Stage 2
Damme - Hannoversch Münden
114,47 Kilometer; 05:21:28 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Nehmen Sie doch die Kanne mit an den Tisch, Sie sind eh der einzige Gast“ – 
Jugendherbergsleiter in Damme beim Frühstücksbuffet, als ich brav ein Tässchen Kaffee nachholte.

„Wozu geht man überhaupt Rad fahren, wenn man sowieso weiß, dass es nur regnet?“ - 
Vielleicht fünfzehnjährige Tochter der Familie im Nachbarzimmer, als sie mich mit meinem Fön beim Klamottenföhnen sah.

Da bin ich nun also in Hameln, welches mich „Herzlich Willkommen“ heißt. Zumindest tun dies drei Grinsenasen auf der Frontseite der Tourismusbroschüre, die mir an der Rezeption in die Hand gedrückt wurde. Der 

Sommer isses nimmer, gell? Sieben Grad am Rad.

Jugendherbergszivi war eher muffelig – und antwortete auf meine Frage nach dem jugendherbergslichen Abendessen lapidar mit „nur kalt, es ist aber auch nicht weit bis zur Stadt“. Wahrscheinlich war ich der erste der wenigen Gäste, der heute überhaupt nach einem Abendessen fragte und es galt, mir die Idee schnell aus dem Kopf zu schlagen. Ein Vorhaben, das, sollte angemerkt werden,  vorzüglich gelang. Vielleicht sind Jugendherbergen irgendwie verpflichtet, auf Anfrage ein Abendessen anzubieten. Was weiß ich schon. Es war ja nicht weit bis zur Stadt. Nur regnete es am Ende des langen Tages immer noch. Ich hätte wohl in Damme bleiben sollen: dort hätte

Breakfast for one: Frühstücksbuffet in Damme.

 es heute Abend ein Nudelbuffet gegeben und auch das Frühstück war absolute Oberklasse, auch wenn es etwas komisch anmutete, dass das riesige Buffet nur für mich aufgebaut wurde. Es sollte mich auch den Tag über gut versorgen…

Obwohl ich gestern Abend einen kurzen Null-Bock-Einbruch hatte, strampelte es sich heute überraschend gut. Nein, eigentlich sogar besser als gestern. Ein leichtes Versetzen der Schuhposition auf den Klickpedalen schien vor allem meinem operierten Knie gut zu tun, meine Form war wesentlich besser als zu erwarten gewesen wäre und bis nach neunzig Kilometern gab es fast nichts zu mosern. Die Einschränkung könnte ein kurzes Stück auf der vierspurigen Bundesstraße 83 kurz hinter Minden sein; ein Streckenabschnitt, von dem man Freundin und Eltern besser wenig erzählt. Wenn man selbst mit geschätzten dreizehn Kilometern pro Stunde eine vierprozentige Steigung hinaufkraxelt und beim flüchtigen Schulterblick nur noch sieht, wie sich zwei schwere LKWs Startreihe eins an der Ampel hinter einem teilen, man gleichzeitig über keinen wirklich Randstreifen verfügt und auch hinter den ersten beiden Brummer noch schweres Gefährt anrollt, hofft man schon auf ein gnädiges Schicksal. Oder das schnelle Ende.

Ich will mich gar nicht machomäßig davon freimachen, nicht auch manchmal beim Radfahren schlichtweg so etwas wie Angst auf der Straße zu haben – auch wenn ich rumänische Landstraßen bereits überlebt habe. Eine eigene oder fremde Unachtsamkeit kann viel beenden. Gut in Erinnerung verblieben ist mir diesbezüglich auch J.M. Coetzee’s „Slow Man“. Sowieso mag ich Coetzee unheimlich gerne (seine Bücher, ihn kenne ich nicht) und „Disgrace“ ist sicherlich ein echtes Meisterwerk wenn es um die literarische Verarbeitung des „neuen“ Südafrikas geht, aber auch das Schicksal des „Slow Man“’s, einem passionierten Radler der durch die Unachtsamkeit eines jugendlichen Rasers zu Buchbeginn ein Bein einbüßt, ist sehr lesenwert.

