WANDERUNG  
Arthur's PASS: AVALANChe PEAK
800 > 1833 Meter

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

“I am not like you. Such a short day and then that. What a shame!”
Schotte, als ich nach meiner 6h-Wanderung im Bett lag, durchgefroren
und kaputt war und etwas Entspannung suchte.

In Mallaig regnete es seinerseits einmal vier Tage am Stueck – davon sind wir momentan noch zwei Tage entfernt, so dass es eigentlich keinen Grund gibt, boese Miene zum nassen Spiel zu machen. Andererseits war mein Aufenthalt am Arthur's Pass in der Mitte vom November, also kurz bevor der Sommer vor die Tuer klopft, irgendwie anders gedacht gewesen. Trockener und waermer vielleicht? Bestimmt...

Momentan schreibe ich das Tagebuch nicht in eines meiner kleinen Heftchen, sondern direkt am Quasi-Internetcafe vom Arthur's Pass Village, einem kleinen Schuppen an der

Brav ausgefüllt: meine "Search and Rescue Action Card"

 Haupt- und einzigen Strasse, in dem vier PC stehen und Benutzer gebeten werden, passendes Kleingeld in eine “Honesty Box” zu schmeissen. Waere ich ehrlich, wuerde es fuer mich teuer werden, aber eigentlich moechte ich auch gar nicht mehr hier sein, sondern mein Tagebuch zurueck im Hostel vor dem knisternden Kaminfeuer schreiben. Oder mich mit meinen kanadischen Freunden unterhalten, die natuerlich auch heute hier angekommen sind und somit unser viertes Treffen zu Stande gekommen ist. Warum ich nicht zum Hostel gehe? Weil ich meine Finger nicht einmal mehr ueber die

 Tastatur flitzen hoere: der Regen trommelt erbarmungslos aufs Dach, ich fiere mir die Finger ab und es wuerde einfach wenig Sinn machen, jetzt zum Hostel zurueckzuwandern, da ich dort gerade erst etwas Zeit damit verbracht hatte, meine Jacke ueberhaupt erst wieder trocken zu bekommen.

Urspruenglich wollte ich heuer schon wieder auf der Reise gen Christchurch sein, nachdem ich gestern eine schoene Tageswanderung am Arthur's Pass gemacht haette. Der Plan klang gut, fiel jedoch schon um 7:30 in der Frueh ins Wasser, als ich vorsichtig den Vorhang neben meinem Bett zur Seite zog und das sah, was der Wetterbericht in nicht ganz so dramatischer Form fuer Samstag prognostiziert hatte.

Ich blieb im Bett, der Regen blieb, ich zog in den Hauptbungalow und vor den Kamin um, der Regen blieb, ich trank einen Instant Coffee nach dem anderen – bis mir schlecht war- und der Regen blieb. Da war es wieder, das alte Mallaig-Feeling, das Gefuehl, in einem Hostel eingesperrt zu sein und alles ganz einfach anders geplant zu haben.

Fotos vom Aufstieg hinauf zur Schneegrenze.

Gegen Nachmittag wuerde aus dem Regen zum Glueck endlich etwas Niesel, was ich noch fuer einen schnellen Abstecher zum Devils Punchbowl Wasserfall nutzte, einem relativ eindrucksvollem Wasserfall direkt am Ortsausgang in Richtung Westkueste. Schnell ein paar Fotos gemacht, noch ein bisschen auf dem Bridal Veil Track gewandert, der angenehm trocken war (Baueme) und den ganzen Abend gelangweilt im Hostel gesessen, bis ich dann mit einem gerade in Rente gegangenen, schottischem Lehrer, der ebenfalls Mallaig kennt, etwas ins Gespraech kam und noch bis halb zwoelf schnackte. Das schlechte Wetter scheint ihm allerdings immer etwas zu folgen, denn schon ein kuerzlicher Wandertrip in Norwegen wuerde zum feuchten Unterfangen, da er von acht Tagen nur zwei dazu nutzen konnte, sich aus seinem Zelt hinaus in die Berge zu wandern – den Rest der Zeit war es einfach zu nass. Zwar hat er das offizielle Rentenalter noch nicht ganz erreicht, braucht aber gluecklicherweise das Geld nicht mehr und reist stattdessen – kostenbewusst und viel. Es war recht sympathisch, dass ihm das neoliberale Effizienzgehabe, welches auch zunehmend im Schulalltag spuerbar wird, ebenso auf den Senkel ging wie immer mehr verschulte Studien, von denen ich dann auch aus meiner eigenen Erfahrung an Wellington's Victoria University berichten konnte, wo ich dieses Jahr ein einjaehriges Masterprogramm absolvierte. Irgendwann pennten wir dann jedoch doch ein, ich befahl ihm und unserem japanischen Zimmerkollegen noch, von gutem Wetter zu trauemen und...

