Stage 1
Oldenburg - Damme
75,29 Kilometer; 03:30:29 Stunden

 

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Sonntags haben wir eigentlich keine Gäste“ – 
Mitarbeiterin der Jugendherberge Damme am Telefon, wenige Stunden bevor ich in der Früh anrief 
und mich nach einem Bettchen für die Nacht erkundigte.

Hätte ich etwas vorausschauend mitgedacht und ein paar Brote eingepackt, müsste ich mir nicht gerade jene 

560 Kilometer von Bamberg entfernt: die EWE Arena der Baskets Oldenburg.

Kopfzerbrechen bereiten, welche mich nicht loslassen: soll ich, endlich geduscht, einigermaßen aufgewärmt und vor allem trocken, noch ins Dorf nach Damme latschen und etwas Leckeres essen? Oder soll ich einfach meinen letzten Apfel mit zwei Schokoriegeln aus dem surrenden Automaten im Aufenthaltsraum ergänzen und es gut sein lassen? Lust auf den Nieselregen vor der Tür habe ich wenig, allerdings wäre etwas warme Nahrung sicherlich auch nicht vollkommen verkehrt. Ah, Entscheidungsnöte…

…denn „Halbpension“ kann man sich in der Jugendherberge Dammes heute getrost in die Haare schmieren, es sei denn, man würde die Küche aufbrechen und einige Vorräte verkochen. Vor morgen Früh würde mich dabei auch niemand erwischen können. Würde ich vor acht Uhr wieder im Sattel sitzen und eiligst davonstrampeln, würde auch nie jemand wissen, wer jener „Herr Focke!“ war, für den man extra den Schlüssel der Herberge im Zeitungsbriefkasten hinterlassen hatte. Jener Herr Focke, der Stunden zuvor noch am Telefon witzelte, nur noch kurz auf die sicherlich bald hervorkriechende Sonne warten zu wollen, bevor es auf die Piste gehen würde. Aus Oldenburg kommend. Mit dem Radel. Ein Scherzbold, dieser Herr Focke!

121 Betten habe ich heute Nacht für mich, nur für mich allein! Unzählige Duschen stehen mir zur Auswahl, viele Flure und noch viel mehr Toiletten. Kurzum: außer mir ist niemand in Dammes Jugendherberge. Kein Gast, kein Personal, kein Hausgeist. Hoffe ich. Vielleicht auch ein Grund nicht mehr in das Dorf zu latschen könnte sein, dass man nachts nicht unbedingt in die abseits und dunkel im Wald liegende Jugendherberge zurücklaufen möchte, zumindest nicht alleine. Zumindest ich nicht. Vielleicht eine etwas mimosenhafte Einstellung, aber etwas komisch ist es schon, ganz für sich allein in einem doch nicht gerade kleinen Gebäudekomplex zu hausen und gespannt jedem Geräusch zu lauschen, derer da wären viele. Der Schokoriegelautomat. Die Leuchtröhren an den Decken. Das Gebäude selbst. Der Regen. Andererseits: warum wundert es mich? Was will man schon Anfang Oktober an einem regnerischen Sonntagabend in Damme?

Fünfundsiebzig Kilometer liegen heute hinter mir, Kilometer, die ich schon unzählige Male auf Fahrten von Oldenburg nach Osnabrück gefahren bin und die mir deshalb auch schon auf den Keks gehen. Freunde langer und gerader Landstraßen kommen sicherlich vorzüglich auf ihre Kosten, aber falls man doch etwas mehr auf Abwechslung steht, langweilt man sich schnell zu Tode. Meine typische Hafen- und Halbinselrunde in Wellington bin ich bestimmt fünfzig mal gefahren, eigentlich mindestens zwei oder drei Mal die Woche, aber dort fuhr man entlang einer verschnörkelten Küstenstraße, roch den Pazifik, hatte zwei wirklich schöne Anstiege zu meistern und dabei einen fantastischen Aussichtspunkt auf die neuseeländische Hauptstadt. Nach 40 Kilometern war man zudem wieder unter der Dusche – froh sich bewegt zu haben und noch nicht zu kaputt, um in den Tag zu starten. Wahrscheinlich könnte ich die immergrüne Strecke Zeit meines Lebens mehrmals die Woche fahren, ohne mich je wirklich dabei zu langweilen. Oldenburg gen Damme hingegen? Man kann gut Kilometer fressen, vor allem wenn der Wind sich wie heute von seiner besten Seite zeigt und einen forsch vorantreibt. Siebenunddreißig Kilometer durfte ich sogar trocken genießen, durchaus mehr, als heute Früh noch zu erwarten war.