„Macht es Dir eigentlich nichts aus, alleine zu fahren?“, fragte Imke noch als ich gestern in Oldenburg losrollte. „Nein“, antwortete ich entschieden, aber gestern Abend sah ich es dann doch wieder etwas anders und entschied mich in Damme doch noch für einen jener miesen Döner&Pizza-Kombiläden anstelle eines „anstelligen“ Restaurants. Die Schokoriegel als Alternative hatte ich letzten Endes geknickt, als nach meiner Tagebuchschreiberei sogar kurz die Sonne hervorlugte und ich trocken vor die Tür kam. Warum der Dönerladen? Weil es sich dort „normaler“ anfühlt alleine im Rund zu hocken. Manche der Einheimischen beäugten mich zwar schon etwas komisch, was aber wohl auch daran lag, dass ich ordentlich angezogen war, eine vegetarische Pizza bevorzugte (im Dönerladen besser auf Nummer sicher) und meine „Herald Tribune“ mit dabei hatte. Aus Sicht all jener Dorfasis, die in ländlichen Gegenden oft mir ordentlich aufgebretzelten Karren die Straßen unsicher machen, ihre Umwelt mit schrottiger Mucke beschallen und natürlich abends fast alle auf Dönerjagd gehen, war ich definitiv der Asi im Bunde. Letztlich ist jedoch jegliche Schubladenzuweisung immer rein subjektiver Natur. Ich habe mein Raster der Weltwahrnehmung, sie haben das ihre. Meine Pizza schmeckte. Bei ihrem Döner war ich mir nicht so sicher, aber mir „Sauce scharf“ kann man viel übertönen.

...mehr Weser als gut. Links ein Parkplatz in Minden, rechts die Straße, die eigentlich zum Weserradweg hinführen sollte.

Neunzig Kilometer lang war das Wetter heute arg passiv. Kein Wind, kein Regen, keine Sonne: eigentlich rein gar nichts, jedoch auch nur vierzehn bis sechzehn Grad, so dass man eigentlich auch nicht gut pausieren konnte, ohne nicht sofort auszukühlen. An der Weser angelangt, von der es momentan etwas mehr gibt als so manchem Anwohner lieb sein dürfte, kehrte dann wieder der gestrige Nieselregen zurück und wollte mich auch bis Hameln nicht wieder verlassen, so dass die letzten fünfundzwanzig Kilometer zähneknirschend durchfahren werden mussten. Anfangs hoffte ich auf schnelle Besserung und versäumte es, rechtzeitig mein Regenzeug anzuziehen. Später war dann sowieso alles nass und ich radelte einfach weiter. Den schönen Weserradweg, in der Propagandabroschüre Hamelns auch als Deutschlands beliebtester Fernradweg angepriesen, konnte man sich ganz nebenbei getrost schenken. Er stand unter Wasser.

Schon längst, auch nach nur zwei Tagen, hat der Weg das Ziel dieser Reise schon deutlich übertrumpft. Erstmals mit Gepäck beladen über einhundert Kilometer seit Dezember 2005 – das sind Erlebnisse und Leistungen, die eine solche Reise Tag um Tag krönen. Am Ende die Saisoneröffnung der EWE Baskets in Bamberg mitzuerleben? Okay – irgendein Ziel braucht der Mensch, aber wahre Vorfreude auf das Spiel ist bei mir kaum vorhanden. Fehlanzeige. Es ist mir auch eigentlich vollkommen Wumme, welche der beiden Mannschaften das Spiel für sich entscheiden wird, auch wenn ich mir extrem sicher bin, die Antwort bereits zu kennen.

Vielleicht werde ich Fan der neuen EWE Baskets Oldenburg. Vielleicht auch nicht. Einmal wieder, zum dritten Mal in Folge, ist uns zahlenden Anhängern ein komplett neues Team vor die Nase gesetzt worden, Trainer inklusive. Nach der zuletzt immer extremer amerikanisch angehauchten Don Beck-Ära stehen nun jede Menge Südosteuropäer auf dem Parkett. Der arme Daniel Strauch, mäßig talentiert wie er auch immer sein mag, wurde beim ersten Testspiel gegen Bree in heimischer Halle zur neuen Identifikationsfigur der Fans. Eigentlich ein Witz, aber ihn „kannte“ man noch. Und die Cheerleader. Und das Maskottchen. Aber sonst? Reihenweise Knoblauchfahnen in der Umkleidekabine, dort wo zuvor noch daheim gescheiterte US-Amerikaner ihre Klunker aufbewahrten? Daran muss man sich erst gewöhnen, aber noch bin ich zuversichtlich, dass ein Wandel zum Guten vollzogen wurde.

