Stage 25  
GREYMOUTH - INANGAHUA
114,76 Kilometer, 04:50:31

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Ich glaube immer noch, dass das eines der totesten Käffer ist, in denen wir je gewesen sind –
und das will schon etwas heißen“
Frank nach einem abendlichen Spaziergang in, verdammt, wie heißt es noch einmal...

Sicherlich gibt es viele tote Käffer, in denen wir schon einmal abseits der „beaten tracks“ dieser Welt (etwas übertrieben, von der Welt haben wir noch nicht viel gesehen) für eine Nacht einkehrten – Bulgariens Marko Tanarvo fällt mir gleich als Paradebeispiel ein – aber Inanguha ist sicherlich eines der weniger belebten. Im Dort hängt auch gleich die Neuseelandflagge auf Halbmast, da eines der Häuser entlang der Haupt- und ganz nebenbei einzigen Straße kürzlich abgebrannt scheint.

„Hier gibt’s kein Haus, bei dem mein Vater nicht sofort die Säge und“, kommentierte Frank noch weiter, als er von seinem Spaziergang wiederkam und ich friedvoll meine Spaghetti Teller I – III aufspachtelte und vom Weinchen trank, dass mir ein Franzose eingeschenkt hatte, der, als selbstständiger Fischführer in der Region agierend, im Hostel rastet. Mit Fischen muss gut Geld zu machen sein, berichtete er mir doch vom Märchen von 230 Urlaubstagen im Jahr...

Ein Märchen? Ich fange einmal ganz von vorne an. Er, ehemaliger Supermarktmanager aus Frankreich, kam vor vierzehn Jahren mit einem dreimonatigen Touristenvisum nach Neuseeland, verliebte sich in Land und Leute, blieb sieben Monate, kehrte nach Frankreich zurück, hasste alles, arbeteitete etwas und wanderte prompt aus, um Frankreich für immer und ewig den Rücken zuzukehren. 

Mittlerweile arbeitet er hier rund 130 Tage pro Jahr als Fischführer. Dabei hofiert er affluente Angler und Jäger, von denen gerade zwei (Schweizer) für 150 Dollar die Nacht etwa sechzig Kilometer entfernt in Reefton im Motel wohnen. Zu teuer für den Führer?

Nicht echt, aber obwohl ihm die Motels gerne anbieten würden, umsonst zu bleiben, wenn er regelmäßig Umsatz heranschleppt, hat er seine Lieblingshostels, die er den teuren Läden gerne vorzieht. Zu Recht, sei angemerkt, den auch unser heutiges Hostel, Teil einer Farm, ist einmal wieder genial – wohl auch dank des Weines, den er mir schenkte.

630 Dollar am TAG knöpft er einem Kunden am Tag ab – möchten zwei fischen, kommt der zweite fast umsonst hinzu und das Paket kostet nur noch 655 Dollar pro Tag. Seine Kunden stammen vornehmlich aus Europa und Amerika, ganz selten ist einmal ein Japaner dazwischen („Asians are too greedy“ – oder zu intelligent?). Und was kriegt man für das Schweinegeld? Fischen total – Übernachtungen natürlich noch nicht inbegriffen, dafür aber der Autotransfer von einem guten Fluss zum nächsten, viel „local knowledge“ und Digitalfotos. Möchte man noch eine Nacht richtig Abenteuer erleben und zelten, kostet auch das gleich weit mehr als einhundert Dollar je Nacht – pro Person, versteht sich. „If you just work 130 days a years you have a lot of time to think“, meinter er und verriet mir, dass er bald ins Deer Hunting expandieren möchte. “Do you know what people pay in Europe to shoot a deer?”, fragte er mich und erhielt ein Schulterzucken als Antwort. Ganz nebenbei ist mir schon alleine der Gedanke zuwider, viel Geld dafür zu bezahlen, ein Reh totschießen zu dürfen, aber er meinte, dass zwanzig Extraarbeitstage pro Jahr schon ziemlich “good” wären, “very good” sogar.

