Stage 21
WANAKA / ALBERT TOWN - HAAST
137,83 Kilometer, 07:09:18

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Im Hintergrund surrt Franks Fön, meine Klamotten sind halb über das Hostel verteilt und beim flüchtigen 

Gestern fies verbrannt (siehe rechts): wer seine Ärmel hochkrempelt, sollte auch Sonnencreme nachschmieren, wenn genau unter dem Ozonloch geradelt wird. Zumindest heute wollte ich nicht wieder verbrennen...

Blick auf den Wetterbericht wünscht man sich eigentlich nur noch den rettendn Strick. Willkommen in Haast, genauso feucht wie ich es aus dem Winter in Erinnerung hatte, als ich mit dem Auto die Westküste 

hinabbrauste und außer Regen nichts zu sehen bekam.

Wir sind auch wieder beim Radfahrpensum vom letzten Jahr angelangt. Heute beinahe 140 Kilometer, morgen volle 125 bis zum Fox Glacier und somit mehr als 130 im Schnitt – so kommt man nicht nur innerhalb von drei Wochen gemütlich von Prag bis nach Istnabul, sondern auch in Riesenschritten über Neuseelands Südinsel. Wenn die Schritte doch bloß etwas trockener wären...

Jaja, so sind sie, die Radfahrer: wochenlang unheimliches Wetterglück und dann gleich Herumgemurre ohne Ende, wenn es einmal etwas feucht ist. Aber steigt man abends ins Bett und weiß, dass es morgen wohl große Teile von langen 125 Kilometern regnen kann, fällt es schwer, sich wirklich zu motivieren.

Eigentlich war de rRegen heute gar nicht unser größtes Problem, denn bis ins sechzig Kilometer entfernte Makaroa war es zwar trocken, deswegen aber nicht unbedingt schön, auch wenn etwas die Sonne schien. Einmal wieder bombardiete uns der Wind mit aller Kraft, was zu leichten Unstimmigkeiten im Fahrerfeld führte, da meine anfängliche Ignoranz dem kraftsparenden Windschattenfahrens gegenüber Frank, wohl berechtigterweise, übel aufstieß. Ab Kilometer 55 fuhren wir aber doch zumeist zusammen, wobei der Wind just verschwand, als der Regen begann.

Wirklich unangenhem wurde dann auch der Anstieg zum kaum eines Passes würdigen Haast Passes auf mickrigen 564 Metern (Albert Town, unser Startort, lag schon auf rund 300 Metern), wobei allein die hügelige Straße uns schon rund 700 Höhenmeter bis zum Pass einbrachte. Der Passanstieg selbst war erschreckend warm, da man ohne Regenjacke nicht fahren konnte und bei zehn Prozent Steigung auf richtigem Gammelasphalt mit Jacke saunierte, was aber immer noch die bessere Alternative war. Was sollte man machen? Schwitzen, treten, schwitzen, treten, schwitzen...

Wieder kein wirklich gemütlicher Tag: anfangs noch etwas Sonnenschein mit einer Menge Gegenwind, später dann kein Sonnenschein und Gegenwind...

Mit fünf bis acht Metern Niederschlag pro Jahr – je nachdem welcher Angabe man Glauben schenkt – kann man Neuseelands Westküste der Südinsel durchaus als prinzipiell ungeeignet für Radtouren kategorisieren, auch wenn im Pedaller’s Paradise der Übergang vom Haast Pass in den Küstenregen hinein als „spiritual experience“ glorifiziert wird. Wenig überraschend regnete es auch bei unserer Ankunft ohne Unterlass, aber übermorgen lässt laut Wetterbericht ein bisschen hoffen, ganz im Gegensatz zu den Tagen darauf.

Mein Knie ist nach wie vor witzig. 140 Kilometer normal stampfen verursacht quasi gar keine Beschwerden, 

...und ganz viel später kein Wind mehr, dafür aber auch kein Sonnenschein und nur noch wenige Minuten bis zum Regen. 

hebe ich das Bein hier unter dem Tisch jedoch vorsichtig an, durchzuckt ein stechender Schmerz die Innenseite des Knies. Die Klickpedale kann ich wohl fürs erste vergessen, aber trete ich einfach nur aufs Pedal hinab, merke ich fast gar nichts.

Auch Frank war heute gut in Form, was bei unserem momentanen Pensum auch eminent wichtig ist. Seine Achillissehnenprobleme scheinen abzuschwellen oder über den Verlauf der Wanderung verschwunden zu sein, was für den weiteren Verlauf der Reise recht wertvoll sein könnte. Soviel zum heutigen Gesundheitsupdate.

Witzigerweise teile wir uns unseren stinkenden 4er Dorm auch noch mit zwei anderen Radlern, von denen uns einer, ein die Vancouver Canucks liebender Programmierer aus Victoria in British Columbia, morgen bis zum Fox Glacier begleiten wird – oder zumindest die selbe Strecke vor sich hat. Von dort aus möchte er dann später per Bus und Schiff innerhalb weniger Tage bis nach Wanganui auf der Nordinsel, da er dort einen Marathon laufen möchte. Der Vierte im Bunde, entgegengesetzt radelnd, stellte heute übrigens überrascht fest, dass auch 200 Euro Gore Tex Jacken nur bis zu einem gewissen Grad so wasserfest wie propagiert sind. Kein Radlerparadies weit und breit an diesen Tagen, aber wir sitzen im wahrsten Sinne des Wortes alle im selben Boot.

Harte Arbeit hoch zum Pass: zwar hatte uns mit der Ankunft des Regens zumindest der Wind verlassen, dafür ging es aber auf unglaublich schlechtem Asphalt zum Pass hinauf. Vom Pass aus, dessen Erklimmung wir ausgiebig feierten, folgten noch einmal siebzig verregnete Kilometer bis an die Westküste ins recht beschauliche Haast.

Leicht übertrieben: Frank, stets um jedes Gramm am Rad kämpfend, zerriss sogar seinen Roman („Die Nackten und die Toten“), damit er die ersten 300 Seiten nicht mehr mittransportieren muss. Netterweise fragte er mich vorher noch, ob ich das Buch noch lesen wolle, aber selbst wenn ich die Frage bejaht hätte, hätte er das Buch bestimmt zerrissen und die erste Hälfte schon auf mein Rad umgesattelt. Mal gucken, wer morgen schneller ist...

Szenen des Tages: ich tauche in die Tiefen meines knallgelben Proviantsacks hinab, uns kommen nicht mehr ganz TÜV-taugliche, schnaubende Wohnmobile entgegen und abends musste der Fön Schwerstarbeit leisten...