Etwas Blau am Himmel: bestenfalls eine trügerische Hoffnung, wie der Tag zeigen sollte. 

...heute frueh um 5:30 starrte ich aus dem Fenster und war zumindest hoffnungsvoll, den das Tal war zwar recht wolkenverhangen, es nieselte jedoch nicht, so dass man etwas guten Mutes hoffen konnte, dass es aufklarte.

Als ich dann eine Stunde spaeter endgueltig aufstand und zusammen mit meinem schottischen 

Erster Blick auf den Gipfel.

Wanderkollegen draussen auf dem Hof des Mountain Houses stand, sah die Welt schon wieder anders aus – vor allem feuchter, da es erneut zu nieseln begonnen hatte und ich mir ernsthafte Sorgen um unsere Wandervorhaben machte – fuer ihn sollte es auf den Bealey Peak gehen, fuer mich auf den etwas bekannteren Avalanche Peak – eine der Standardtageswanderungen im Arthur's Pass National Park mit einem zu ueberwindenden Hoehenunterschied von 1100 Metern, zu absolvieren in 6-8 Stunden.

Nieselregen hin oder her, auf einen weiteren, depressiven Tag im Hostel hatte ich wahrlich keine Lust und stapfte nach einem weiteren Instant Coffee und etwas Cornflakes um kurz vor sieben zum Scott Track, neben dem Avalanche Creek Track einem der beiden Wege hoch zum Peak auf etwa 1850 Metern, ausgehend vom Dorf auf etwa 750 Metern. Warm war es nicht wirklich, aber noch war es ja frueh und ich hatte auch die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass das Wetter sich bessern wuerde, was dann natuerlich nicht wirklich passieren sollte.

Bedingt durch die Regenguesse vom Vortag hatte sich der Wanderweg selbst in eine Art Bach verwandelt. Ohne meine wasserdichten Wanderschuhe waere man sinnvoll keinen Meter weit gekommen, denn vor lauter Pfuetzen war vom Weg nicht mehr viel zu sehen. Die anfangs recht dichten Baueme schuetzten mich ganz gut vom niemals endenden Nieselregen, der jedoch gnaedigerweise doch ein Ende fand, als ich nach etwa eineinhalb Stunden die Baumgrenze auf 1200 Metern erreicht hatte. Frohgelaunt setzte ich meine Reise fort, wurde jedoch relativ bald von einer Schlechtwetterwand ueberrant, die sich bedrohlich schnell ueber den Arthur's Pass ins Tal schob. Binnen weniger Minuten verschwand meine schon vorher nicht berauschende Sicht aufs Tal komplett, der Nieselregen kehrte zurueck und ich verbrachte eine zitternde Viertelstunde im Schutz eines Steinaufens, hinter dem es relativ trocken und windgeschuetzt war.

Alleine in den Bergen, die Sicht kaum besser als 20-30 Meter, kalt, Dauerregen: die Vernunft sagt einem in diesen Augenblicken, dass nur Idioten unter diesen Bedingungen noch voranschreiten, aber andererseits war der Wanderweg recht gut markiert, da alle 50-100 Meter Pfosten in den steinigen Boden gerammt waren, und Lebensgefahr stand auch nicht direkt vor der Tuer. Im Grunde genommen waren es nur die typischen Bedingungen, die man aus Jack Wolfskin-Katalogen kennt, dann gepaart mit dem Schriftzug “Draussen zu Hause”.

Langsam näherte man sich dem Schnee, die Sicht war noch "bestens", der Weg noch einfach...

Konsequenterweise begann ich, mein Haus weiter zu erklimmen. Das Terrain wurde zwar zunehmend unfreundlicher und schwerer zu beschreiten, dafuer zog die Schlechtwetterwand allerdings weiter durchs Tal hindurch und goennte mir in ihrem Schatten zumindest eine trockene Stunde, dann auch wieder mit etwas bessern Sichten.

