Stage 6  
Springfield - Arthur's PASS
87,82 Kilometer, 05:46:22

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

“You're not concerned about somebody stealing your bike, you are scared about the fucking birds ripping it appart”
“4 months I have been cycling in Alaska, but never had weather like this – never ever”
“We have seen cyclers moving along the plains barely fast enough to stay on the bike – doing 6-7-8 km/h”
“If it is windy like this, it is just fucking agony. Read a book, wait for another day.” 

Nachdem ich gestern schon dachte, relativ platt zu sein, ueberbot ich das Ganze heute noch einmal deutlich. Unterm Strich waren es zwei Faktoren, die mir das Leben zur Hoelle, untermalt von fantastischen Landschaften bei ueberwiegend Sonnenschein, machten. Zum einen waere dort der Wind anzufuehren, der, genauso wie prognostiziert, erbarmungslos auf mich hereindrosch und ein schnelles Vorkommen vollkommen unmoeglich machte. Zum anderen waren dort unangenehme Bodenerhebungen in nicht gerade freundlicher Anzahl – nicht nur der Porter Pass wie zunaechst befuerchtet, sondern ein Huegel nach dem anderen, ohne Unterlass, bis zum bitteren Ende.

Mission Porter's Pass: aus dem Flachland rings um Springfield ging es ratz-fatz auf die Berge zu und dann ordentlich nach oben, bevor der Pass auf immerhin 939 Metern schließlich erklommen war. 

Teil des bitteren Endes war dann auch, dass ich zum ersten Mal in Neuseeland ueberhaupt, mittlerweile naehere ich mich dem 5.000 Tourkilometer, mein Rad schieben musste. Nach rund sechzig Kilometern ging an einem relativ kurzen, dafuer aber 15% steilen Anstieg einfach gar nichts mehr. Die Waden schmerzten, die Geschwindigkeit sackte in den tiefen einstelligen Bereich und ich rettete mich gerade noch rechtzeitig aus den Klicks, ohne mich auf die Schnauze zu legen. 5.000 Kilometer ohne schieben – jede Serie muss einmal zu Ende gehen. Und so schob ich, der Wind pfefferte mir ins Gesicht und oben am Minihuegel angekommen schob ich mir erst einmal eines der legendaeren Tourmarmeladenbrote rein, um wieder etwas zu Kraeften zu kommen.

So richtig gelang das zwar auch nicht, aber nach unzaehligen Stunden und Qualen lief ich tatsaechlich im Arthur's Pass Village ein. Die letzten sieben Kilometer fuehrten mich gnaedigerweise durch einen zwar huegligen, dafuer aber windschuetzenden Wald, so dass ich frischer und munterer denn je (je = seit etwa zwei Stunden) am Ziel ankam und relativ gluecklich noch eines der letzten Betten im Mountain House Hostel abstauben konnte.

Heute frueh sah es hingegen eigentlich eher relativ einfach aus. Zwar pustete und blies es schon gehoerig, als ich gegen halb acht in der Frueh zaghaft am Vorhang zupfte und auf die sich biegenden Baueme hinausblickte, auf der Piste angekommen ging es dann jedoch einigermassen und die Kilometer flogen relativ unkompliziert bei angenehmen 15-17 km/h vorbei. Relativ schnell lief ich auf einen uebelst am kaempfenden Kanadier auf, der gerade den dritten Tag der ersten richtigen Radtour seines Lebens begonnen hatte und relativ unzufrieden mit seinem Gepaeckanhaenger war, der angeblich ziemlich “fishtailed”, also in Schlangenlinien hinter seinem Radel hergezogen wird. Wohl nicht wirklich angenehm, vor allem auf Abfahrten, aber nichtsdestotrozt war er genauso wie ich der Meinung, dass der Wind gestern schlimmer war und man heute einigermassen gut vorankommen muesste. Etappenziel war fuer ihn, genauso wie fuer mich, das Arthur's Pass Village – ob er angekommen ist, was ich bezweifele, habe ich allerdings nie erfahren.