Vielleicht werde ich Fan der Mannschaft, vielleicht aber auch nicht. „Da hätte ich auch genauso gut Quakenbrück gegen Bree gucken können“ meinte mein Sitznachbar während der Partie gegen eben jene, wenngleich die offizielle Homepage der Baskets auch euphorisch zu berichten wusste, dass die Oldenburger Fans ihr neues Team auf Anhieb ins Herz geschlossen hätten. Jason Gardner, unter Umständen die teuerste Neuverpflichtung im Kader und neben Strauch zumindest ein Akteur mit etwas Erfahrung unter deutschen Erstligakörben, lobte auch die Anhängerschaft im Anschluss an den zäh und wenig spektakulär errungenen Sieg. Ganz ehrlich: bis zum letzten Viertel waren die rund 2700 Zuseher in der Halle eher totenstill als hoch euphorisch. Im vierten Viertel dachten sich dann wohl die meisten, dass man ja auch einmal ein wenig anfeuern könnte, wenn auch insgesamt eher halbherzig. „Kopf“ stand die Halle definitiv zu keinem Zeitpunkt. Hoffentlich kriegt das neuformierte Team bald wieder ein echtes Gesicht und interagieren auch die Spieler wenigstens etwas mit ihren Fans, ein Element welches beim ersten Heimauftritt gänzlich fehlte. Gerne hätte ich wieder einen Elvir Ovcina, Wilbur Johnson oder in diesen Belangen auch Carl Krauser, auch wenn ich mir nach Krausers sportlichen Leistungen in der letzten Spielzeit nicht vorstellen kann, dass er noch irgendwo in der Welt seine Brötchen mit Basketball verdienen wird. Vielleicht findet er eine Anstellung als Maskottchen. Natürlich, übertriebene Identifikation mit den eigenen Fans sollte man von den meisten Profispielern im internationalen Jobkarussell des Basketballs sowieso nicht erwarten, vor allem, da viele der talentierten Athleten sicherlich in ihrem Inneren auch nicht verstehen können, wieso Fans Unsummen ausgeben nur um sich ihre Darbietungen live ansehen zu können, beispielsweise sogar auswärts in fern entlegenen Spielstädten wie der Jako Arena von Bamberg. Und dabei austicken, als würde die Welt auf der Kippe stehen. Vielen geht es vielleicht genauso wie Paul Shirley (Lesetipp: „Can I Keep my jersey?“; Buch über die ersten Jahre seiner Karriere, geprägt von Einsätzen für 11 Mannschaften in 5 Ländern innerhalb von vier Jahren), der sich trotz einer bemerkenswerten Karriere nie vorstellen konnte, ein Spiel aus Spaß ganz anzusehen oder gar Geld dafür zu bezahlen oder Emotionen zu investieren, geschweige denn Zeit.  Interessant fand ich die Tage auch einen Eintrag im Internetform des VFL Osnabrücks, in dem sich ein Fan darüber monierte, dass ein verletzter Akteur der Lilaweißen auf der Tribüne beim eminent wichtigen 3:1 Heimsieg des VFLs gegen Ligakonkurrent St. Pauli wie zur Salzsäule erstarrt herumhockte. Vielleicht sollte man einfach nicht zuviel darüber nachdenken, um nicht die eigene Liebe zum Verein zu verlieren, resümierte ein anderer Autor schnell und präzise. Genauso dürfte es wohl auch sein. Desmond Penigar, vielleicht der talentierteste Spieler in Reihen der EWE Baskets in der vergangenen Spielzeit, plapperte im März auch bereits davon, dass so langsam die Zeit gekommen sei, in der man wieder an die Heimat denken würde. Gerne nach Hause wolle. Was soll man als Fan damit anfangen? Einerseits hofft man darauf, dass die Mannschaft noch die Playoffs erreicht, vielleicht sogar um die Meisterschaft spielt, andererseits weiß oder vermutet man jedoch, dass die eigenen Helden langsam ihr Rückflugticket terminieren wollen, obwohl selbst in der regulären Spielzeit noch fast zwei Monate verbleiben. Hätte Penigar am letzten Spieltag im letzten Augenblick die Chance, einen alles entscheidenden Freiwurf zu verwerfen, würde er es wahrscheinlich machen. Die Saison war schließlich lang genug. Wohl wahr, man sollte Aussagen wie jene von Desmond nicht verallgemeinern, aber sie schon im Hinterkopf behalten.