„Really good“ war heute auch einmal wieder das Radfahren, da wir im Gegensatz zu gestern alle nur denkbaren Variablen des Reisens auf zwei Rädern in Optimalform erwischten. Frank ernannte die Strecke von Reefton nach Inanguana am Ende des Tages auch gleich zu einer der „Fahrradtraumstrecken der Welt“, was wohl daran lag, dass wir stets mit 30 bis 35 km/h reisten ohne treten zu müssen. Rückenwind ohne Ende, kaum wirklich steile Sequezen abgesehen von der teilweise hügligen Taylorville Blackball Road, die wir dem State Highway sieben zwischen Greymouth und Ikamutua vorzogen und Sonnenschein im Überfluß! Ganz ohne Frage war der heutige Tag die richtige Antwort auf den demotivierenden Dreck der letzten Tage. Auch gestern Abend erzählte mir Frank noch beim versöhnlichen Tagesausklang beim Sonnenuntergang am Meer, dass er sich „so etwas einfach nicht mehr geben muss“. Urlaub solle auch Erholung bedeuten, da man nicht mehr so wie früher zu Azubizeiten am Arbeitsplatz Urlaub vom Urlaub zu erwarten hätte. Vielleicht sehe ich das Ganze in Ermangelung eines echten Arbeitsplatzes noch anders, aber mir gefallen (wenn auch oft erst im Nachhinein) auch die absoluten Krampftage gut, vorausgesetzt, ich entkomme dem Erkältungsschicksal. Rackert man sich einen Tag durchs widrigste Wetter, kriegt man die eigene Festplatte im Schädel dermaßen gut formatiert, dass man an 

Total dumm: Sonnencreme vergessen, tagsüber nichts gespürt und abends total verbrannt. Dümmer geht es nicht...

nichts mehr außer der nächsten Pedalumdrehung denkt. Man genießt auch nichts mehr, sondern kotzt einfach nur noch ab, aber genau das ist etwas, was man normalerweise, im so genannten Alltag, nie machen würde. Irgendwie, auch wenn es dumm klingt, nett...

Mein größter Wunsch für heute ist einfach nur ein gutes Los für die Fußball WM 2006 in Deutschland, da ich Tickets für fünf Spiele bekommen werde und nichts weiß, außer dass ich in drei der Spiele Togo sehen werde. Ziemlich nervös, so könnte man mich momentan beschreiben, denn in Leipzig werden heute die Gruppeneinteilungen und somit auch Togos Gegner ausgelost. Nein, ein echter Togo-Fan bin ich natürlich nicht. In Anbetracht bedenklicher Menschenrechte sollte man es auch nicht unbedingt sein, aber außer für Togo konnte ich keine Teamserie mehr für eine interessante, qualifizierte Mannschaft erwerben, so dass etwas Togo immer noch besser ist als gar kein WM-Fußball live. Frank hingegen hat gar nicht erst probiert, WM-Tickets zu bekommen und meint, dass er nicht XX Euro dafür ausgeben müsste, in XX Togo gegen XX zu sehen, aber ich finde, dass man die WM im eigenen Land irgendwie anders wahrnehmen sollte als die typische TV-WM. Natürlich hoffe ich jetzt, dass Togo zusammen mit England, Deutschland oder einer anderen Topmannschaft in eine Gruppe kommt und ich dabei noch die Stadien von Berlin, Hamburg oder München zu sehen bekomme, aber erfahren werde ich es wohl erst, wenn wir im nächsten Hostel mit Internetzugang verweilen. Wann auch immer das sein mag...

Frank mit kräftig viel Schotter, da neuseeländische Geldautomaten nur 20er ausspucken. Links davon noch ein Foto von Franks kleiner Dorfbesichtigung am Abend.

Für meine heute heftig sonnenverbrannten Oberschenkel ist es übrigens gut, dass ab morgen der Regen zurückkehren soll – laut Wetterbericht zwar erst ab Mittag, dann aber für ein paar Tage am Stück. Es scheint ein wahres Unwetter auf Neuseeland zuzupreschen, denn für manche Region wurden gleich Hochwasserwarnungen ausgegeben (überwiegend jedoch die Taranaki-Region auf der Nordinsel), was für eine Radtour sicherlich der absolute Megagau wäre. Sollte der Wetterbericht Recht behalten, droht uns jedoch auch ein relativ feuchtes Tourende ohne allzu viel Hoffnung auf wirklich nette Tage. Vielleicht landet Frank ja doch noch einmal im Bus, ich muss mich 1-2 Tage durch abartige Regenergüsse kämpfen und wir haben am Ende so viel mieses Wetter gehabt, dass all das Lob auf unser Wetterglück zu Beginn des Tagebuches einen faden Beigeschmack bekommt. Man wird es sehen, spüren und wohl auch schmecken, denn wenn es richtig regnet, läuft einem das Wasser immer so schön vom Helm herab, das Gesicht hinab, in den Mund hinein..

„But he takes care of you all day, from morning to…”
Hostelbetreiberin, versuchend, die Wucherpreise des Franzosen etwas
zu rechtfertigen. Aber wieso? Wenn er genug Kunden findet, um 130 Tage im Jahr zu
arbeiten, ist es mir doch egal...