Was wir heute frueh noch nicht ahnen konnten war, dass der Porter Pass, 939 Meter hoch, uns die ganze Zeit nur von den tatsaechlichen Nordwestwinden abschiermte. Als ich von den letzten zwei oder drei Passkilometern, mit etwa 10% Steigung nicht gerade die einfachsten des Tages, erschoepft am Gifpel ankam, bekam ich jedoch zum ersten Mal die volle Wucht des vorher nur moderat nevernden Windes zu spueren. Schon auf der Passauffahrt war es manchmal etwas unangenehm gewesen, bei 7-8 km/h ploetzliche Seitenwinde kompensieren zu muessen, vor allem da immer der potenzielle LKW-Horror im Nacken haengt, der vielleicht nur knapp ueberholen moechte und dann einen Radler aufgegabelt hat. Nachdem der Anstieg jedoch ueberstanden war, war die Abfahrt einfach nur erschreckend, auch wenn es wohlgemerkt nur etwa 200 Hoehenmeter wieder hinab ging. Zeit ein Tachometer 6-7% Gefaelle an und macht das Rad nicht mehr mehr als 15 km/h, kann irgendetwas nicht stimmen. Willkommen im Wind!

Mit wenigen Ausnahmen ging es eigentlich den ganzen Tag so weiter, erbarmungslos und wie schon erwaehnt ohne jeglichen Unterlass. Tempo war kaum zu machen, ein Berg und Anstieg folgte auf den naechsten, auch wenn alles im Hoehenprofil des Pedaller's Paradises nur halb so wild aussah, und die Kilometer krochen einfach nur langsam dahin. Aufgewogen wurde dies zwar zweifelsohne durch die fantastischen Landschaften mit schneebedeckten Gipfeln am Horizont, aber mit Rueckenwind waere es sicherlich nicht weniger schoen gewesen.

Interessant war auch noch meine abendliche Unterhaltung mit einer japanischen Quasi-Aussteigerin, die gelangweilt von ihrem heimischen Office-Job fuer ein Jahr nach Neuseeland auszog, gerade eineinhalb Monate auf einer Farm gearbeitet hat, zumindest ein bisschen Englisch konnte und mir berichtete, dass sie sich schon auf den Besuch einer guten Freundin Ende naechster Woche freut. Ihre Freundin hat tapfer ihrem Boss gegenueber fuer etwas verlaengerten Urlaub gekaempft und verfuegt jetzt ueber unglaubliche fuenf freie Tage – relativ viel am Stueck fuer Japaner ausserhalb der einwoechigen Neujahrs- und Sommerferien. Zwar hat man auch als Office-Worker in Japan rund zwei Wochen Jahresurlaub, hat diese jedoch ueberwiegend in Form verlaengerter Wochenenden zu nehmen, wenn einem der Job etwas wert ist. Vier Wochen Urlaub am Stueck, wie Frank sie bald haben wird, kann man sich als Japaner offensichtlich in die Haare schmieren, so dass man entweder kuendigen oder niemals reisen muss. Sie entschied sich verstaendlicherweise fuers erstere, auch wenn sie nach ihrem einen Jahr in Neuseeland wieder nach Japan zurueckmoechte, und nicht wie manche anderen Japaner ein Jahr Australien anhaengen wird. Sagt sie zumindest momentan. Viel Spass duerfte ihre Fuenftagesreise mit ihrer Freundin nicht werden, denn die Programmpunkte Christchurch, Mt. Cook, Queenstown, Te Anau und Westkueste duerften selbst dann schwer zu absolvieren sein, wenn man sich mit dem Fahren abwechselt und die Naechte durchbrettert. Manchmal ist kein Urlaub vielleicht doch besser als ein Urlaub, aber mich erinnert das Ganze recht fatal an jenen bekloppten Koreaner, den ich im Januar in der Naehe vom Tongario National Park und der mir berichtete, dass er schon zu viel Zeit in Australien verplempert haette und deswegen beide Inseln Neuseelands in sechs Tagen abhaken wuerde.