| Stage 1 |
| Oldenburg - Damme |
| 75,29 Kilometer; 03:30:29 Stunden |
|
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com ) „Sonntags haben wir eigentlich
keine Gäste“ –
Hätte ich etwas vorausschauend mitgedacht und ein paar Brote eingepackt, müsste ich mir nicht gerade jene
Kopfzerbrechen bereiten, welche mich nicht loslassen: soll ich, endlich geduscht, einigermaßen aufgewärmt und vor allem trocken, noch ins Dorf nach Damme latschen und etwas Leckeres essen? Oder soll ich einfach meinen letzten Apfel mit zwei Schokoriegeln aus dem surrenden Automaten im Aufenthaltsraum ergänzen und es gut sein lassen? Lust auf den Nieselregen vor der Tür habe ich wenig, allerdings wäre etwas warme Nahrung sicherlich auch nicht vollkommen verkehrt. Ah, Entscheidungsnöte… …denn „Halbpension“ kann man sich in der Jugendherberge Dammes heute getrost in die Haare schmieren, es sei denn, man würde die Küche aufbrechen und einige Vorräte verkochen. Vor morgen Früh würde mich dabei auch niemand erwischen können. Würde ich vor acht Uhr wieder im Sattel sitzen und eiligst davonstrampeln, würde auch nie jemand wissen, wer jener „Herr Focke!“ war, für den man extra den Schlüssel der Herberge im Zeitungsbriefkasten hinterlassen hatte. Jener Herr Focke, der Stunden zuvor noch am Telefon witzelte, nur noch kurz auf die sicherlich bald hervorkriechende Sonne warten zu wollen, bevor es auf die Piste gehen würde. Aus Oldenburg kommend. Mit dem Radel. Ein Scherzbold, dieser Herr Focke!
Fünfundsiebzig Kilometer liegen
heute hinter mir, Kilometer, die ich schon unzählige Male auf Fahrten von
Oldenburg nach Osnabrück gefahren bin und die mir deshalb auch schon auf
den Keks gehen. Freunde langer Einzig wirklich interessant war das Sage War Memorial, an dem ich heute zum ersten Mal überhaupt anhielt und einige Minuten verweilte. Man vergisst – oder übersieht – es ja oft gerne, aber die Welt in der wir zurzeit leben war nicht immer so wie sie ist – und muss auch nicht zwangsläufig so bleiben. Falls die Geschichte als Richtschnur herangenommen werden darf ist die Wahrscheinlichkeit sogar sehr gering, dass sie in ein, zwei oder drei Jahrzehnten noch so wie heute sein wird. Im Alltag fixiert auf die kleinen und natürlich auch notwendigen Schritte des Lebens und das banale Verplempern von Zeit vergisst man dies oft. Vor den namenlosen Gräben jener namenlosen Opfer unter den Alliierten, die auch uns vor sechzig Jahren befreiten, wird einem manches wieder bewusst. Kurzfristig zumindest. Zurück zum banalen Strampeln. Linker Fuß. Rechter Fuß. Linker Fuß. Rechter…
75.000 Meter liegen heute Abend hinter mir. Noch eine gute halbe Million Meter liegt vor mir, sofern ich es bis nach Bamberg schaffen sollte. Falls nicht, werde ich wohl auch nie dieses Tagebuch veröffentlichen und schreibe gerade für das Nichts. Falls doch, wäre ich freudig überrascht falls jemand meinen Ausschweifungen gebannt vor seinem Bildschirm hockend folgt. Danke für die Aufmerksamkeit an dieser Stelle! Ich hoffe das Tagebuch gefällt und kann auch im weitern Tourverlauf noch begeistern – oder zumindest interessieren! Warum Bamberg? Auf der Titelseite hatte ich es ja schon angerissen, werde das ganze Thema aber morgen noch
einmal ausführlicher erläutern. Für heute soll es das erst einmal von mir hier gewesen sein. Zwei Jahre nach meiner letzten Fahrt mit einem vollbepackten Tourenrad bin ich doch etwas kaputt und erschöpft. Läuft morgen alles gut, würde ich es sogar gerne bis nach Hameln schaffen, den Rattenfänger besuchen. Allerdings müssten dafür 110 Kilometer absolviert werden und gut durchtrainiert bin ich momentan wahrlich nicht. Mehr als einhundert Kilometer, wohlgemerkt auf meinem wesentlich schnittigeren Rennrad und ohne Gepäck, bin ich in den letzten vierzehn Monaten nur einmal gefahren, wenngleich auch allerdings vor zwei oder drei Wochen. Es war einmal wieder meine mir
schon fast leidige Standardroute von Oldenburg nach Osnabrück; es regnete damals ebenfalls fast den ganzen Tag und war bestimmt auch kein Grad wärmer. Sowieso, wo war der Sommer? Die weitere Vorbereitung auf diese Tour, ganz ehrlich und ungeachtet noch theoretisch folgender Leistungen, 110 Kilometer an einem Tag zum Beispiel, bestand aus etwas Radeln im Fitnessstudio. Da verschlug es mich zwar im vergangenen Monat auch acht Mal hin, aber jeweils 45 Minuten auf dem Ergometer plus diverse Übungen für die Beinmuskulatur mit einladenden Namen wie „Beinstrecker“ oder „Beinbeuger“ sind zwar sicherlich besser als nichts, dürften aber denkbar wenig mit 75 Kilometern am einen und mehr als einhundert Kilometern am anderen Tage zu tun haben. Bleibt eigentlich nur noch die Entscheidung zwischen Spaziergang und Schokoriegeln.
|