasen an und meine Wangen glühten beinahe fiebrig. Jetzt, einen weiteren 115-Kilometertag später, dürfte ich insgesamt wohl kaum fitter sein. Die Erschöpfung am Tage hielt sich jedoch in überschaubaren Grenzen. Die erste halbe Stunden trat es sich vielleicht noch etwas mau, aber nachdem ich die Rollgeschwindigkeit erst einmal über die Marke von zwanzig km/h angehoben hatte, fiel auch die Leistung bis zum Ende des Tages kaum ab. In Anbetracht meiner Vorbereitung ist das ganze geradezu beängstigend.