RUHETAG  
FOX GLACIER
Gletscherwanderung

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Effort“ „Hope“ „Commitment“ „Cluelessness“
lauter schlaue Sprüche zu abstrakten Oberbegriffen starren mich von der Wand an.

Keine Ahnung, wie schwer die morgige Etappe sein wird, ich hoffe allerdings aufs Beste, ausgeruhte Beine und Hintern. Nichtsdestotrotz wird die Etappe jede Menge Einsatz erfordern, aber wir wollen es ja auch nicht anders und Neuseeland beradeln – was zweifelsohne wunderschön ist, wie mir der heutige Tag eindrucksvoll zeigte.

Nicht wirklich jeden seiner 65 Dollar wert: unsere Halbtagsgletscherwanderung riss zumindest mich nicht wirklich vom Hocker (den ich heute sowieso am Liebsten gar nicht erst verlassen hätte) und der "Abenteuercharakter" hielt sich schwer in Grenzen. Auch wenn Fra

nk etwas begeisterter als ich war, würde auch er die Wanderung nicht blind weiterempfehlen - vor allem, da man für 65 Dollar weniger auch ziemlich gut bis zum Gletscher wandern kann und das bisschen Herumgelatsche auf dem eigentlichen Gletscher, Krakenfüße hin oder her, auch kein absolutes Highlight ist. 

Radelt man, hält man dort an, wo der Busfahrer weiterfährt, pennt in Hostels abseits der stets eher ausgebuchten Knotenpunkte und fühlt sich nicht wie Vieh, so wie ich heute auf dem Fox Gletscher.

Einen Ruhetag vor Augen hatten wir uns gestern Abend noch für einen Half-Day-Gletscherwalk angemeldet, kein echter Fehler, aber, wie sich heute herausstellen sollte, auch keine wirklich überzeugende Tat.

65 Dollar kostete uns der rund viereinhalb stündige „Spaß“, wobei meine Beine zu schwer und meine Augen schon zu gesättigt waren, um den Gletscher wirklich schön zu finden. Dann kann es meinetwegen noch so oft nur einer von drei Gletschern weltweit sein, an denen Gletscher und Tropenwald aufeinandertreffen (neben dem nur 23 Kilometer entfernten Frank Josef Gletscher und einem Verwandten in Argentinien), na und? Das Eis ist trozdem schmutzig, geradezu dreckig, die erhofften Aussichten aufs Meer gab es nicht und das Beschreiten des Eises mit angeschnallten Eiskrallen war auch nur halb so abenteuerlich, wie erhofft, da Eispicker tagein- tagaus Stufen ins Eis kloppen, damit eine Gruppe nach der anderen auf den Gletscher gejagt werden kann. Netterweise brachte unser Führer das auch genauso herüber und erzählte etwas ironisch, dass jeder dieselben Erklärungen und dieselben Witze bekommt, natürlich auf stets demselben Pfad. Der Führer verkommt dabei zum Tonband auf zwei Beinen, was natürlich bei den meisten Angestellten im Tourismussektor so ist, eine Tatsache, die man jedoch leicht aus den Augen verliert, wenn man sich vom Rad durchs Land tragen lässt und sich, vielleicht fälschlicherweise, irgendwie anders als der „typische“ 08/15 Tourist fühlt. Genauso fotografiere ich unheimlich gern und viel zu viel, aber überhapt nicht mehr, wenn ich mir einen engen Pfad durchs Eis mit einer Gruppe kameraschwingender Mittouristen teilen muss und auf jedem Foto immer gleich 27 störende Köpfe drauf sind. Ach, welch Arroganz, wenn man doch selber nicht besser ist – aber mir macht der Entenmarsch ein kleines Stück den Gletscher hinauf einfach fast gar keinen Spaß.

Wandert man nur bis zum Fuß des Gletschers (für 65 Dollar weniger) und spart sich die Stunde auf dem Eis, hat man meiner Meinung nach genauso viel davon, hat weniger störende Nasen vorm Objektiv und wird nicht vom Führer vorangetrieben, wenn man in Ruhe genießen oder fotografieren will. Husch, husch, schnell Foto hier, Foto da, Gruppenfoto dort...

