Tag 3: Mintaro hut - Dumpling hut (14 km)

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Total erschöpft“ wird momentan zur abendlichen Standardbeschreibung unserer physischen Konstitution, aber außer „total kaputt“ fällt zumindest mir wenig ein, meine Verfassung passend zu beschreiben. 100+ Kilometer Rad fahren ist eine Sache, mit schwerem Rucksack bepackt tagelang wandern eine andere.

Einmal wieder liegt ein wunderschöner Tag schwer in unseren Beinen, denn das weltberühmte Milford Sound Standardwetter hat uns fest im Griff gehabt: etwa dreißig Grad, vom Wind keine Spur und kaum Wolken am Himmel – genauso, wie es an 250+ Tagen im Jahr garantiert nicht ist.

Wie schon gestern genossen wir einmal wieder perfekte Wetterverhältnisse auf dem Pass, wie schon gestern erwarteten hungrige und hackfreudige Keas die Wanderer und ganz anders als gestern stellte sich der Aufstieg mit Gepäck als eine ganz andere Erfahrung als ohne dar – die Tatsache, dass vor dem gestrigen Anstieg schon eine ganze Tagesetappe lag spielte dabei absolut keine Rolle. 

Der Aufstieg zum Pass war aber nicht einmal die halbe Miete, denn während nur rund 550 Meter erklommen werden mussten, ging es anschließend bis ins Tag beinahe 1000 Meter hinab, was sich nicht nur ewig hinzog, sondern die Kniescheiben zum Bersten beanspruchte, vor allem dank des stetig drängelnden Rucksacks. Zum Glück sind Großteile unserer Vorräte schon weggefuttert, aber wirklich leicht ist der Rucksack auch noch nicht.

Eine Stunde vor Ankunft an der Dumpling Hut bogen wir zu den Sutherland Falls ab, den angeblich 5. oder 6. höchsten Wasserfällen der Welt mit einer Höhe von etwas über 500 Metern. Auch nach einigen zugegebenermaßen trockenen Tagen war der Wasserfall noch höchst beeindruckend, auch wenn einer der Führern der „Guided Walkers“ meinte, dass der Wasserfall heute beinahe nur ein kleines Bächlein sei.

Die eigentliche Etappe – den 90-Minuten Ausflug zum Wasserfall ausgenommen – war „nur“ 14 Kilometer und somit sogar 2,5 Kilometer kürzer als gestern, aber auch nicht einmal ansatzweise so einfach, denn der gutausgelatschte Wanderweg wich steilen, steinigen Trampelpfaden, die ich mir bei oder nach heftigen Regenschauern gar nicht erst vorstellen möchte.

Ross, unser heutiger Hut Warden, berichtete gerade noch von unseren neuen Freunden, den Keas, und warnte einmal uns alle einmal mehr, nichts draußen liegen zu lassen, da es nichts gäbe, was Keans nicht gerne kauen – Steine eingenommen. Vor drei Wochen wäre auch ein Kea mit einem Turnschuh davongeflogen, hätte ihn aber zum Glück wieder fallen gelassen. Einer der Keas hackte heute auch prompt ein paar Löcher in Franks Rucksack, wobei Frank jedoch mit der Videokamera danebenstand und die indirekt provozierte Sachbeschädigung filmte. Frank meinte, sein Rucksack hätte nur zwanzig Euro gekostet und wäre eigentlich eh nur für die Neuseelandtour angeschafft worden. Na dann fröhliches Hacken!

Keas, Keas, Keas: Frank wollte ausprobieren, ob die Papageien wirklich Rucksäcke aufbekommen, woraufhin ein Abgesandter der Kea-Fraktion auch gleich einige Löcher in seinen Rucksack hackte (nicht jedoch ohne dabei ausgiebig fotografiert und gefilmt zu werden). 

Keas, Wekas, Kiwis: Neuseelands Vögel gehören eindeutig zu den interessantesten Spezies, die ich kenne. Vielleicht sind Spatzen, Amseln und Zaunkönige ja genauso interessant, wenn man als „Kiwi“ (die menschliche Variante) durch deutsche Wälder streift, aber so rational möchte ich im Moment nicht denken – und tue es beim Schreiben natürlich doch.

Ross erzählte auch noch, dass es bislang acht trockene Tage in Serie gegeben hätte, was beinahe einem Rekord 

Am Mackinnon Pass

gleichkäme. Ab morgen meldet sich jedoch erneut der Regen zurück, unter Umständen sogar nicht zu knapp. „Heavy falls“ werden für zumindest drei Tage prophezeit, was durchaus feuchte Etappen für die nach uns Wandernden vermuten lässt. Aber im Moment ist das egal. Wir hatten perfektes Wetter auf den atemberaubernsten Tagen des Milford Sound Treks, haben morgen noch eine Chance, trocken bis zur Fähre zu kommen und Samstag, also übermorgen, ist noch weit weg. Aufs Rad geht es bis Sonntag nicht und die Aussichten auf einen feuchten Sattel lassen mich im Moment ziemlich kalt.

Etwas schade finde ich mittlerweile die Abermillionen Sandflies, die einen netten Sommerabend nach dem anderen quasi ruinieren. Ross meinte, dass es an stark verregneten Tagen wesentlich weniger Sandlies geben würde, aber das Wetter möchte ich trotzdem nicht tauschen. Allerdings: Wie schön könnte man auch abends noch bei rund zwanzig Grad draußen sitzen oder liegen, die Sterne anglotzen oder ein Lagerfeuer anschmeißen, wenn es nicht diese Unmengen pieksender Drecksviecher gäbe, die einen spätestens nach dreißig Sekunden zu Dutzenden gefunden haben? Schmiert man sich mit Repellents ein, wird man zwar in aller Regel nicht oder kaum bestochen, bekrabbelt wird man dafür aber immer noch ohne jeglichen Unterlass, da sich die Viecher auf allen entblößten Hautflecken niederlassen und so lange herumwandern, bis sie ein Quadratzentimeterchen ohne Gestank gefunden haben.

Verschiedene Fotos vom Tage (was denn auch sonst). Wirklich beeindruckend: die Sutherland Falls, die 5. oder 6. höchsten, ständigen Wasserfälle der Erde, die nur über einen 90-minütigen Abstecher vom Hauptwanderweg zu erreichen waren.