Einzig wirklich interessant war das Sage War Memorial, an dem ich heute zum ersten Mal überhaupt anhielt und einige Minuten verweilte. Man vergisst – oder übersieht – es ja oft gerne, aber die Welt in der wir zurzeit leben war nicht immer so wie sie ist – und muss auch nicht zwangsläufig so bleiben. Falls die Geschichte als Richtschnur herangenommen werden darf ist die Wahrscheinlichkeit sogar sehr gering, dass sie in ein, zwei oder drei Jahrzehnten noch so wie heute sein wird. Im Alltag fixiert auf die kleinen und natürlich auch notwendigen Schritte des Lebens und das banale Verplempern von Zeit vergisst man dies oft. Vor den namenlosen Gräben jener namenlosen Opfer unter den Alliierten, die auch uns vor sechzig Jahren befreiten, wird einem manches wieder bewusst. Kurzfristig zumindest. Zurück zum banalen Strampeln. Linker Fuß. Rechter Fuß. Linker Fuß. Rechter…

75.000 Meter liegen heute Abend hinter mir. Noch eine gute halbe Million Meter liegt vor mir, sofern ich es bis nach Bamberg schaffen sollte. Falls nicht, werde ich wohl auch nie dieses Tagebuch veröffentlichen und schreibe gerade für das Nichts. Falls doch, wäre ich freudig überrascht falls jemand meinen Ausschweifungen gebannt vor seinem Bildschirm hockend folgt. Danke für die Aufmerksamkeit an dieser Stelle! Ich hoffe das Tagebuch gefällt und kann auch im weitern Tourverlauf noch begeistern – oder zumindest interessieren!

Warum Bamberg? Auf der Titelseite hatte ich es ja schon angerissen, werde das ganze Thema aber morgen noch 

Einsames Schreiben in der Jugendherberge von Damme: keine Gäste, kein Personal, ein Schlüssel im Briefkasten. 

einmal ausführlicher erläutern. Für heute soll es das erst einmal von mir hier gewesen sein. Zwei Jahre nach meiner letzten Fahrt mit einem vollbepackten Tourenrad bin ich doch etwas kaputt und erschöpft. Läuft morgen alles gut, würde ich es sogar gerne bis nach Hameln schaffen, den Rattenfänger besuchen. Allerdings müssten dafür 110 Kilometer absolviert werden und gut durchtrainiert bin ich momentan wahrlich nicht. Mehr als einhundert Kilometer, wohlgemerkt auf meinem wesentlich schnittigeren Rennrad und ohne Gepäck, bin ich in den letzten vierzehn Monaten nur einmal gefahren, wenngleich auch allerdings vor zwei oder drei Wochen. Es war einmal wieder meine mir 

Ein Hauch von schön: Damme bei Nacht. 

schon fast leidige Standardroute von Oldenburg nach Osnabrück; es regnete damals ebenfalls fast den ganzen Tag und war bestimmt auch kein Grad wärmer. Sowieso, wo war der Sommer?

Die weitere Vorbereitung auf diese Tour, ganz ehrlich und ungeachtet noch theoretisch folgender Leistungen, 110 Kilometer an einem Tag zum Beispiel, bestand aus etwas Radeln im Fitnessstudio. Da verschlug es mich zwar im vergangenen Monat auch acht Mal hin, aber jeweils 45 Minuten auf dem Ergometer plus diverse Übungen für die Beinmuskulatur mit einladenden Namen wie „Beinstrecker“ oder „Beinbeuger“ sind zwar sicherlich besser als nichts, dürften aber denkbar wenig mit 75 Kilometern am einen und mehr als einhundert Kilometern am anderen Tage zu tun haben.

Bleibt eigentlich nur noch die Entscheidung zwischen Spaziergang und Schokoriegeln.

Gegen den Uhrzeigersinn und mäßig chronologisch: Ankunft an der einsamen JH von Damme - kleiner Pilz am Straßenrand - ein Brief an Herrn Focke - der Komplex der JH; meiner JH sowieo ein Foto vom Folksfest in Damme. Schwer ´was los, könnte man meinen...