Der absolute Hammer war heute auch das Wetter. Oder es ist es immer noch, denn selbst um 21:30 sitze ich hier in kurzer Hose und T-Shirt, starre auf den langsam dunkel werdenden, dichten Regenwald direkt hinter unserem Hostel und fühle mich eher auf Hawai oder Fidschi, als in Neuseeland (vor allem an der Westküste). Laut krakelend fliegen gelegentlich Papageien (Keas) über Haus, der Wald ist vom Geschrei der Tierwelt erfüllt und ohne Buschmesser für Menschen unpassierbar. Nett. Wirklich nett.

Direkt gefährdet ist die Westküste, Gletscher eingeschlossen, durch die momentane Klimaerwärmung unserer Welt auch nicht gerade, da ein noch heißerer, australischer Kontinent nur noch mehr Regen über die Tasmanische See treiben würde. Würde sich die Erde rapide erwärmen, könnten Neuseelands Gletscher sogar noch stark anwachsen, zumindest bis es so warm wird, dass der zusätzliche Niederschlag selbst oben am Berg nicht mehr zur massiven Eismasse wird, die sich ins Tal hinabschiebt.

Etwas bizarr mutete heute auch mein zweiter Schachsieg in Serie an. Zwei Siege in Folge gelangen mir bislang wahrscheinlich fast noch nie gegen Frank (dieses zu recherchieren ist mir jetzt zu aufwändig), auch wenn ich heuer nicht ganz so fehlerlos agierte wie gestern. Grob gesagt machte Frank zwei üble Fehler, ich einen, tauschte ohne Unterlass und hatte am Ende einfach mehr dumme Bauern mit freier Bahn, was zu einem weiblich dominierten Ende führte...

...ebenso bizarr ist auch ein anderer Tourist, etwa fünfzig Jahre alt und gerade am Nachbahrtisch übers Radfahren redend – wohl ein weiterer Radfahrer. Bizarr war eigentlich nur, dass er mich beim

Scheiß Raucher, klasse Message!

 Gemüseschnippeln und kochen fotografieren wollte (und es auch durfte), da die „Farben angeblich so schön seien“. Seine Carbonara-Sauce sah jedoch auch recht schmackhaft aus (nur nicht ganz so bunt), aber gleich ein Foto von mir, Spinat, Blumenkohl, Paprika und Champignons? Vielleicht schreibt er einen Radreiseführer und brauchte ein gutes Hostelfoto, ich werde weltberühmt und...

Gutes Wetter, ein entspannter Ruhetag, etwas verschwendetes Geld für die Gletscherexpedition, gute Nachrichten aus der Heimat (Heimsieg EWE Baskets und VFL Osnabrück), was ging denn 

Ein etwas älterer Gast wollte mich unbedingt beim Schnippeln fotografieren: die Farben wären so schön...

schief? Franks Videokamera leider, denn nach der einleitenden Szene des Tagesbeitrags „Heute geht es auf den Gletscher“ (mit Kuschelkiwis aus dem Tourishop der Gletscherwanderer in den Hauptrollen) gab die Kamera leider ihren Geist auf. Zwar wurde mir prompt vorgehalten, sie vor etwas mehr als eineinhalb Wochen fallen gelassen zu haben, was auch stimmt, aber ob die Kausalität wirklich vorliegt, darf bezweifelt werden. Es ist auch egal, denn es wäre wirklich verdammt schade, wenn das diesjährige Tourvideo ausfallen müsste, weil die Kamera Schrott gegangen ist. Frank stellte zwar fest, dass irgendwas in der Kamera klappert, aber wirklich machen kann man daran natürlich auch nichts. Suspekt scheint, dass die Kamera von einer Minute auf die nächste starb, ohne dazwischen noch einmal fallengelassen worden zu sein. Die Akkus sind auch fit, aber ganz egal was man drückt, es geht einfach gar nichts mehr, Kassettenauswurf eingeschlossen. Vielleicht geschieht über Nacht ein Wunder und wir können morgen wieder filmen, müssen nur die Gletscherwanderung mit Fotos überbrücken und alles ist halb so wild, aber vielleicht auch nicht, was leider wahrscheinlicher scheint. Dreckskacke!