Stage 22
HAAST - FOX GLACIER
123,22 Kilometer, 05:53:22

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Wieso passiert das mir, ich habe nichts falsch gemacht! Achzig Kilometer Schotter hält das Rad, und jetzt? Ich bin immer im Sitzen gefahren, immer, habe kein Schlagloch getroffen, wieso passiert so etwas immer mir?“
Frank, kurz nachdem sein perfekter Fahrstil mit einem Speichenbruch am Hinterrad belohnt wurde.

Aua – erster Gedanke, als ich mich hier zum abendlichen Tagebuchschreiben hinhockte und mein Sitzfleisch

Frank hat es raus: "Da geht es lang!" 
Gut gemacht...

 Kontakt mit dem gepolsterten Stuhl machte. Aua – nach etwas mehr als 100 Kilometern schmiss sich Frank zwei Aspirin rein, da der Arsch zu sehr schmerzte. Fünf Kilometer später begann dann sein rechtes Knie zu schmerzen – trotz der gerade geschluckten Schmerzmittel. Wer die Homepage nur durchblickt und den Texten keinerlei Beachtung schenkt, könnte schnell denken, dass alles so in Butter wie meine abendliche Performance beim Schach ist (eine der ganz wenigen, fehlerfreien Schachpartien meines Lebens durfte heute Abend gefeiert werden, bisherige Tourbilanz 1:2), aber wer auch die Texte liest, soll auch von Schmerzen und Qualen zu lesen bekommen. Davon gibt es allerdings nach drei Hammertagen in Folge auch jede Menge, denn 360 Kilometer, mehr als 3000 Höhenmeter und Gegenwind ohne Ende ziehen nicht einfach so an einem vorbei. Ganz nebenbei regnete es dabei auch noch ordentlich, wobei wir heute mit zwei kurzen Schauern noch einigermaßen gut bedient waren, uns aber trotzdem den dritten Tag in Folge in unsere Regenklamotten schmeißen mussten.

Rein kraftmäßig ging es mir bis nach einigen Marmeladenbroten nach 55 Kilometern heute wirklich mies und Frank sparte sich seinen Durchhänger des Tages für die letzten 30 Kilometer, die er schmerzverzerrt und ausgemergelt hinter sich würgte, während ich schon im Hostel den Weg zur warmen Dusche suchte. Total abgeschlafft meinte er, auf den letzten zehn Kilometern alle eineinhalb Kilometer Pause gemacht zu haben, ein mir gut bekanntes Gefühl, auch wenn mich heuer am Ende die Lust aufs Dasein in Riesenschritten zum Hostel trieb.

Endlich wieder Meer: vom Badewetter keine Spur, aber schön war es trotzdem!

Nur drei Tage sind wir seit dem Milford Sound Trek wieder im Sattel, aber trozdem beide voller Vorfreude 

Und es sollte noch schöner werden: Blick vom Knight's Point nach etwas mehr als dreißig Kilometern. Betrachtet man nur das Foto, könnte man uns auch auf Hawai wähnen. 

auf den morgigen Ruhetag am Fox Glacier, der wahrscheinlich auch noch mit richtig gutem Wetter gekrönt wird. Wir werden zwar eine vierstündige Gletscherwanderung machen, aber sportlich dürfte es etwas lockerer 

als zuletzt werden. Außerdem geht es mit dem Bus zum Gletscher, was wir uns durchaus verdient haben. Als ich allerdings vorhin vom „Daseinswunsch“ getrieben im Fox Village einrollte, kam mir unser radelnder Marathonkumpane aus Victoria schon wieder auf dem Rad entgegen – er wollte eben noch einmal zehn Kilometer bis zum Gletscher radeln, fast so, als wären 130 Kilometer mit Gepäck noch nicht genug gewesen.

Eine Plage sonder Gleichen waren auch einmal wieder unsere Freunde, die Sandflies, die mich heute sicherlich gleich ein Dutzend Mal erwischt haben. Unfreiwilligerweise pausierten wir auch etwas hinterm Knights Point Lookout, rund 33 Kilometer nach Abfahrt aus Haast, fast eine Stunde am Straßenrand, da sich mit einem beängstigend lauten Knacken eine von Franks Hinterradspeichen verabschiedet hatte.

 

Dramatik pur: Kurzfristig schien Franks Tour jäh unterbrochen (Hunderte Kilometer bis zum nächsten Fahrradgeschäft), da eine nur schwer zu reparierende Speiche am Rückrad verstarb. Glücklicherweise gelang Frank nach einigem Fluchen die meisterliche Reparatur.

Über den Umweg kurzfristiger Verzweifelung – Frank sah sich mangels passender Werkzeuge schon im Bus nach Greymouth, rund 300 Kilometer entfernt – schaffte Frank allerdings doch das beinahe Unmögliche und friemelte eine neue Speiche ins Hinterrad, dass anschließend auch wieder recht optimal zu laufen schien. Unvergessen die dramatischen Etappen Südfrankreichs vor wenigen Jahren, als jeder Radladen wegen Sommerferien geschlossen hatte und Frank jeden Tag die Speichen wegbrachen, bis wir irgendwann endlich ein offenes Radgeschäft und ein neues Hinterrad fanden. Im August ist man in Frankreich allerdings genauso einsam wie hier an der Westküste Neuseelands. Ob es nun erst gar keine Radgeschäfte auf den nächsten 300 Kilometern gibt oder sommerferienbedingt keines geöffnet ist, ist auch ziemlich Banane...

Ach ja: gemessen am Wetterbericht war es trotz der zwar kurzen Schauer einmal wieder ein bombastischer Tag, vor allem, als wir nahe der Küste in der Früh fast zwei Stunden im prallen Sonnenschein reisen durften. Dafür, dass ich eigentlich fest mit einem Regentag gerechnet hatte, kann man sich kaum beschweren. Einmal wieder...

A hard day's night: ein bisschen Gemüse und etwas Pasta (zweiter Teller sollte folgen) zum Abendmahl und zur Krönung noch ein Schachmatt gegen Frank. Ihm dürfte es nach dem Schrecken des Speichenbruchs am Vormittag ziemlich Latte gewesen sein...