Die letzten Meter waren die schwersten des Aufstiegs, da der Pfad dem zu Zeiten recht schmalen Grat folgte und nicht mehr so schön ausgetreten war wie noch auf den Fotos zuvor.  

Nach einigen Minuten (und noch einigen Minuten mehr, und noch ein paar) erreichte ich die Schneegrenze, die in den letzten Tagen laut Wetterbericht um 800 Meter abgefallen war. Bedingt durch die heftigen Niederschlaege am gestrigen Tage und in der Nacht war der Weg auch fortan von einer duennen Schneeschicht ueberzogen, die das Weiterkommen nicht unbedingt einfacher machte. Den Weg, sofern es ihn ueberhaupt gab, kontne man nicht mehr erkennen, sich nur grob von einer Markierungsstange zur naechsten orientieren und man wusste auch nie so recht, ob man jetzt auf schneebedeckte Steine oder schneebedeckte Strauecher trat, so dass man oftamls recht ueberrascht ein wenig einsackte. Weiter oben am Berg ging es dann auch nur noch auf dem Grat vorwaerts, wobei es an beiden Seiten relativ unangenehm bergab ging. Ein falscher Tritt oder ein dummer Fehler und statt “search and rescue” brauch  man nur noch “search”, da es nicht mehr viel zu retten gaebe.

Gipfelsturm!

Nein, echt gefaehrlich war es nicht und ich sah mich auch nicht im Geiste schon wie der Bruder eines bekannten Bergsteigers erst nach mehreren Jahrzehnten wieder aus dem Permafrost erloest, aber etwas mulmig war mir schon, bis ich irgendwann endlich den Gipfel erreicht hatte. Freundestrahlend machte ich ein paar Fotos, genoss kurz die fantastisch-winterliche Aussicht, kramte mein Kaesebroetchen hervor und wollte gerade genuesslich zubeissen, als eine weitere Schlechtwetterwand auf mich zugeflogen kam.

Erneut nahm die Sicht rapide schnell ab, alles wuerde weiss (Schnee und Wolken), das Broetchen schmeckte trotzdem noch und alsbald regnete es nicht, sondern schneite. Vorsichtig kaempfte ich mich wieder vom Berg herab und versuchte, meine eigenen Fussspuren wiederzufinden, die jedoch teilweise schon zugeschneit worden waren. Mittlerweile zwei Radfahrtrikots, eine dicke Jacke, zwei Hosen und eine Regenjacke tragend war mir trotzdem nicht wirklich warm, aber auf eine gewisse Art und Weise war es auch fantastisch, durch den herabfallenden Schnee vom Avalanche Peak herabzusteigen.

Nach etwa einer Stunde unterschritt ich dann die Schneegrenze und aus dem coolen Schneeerlebnis wurde das nervige Regenerlebnis, das mich dann auch bis zum Hostel zurueck nicht wieder verliess. Etwa eineinhalb Stunden vor dem Tal kam mir dann noch der einzig andere, heutige Wanderer auf dem Scott't Track entgegen – ein Asiate in weissen Sneakers und Jeans. 1000 Euro darauf, dass er heute Abend erkaeltet im Bett liegt...

Abstieg mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad: wenig Sicht, wenig warm, viel Schnee und manchmal steil. 

Die groesste Ueberraschung des Tages war dann die Ankunft von Sheryl und Mike in meinem Hostel – jene radelnden Kanadier, die ich nun schon zum vierten Mal auf meinem Tripp treffe. Ich kam gerade ins Haupthaus herein als Sheryl nur mit einem Handtuch umschlungen aus den Duschen herauskam – quasi ein Wiedersehen unter Freunden. Die beiden sind erst heute angekommen und mittlerweile etwas geschlaucht, da sie die Strecke von Springfield bis zum Pass in zwei Tagen absolviert haben, dabei jedoch staendig Gegenwind, Kaelte und heute auch jede Menge Regen hatten. Fuer eine erste Radtour sicherlich kein guter Start, aber als wir damals nach Paris radelten, regnete es ja auch nur.

Und ich rolle immer noch...

Fotos vom verregnetem und so gar nicht sommerlichen Vortag (kurze Wanderung zu den Devil's Punchbowl Wasserfällen)