Sicherlich schön wenn es schön ist: Hameln.

Zweiter Eintrag: Nur zum Spaß noch ein paar Zeilen, die vielleicht auch dabei helfen, den mit zehn Euro auch noch ordentlich teuren griechischen Grillteller zu verdauen, den ich heute Abend fast komplett verschlang. Fast komplett? Das tote Tier, anfangs in Hülle und Fülle auf meinem Teller präsent, war dermaßen fettig, dass ich die Entscheidung schnell bereute, doch nicht auf Nummer sicher gegangen zu sein – was dann McDonalds oder Subways als kulinarische Konsequenz zur Folge gehabt hätte. Eine nette Pizza-Gammeldöner-Kombi an der Ecke wie gestern konnte ich nämlich leider nicht finden, wollte aber auch trotzdem nicht den großen Ketten mein Geld blindlings in den Rachen schmeißen, wenngleich meine McDonalds-Aversion eher einer Pseudoaversion gleichkommt, da ich nicht nur zwei Jahre lang über den heißen Grillplatten des goldenen Ms gewerkelt habe, sondern mittlerweile auch einige Aktien der weltweit größten Fresskette besitze und mich über erhöhte Dividenden und ein großzügiges Aktienrückkaufprogramm freue. Allerdings sollen gerne andere meine Dividenden zusammenspeisen, wenngleich es auch retrospektiv die deutlich bessere Wahl gewesen wäre, eben jenes zu tun. Weshalb ich eigentlich noch kurz schreiben wollte: Wetter.de prognostiziert für morgen eine Regenwahrscheinlichkeit von sage

Hoffentlich ein Witz.

 und schreibe null Prozent. Wo kann man dagegen wetten? Es nieselt seit Spätnachmittag und den ganzen Abend hindurch und die grauen Wolken hängen zwei Meter über dem Dach der Jugendherberge. Null Prozent für morgen? Wunschdenken.

Gott, war das Fleisch fett. Die Götter wären erzürnt, wenn es sie doch bloß gäbe. Solche Abendessen hatte Gott wohl kaum im Sinne gehabt, als er auch die Griechen dazu anhielt, sich die Erde untertan zu machen. Keine Frage: Erinnerungen an Bonn – Igelsbach werden wach; immer noch die einzige Radtour, auf der ich jemals zugenommen habe (Link)…

 

Gründe, weshalb alleine reisen gut tut: 

Szene: Verspeisung des bereits erwähnten Fetthaufens beim Griechen. Mäßig lecker. Wie schon erwähnt tendenziell überteuert. Ein Tisch weiter, Ecktisch: Beteiligte: Ein Mann, eine Frau. Beide ca. 45 bis 50 Jahre alt. Verheiratet? Keine Ahnung, aber eher wahrscheinlich. Begebenheit: gemeinsames Abendessen der beiden. Auffallend: Kein Wortwechsel während des gesamten Essens, auffallend verlegene Blicke gen Tisch oder zur Seite ins Lokal hinein. Essen fertig. Auf. Futsch. Schweigen.

Mann, an griechischen Fettfleischverwerter: „Kann man hier rauchen?“
„Nur noch bis zum ersten elften“
„Gott sei Dank“; einziger Ausspruch der Frau beim gesamten gemeinsamen Essen.

Ich will jetzt nicht andeuten, dass meine Freundin und ich uns beim Essen ebenfalls nichts zu sagen hätten oder es nicht auch bei diesem Paar durchaus an anderen Tagen angeregte Unterhaltungen geben könnte, aber das Gefühl des „reden müssen“ oder jenes „unangenehmen Schweigens“ kennt doch jeder – und das gegenseitig-nicht-angucken bzw. das auf-den-Teller-oder-in-das-Lokal-glotzen waren Indizien genug, eine gewisse Ungemütlichkeit herausahnen zu können . Ich will auch nicht implizieren, dass immer alleine essen gehen der Weisheit letzter Schluss ist, sondern dass es eben auch wichtig ist, einmal etwas alleine zu machen und somit die Welt aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen.