Stage 19
QUeenstown - Te ANAU (via Walters PEAK)
87,80 Kilometer, 04:50:42

WB01343_.gif (599 Byte)     WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)    

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Unterhalb vom Bauchnabel tut mir alles weh, vielleicht abgesehen vom linken Knie und dem XXX“ 
Frank, kurz vor Einfahrt nach Te Anau.

Auch längste Tage finden ein Ende. Wäre dem nicht so, säße ich jetzt nicht hier um kurz vor elf am Abend und würde diese Zeilen aufs Papier krickeln.

Hinter mir, bzw. uns, liegt der wohl strapaziöste Tag der bisherigen Tour, gespickt mit Stürzen, Wehwehchen und glücklicherweise auch grandiosen Wiederauferstehungen, da ich nach zwei Tagen „am Stock“ endlich wieder die Kraft fand, um wuchtvoll in die Pedale zu steigen. Radfahren hat endlich wieder Freude bereitet!

Die einfachsten Kilometer des Tages: Überfahrt zur Walter's Peal Station mit der MS Earnslaw

Da die erste Überfahrt der MS Earnslaw, einem historischen Dampfschiff voller Japaner und Hannelores, erst um zehn Uhr von Statten ging, begann der heutige Tag wesentlich später als gewohnt oder bei 114 zu absolvierenden Kilometern gewünscht, nämlich richtig erst um kurz nach elf, als wir die Geldscheine-schwingenden Hannelores an der nicht gerade repräsentativen Walter Peak Station beim Schafscheren zurückließen und uns über die Backcountry-Road auf den Weg nach Te Anau begaben.

Die Landschaft war von Anfang an grandios, doch während man zu Beginn alle paar Meter den Fotoapparat zückte, gewöhnte sich das Auge irgendwann an die Szenerie, die selbst den alpenerfahrenen Frank ins Staunen versetzte. Wirklich witzig war auch der ständige Tierkontakt, da streunende Schafe, Rinder und gelegentlich auch marginal weniger niedliche Bienenschwärme auf der Straße herumlungerten. Bis auf die Bienen nahm auch alles Tiervolk erschrocken Reißaus, als wir herangeradelt kamen. Links und rechts muhte und mähte es den ganzen tag, wir radelten munter drauflos und... 

 

...hatten dann beim Anstieg zum heutigen Gipfel auf 750 Metern (von 310 Metern aus gestartet) arge Probleme, Steigungen von bis zu 14 Prozent mit Quasi-Rennradreifen und einem Schotteruntergrund vernünftig unter einen Hut zu zaubern. Ich will nicht wissen, wie viel Watt wir in durchdrehende Hinterräder strampelten, aber am Gipfel angekommen hing uns die Zunge kräftig auas dem Hals. Wir waren heilfroh, dass uns zwei ebenfalls radelnde Franzosen einige Stunden zuvor nicht nur vom fiesen Anstieg berichteten, sondern auch von ihrem Gegenwind, der dafür sprach, dass wir, auf dem Gipfel angekommen, fortan ein Gefälle und Rückenwind genießen würden.

Schon früh am Tag bemerkte Frank, dass es heute auch die feinsten Flecken der Alpen 
schwer haben würden, der Landschaft Parolie zu bieten...

Also fünfzig Kilometer Rückenwind und eine sanft abfallende Schotterpiste? Traumbedingungen nach dem Horroranstieg? Pustekuchen...

Diverse Fotos von der Strecke bis zum heutigen Gipfel auf 750 Metern (Startpunkt 310 Meter). Die meisten Höhenmeter galt es allerdings auf dem recht unangenehmen Anstieg auf dem linken Foto zu absolvieren: durchgehend 10 oder mehr Prozent Steigung, kaum vernünftiger Halt fürs Antriebsrad aber fantastische Ausblicke.

...denn der Wind hatte scharf gedreht (oder die Franzosen hatten uns hinters Licht geführt) und wir hielten genau in den Wind hinein, was dann die Kräfteverhältnisse der letzten beiden Tage auf den Kopf stellte. Frank, von einer zwickenden Achillissehne gebremst und lediglich Schmerztablettengedopt unterwegs, konnte heute mein Wellington-trainiertes Gegenwindtempo nicht mitgehen, genauso wie ich an den letzten beiden Tagen oftmals kaum folgen konnte, als es mir hundsmiserabel ging. Wie schon zu Beginn der Tour von mir prognostiziert sind wir allerdings beide in einer ordentlichen, physischen Verfassung und eine durchgehende, frustrierende Dominanz scheint bislang für keinen von uns zu existieren. Mir half es sicherlich heute, dass meine Quasi-Erkältung quasi verflogen ist, womit auch heute früh noch gar nicht zu rechnen war, als beim Aufstehen der Hals fies kratzte. Kaum kann ich aber wieder befreit durchtreten, fangen Franks Probleme an.

Witzig war auch eine Unterhaltung zwischen Frank und einer anderen Touristin in unserer heutigen Herberge, da sich endlich zwei gefunden hatten, die arbeiten. Also einen Beruf haben. Regelmäßig. Momentan. Wer lange durch Neuseeland reist, vielleicht reichen auch ein paar Tage, wird sehr schnell feststellen, dass zumindest in den unschlagbaren Backpackerhostels nur sehr wenige Gäste daheim einer geregelten Tätigkeit nachgehen. 

Nicht immer trocken: zwei kleine Bäche galt es heute zu durchqueren. Glücklicherweise hatte es seit Tagen nicht wirklich geregnet...

Die meisten machen eine Auszeit vom Berufsleben, hängen zwischen Jobs, hatten noch nie einen Job, studieren oder haben gerade die Schule oder Armeepflichtzeit beendet: wirklich Berufstätige mit x-Tagen Urlaub im Jahr sind hingegen eine Rarität. Ein krasses Gegenbeispiel zu den Berufstätigen (Frank und die andere Deutsche) und der Studentenfraktion (ich) ist Nummer vier bei uns im Zimmer, eine Deutsche, die laut eigenen Aussagen nie vor elf aufsteht und in Neuseeland weder wandern noch sonst irgendetwas Anstrengendes machen möchte. Im Grunde genommen, so pustet sie einem durch die Blume entgegen, hängt sie seit Monaten nur ab, was dann auch wieder etwas „krass“ ist, aber von ihr gibt es nicht gerade wenige.

Ein wahrer Segen waren auch die letzten dreißig Kilometer der heutigen Etappe ab Burnswood, da wir endlich den Schotter hinter uns ließen, den ich irgendwann auch einfach nicht mehr sehen konnte. Fühlen musste ich ihn allerdings auf den letzten zehn Kilometern gleich zwei Mal, da ich mich gleich zwei Mal auf die Klappe legte. In beiden Fällen rutschte ich in Kurven von der etwas eingefahrenen Fahrbahn an den Kurveninnenrand ab, konnte mich nicht mehr rechtzeitig aus den Klickpedalen befreien, verlor jeglichen Halt mit dem Vorderrad und stürzte auf den linken Arm, den ich mir erst etwas abschürfte und wenig später dann richtig prellte und aufrubbelte. Meine ersten beiden Tourstürze überhaupt – „ewig“ mit eingeschlossen und ein eindeutiges Indiz dafür, dass profillose 28mm-Reifen nicht für 85 Kilometer Schotterpiste, so schön sie auch sein mag, geschaffen sind. Aber egal – die Landschaft war faszinierend, die Fotos werden toll, das Wetter war (abgesehen vom Wind) klasse und ich war endlich wieder flott. Hallelujah!

Nicht immer ganz einfach: 80 Kilometer Schotterpiste mit quasi profillosen 28mm-Reifen. Zwei Mal fand ich mich in Linkskurven auf dem Boden wieder, zwei Mal landete ich auf dem rechten Ellenbogen.